Schlagwort-Archive: gesellschaft

Als der Königsschnupfen die Gedanken regierte – eine Polemik wider einer grenzenlosen Unvernunft

Falls es Ihnen noch nicht aufgefallen sein sollte, die großen Tech-Brüder zensieren im Web alles, was nicht einen offiziellen „Wahrheits“-Stempel hat. Möchte man also über den lästigen Königsschnupfen schreiben und verwendet die bewährten Begriffe, schwupps wird Ihr Beitrag nicht mehr gelistet, ans Ende eines Suchergebnisses gereiht oder gelöscht. Deshalb verzichte ich in diesem polemischen Blog-Post auf all die punktgenauen Begriffe, die von Algorithmen aufs Korn genommen werden. Überhaupt, wenn Sie sich umschauen, so müssten Sie längst erkannt haben, dass die Rede- und Meinungsfreiheit abgeschafft wurde. Gewiss, Sie können auf ihrem Blog oder Ihrem facebook schreiben, was Sie wollen, so lange das Geschreibsel nicht viral geht. Wirbelt aber ihr Beitrag zu viel Staub auf, dann kommt die „Wahrheits“-Inquisition und prüft, wie „gefährlich“ die ausgesprochenen Gedankengänge sind. Im schlimmsten Falle werden Sie und Ihre Existenz von den Medienleuten in der Luft zerrissen. Siehe Wolf Wotan (sic!). Nobody expects the Spanish Inquisition.

Als der Königsschnupfen die Gedanken regierte – eine Polemik wider einer grenzenlosen Unvernunft weiterlesen

Eine Clementine aus Korsika und ein turbulenter Flug von Nizza nach Wien

Das Festival International des Jeux in Cannes ging Sonntags zu Ende. Die Stadt zeigte sich von ihrer schönsten, so mild-frühlingshaften Seite – sah ich nicht sogar einen abgebrühten Kerl im Meer schwimmen? – der Abschied fiel wahrlich schwer. Die Abreise am Abend vom kleinen, hübsch aufgeräumten Flughafen in Nizza begann mit Verspätung. Da konnte keiner der Fluggäste ahnen, dass die Reise nach Wien recht turbulent werden würde. Aber der Reihe nach. Ich saß in der 29.

Eine Clementine aus Korsika und ein turbulenter Flug von Nizza nach Wien weiterlesen

Drei Tage auf der SPIEL’19 in Essen

In diesem Moment öffnen noch einmal die Tore zur SPIEL’19 in Essen und ich sitze bereits in Wien, im Café und versuche all die vielen bunten Eindrücke der letzten Tage aufs virtuelle Papier zu bringen. Keine einfache Sache, bemerke ich eine aufkommende Müdigkeit, die jeden Gedankengang verlangsamt. Messeauftritte, so viel ist mir in den letzten Jahren klar geworden, fordern Körper und Geist, will man die innere Spannung über die gesamte Dauer aufrecht erhalten. Wer möchte sich schon vor aller Augen eine Blöße geben, nicht?

Spielmessen unterscheiden sich von Buchmessen dahingehend, dass die Besucher Brett- und Kartenspiele vor Ort, an vielen Tischen, ausprobieren können. Die Lautstärke und die Energie sind damit um vieles höher als auf Messen, die das gedruckte Wort präsentieren. Die Leipziger Buchmesse kommt der SPIEL wohl am nächsten – beide sind Publikumsmessen, die sich bei den Konsumenten im In- und Ausland großer Beliebtheit erfreuen.

Im Neuheiten-Pavillon der SPIEL’19 entdeckte ich die amüsant anmutende Wirtschaftssimulation WongaMania: Banana Republic. Als ehemaliger Banker und stetiger Systemkritiker sprach mich das Spiel des Verlages Capital Gains Studio (Singapur) natürlich an. Kurzerhand besuchte ich deren Stand und nach einem kurzen Gespräch gab man mir eine Review Copy mit auf den Weg. Einem Probespiel steht also nichts im Wege und vielleicht ist es gut geeignet, dem gewöhnlichen Bürger die ausgeklügelten (und unausgewogenen, zuweilen unfairen) Finanz- und Wirtschafts-Mechanismen auf einfache Art und Weise, sozusagen spielerisch, näher zubringen.

Es ist schön, zu sehen, dass Brett- und Kartenspiele nichts von ihrer großen Faszination verloren haben. Das gemeinsame Spielen stärkt bekanntlich das Zusammengehörigkeitsgefühl und ist (gerade für kinderreiche Familien) ein kostengünstiges Vergnügen – in wirtschaftlich angespannten Zeiten kein unbedeutender Faktor. Natürlich konkurrieren die realen mit den virtuellen Spielen – und je mehr die gesellschaftliche Vereinzelung voranschreitet, um so mehr Zuwachs gibt es bei den Bit- und Byte-Games. Wobei mehr und mehr Brettspiele erscheinen, die auch bzw. nur solo gespielt werden können. Sollten die geeigneten Spielpartner fehlen, können Clubs und Vereine aushelfen (u.a. in Wien: Spielekreis). Vielleicht ist eine facebook-Gruppe (sah ich nicht letztens im Kino eine Werbung dafür?) genau das Richtige, um Gleichgesinnte zu finden. Freilich, die Chemie kann am Monitor nicht festgestellt werden, aber gut Ding braucht Weile.

Erwähnenswert ist der Umstand, dass kleine Spielverlage Beachtliches leisten können. Es wärmt einem das Herz, sieht man diese sprühende Begeisterung in den Augen der jungen Verlagsgründer und deren loyalen Mitarbeitern. Viel Herzblut steckt in den kleinen und großen Spieleschachteln und ich fühle mit ihnen, wenn es Lob und Tadel regnet. Aber man sollte niemals jene Kreativen vergessen, die all das erst ermöglichen: auf der einen Seite die Autoren, die selten im Rampenlicht stehen (im Gegensatz zu ihren Bücherkollegen) und auf der anderen die (für gewöhnlich freiberuflichen) Illustratoren, die es beide nicht leicht haben, auf ihre Rechnung zu kommen. Am Ende des Tages wird nämlich abgerechnet und in einem System, in dem die Münze, nicht Herz, Trumpf ist, müssen alle Tricks und Kniffe angewendet werden, um überhaupt einen Stich machen zu können.

Ich denke, so lange es junge Menschen gibt, die die Welt als Chance wahrnehmen, sich nicht unterkriegen lassen und ihren eingeschlagenen Weg konsequent gehen, so lange dürfen wir auf eine vielversprechende Zukunft hoffen. Und ist das Spiel nicht die Vorbereitung auf das Leben? Vielleicht, wer weiß, ist alles doch nur Spiel. Die Spielregel such ich freilich noch.

Joker

Der neue Film JOKER von Todd Phillips ist eine unbedingte Empfehlung. Sollten Sie dieses Meisterwerk noch nicht gesehen haben, tun Sie es. Sie werden aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Eigentlich dachte ich, dass es diese Art von Filme gar nicht mehr geben dürfte, aber hin und wieder geschehen kleine Wunder. Auch in Hollywood.

Der Film entwickelt von Beginn an einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann, so man sich darauf einlässt. Joaquin Phoenix spielt die Klaviatur des Dramas nahezu in Perfektion. Überhaupt ist die besondere Atmosphäre des Films herauszustreichen, angefangen von der Kameraführung, über die Farben bis hin zur (bereits mit dem Script entstandenen) Musik und der Ausstattung. Es ist wahrlich beeindruckend, wie hier die Vision eines Regisseurs in allen Belangen umgesetzt wurde (Interview). JOKER ist ein Autorenfilm, der – das ist zu vermuten – ohne dem Markenzeichen DC-Comics/Batman vermutlich nur geringe Aufmerksamkeit bekommen hätte. Zusätzlich befeuerte der mediale Ausnahmezustand das Interesse eines Publikums, das sich immer mehr vom Mainstream emanzipiert und das Hillary Clinton abschätzig als „basket of deplorables“ in einer Wahlkampfrede bezeichnete: „They’re racist, sexist, homophobic, xenophobic – Islamophobic – you name it.“ Es ist die übliche politische Strategie, mit gravierenden Anschuldigungen um sich zu werfen, in der Hoffnung, irgendetwas davon würde schon hängen bleiben.

Der Film selbst zeigt eine (fiktive) Gesellschaft, die am Rande des Zusammenbruchs steht. Die politisch-wirtschaftliche Elite schert sich nicht mehr um das Wohl des Einzelnen („They don’t give a shit about people like you, Arthur. And they don’t give a shit about people like me either.“) und bezeichnet jene, die unter die Räder des Systems gekommen sind, abschätzig als „Clowns“. Soziale Einrichtungen werden geschlossen, Kürzungen in allen Bereichen der städtischen Infrastruktur vorgenommen. „Die Leute brauchen Jobs“, hört man aus dem Radio, „Es sind schwierige Zeiten“.

Im gegenwärtigen Klima wird es für den gewöhnlichen Bürger immer schwieriger seinem Unmut Luft zu machen. Die Sittenwächter kontrollieren bereits den größten Teil des virtuellen Kommunikations-Highways (youtube, facebook, twitter, Kommentarseiten, usw. ), weshalb politische Kommentare, die gegen den Mainstream gerichtet sind und eine hohe Zugriffsrate haben, unterdrückt oder gelöscht werden. Es ist eine virtuelle Säuberungswelle, die man gut aus der nahen Vergangenheit kennt. Wie kann der Einzelne nun seine unbequeme Meinung im Netz veröffentlichen und zur Diskussion stellen?

Der Weg führt ins Kino und vom Kino zur Filmkritik. Hier ist es noch möglich, gegen den Strom zu schwimmen und die glatt gebügelte Mainstream-Meinung aufs Korn zu nehmen, ohne dabei Gefahr zu laufen, Job und Karriere zu verlieren oder abgemahnt und vor Gericht gestellt zu werden.

Begonnen hat es mit Star Wars – The last Jedi. Viele der apolitischen Fans erkannten zum ersten Mal die große Diskrepanz zwischen Mainstream- und Publikumsmeinung. „Wie kann es sein“, haben sie sich gefragt, „dass dieses trainwreck, dieser katastrophale Film, der alles, was Star Wars ausmacht, mit Füßen tritt, wie kann es sein, dass dieser Film von den bezahlten Kritikern gepriesen und geschätzt wird?“

Der nächste filmische Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte, war Captain Marvel, ein von den bezahlten Kritikern gelobten, von den meisten Fans verachteten Superheldenfilm im Marvel-Universum. Auch hier klaffte ein großes Loch zwischen Mainstream- und Publikumsmeinung, aber diesmal ging es nicht um die mutwillige Zerstörung eines Kinomärchens, sondern um die bewusste Inszenierung eines gesellschaftlich-politischen Narrativs. Mit einmal wurde die Filmkritik mit political correctness aufgeladen. Wem der Film nicht gefiel, der wurde verdächtigt, ein misogynist, ein Frauenfeind, zu sein und so mancher der größeren alternativen Filmkritiker auf youtube musste klar stellen, dass er (oder sie) kein misogynist sei.

Und nun haben wir JOKER. Auch hier klafft ein großes Loch zwischen Mainstream- und Publikumsmeinung. Diesmal ist es die Befürchtung der professionellen Filmkritiker, dass der Film die Gewaltbereitschaft der Incels (jungfräuliche Sonderlinge) befeuern würde. Jeder, der den Film über die Maßen lobt, wird verdächtigt, politische Veränderungen mit Gewalt durchsetzen zu wollen (ironischerweise ist das die Vorgehensweise der US-Regierungen im Ausland).

JOKER ist jedenfalls ein grandioser Autorenfilm, der über den Umweg eines Comic-Verfilmung ein breites Publikum anlockt. Vielleicht hat Todd Phillips, ohne es zu wollen, das Ende des bombastischen und damit für Studios extrem teuren Superheldenfilms eingeläutet. Die Kinogeher, die mit Iron Man aufgewachsen sind, sind fünfzehn Jahre älter und damit reifer geworden. Mit dem zu recht bejubelten Infinity War und dem eher enttäuschenden Endgame ist Phase 4 von Marvel zu Ende gegangen. Phase 5 bietet nichts Vergleichbares und richtet sich vorrangig an ein junges Publikum (siehe die Teenie-Komödie Spider-Man: Far from home). DC und die X-Men Franchise haben in letzter Zeit enttäuscht oder nur Mittelmaß abgeliefert. Die Zahl der Kinogeher, die intelligente und gut gemachte Filme sehen wollen, steigt mit jedem Jahr und jedem Flop.

Welchen Weg Hollywood einschlagen wird, ist noch nicht abzusehen. In wenigen Monaten wird der dritte und letzte Teil der Disney Star Wars Saga in die Kinos kommen. Man darf gespannt sein, wie stark Mainstream- und Publikumsmeinung auseinanderklafft und ob die schmerzhafte Wunde, die The last Jedi vor zwei Jahren verursacht hat, erneut aufgerissen und der wütende Mob die Disney-Bastille stürmen wird.

Sicher ist nur, dass die Filmkritik auch in Zukunft ein Ventil für uns „Clowns“ bietet. Ja, das ist für manche deplorable, aber die philosophischen Aufklärer des 18. Jahrhunderts mussten auch alle Tricks und Kniffe anwenden, um die königlich-katholische Zensur zu umgehen. Wir sehen, die Geschichte wiederholt sich. Damals war es eine Tragödie in Moll. Heute ist es eine Farce, unterlegt mit Frank Sinatras That’s life.

Ein Film der Frauen unserer Zeit: Captain Marvel und Liebe 47

Seltsam, nicht wahr? Wie schnell die Zeit vergeht. Und vor allem, wie schnell der Mensch vergisst. Vermutlich ist dieses Vergessen ein Schutzmechanismus, um nicht dem Irrsinn anheim zu fallen, wenn einen das Schicksal ordentlich beutelt. Glücklich ist, heißt es in einer bekannten Wiener Operette, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist. Sigmund Freud & Co haben das freilich anders gesehen und darüber gäb es sicherlich auch viel zu schreiben, aber das ist eine gänzlich andere Geschichte. Und wir wollen doch nicht gleich zu Beginn den Faden verlieren.

Nun gut, ich habe jetzt den Disney-Blockbuster Captain Marvel gesehen. Nicht, weil ich ein Superhelden-MCU-Nerd bin, sondern weil es rund um den Film zahlreiche Kontroversen gab, die in Zeiten des Internets in Foren und Kommentaren auf der einen und auf Plattformen der großen Medienhäuser auf der anderen Seite ausgefochten wurden. Wie viel Öl von der Hollywood-Marketing-Abteilung ($$$) mit Absicht ins Feuer geschüttet wurde, ist schwer abzuschätzen, wir können jedoch davon ausgehen, dass es zumindest ein Benzinkanister (Super) war. Aber als sich das Strohfeuer zu einem unkontrollierbaren Flächenbrand entwickelte, rief man eilends die Google-Algorithmen-Feuerwehr, während die jungen und junggebliebenen Bürschleins als Brandstifter-Trolle ausgemacht und ausgebuht wurden.

Seit sich Sigmund Freuds (aha, schon wieder) Doppelneffe Edward Bernays der subtilen Manipulation der Massen verschrieben hatte, beginnend in den 1920er Jahren, ist es heutzutage für Unternehmen, Regierungen oder ominösen Kräften nicht sonderlich schwer, unpopuläre unternehmerische oder politische Ziele zu erreichen und die Gesellschaft gegen ihren Willen zu formen. Dem Mainstream, der als Werkzeug dient, sei dank. Ob uns das Internet dabei hilft, dieser Manipulation entgegenzuwirken ist in meinen Augen zweifelhaft. Um ausgeklügelte Lügengespinste zu erkennen braucht es nicht nur einen hellen Kopf, sondern auch Zeit, Geduld und die Bereitschaft, gegen den Strom zu denken.

Wie dem auch sei. Die hitzige Debatte rund um den Film Captain Marvel drehte sich in erster Linie um die Frage nach dem Platz der Frau in dem von Männern dominierten Superhelden-Genre. Die Mehrheit der Kinogänger wollte freilich einfach nur ein buntes, gut gemachtes Actionspekatakel sehen, ohne in kulturpolitischen und gesellschaftskritischen Dingen mit dem Holzhammer belehrt zu werden. So schreibt man(n): „I don’t care if the main character in a movie is male or female I just care about delivering a good performance and having a good movie.“ Als absehbar war, dass der Holzhammer im Film ordentlich geschwungen werden würde, flammte lautstarker Protest auf. Dieser Protest wurde in feministischen Augen als Bestätigung aufgefasst, dass (junge) Männer im 21.Jahrhundert noch immer gedanklich in der „Steinzeit“ stecken und Frauen in ihrer (beruflich künstlerischen) Entfaltung einschränken würden wollen. Und so schallte es Gleichberechtigung herüber, dröhnte Frauenpower aus den Lautsprechern und verfasste so manch eine(r) giftige Kommentare: „You guys got triggered by a woman having the audacity to tell you that a film with a female lead who does not need a man to protect her isn’t for you.“

Vor 70 Jahren kam der deutsche Nachkriegsfilm Liebe ’47 in die (wenigen) Kinos – basierend auf das Borchert-Bühnenstück Draußen vor der Tür. Wenn Sie Glück haben, können Sie den Film, den ich Ihnen sehr ans Herz legen möchte, in seiner ganzen Länge irgendwo auf youtube finden. Es ist ein beeindruckendes Werk, zeigt es ungeschönt die hässliche Seite des Schicksals – und welche Kraft es braucht, um in den Trümmern nicht liegen zu bleiben, sondern wieder aufzustehen, sich sozusagen aufzurappeln. Am Ende ist es nicht Liebe, sondern ein Versprechen, das einer Frau und einem Mann wieder Hoffnung gibt. Die letzte Einstellung des Films ist von einer grandiosen Schlichtheit und kaum noch zu übertreffen.

Im Gegensatz dazu zeigt uns Hollywood mit Captain Marvel – knallend und krachend, tobend und taumelnd – dass Frauen ordentlich austeilen und zuweilen einstecken und ‚ihren Mann stehen‘ können. Die stimmungsvolle Montage vom Fallen und Aufstehen hätte in einem besseren Film sicherlich viel Gänsehaut verursacht. Schad drum. Und so verschwimmen auf dem Zelluloid langsam die Grenzen zwischen Mann und Frau. Die einen wittern dabei das große Geld, die anderen die große Befreiung und eine kleine Gruppe gebildeter Leute, the intelligent few, definiert im Hintergrund, was gesellschaftlich akzeptabel ist und was nicht. Auf diese Weise lernen wir, dass das politisch korrekte Ergebnis von 2+2 = 5 ist. Sie möchten doch nicht daran zweifeln, oder?

Zu guter Letzt möchte ich einen längeren Dialog-Ausschnitt aus Liebe ’47 anführen – nur damit Sie sehen, wie schnell sich unsere Sicht auf die Dinge gewandelt hat.

Filmaufbau Göttingen, Spielfilm aus dem Jahr 1949

Beckmann: „Ob 3 Tote oder 2 Tote? Wer fragt heute nach 3 Toten? Gestern waren es vielleicht 3.000, vorgestern 100.000, morgen 4.000 oder 6 Millionen. Abgewandert in die Massengräber der Welt. Und wer fragt danach? Keiner!“

Anna Gehrke: „Aber tun Sie etwas dagegen. Sie sind doch ein Mann. Das ist doch eine Aufgabe. Denken Sie mal nach wie es früher war. Es ist noch gar nicht so lange her, da konnten die Leute in Deutschland nicht einschlafen, weil man in Amerika ein Kind entführt hat.“

Beckmann: „Früher, früher? Ja, wann war denn das? Vor 10.000 Jahren? Heute tun’s ja nur noch Tote mit sechs Nullen. Die Menschen entsetzen sich nicht mal, sondern sie schlafen ruhig und fest, sofern sie noch ein Bett haben. Und sie werden mit Zahlen gefüttert, die sie kaum aussprechen können, weil sie so lang sind. Und diese Zahlen bedeuten Tote, Granattote, Splittertote, Bombentote, Verzweiflungstote, Kältetote, Hungertote, Verlorene, Vertriebene, Verschollene; diese Zahlen haben mehr Nullen als ich Finger an der Hand …“

Anna: „Das Leben geht auf und ab, mal ist es dunkel, mal ist es hell. Kein Grund zum Verzweifeln, wenn es mal etwas länger dunkel ist. Jedenfalls nicht für einen Mann. Aber, sieh doch uns an. Sind wir noch Frauen? In hoffnungsloser Überzahl, nicht mehr Frauen, sondern Nummern. Arbeitseinsatz, Dienstverpflichtung, Frauenbataillon. Und wer’s nicht will, der muss sich verkaufen. Legal oder illegal. Aber du [Mann], du hast eine Aufgabe. Mach’s besser. Ändere die Welt.“