richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Schlagwort-Archiv: geschichte

Nur ein Aprilscherz, nicht mehr

Sky_April-2016

Der photogeshopte Himmel kann warten, sozusagen.

Heute ist mal Schluss, den geneigten Leser mit Glacéhandschuhen anzufassen. Hin und wieder braucht es klare Worte um ihn aus seiner Illusion zu holen, wenigstens für eine kurze Zeit.

Die alten ägyptischen Pyramiden

Sie glauben also noch immer das Märchen, dass vor Tausenden von Jahren das damalige ägyptische Volk in der Lage war, Mammutbauten wie die Cheopspyramide innerhalb von 80 Jahren zu stemmen? Wirklich? Und dass dieser exorbitante Aufwand nur für die hübsche Grabstätte eines Königs (Pharao heißt ja eigentlich nichts anderes) getrieben wurde? In einer Ära, in der die menschliche Arbeitskraft über die Zukunft eines Volkes entschied – schließlich bringen tonnenschwere Steine, die man aufeinander stapelt, kein Brot auf den Tisch und schützen schon gar nicht vor einfallenden Nomaden – muss es ein riskantes Wagnis gewesen sein, solch ein noch nie dagewesenes Bauwerk auch nur anzudenken. Und welches Kulturvolk würde eine mögliche Auslöschung für einen Steinhaufen in Kauf nehmen, der keinerlei zukünftige Rentabilität verspricht?

Der Untergang des Römischen Imperiums

Gewiss, wir haben es gelernt und es wird uns immer wieder vor Augen geführt: Die Dekadenz und Korruption hat das Römische Imperium von innen zerfressen und war deshalb eine leichte Beute für die Germanen, die sich mit Kind und Kegel und Vieh auf den Weg gen Süden machten – nicht anders als der Beginn der Sommerferien in Deutschland, nicht? Instinktiv fragt sich das wissbegierige Kind, wie so ein wilder Männer- und Weiberhaufen die mächtige Römische Armee besiegen konnte. Aber dann erinnert sich das Kind an den kleinen Asterix und den dicken Obelix und da braucht es nur einen Zaubertrank, um ganze Römische Legionen platt zu machen. Aber ohne dem gallischen Trank, wie sähe da der Zusammenstoß eines Migrations- bzw. Flüchtlingsstromes mit einer erstklassig geführten und gut ausgebildeten Truppe aus? Definitiv schlecht. Die Frage ist also, wie es sein konnte, dass sich die Nordmänner im Süden behaupten konnten. Ja, wie konnten sie? Könnte es damit zusammenhängen, dass das westliche Römische Reich innerhalb von rund hundert Jahren von Naturkatastrophen, Seuchen und Hungersnöten heimgesucht wurde, die den größten Teil der Bevölkerung – und damit auch der Soldaten – hinwegraffte? Dann würde eine Völkerwanderung plötzlich Sinn machen, meinen Sie nicht? Wer zieht nicht gern in ein wärmeres und so wunderbar kultiviertes Gefilde, wenn ihn so gut wie niemand daran hindert? Aber die Aufzeichnungen, werden Sie jetzt einwerfen, die erzählen doch eine andere Geschichte.

Die verfälschte Geschichte

Der Gewinner schreibt die Geschichte, heißt es. Natürlich. Warum sollte er auch sein Vorstrafenregister der Nachwelt hinterlassen? Besser, man schwärzt Feinde und Nebenbuhler an, macht die knappen Siege glänzender, erhöht die Stärke des geschlagenen Gegners ins unermessliche und nennt die brutalen Niederwerfungen schwächerer Provinzen rechtmäßige Eroberungen. Die Taten, mögen sie auch noch so verwerflich und bösartig und hinterhältig und verbrecherisch gewesen sein, werden in der Überlieferung zu göttlichen Ereignissen stilisiert. Da es in jener Zeit nur eine Hand voll Schreiber gab, konnte sich jeder Herrscher sicher sein, dass nur das niedergeschrieben wurde – für die Ewigkeit und darüber hinaus – was in seinem Sinne war. Das galt nicht natürlich auch für die damalige Sichtweise auf die nahe oder ferne Vergangenheit. Ja, und dann kommt natürlich die Kirche ins Spiel, die es in kurzer Zeit versteht, religiöse Machtansprüche mit weltlichen in Verbindung zu bringen. Bald ist es vornehmlich eine religiöse Schreibertruppe in Klöstern und Kirchen, die für ein mittelalterliches Wikipedia sorgen und – damals wie heute – nur eine Interpretation der Historie zuließen. Dass in jener Epoche Urkunden und Berichte gefälscht werden bzw. verfälscht wurden, um Ansprüche auf Thron und Reich anzumelden bzw. diese abzusichern, gehörte zum Broterwerb der Schreiberlinge, die nur ausführten, was die Obrigkeit von ihnen verlangte. Karl der Große my ass!

Nuklearwaffen

Stellen Sie sich vor, die renommiertesten Wissenschaftler ihrer Zeit sprechen beim Präsidenten der USA und dem Generalstab vor. Ja, sagt der Chef der Wissenschaftler, man habe nun die ultimative Tötungswaffe in der Theorie entwickelt. Die Generäle jubeln und klatschen erfreut in die Hände. Da räuspert sich einer der Wissenschaftler und meint, es gäbe aber einen klitzekleinen Wermutstropfen bei alledem. Die Generäle verstummen. Fragende Blicke. Nun, fährt der Wissenschaftler fort, es könnte sein, dass die ausgelöste Kettenreaktion durch die Bombe nicht mehr aufhört. Was solle das bedeuten, fragt der Präsident. Der Wissenschaftler beißt sich auf die Lippe. Schließlich seufzt er und meint, dass in solch einen Fall der Planet zerstört werden würde. Der Präsident runzelt die Stirn. Ein anderer Wissenschaftler wirft noch leise ein, dass die Kettenreaktion eventuell niemals gestoppt werden könne und somit, hüstel, das Universum sozusagen pulverisiert werden würde. Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu solch einer Instabilität käme, sehr, sehr gering, äußerst sich ein anderer Wissenschaftler, aber sie sei natürlich nicht Null. Ach?, kratzt sich der Präsident nachdenklich die Schläfe. Was meinen Sie, würde die Obrigkeit nun dem Bau einer solchen Waffe zustimmen, die vielleicht die ganze Welt innerhalb eines Augenaufschlags vernichten würde? Bedenken Sie, dass die Elite mehr zu verlieren hätte als die knapp bei Kasse gehaltene Masse. Was nützte einem das neue Anwesen in den Hamptons oder in Paris – und all die schönen jungen Mädchen und Burschen – wenn die Erde atomisiert werden würde? Deshalb ist dieses Armageddon-Geschwafel nur Propaganda. Glauben Sie nicht? Ähnlich mag es vermutlich auch den Menschen im Mittelalter ergangen sein, wenn ein Spinner behauptete, es gäbe weder Hölle noch Fegefeuer und alles sei nur die Erfindung der Kirche, um die gläubigen Sünder zur Kasse zu bitten. Ersetzen Sie Hölle und Fegefeuer mit Atomkrieg und atomaren Fallout und wir sind wieder im Mittelalter gelandet, auch wenn der Kalender 2016 anzeigt.

Die Apollo Missionen zum Mond

Hahaha. Lächerlich. Wer soll das Hirngespinst heutzutage noch glauben? Nennen Sie mir einen Beweis, der ihnen beweist, dass das Herumpurzeln im Sand tatsächlich auf dem Mond stattfand. Keiner hat faktische Beweise, alle beten immer nur das (gähn) Wikipedia-Mantra rauf und runter. Als die Kirche im Mittelalter von Wundern sprach, gab es auch keinen, der es in Frage stellte. Und falls doch konnten die gläubigen Schergen den Querulant mit Sicherheit zum Einlenken bringen. Schmerz lass nach. Nicht anders als heute.

Der zweite 30-jährige Krieg

Ob jemals eine andere Interpretation der damaligen Ereignisse ans Licht kommen wird, darf bezweifelt werden – weil, na, Sie wissen schon, warum. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt, auch und gerade an einem 1. April.

 

 

Die gravierenden Probleme eines zukünftigen Historikers

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Kennen Sie den Wiener Reiseschriftsteller Colin Roß? Nein? Warum bloß?

Stellen Sie sich vor, ein junger Historiker macht sich in ferner Zukunft daran, einen wissenschaftlichen Blick auf die 2000er Jahre zu werfen. Diese Epoche liegt für ihn weit zurück, sagen wir, 700 Jahre. Die Welt, der Mensch, die Natur, sie alle haben sich verändert. Aber für den jungen Historiker, der in dieses – für uns – so gänzlich andere Universum hineingeboren wurde, ist es Normalität.

Wie werden nachfolgende Generationen unser Zeitalter benennen? Ist es das »Dunkle Monetärzeitalter«? Oder ist es der »Vormärz der Neuen Weltordnung«?

Der zukünftige Historiker wird vermutlich auf eine Vielzahl von Berichten und Dokumenten, von Büchern und Plänen und von sonstigen schriftlichen Aufzeichnungen aus unserer Zeit – freilich allesamt digitalisiert – zurückgreifen können. Die Frage ist, welches Datenmaterial sollte er für seine wissenschaftliche Arbeit auswählen und auswerten und welches ignorieren?

Die erste Aufgabe eines gewissenhaften Historikers ist jene, den Verfasser des Quellenmaterials zu kategorisieren, diesen einzuordnen. Berichte, egal wie alt oder jung sie auch sein mögen, sind immer aus der Sichtweise – besser: dem Blickwinkel – des Autors geschrieben. Deshalb, so der Biophysiker und Biokynetiker Prof. Heinz von Foerster, sei history immer nur fiction, niemals fact! Kurz und gut: Niemand kann aus seiner Haut – auch wenn er noch so sehr um Objektivität bemüht ist. Je mehr der Historiker über den Verfasser eines Berichtes weiß, um so eher ist er in der Lage, die darin enthaltenen Informationen in einen Kontext zu stellen. Letztendlich geht es immer nur darum: Kontext herzustellen und einen Bogen zu spannen. Simpler auf den Punkt gebracht: Es gilt, eine kohärente, d.h. sinnvolle Geschichte zu erzählen. Jedes neugierige und aufgeweckte Kind erkennt sofort Widersprüche und Auslassungen in einer Fabel, was den Schluss nahe legt, dass uns das Verlangen nach Sinn und Ordnung in die Wiege gelegt wird. Dummerweise bedeutet es aber auch, dass der gewöhnliche Mensch bereit ist, absurde und an den Haaren herbeigezogene »Fakten« als »Wahrheit« zu akzeptieren, so lange diese sein kohärentes Weltbild bestätigen.

Was wird nun ein junger Historiker im Jahre 2716 über die 2000er Jahre in Erfahrung bringen können? Aber viel wichtiger ist die Frage, was wird er am Ende seiner Recherche schreiben dürfen? Jedes Zeitalter kennt eine Form der Zensur, eine Form der Zurückhaltung, eine Form des Beugens. Deshalb wird der zukünftige Historiker nur jene vergangenen Tabus ans Licht holen, die er gegenwärtig ans Licht holen darf. Gut möglich also, dass der junge Historiker nach Auswertung seiner Quellen zur überraschenden Einsicht gelangt, dass die »Kreuzzüge der Demokratien« in Afghanistan, Irak, Libyen, Palästina und Syrien nicht, wie es gemeinhin heißt, ein Kampf der Kulturen war, sondern vielmehr ein imperialer Krieg der internationalen Bankiers um den Dreieckshandel Erdöl-Drogen-Waffen vollends an sich zu reißen. Tja. Da sitzt er nun, der zukünftige junge Historiker, und rauft sich die Haare. Unmöglich, denkt er sich, solch eine Verschwörungstheorie auch nur in einem wissenschaftlichen Werk zu erwähnen. Er könnte nicht nur seinen Forschungsauftrag verlieren, sondern er würde sich auch vor Gericht verantworten müssen.

Welch Segen, dass ein junger Historiker im Jahr 2016 von solch gravierenden Problemen verschont bleibt. Das ist doch so, oder etwa nicht?

Am Faschingsdienstag rauben wir Goldtransborte aus!

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Als ich etwa dreizehn Lenze zählte, entdeckte ich für mich das Schreiben. Das Heft, in welches ich mit Bleistift meine actiongeladenen Storys kritzelte, sind noch in meinem Besitz. Schauderhaft, was sich da in meinem jungen Gehirn so an Phantasien ausgetobt haben dürften. Aber damals war die Welt eines „schießwütigen“ Jungen – im Gegensatz zur Rechtschreibung – noch in Ordnung. Und eine Staatsgrenze war im Kalten Krieg tatsächlich noch eine – mit Kontrollen hüben wie drüben – inklusive der kindlichen Angst, von den Ost-Soldaten mit Waffengewalt am Zurück, in heimatliche Gefilde, gehindert zu werden.

Heute ist Faschingsdienstag. Haben Sie’s bemerkt? In Österreich, besser in Wien, hat das närrische Treiben ja kaum Zulauf – im Gegensatz zu unserem germanischen Nachbar. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass die Wiener das ganze Jahr über die Ernsthaftigkeit des Lebens mit Schmäh und Gemütlichkeit begegnen. Ein Glaserl Wein schadet freilich auch nicht. Wie sich dieser Wiener Schlendrian in Zukunft darstellt, wird sich zeigen. Die Zeit heilt nämlich nicht nur alle Wunden, sie hobelt am Ende alle gleich. Wobei, nein, alle geschlagenen Wunden heilt die Zeit nicht. Vor allem dann nicht, wenn der Geschlagene seinen Vorteil aus der damaligen Tätlichkeit zieht. Die Bezeichnung „Du Opfer!“ wird aber paradoxerweise im Jugend-Slang in einem herabwürdigenden Sinne gebraucht. Gut möglich, dass die jungen Leute von heute kein Geschichtsbewusstsein mehr haben. O tempora, o mores.

Übrigens bin ich auf diesen Artikel gestoßen, der sich mit einem Urheberrechtsstreit auseinandersetzt, bezüglich des publizierten Tagebuchs einer gewissen Anne Frank. Da das Mädchen 1945 verschieden und damit seit 70 Jahren tot ist, sind dessen Publikationen nun gemeinfrei. Doch der Schweizer Anne-Frank-Fonds, der bis dato die Verlagsrechte inne hat, will davon nichts wissen, da Otto Frank „Stellen gestrichen und den Text aus zwei Versionen seiner Tochter erstellt“ hätte und somit quasi der eigentliche Urheber des Tagebuchs wäre. Da Otto Frank erst 1980 aus dem Leben schied, würde demnach das Urheberrecht noch nicht erloschen sein. Aha. Das erklärt natürlich einiges – denn, der Vergleich macht Sie sicher! Stöbern Sie doch mal auf dem Dachboden oder im Keller nach ihrem Kindergeschreibsel – Sie werden peinlich berührt das Kapitel schließen wollen. Zur Veröffentlichung taugen nämlich all diese rohen und kruden Kindergedanken nicht. Es bedarf einer Überarbeitung – aber ich wüsste noch von keinem Fall, dass ein Verlag den Lektor kurzerhand als „Urheber“ bestimmt hätte. Also, wirklich! Interessant wäre jetzt freilich herauszufinden, wie das Originalwerk in seiner Ursprungsform ausgesehen hat. Immerhin wird einen das Buch ja als eine „authentische Schilderung“ der damaligen Jahre verkauft. Hoffen wir mal nicht, dass das gutgläubige Publikum hier kosinskiert bzw. wilkomirskiert wurde.

Und sollte der Fasching einmal abgeschafft werden – lange kann es nicht mehr dauern – tja, dann gibt es wohl überhaupt keine Möglichkeit mehr, Narrenkappe hin oder her, dem König die Wahrheit zu schellen!

Vae victis.

 

 

 

Antisemitismus goes wild: Lueger, Goethe, Kaiserin Maria Theresia, Luther, u. v. m.

Lueger-Goethe

Die Stadt Wien gibt bekannt: »Laut Abschlussbericht der im Auftrag der Universität Wien und der Stadt Wien eingesetzten Forschungsgruppe zur Untersuchung und Kontextualisierung der Benennung der Wiener Straßennamen seit 1860 war die politische Rhetorik von Karl Lueger (1844-1910) von aggressiver antijüdischer und deutschnationalistischer Polemik geprägt. Als maßgeblicher Politiker der damaligen Zeit verstärkte Lueger, der durchaus gute Kontakte zu Personen jüdischer Herkunft pflegte, die antisemitischen und diskriminierenden Tendenzen in der öffentlichen politischen Diskussion (etwa wenn er auf Grund der „Verjudung“ der Wiener Universität einen Numerus clausus zugunsten von „Deutschösterreichern“ forderte) und fungierte damit als Vorbild für nachfolgende Politiker

Ich hätte von diesem „Abschlussbericht“ keinerlei Kenntnis genommen, wäre ich nicht zufällig vor wenigen Wochen bei der Technischen Universität am Karlsplatz vorbeigekommen. Erstaunt musste ich feststellen, dass eine Gedenktafel übermalt wurde. Sie gab darüber Auskunft, dass der Vater des späteren Bürgermeister im damaligen Polytechnischen Institut (der heutigen TU), eine (Amts-)Wohnung bezog – Leopold Lueger hatte seinerzeit die Aufsicht über das technologische Kabinett.

Ja, und diese Gedenktafel wurde im Zuge der Fassadengestaltung übermalt – irrtümlich, heißt es von Seiten der TU-Sprecherin. Hm. Also, ich bin nicht mit den Gepflogenheiten der Maler- und Anstreicherbranche vertraut, aber ich wüsste noch von keinem Fall, dass ein Maler mit reinem Gewissen und fröhlicher Unschuld eine Gedenktafel übermalt hätte. Für gewöhnlich wird nachgefragt. Aber wollen wir uns die Sache nicht weiter ausmalen, sondern bleiben beim Faktischen. Nach Wiederherstellung der übermalten Gedenktafel soll eine zusätzliche Tafel Auskunft über „Lueger als Antisemit“ geben:

Derzeit gibt es in Absprache mit der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) an der TU einen ersten Rohentwurf für den Text der Tafel. Darin heißt es: „… Dabei hat er während seiner Amtszeit, wie schon während seines politischen Aufstiegs ab 1882, den Antisemitismus virtuos als Instrument eingesetzt und damit zur Entwicklung eines aggressiven, durch Hetze und Diskriminierung gegenüber Juden, aber auch Vertretern anderer Nationalitäten geprägten gesellschaftlichen Klimas und zur Verrohung der politischen Sprache beigetragen …“ [Quelle: orf.at]

Warum diese zusätzliche Tafel mit der ÖH abgesprochen werden muss, bleibt ein Rätsel – scheinbar soll hier universitäre Basisdemokratie gelebt werden.

Der wunde Punkt bei alledem ist aber jener, dass die Stadt Wien eine Forschungsgruppe einsetzte, die sich mit der antisemitischen Vergangenheit Wiener Straßennamen lang und breit auseinandergesetzt haben dürfte. Für mein Dafürhalten könnte dieses gut gemeinte Projekt Pandoras Kistchen öffnen und böse Geister in die Welt entlassen.

Denn, wer entscheidet schlussendlich, welche Persönlichkeiten nun antisemitisch, judenfeindlich oder antijudaistisch waren? Sind demnach nicht Hobbyhistoriker und Sittenwächter förmlich dazu aufgerufen, Nachforschungen anzustellen und mögliche Verfehlungen einstmals populärer Ehrenmänner anzuprangern? Es braucht nicht viel Phantasie, um sich eine eingeschüchterte Stadtregierung vorzustellen, die etwaigen laut vorgetragenen Forderungen Stück für Stück nachzugeben bereit ist – bis am Ende von der Größe Wiens und Österreichs nur noch belanglose Bruchstücke übrig bleiben. Glauben Sie nicht? Ich gebe Ihnen ein paar Beispiele, die ich ohne große Nachforschungsarbeit bereits jetzt aus dem Ärmel schütteln kann:

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Wie erklärt man sich als aufgeweckter Literat die Esther-Geschichte im Schönbartspiel Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern? Freilich, in der ersten Version von 1773 ist nichts Verwerfliches oder Anstößiges festzustellen – man kann sich darüber auf Spiegel Online Projekt Gutenberg überzeugen. Sieht man sich jedoch die überarbeitete Fassung von 1778 an, huh, da schlackern einem die Knie. Würde man daraus zitieren, die Sittenwächter würden einen sofort in die rechteste aller rechten Ecken prügeln. Sollte nun die Stadt Wien angehalten werden, am Denkmal Goethes eine Hinweistafel anzubringen, dass es der gute Dichter sicherlich nicht so ernst gemeint hatte, bei alledem? Schließlich soll es ja eine Art von Lustspiel sein – auch wenn der Berliner Professor Max Hermann bekennen muss: „… wenn man nicht wüßte, daß es sich um einen Ulk handelt, an vielen Stellen glauben könnte, etwa ein Drama aus Gottscheds deutscher Schaubühne zu lesen.“ [Entstehungs- und Bühnengeschichte, Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1900, S. 171]


Kaiserin Maria Theresia (1717-1780)
Im Jahr 1744 und 1745 erließ sie ein Edikt, dass die Juden zwang, Prag, Böhmen und Schlesien zu verlassen. Wie gehen wir nun mit dieser judenfeindlichen Entscheidung um? Sind nun in der Kapuzinergruft, neben ihrem Sarg, Hinweistafeln aufzustellen, die besagen, dass die „junge“ Kaiserin unter bösem Einfluss ihrer Berater stand? Oder dass man die Ausweisung im Kontext der Zeit sehen soll? Aber dann müsste öffentlich gemacht werden, in welchem Jahr die Linie zwischen dem Akzeptierten und dem Nicht-Akzeptieren liegt. Ich erwarte mir eine spannende Diskussion.


Martin Luther
(1483-1546)
Möchte man auf das Alterswerk des Urhebers der Reformation hinweisen, könnte einen bereits die bloße Nennung der Buchtitel in Verlegenheit bringen, deshalb verzichte ich an dieser Stelle darauf. In Wikipedia gibt es zu diesem Thema sogar einen eigenen Eintrag – vermutlich um zu retten, was noch zu retten ist. Darin heißt es, dass sich die evangelische Kirche „seit 1950 allmählich von Luthers judenfeindlichen Aussagen und deren historischen Wirkungen im Protestantismus distanziert. Ob und wie weit auch seine Theologie zu revidieren ist, wird diskutiert.“ Bedeutet das am Ende, dass an allen evangelischen Kirchentüren eine „Mea culpa“-Informationstafel angeschlagen werden muss? Und wird die katholische Kirche – in christlicher Verbundenheit – nachziehen?

Nur damit wir uns verstehen – ich stelle nicht die sogenannte Aufarbeitung vergangener Ereignisse in Frage, sondern wie mittels eines un-demokratischen „Kommisarbriefes“ ein Teil Wiener Identität sang- und klanglos geopfert und übermalt wird. Vergessen wir nicht, dass die Geschichtsschreibung immer von seiner gesellschaftlich-politischen Zeit geprägt ist. Gestern Rebell. Heute Freiheitsheld. Morgen Verräter. Das Geschichtsforscher-Ehepaar und Pulitzerpreisträger Will und Ariel Durant bringt es auf den springenden Punkt:

[meine Übersetzung:] Wissen wir denn wirklich, wie die Vergangenheit war, was tatsächlich geschah, oder ist Geschichte „eine Fabel“, auf die wir uns „geeinigt“ haben? Unser Wissen über ein vergangenes Ereignis muss immer unvollständig, womöglich fehlerhaft sein, verhüllt durch mehrdeutige Beweise und voreingenommene Historiker, und vielleicht sogar durch unsere patriotische oder religiöse Parteinahme verfälscht. […] Do we really know what the past was, what actually happend, or is history „a fable“ not quite „agreed upon“? Our knowledge of any past event is always incomplete, probably inaccurate, beclouded by ambivalent evidence and biased historians, and perhaps distorted by our own patriotic or religious partisanship.

The Lessons of History
H. Wolff, New York [E-Book]

Ich hoffe, ich habe meinen Standpunkt als Bürger der Stadt Wien klar gemacht.

 

Lernen’S ein bisserl Geschichte, Frau Vorsitzende

Als Bürger muss ich fragen: Was ist wahr? Was ist unwahr?
Harold Pinter
Nobel Lecture: Art, Truth & Politics [7.12.2005]

Man kann die Interpretation der Historie natürlich immer in eine beliebige Richtung biegen, aber bedenklich wird es dann, wenn eine Aussage, wie sie die Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion Katrin Göring-Eckardt in einem Interview tätigte, von der Interviewerin widerspruchslos hingenommen wird:

Dresden, das ist vor allem die Frauenkirche, die ist wieder aufgebaut worden, nachdem die Nazis sie zerstört haben.

Ich würde vorschlagen, Frau Göring-Eckhardt besucht das Dresdner Panometer, wo sie die Zerstörung, pardon Ausradierung, der Stadt in einer imposanten Rundumsicht bestaunen kann – die Bomber trugen übrigens keine Abzeichen der deutschen Luftwaffe. Weiters würde ich empfehlen, dem Augenzeugenbericht des amerikanischen Autors Kurt Vonnegut zu lauschen, der damals ein Kriegsgefangener der deutschen Wehrmacht war und gerade in einem unter der Erde gelegenen Kühlraum arbeitete, als „seine“ Airforce Elbflorenz in ein Flammenmeer verwandelte, es sprichwörtlich in Schutt und Asche legte. Unter anderem sagte er:

Als ich schließlich rauskam, aus dem Krieg und wir nach Hause verfrachtet wurden, kam ich mit meinem Kriegskumpel in Gespräch – er wurde später Staatsanwalt. Was hast du gelernt, im Krieg, fragte ich ihn. Und er sagte: „Meiner Regierung nicht zu trauen“. Weil, wir hatten bis zu dem Zeitpunkt geglaubt, oder man hat uns glauben gemacht, dass wir keine Zivilisten bombardieren würden. […] Und dann sah ich, dass die Briten und die Vereinigten Staaten Flächenbomardierungen von Städten durchführten. Das war damals nicht bekannt, dass wir das taten, dass es eine Vorgabe war, Zivilisten zu töten, zu töten, zu töten, weil wir sonst den Krieg nicht gewinnen würden.

Kurt Vonnegut & Joseph Heller War Experience:
Battle of the Bulge, Bombing Raids, VE Day (1995)
meine Übersetzung

Noch bedenklicher ist freilich der Umstand, dass einem bereits die bloße Erwähnung der alliierten Bombardierung von deutschen Städten, sei es Hamburg, Dresden oder Berlin, in Teufels politisch korrekte Küche bringen kann. Weil man dadurch – so wird einem mit erhobenen Zeigefinger vorgehalten – die Verbrechen der Nazis relativieren bzw. verharmlosen würde. Aber Fakten verschwinden nicht, nur weil man sie ignoriert, wusste Aldous Huxley. Und zu guter Letzt sei mir noch erlaubt, das Geschichtsforscherehepaar und Pulitzerpreisträger Will und Ariel Durant zu erwähnen – nur für den Fall, dass Sie der Meinung sind, wir wüssten bereits alles über die Vergangenheit:

[…] do we really know what the past was, what actually happend, or is history ‚a fable‘ not quite ‚agreed upon‘? Our knowledge of any past event is always incomplete, probably inaccurate, beclouded by ambivalent evidence and biased historians, and perhaps distorted by our own patriotic or religious partisanship. […] Most history is guessing, and the rest is prejudice.
The Lessons of History
H. Wolff, New York [E-Book]