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Der humanistische Weg am Ufer des Donaukanals oder Die Hoffnung stirbt zuletzt

Laende_Sommer-2015
Ach, das waren noch Zeiten, die gegenwärtigen Tage.

Falls Sie einmal an einen tiefen Punkt gelangen, der Ihnen unbewusst bewusst anzeigt, dass es mit der Menschheit kein gutes Ende nehmen wird, dann empfehle ich einen kleinen Spaziergang, um diese seelische Malaise – wenigstens für kurze Zeit – zu vergessen. Also, es ist ganz einfach: Nehmen Sie einen wohlig warmen Freitag Vormittag (zwischen 9 und 10 Uhr), fahren Sie mit der U-Bahn U4 bis zur Station Rossauer Lände, steigen Sie aus und gehen von dort, am Donaukanalufer entlang, bis zur Friedensbrücke. Sie werden in eine gänzlich andere Welt eintauchen, eine Welt, die keine Autos kennt (zugegeben, man hört das Motor-Brausen), sondern nur Menschen, auf zwei Beinen oder zwei Rädern. Dieses kurze Wegstück zeigt, dass die Menschheit noch nicht verloren ist. Man stelle sich vor: eine Stadt, die nach solch humanen Grundsätzen geordnet und geführt wird, wo der Mensch noch Mensch sein darf. Im Schritt-Tempo.

»Das Auto ist wie ein Virus, das sich im Gehirn festsetzt und Verhaltenskodex, Wertesystem und Wahrnehmung total umkehrt.«
Prof. Hermann Knoflacher im Interview
Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der Technischen Universität Wien

Die Tragödie des 20. Jahrhunderts, wenn man so will, war die Auto-Politik. Sie hat es geschafft, was Kriege und Krankheiten nicht zuwege brachten: die Zerstörung einer homogenen Gesellschaft. Das Auto-Selbstverständnis frisst sich wie ein Krebsgeschwür durch jede gemeinschaftliche Struktur. Wer sich mit einer Insel von zwei Tonnen Blech umgibt, ist der realen Welt enthoben. Diese Insel hat ihr eigenes Klima, ihre eigene Melodie – und niemand, der sich ohne Erlaubnis des Lenkers auf ihr niederlassen darf. Nicht das Auto per se ist eine Geißel der Gesellschaft, vielmehr der Mainstream, der den „freien Verkehr“ befördert und bestärkt und jede Kritik daran in den Wind schlägt. Dabei wird man an die Manipulationsversuche Mephistophels erinnert, der Faust erklärt:

Wenn ich sechs Hengste zahlen kann,
Sind ihre Kräfte nicht die meine?
Ich renne zu und bin ein rechter Mann,
Als hätt ich vierundzwanzig Beine.

Ja, die Motorisierung der Gesellschaft ist zu einer Frankenstein-Monstrosität mutiert, die nicht mehr zum Aufhalten ist. Da jeder sein Scherflein zur Monstrosität beiträgt, gibt es keine Einsicht, kein Entkommen. Der neueste Trick der elitären Verzauberungsshow ist die Begegnungszone: ein Straßenstück, welches das „gleichberechtigte Miteinander unterschiedlicher VerkehrsteilnehmerInnen“ ermöglichen soll. Gut möglich, dass in fernen Tagen der Oberste Gerichtshof den „Verkehrsteilnehmer“ Auto zu einer „juristischen Person“ erheben wird. Sie lachen? Ist es nicht genauso lachhaft, dass ein internationaler Konzern eine „juristische Person“ darstellt? Wird ein Unternehmen nicht wie ein Auto „geführt“ und „gelenkt“? Vielleicht wird es dann nur noch „Auto-Manager“ geben. Absurd, sagen Sie? Glauben Sie mir, mit dem richtig gesetzten Marketing-Spin können Sie der gutgläubigen Herde alles verkaufen.

Eine (fast) autofreie Mariahilferstraße und die Frage nach der humanen Stadt

Erich Lessing vor seinem Ladenlokal in der Weihburggasse 22

Heute, wie es der Zufall so bestimmt, die Mariahilferstraße aufgesucht, DIE Einkaufsstraße Wiens, wenn man so will. Das Novum, das jetzt zu bestaunen und zu begehen ist, ist die autofreie Zone, vulgo Fußgängerzone. Sie beginnt in der Höhe der Kirchengasse und endet in der Höhe der Andreasgasse, also ein kleines Stück humane Zone, die unsereins zu Fuß zurücklegen darf. Fein.

Dass ich den Autofetisch für so gut wie alles Böse und Teuflische in der Welt verantwortlich mache, hat sicherlich mit dem reifen Alter zu tun und der Nikolaus Laudaischen Einsicht, dass es wichtigere Dinge im Leben gäbe, als immer nur im Kreis zu fahren. Im Übrigen kommt die gegenwärtige politische Impotenz sicherlich auch daher, dass sich die Herrn Politiker niemals getrauen, ein Stück zu Fuß zurückzulegen oder – Gott bewahre – mit dem Pöbel in einem öffentlichen Transportmittel (Bim? Viel zu vulgär!) zu reisen. Für gewöhnlich fahren sie mit dem Lift in die Garage, steigen ins Auto, fahren durch „ihre“ Stadt, parken in der Tiefgarage, fahren mit dem Lift zu ihrem parlamentarischen „Arbeitsplatz“, schlagen eine Zeitung auf und stellen erstaunt fest, dass der Pöbel mit den Busverbindungen unzufrieden ist und eine kleine Gruppe Weltverbesserer um autofreie Zonen kämpft.

Wer sich ein Bild von einer humanen Stadt machen möchte, der muss sich nur an Sonn- und Feiertagen zum Franziskanerplatz, Judenplatz oder Museumsquartier begeben. Dort sollte einem hoffentlich bewusst werden, wie eine städtische Gemeinschaft aussehen könnte, die dem Mensch, nicht einem tonnenschweren Blechhaufen, Priorität einräumt.

Und weil ich heute auch die Hauptbücherei aufgesucht habe, kann ich die Ausstellung über den sozialen Wohnbau des roten Wien der Zwischenkriegszeit (1920 – 1935) sehr empfehlen. Irgendwie dünkt einem, dass sich damals die Herrn Politiker grundlegende Gedanken über das gemeinschaftliche Zusammenleben gemacht haben. Die Mietkosten („Zins“) der Wohnung entsprach etwa 5 bis 8 Prozent eines durchschnittlichen Arbeiterlohns (21 m² für den Singlehaushalt; Mehrpersonenhaushalte zwischen 35 m² und 47 m²), von Doppelverdienern wusste man damals freilich noch nichts.

Schlendere ich durch meine Stadt, bemerke ich die Zwei- vielleicht sogar Dreiklassengesellschaft. Ich denke, in anderen Städten verhält es sich nicht anders. Langsam, aber stetig vollzieht sich der Verfall. Es ist ein Verfall der Werte, der Kultur, der Sprache, der Geistesbildung. Gut zu sehen an der zunehmenden Verschmutzung. Als ich vor bald 40 Jahren das Fahrradfahren lernte, da wäre es einem revolutionären Akt gleichgekommen, hätte man ein kleines Papierstück fallen gelassen. Heutzutage bekümmert es niemanden, ob eine Gruppe Kinder mit voller Absicht die Straßen vermüllen oder Wände beschmieren. Irgendwann in den 1970ern dürfte die Mehrheit entschieden haben, dass Hygiene, Sauberkeit, Ästhetik, Höflichkeit, Respekt und so weiter als Relikt einer totalitären Epoche zu gelten hätte und mit sofortiger Wirkung aus der Erziehung zu verbannen sei.

Durch Zufall letzten Sonntag in der Weihburggasse das hübsche Lokal von Fotograf Erich Lessing bewundert, einem Doyen der althergebrachten Fotografie und mit seinen 90 Jahren sicherlich einer der letzten. Seine Bilder erzählen in beeindruckender Weise von einem Wien, das es so freilich nicht mehr gibt, vermutlich nicht mehr geben wird und – sehr wahrscheinlich – auch nie gegeben hat (ist’s ja doch nur Illusion, mein Kind). Wie dem auch sei, wenn man seine Fotos länger betrachtet – im Schaufenster zeigt ein Bildschirm die besten Schwarzweiß-Illusionen einer vergangenen Epoche – dann kann einem schon recht sentimental ums Herz werden. Ach so, Sentimentalität ist verdächtig, also streichen wir das Wort besser. Ja, eine seltsame Zeit, in der wir leben, nicht wahr?