richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

Schlagwort-Archiv: gesellschaft

Rotkäppchen 2069B – Die absurde Science-Fiction Komödie wurde neu aufgelegt!

ro2069b-stack_full1

Endlich wieder zu haben: Rotkäppchen 2069 – mit B

Im Juni 2006 erblickte die Privatausgabe der absurden Science-Fiction Komödie Rotkäppchen 2069 zum ersten Mal das Licht der literarischen Welt. Zwei Jahre später erfolgte die offizielle Auflage mit den amüsanten Illustrationen und schrägen Cartoons von Gunther Eckert. Und nun, im Oktober 2016, gibt es endlich die Neuauflage: Rotkäppchen 2069B. Da der Text nicht mehr in Dialogform abgehandelt ist, sondern in der für Romane üblichen Prosa, erhält die Neuauflage zur Unterscheidung ein „B“ im Titel. Ansonsten bleibt alles beim Alten: Die schrill schräg surreal fantastische Story im Cyberspace ist besonders für Literatur- und Filmjunkies sowie Geeks & Nerds zu empfehlen. Kinderbuch ist es freilich weiterhin keines.

Bestellungen (höre ich da die Münzen im Beutel bereits scheppern?) werden gerne entgegengenommen. Alle Informationen sowie eine Leseprobe finden sich auf der Webseite. Im Laufe der kommenden Woche sollte das Taschenbuch über den Buchhandel beziehbar sein.

Als Zuckerl für Käufer in Germania werden bis auf Weiteres keine Versandkosten verrechnet. Super, nicht? Als Wermutstropfen gibt’s dann aber kein Gekritzel des Autors ins Buch, da es direkt von der Druckerei geliefert wird. Ja, man kann nicht alles haben.

Und wer noch immer unsicher ist, hier ein Ausschnitt der Reaktionen auf Rotkäppchen 2069. Ja, entweder liebt man die abgefahrene Suche nach dem Exit – oder hasst sie. Gleichgültig lässt einen das Buch jedenfalls nicht. Und darauf kommt es an. Ja, ja.

 

kritik-full-ro2069

Gesammelte Kritiken von Rotkäppchen 2069

Die Faschismuskeule 2.0

morelli_10_kriegspropaganda

Durch Zufall über den Artikel Das ist wie ein Stammtisch, der total eskaliert auf Jetzt.de gestolpert. Dieses Online-News-Portal ist der Versuch der SZ, junge Leute ins Boot zu holen und ihnen ordentlich das Gehirn zu waschen. Das Übliche halt.

Im besagten Artikel geht es um die Hooligans gegen Satzbau, die „täglich auf menschenverachtende Inhalte auf Facebook hinweisen“ und die – man lese und staune – für ihren „engagierten Kampf für eine bessere Welt“ den Social Hero Awards erhalten haben. Im Interview erklärt eine Skimaske tragende Mitkämpferin der Hooligans mit Namen Kiki Klugscheißerhool, was denn da so abgegangen ist, während der Preisverleihung.

Mehr von diesem Beitrag lesen

Wo stand der Schreibtisch des Kaisers in der Hermesvilla? Über Macht, damals und heute.

update: Kaiser Franz Josef II. ist eine Mischung aus dem Franzl und Josef II. 😉

Gestern den ehemaligen kaiserlichen Wohnsitz, die Hermesvilla im Tiergarten Lainz aufgesucht und innwendig erkundet. Dabei auch Pläne und Fotos von einst betrachtet. Man bestaunt den kaiserlichen Mobiliarbombast (etwa das Schlafzimmer von Kaiserin Elisabeth) genauso wie das feinsinnige Kunstgespür des Ehepaars. Dann stand ich im Arbeitszimmer des Kaisers. Oft war er ja nicht in Lainz, aber trotzdem, wo ein Kaiser Franz Josef II. ist, da wird auch gearbeitet. Das Zimmer stand bis auf die Bilder leer. Ich wollte schon weitergehen, da erinnerte ich mich, im Vorraum eine Fotografie des Arbeitszimmers, aufgenommen um die Jahrhundertwende, gesehen zu haben. Auf dem Foto stand demnach alles auf seinem Platz – so, wie es der Kaiser einrichten ließ, so, wie es der Kaiser zu benutzen trachtete. Hier eine Skizze des Arbeitszimmers, die ich schnell mal mit dem empfehlenswerten Raumplaner von Icovia auf das virtuelle Papier brachte. Das Zimmer liegt im ersten Stock. Gegenüber vom mittig angebrachten Kamin war eine (schmale) doppelflügelige Tür auf den Laubengang, daneben zwei große Fenster. Was meinen Sie, wo der Kaiser seinen Schreibtisch aufstellen ließ?

Hermesvilla_Schreibtisch

Der Schreibtisch stand in der rechten unteren Ecke des Zimmers, die Längsseite des Tisches geht zur Eingangstür, die Vorderseite schließt direkt an die Wand ab. Der Kaiser saß somit nicht nur mit dem Rücken zum Fenster, sondern überhaupt mit dem Rücken zum Raum. Wie ich mir die Fotografie so ansah, wurde mir mit einem Schlag bewusst, dass die Anordnung des Tisches mehr über den Kaiser aussagt als alle Biographien.

Überlegen Sie mal, wie Generaldirektoren oder Manager oder der Präsident der Vereinigten Staaten ihre Schreib- und Arbeitstische aufstellen? Sie sind für gewöhnlich so arrangiert, dass der Besucher, der Eintritt, vor Ehrfurcht erstarrt – das heißt, der Tisch steht zentral im Raum und blickt zur Eingangstür. Die Anordnung lässt keinen Zweifel zu: Hier sitzt ein Mensch, der Macht hat und sie ausübt. Warum also ließ der mächtigste Mann einer europäischen Großmacht seinen Tisch in eine Ecke stellen?

Die Antwort liegt darin, dass ein Generaldirektor, ein Manager, ein Präsident, sie alle, nur für eine geraume Weile eine Machtposition innehalten. Ein Kaiser ist, wenn man so will, als Kaiser geboren und wird von niemandem in seine Machtposition gebracht. Gott allein ist es, der über ihm steht. Niemand sonst. Falls Sie das jetzt erschreckt, dann befürchte ich, dass Sie bereits zu sehr dem liberalen Demokratiegeschwätz ausgesetzt waren. Der springende Punkt bei alledem ist nämlich jener, dass Könige und Kaiser seit jeher für ein Gleichgewicht zwischen Adel und Bürger- bzw. Bauerntum zu sorgen hatten. Graf Mirabeau, Enfant terrible der politischen Umwälzung des späten 18. Jahrhunderts, schrieb in einem Brief, datiert mit 16. August 1788:

»Was meine private Anschauung angeht, so will ich sie Ihnen – für Sie persönlich – rund heraussagen: Krieg den Privilegierten und den Privilegien, da haben Sie meine Losung. Die Privilegien sind nützlich gegen die Könige; aber sie sind verabscheuenswert gegen die Nationen, und niemals wird unsre Nation öffentlichen Geist haben, solange sie nicht von ihnen befreit ist; da haben Sie den Grund, warum wir bleiben müssen, was ich persönlich in hohem Grade bin: monarchisch. Ah, gestehen wir’s doch ehrlich, was wäre eine Republik, die aus all den Aristokratien zusammengesetzt wäre, die an uns nagen? Der Hort der allerrührigsten Tyrannei

Setzen Sie dem Wort Aristokratie das Wort Geld hinzu und schon ist es eine akkurate Bestandsaufnahme der letzten Jahrhunderte. Mit anderen Worten, all diese Revolutionen, die im Namen des Volkes Kaiser und Könige vom Thron fegten, haben am Ende nicht dem Bauern, nicht dem Bürger das versprochene Erdenglück gebracht. Im Gegenteil. Die Geldaristokratie herrscht mit absoluter Strenge und Graumsamkeit. Diese Tyrannei kennt keine Gnade.

Falls Sie jetzt die Augen rollen und meinen, ich würde nur Blödsinn schreiben, weil jedes Kind weiß, dass die westliche Welt eine friedliebende Demokratie ist, tja, dann sollten Sie sich den Vortrag von Prof. Martin Gilens, Princeton University, angucken, in dem er seine Studie Testing Theories of American Politics: Elites, Interest Groups, and Average Citizens präsentiert und zum Schluss kommt, dass „unsere Gesellschaft nur eine Demokratie auf dem Papier ist“ [„our society is a democracy in name only.“] und dass der Durchschnittsbürger keinen politischen Einfluss hat:

»When the preferences of economic elites and the stands of organized interest groups are controlled for, the preferences of the average American appear to have only a minuscule, near-zero, statistically non-significant impact upon public policy.« [S. 575]
 .
Sollten Sie also das nächste Mal den amerikanischen Präsidenten im Oval Office – oder den Manager des Jahres – hinter seinem Schreibtisch sitzen sehen, denken Sie an die Hermesvilla und Kaiser Franz Josef II., denken Sie daran, dass die einen von Geldaristokraten in die Machtposition gehievt wurden und nur so lange dort verweilen dürfen, wie es die Fürsten Mammons wollen, während die anderen nur vor Gott und ihrem Gewissen Zeugnis ablegen mussten. Faites vos jeux.

 

München & Ansbach, 2016: Schalten Sie doch endlich das Gehirn ein

Fake_2015

Glauben Sie nicht alles, was Sie lesen!

Im Moment spielen Behörden und Medien in Deutschland und Frankreich verrückt. Anschläge, Amokläufe und Attentate wechseln sich ab mit Geiselnahmen und Entweihungen – angeblich. Bevor Sie die Nerven endgültig wegwerfen und das Ende der zivilisierten Welt gekommen sehen, versuchen wir doch besser, die Ereignisse in Relation zu setzen. Sie sollten dann bemerken, dass irgendwer da oben Sie und mich und die westliche Welt in Angst und Schrecken versetzen möchte. Das geschieht natürlich nicht zufällig und es deutet alles darauf hin, dass hier eine Agenda verfolgt wird (schlag nach bei Orwell). Deshalb sollten Sie nicht Ihr Augenmerk auf die (vermeintlichen) Täter(gruppen) legen, sondern vielmehr auf Behörden und Medien. Lehnen Sie sich zurück, atmen Sie tief durch und haben Sie den Mut, sich Ihres Verstandes zu bedienen. Kant wäre sicherlich stolz auf Sie.

Also, stellen Sie sich vor, Sie hören in den Nachrichten, dass ein 53-Jähriger mit einer Pistole aus seinem Haus läuft, in sein Auto steigt und davonfährt. Beamte der Polizei, die herbeigerufen wurden, geben mehrere Schüsse auf das Auto ab, können aber den (Amokläufer-)Fahrer nicht aufhalten.

Nun? Wie reagieren die Behörden? Schickt der deutsche Innenminister 2000 Polizisten in die Gegend. Fordert er das österreichische Einsatzkommando an? Wird die Bundeswehr in Alarmbereitschaft versetzt? Wird der öffentliche Verkehr eingestellt? Gibt es großräumige Absperrungen? Werden die Bürger gebeten bzw. aufgefordert, nicht die Häuser zu verlassen? Ruft man den Notstand aus? Und wie reagieren die Medien? Gibt es Sondersendungen? Live-Schaltungen? Überschlagen sich die Medienhäuser mit neuen Informationen? Ruft ein CNN-Producer aus den USA auf gut Glück ein paar Häuser in der umliegenden Nachbarschaft an, um einen Augenzeugen ausfindig zu machen? Gerät Scoial-Media völlig außer Rand und Band? Werden Anspielungen auf vergangene Ereignisse gemacht? Zeigen die TV-Anstalten Panik-Szenen in Dauerschleife?

Antwort: Nope. Nada. Non. Die ganze Sache lief an den Medien und den Behörden vorbei. Der 53-jährige Amokfahrer wurde schließlich tot in seinem Auto aufgefunden. Selbstmord. Die ganze Chose hat sich in Kalchreuth, Landkreis Erlangen-Höchstadt (wo auch immer das sein mag) zugetragen. Drei Tage nach München. Kurz und gut, kein Schwein interessierte sich für den Amokläuferfahrer. Können Sie mir jetzt einen Grund nennen, warum nicht? Sagen Sie jetzt nicht, der 53-jährige hätte niemanden erschossen. Zum Zeitpunkt, als die Sache ins Laufen geriet, konnte niemand wissen, was der Kerl, neben seiner (geladenen?) Schusswaffe, in seinem Auto mitführte. Er hätte im Kofferraum ne Bazooka oder ein Scharfschützegewehr oder drei Benzinkanister oder sieben Rohrbomben mitführen und sein Auto als Waffe einsetzen oder Sperren durchbrechen können – Sie wissen schon: Nizza2.0. Niemand konnte es wissen. Und so weit ich weiß, sollte die Exekutive Verbrechen verhindern und nicht warten und schauen, was so passiert.

Nun? Was sagen Sie? Warum wird auf der einen Seite dem Event in München solch eine weltweite mediale Aufmerksamkeit zuteil, während das andere Ereignis nur zur Randnotiz verkommt? Fragen Sie doch mal CNN, was deren Meinung zu Kalchreuth ist? (vermutlich: Where the fuck is this shit on the map?) Fragen Sie doch mal den Innenminister, was er gegen labile Amokfahrer zu tun gedenkt? Sollten die Gesetze für die Führerscheinzulassung strenger werden? Sollten Polizisten nun mit autostoppenden Waffen ausgerüstet werden – beispielsweise mit ner Panzerfaust? Und sollte sich herausstellen, dass das Auto des Amokläuferlenkers mit einem Navigationsgerät ausgestattet gewesen ist, müssten dann die Behörden nicht auf die Hersteller dieser Geräte einwirken? Damit man in Zukunft durch eine Notabschaltung eine Amokfahrten verhindern kann?

Falls Sie noch immer nicht begreifen, worauf ich hinaus will, dann versuche ich es mit einem zweiten Beispiel – aber dann ist Schluss mit meiner Geduld.

Stellen Sie sich vor, in einer Wohnung in Niederbayern gibt es eine heftige Explosion. Feuerwehr und Polizei findet in der besagten Wohnung nicht nur eine Rohrbombe, sondern Waffen, Munition, sowie diverse Chemikalien und Explosivstoffe. Jetzt frage ich Sie, wie Medien und Behörden reagieren? Schlagen Sie Alarm? Ist hier vielleicht ein Waffendepot der IS gefunden? Wollte man mit den Bomben Terroristen ausstatten? Waren Anschläge geplant? Wer sind die Hintermänner? Woher stammen die Waffen? Aus dem Darknet? Woher die Chemikalien? Aus dem Supermarkt? Hatte der Bewohner Sprengstoffkenntnisse und wenn ja, wo hatte er sich diese angeeignet? Beim Militär? Ausbildungslager? Internet? Kindergarten? Oder hatte er das explosive Material nur übernommen – von wem? –  und in seiner Wohnung gelagert? Wer kam für die Miete der Wohnung auf? Soweit ich weiß, ist ein „Bewohner“ kein Mieter bzw. Eigentümer. Wer bezahlte für all die illegalen Sachen? Wie verdient der Bewohner seinen Lebensunterhalt? Ist er vorbestraft? Steht er in Verbindung mit kriminellen Organisationen, terroristischen Gruppierungen oder labilen Asylwerbern?

Nun? Was meinen Sie, wie die Antworten auf die obigen Fragen ausfallen? Richtig. Die Fragen wurden nicht gestellt. Weder von den Behörden, noch von den Medien. Der 53-jährige Bewohner besaß nicht die erforderlichen Erlaubnissen (so steht es tatsächlich in der „Qualitätszeitung“ Standard) und es wird nun wegen des Verdachts des fahrlässigen Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion sowie wegen waffen- und sprengstoffrechtlicher Verstöße ermittelt. Ehrlich gesagt, wenn Sie jetzt noch mmer nicht begreifen, dass man Sie auf den Arm nimmt, dann weiß ich nicht mehr weiter. Eventuell habe ich doch noch eine klitzekleine Ergänzung, die Ihnen auf die Sprünge helfen könnte.

Zwei virtuelle Seiten weiter findet man in der schwachmatischen Qualitätszeitung den Artikel über den neuen deutschen Geheimdienstchef Bruno Kahl, der klar stellte „Geheimer Nachrichtendienst und totale Transparenz schließen sich aus“. Was hat das jetzt mit dem zuvor erwähnten Artikel zu tun, werden Sie jetzt vermutlich fragen. Nun, was denken Sie, wer Rohrbomben und Waffen zu Hause bis an die Decke stapeln darf, ohne, dass Medien und Behörden völlig ausflippen? Warum wird gegen den „Bewohner“ und nicht den Mieter ermittelt? Gibt es überhaupt eine Erlaubnis, Rohrbomben zu besitzen? Davon höre ich zum ersten Mal. Und wird in Zukunft gegen Terroristen, die glaubhaft machen können, dass die (Rohr)Bombenexplosion irrtümlich erfolgte, wegen fahrlässigen Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion ermittelt?

Sind Sie jetzt noch immer der Meinung, dass Behörden und Medien noch alle Tassen im Schrank haben? Nehmen Sie noch immer Behörden und Medien in Schutz? Tun Sie es nicht. Die Leutchen wissen sehr wohl, was sie tun. Es gibt nur eine einzige Chance, um deren Agenda zu verhindern: Schalten Sie endlich Ihr Gehirn ein und bedienen Sie sich Ihres eigenen Verstandes. Falls Ihnen also das nächste Mal Behörden und Medien sagen, was Sie auf einem Foto oder Videoclip zu sehen und wie Sie das Nichtgesehene  zu interpretieren haben, lehnen Sie sich zurück, atmen Sie tief durch und sagen Sie laut:

Es reicht! Ich lasse mich nicht länger verarschen!

Über den Verlust der Schönheit und die seelische Abstumpfung

Hillman_youtube

Bevor heute Abend die Europameisterschaft in die Endphase geht, noch schnell ein paar Zeilen über die Gedanken des US-Psychologen James Hillman (1926-2011). Auf youtube können Sie eine Vielzahl an Vorträgen, Interviews und Gespräche abrufen. Sie werden erstaunt sein, was Sie da zu hören bekommen.

Für Hillman war der Mensch in erster Linie ein politisches Lebewesen – Aristoteles prägte seinerzeit den Begriff Zoon politikon. Mit anderen Worten, der Mensch ist aktiver Teil der Gemeinschaft, hat Anteil an den äußeren Umständen und – dies ist der springende Punkt – leidet an der gesellschaftlichen Dysfunktion. Die Psychotherapie, so Hillman, würde sich nur auf die innere Befindlichkeit des Patienten konzentrieren und dabei äußere Zustände außer Acht lassen. Hilmann wollte den Menschen aus seiner Realitätsverweigerung aufrütteln, ihn von der seelischen Abstumpfung (psychic numbing) befreien und ihn empfindlicher gegenüber Dysfunktionen machen.

Sehen Sie, würden wir ein politisches Lebewesen sein, das ein ausgeprägtes ästhetisches Empfinden hätte, würden wir beispielsweise all die Architekten, Städteplaner, Geldgeber und Eigentümer (genauso eine Vielzahl moderner Künstler) mit nassen Fetzen aus ihren Villen in die Gosse prügeln. Sehen Sie sich um. Nichtssagende Mietshäuser reihen sich an seelenlose Bürotürme. Schauen Sie sich den Sozialbau der 1920er und 1930er Jahre an und vergleichen Sie sie mit jenen der 1950er bis heute. Der kalte Ekelschauder läuft einem dabei den Rücken hinunter. Und keiner, der auch nur mit der Schulter zuckt. Weil Funktion vor Schönheit und Ästhetik gestellt wurde und wird. Aber darf man sich dann wundern, wenn wir keine freien Menschen, sondern nur noch funktionierende Lebenserhalter haben, die sich mit allerlei künstlichen Mitteln der unschönen und unästhetischen Welt zu entziehen versuchen? Warum blicken all die Leutchen auf ihre Smartphones und flüchten in virtuelle Welten, wenn sie unterwegs sind? Weil sie nicht sehen wollen, wie hässlich die Stadt um sie herum geworden ist. Instinktiv spüren sie, dass die Außenwelt aus den Fugen geraten ist – aber da wir uns nicht mehr als politisches Lebewesen verstehen, welches Einfluss nehmen und so das Fehlerhafte korrigieren kann, stecken wir unsere Köpfe in den Sand.

Die Demokratie hat uns ironischerweise weniger politisch gemacht, weil sich der Bürger zum Wähler degradieren hat lassen und der Zusammenhalt der Gemeinschaft durch die Ich-Bezogenheit aufgeweicht wurde und wird. All diese gesellschaftlichen und weltlichen und politischen Auswüchse beeinflussen unsere Psyche und machen uns krank. Aber je mehr wir unser Hauptaugenmerk nach innen richten – im Glauben, auf diese Weise zu gesunden -, um so mehr vernachlässigen wir die politische Welt, die uns krank macht (›The more we internalise, the more we neglect the political world‹)

More to come!