richard k. breuer

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Denkverbote #0: Reden wir darüber

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Die gemeinsten Meinungen und was jedermann für ausgemacht hält,
verdient oft am meisten untersucht zu werden.

Georg Christoph Lichtenberg (1742-99)
erster Professor der Experimentalphysik

Begibt man sich als skeptischer Zeitgenosse auf eine Reise zum Mittelpunkt der Wahrheit, dann begegnet einem auf dem Weg eine Reihe von Denkverboten. Gewiss, diese Verbote werden für gewöhnlich nicht direkt ausgesprochen und zielen auch nicht auf das Denken selbst ab – noch darf und kann man denken, was man will. Aber wehe, man brächte ketzerischen Gedanken zur Sprache oder aufs Papier, trüge diese auf Händen in die Öffentlichkeit. Mit einmal würde das Gesagte oder Geschriebene oder Gezeichnete auf die goldene Waagschale gelegt. Maßstäbe, die vor Gericht ‚offenkundige Tatsachen‘, im Alltag ‚Allgemeinwissen‘ heißen, werden angelegt. Urteile werden gefällt, mediale Pranger aufgestellt, Bücher verbrannt und Scheiterhaufen entzündet. Der Ungläubige hat abzuschwören und vor den erbosten Richtern einzugestehen, auf dem falschen Weg gewandelt zu sein. Weigert er sich – sei es aus Prinzip, sei es aus gekränktem Stolz – ist seine Existenz keinen Pfifferling mehr wert. Nach Verbüßen der ihm auferlegten Strafe wird er zum Paria erklärt und stirbt eines einsamen Todes. Wer sich dieser modern-kafkaesken Hexenverfolgung nicht ausliefern möchte, muss schweigen und vergessen lernen. Vielleicht, seufzt der Frevler in einem melancholischen Moment, hätte ich besser die ketzerischen Gedanken nie gedacht.

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Die freie WC-Wahl und der Literaturbetrieb

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In den USA – immer die Vorreiter, wenn es um die ›Liberalisierung‹ konventioneller Lebensanschauungen geht – möchte die Regierung die »freie WC-Wahl« einführen. Amerikanische Schulen und Unis, so heißt es auf orf.at, müssen Transgender-Schüler die Toiletten nutzen lassen, die »ihrer geschlechtlichen Identität entsprechen«

Ich meine, wer denkt sich so etwas aus? Vor ein paar Jahren hätte man diese Idee noch als einen gelungenen Aprilscherz verstanden. Heutzutage kann man die absurdesten Vorschläge einbringen – so lange es um den Schutz sogenannter Minderheiten geht. Aber wer bestimmt, ob eine Gruppe zu einer schützenswerten Minderheit gehört?

Nehmen Sie mich, zum Beispiel. Ich gehöre zu den aufopfernden Autorenverlegern, die sich mühselig durchs Leben schlagen müssen, um ihre Literatür an Mann und Frau bringen zu können. Darf ich nun mit meinen Leidensgenossen eine Gruppe bilden und wir uns als diskriminierend betrachten? Gegenüber all den Verlagsschreiberlingen, die fürstlich honoriert und von der Presse bejubelt werden? Sie werden sagen, ich würde nicht gut genug sein, für den professionellen Literatürbetrieb, aber das verbitte ich mir. Das ist diskriminierend! Sie haben meine Werke nicht gelesen, aber Inhalt und Qualität stehen hier sowieso nicht zur Debatte. Vielmehr geht es um mein Innenleben, meine geschundene Seele. Tagein, tagaus werde ich von den Publikationen in den großen Verlagshäusern erniedrigt. Jede Rezension großer und kleiner Verlagsautoren stößt mir den Dolch in die Brust. Verzweiflung. Die Gemeinschaft muss endlich einsehen, dieser unmenschliche Herabwürdigung einen Riegel vorzuschieben. Förderungen im Literatürbetrieb werden nur Verlagsautoren zuteil. Diskriminierung! Einladungen für Leseauftritte im öffentlichen Raum werden vorrangig an Verlagsautoren ausgesprochen. Diskriminierung! Der Bachmannpreis, der Nobelpreis, all diese Literaturpreise – und stipendien, sie sind ein Hort allerhöchster Diskriminierung gegenüber uns Autorenverlegern, die doch nichts anderes wollen, als akzeptiert zu werden. Warum können die einen auf die anderen herabsehen? Wir wollen doch nur auf gleicher Stufe mit Verlagsautoren stehen. Verlangen wir da zu viel?

Warum gibt es keine Humanisten, die sich der unmenschlichen Sache annehmen? Warum wurden noch keine Vereine gegründet, die diese unsägliche Diskriminierung in die Wohnzimmer der Bürger trägt? Warum gibt es keine Lobby für uns? Ist es den Politikern egal, wie eine Minderheit in unserem liberalen Land behandelt wird? Als unwert (der Publikation) werden unsere (Literatur)Kinder in den Verlagshäusern deklariert und der Schredderisierung preisgegeben. Erinnert es nicht an dunkle Zeiten? Als die einen von den anderen aussortiert wurden? Wehret den Anfängen! Heute werden wir als Hobbyschreiberlinge verächtlich gemacht, heute spricht man uns das Recht zur Verlagspublikation ab. Wenn wir nicht alle politischen Hebel in Bewegung setzen, werden erneut die Flammen der Unvernunft über uns zusammenschlagen. Dann sind auch Verlagsautoren nicht mehr sicher.

Was kann getan werden, um unserem Leiden ein Ende zu setzen, fragen Sie? Nun, man könnte Verlagen gesetzlich vorschreiben, dass sie einen bestimmten Prozentsatz ihres Publikationsprogrammes mit Autorenverlegern zu befüllen haben. Die Medienkonzerne sollen mittels Quote dazu verpflichtet werden, Bücher von Autorenverleger zu besprechen, ohne dabei die Qualität zu werten. Literatürförderungen und -stipendien, genauso wie Leseauftritte, müssen allen Autoren offen stehen. In Kaffeehäuser sollen Autorenverleger die freie Platzwahl haben dürfen. Verlagsautoren dürfen auf ihren Ankündigungen keinerlei Hinweis mehr darauf machen, dass Sie Verlagsautor sind. Es soll eine Gleichbehandlungskommission eingeführt werden, die die Rechte der Autorenverleger wahrt und gegebenenfalls Streitigkeiten schlichtet.

Dass das öffentlich-rechtliche TV genauso wie die Presse in Österreich noch nicht auf diese Diskriminierung hingewiesen haben, zeigt einmal mehr, dass es noch viel zu tun gibt, nicht nur in diesem Land, sondern weltweit.

Sonntagskaffee mit dem Kurier: Der Sold der Fanatiker

NoDogsAllowed

Am späteren Vormittag im Plebs-Café Kaffee und Kuchen zu mir genommen, dabei auch gleich die Sonntagsausgabe des Kurier durchgeblättert. Neben der bekannten van-der-Bellen-Propaganda und dem Putin-Assad-Bashing ist mir ein Artikel aufgefallen, der nur als Randnotiz abgehandelt wurde. Es ging darum, dass der Bürgermeister (ÖVP) einer niederösterreichischen Gemeinde 21 Asylwerber »rausschmeißen« wolle, weshalb »die Grünen« meinten, dass die Vorgehensweise an eine Diktatur erinnere. Vorangegangen, das sei der Vollständigkeit halber hinzugefügt, ist die (vermeintliche) Vergewaltigung eines 13-jährigen Mädchens durch einen »unbegleiteten jugendlichen Asylwerber«. Erst in der Langfassung der Online-Ausgabe erfährt der geneigte Leser, dass der Täter so jugendlich nicht ist und dass die »unbegleiteten Jugendlichen« durch den Verein menschen.leben (Förderer: S. 29) betreut werden.

Ist es nicht seltsam, dass es dieser Bericht nur als Randnotiz in die Zeitung schaffte? Nebenbei bemerkt hat es der Redakteur meisterhaft verstanden, den Fokus der Tat zu verschieben: Nicht mehr der (vermeintliche) Missbrauch stand im Vordergrund, sondern vielmehr der (bürgermeisterliche) »Rausschmiss«.

Finden Sie nicht, dass dieses Thema viel mehr Raum in den Medien hätte einnehmen müssen? Die Redakteure hätten der Frage nachgehen können, wie viel Gewalt und Verbrechen eine offene und tolerante Gesellschaft verträgt, bevor sie den Kurs einer totalitären Sicherheitspolitik einschlägt. Anfang der 1930er Jahre zeigte uns Fritz Lang, wie eine ganze Stadt einen Kindermörder suchte – dabei wurden nicht nur legale, sondern auch illegale Mitteln angewandt. Kurz und gut, die gesunde bürgerliche Gesellschaft wird alles tun, um ihre Kinder zu schützen. Die Frage ist demnach, wem liegt wenig oder nichts daran, die eigenen Kinder zu schützen, ja, sie vielleicht für ein Ideal zu opfern?

Darin liegt die große Gefahr der gegenwärtigen Zeit, nämlich dass die gottesfürchtigen Idealisten für ihre gerechten Ziele die Erkrankung der Gesellschaft in Kauf nehmen. Fanatiker gibt es nicht nur in Syrien*, sie gibt es auch hier, in Europa, in Österreich. Beide träumen von einem grenzenlosen Staat, in dem jeder Willkommen ist, der die göttlichen Gesetze, die eine Priesterkaste festlegt, befolgt. Wer weiß, vielleicht werden in naher Zukunft Bürger in Brüssel enthauptet, weil sie es wagten, den eingeschlagenen multikulturellen Weg der Vereinigten Staaten von Europa zu hinterfragen. Das ist jetzt natürlich polemisch, gewiss, trotzdem sollten wir nicht die Augen vor unseren Fanatikern verschließen. Es gilt immer im Hinterkopf zu behalten, dass es vor allem junge Menschen sind, die indoktriniert werden: So wird ihnen vermittelt, dass sie ihre Energie und Kraft für die gute Sache opfern, tatsächlich aber sind sie nur Bauern im Schachspiel des Establishments.

* ) Damals wie heute verbergen sich unter den sogenannten Fanatikern einfach nur Söldner, die für eine Hand voll Dollar tun, was im Krieg getan werden muss. Ist das verächtlich? Nun, vor über 400 Jahren hat sich der spätere Philosoph Descartes auch als Söldner verdingt. Nicht umsonst heißt es ja »Kriegshandwerk« und jedes Handwerk hat seine Lehrlinge und seine Meister – der Fanatismus per se hat noch keine Schlacht gewonnen und keine leeren Mägen gefüllt. Folge dem Geld (die Römische Goldmünze Solidus steht Pate für die Begriffe »Sold«, »Söldner« und »Soldat«) und du weißt, welcher »Gott« sich die Erde Untertan machen möchte.

Der Gulag der Illusionen

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Der Mensch, wie es Friedrich Melchior Baron von Grimm (1723-1807) so spitzfindig auf den Punkt bringt, ist weder für Freiheit noch für Wahrheit gemacht. Trotzdem gibt es immer wieder kluge und weitsichtige Apostel, die das Mantra der Freiheit predigen. Aber seien wir mal ehrlich: Wer kann von sich behaupten, frei zu sein? Ja, welchen Unterschied macht es, von einem tyrannischen Herrscher gezwungen zu sein, in einer Fabrik zu arbeiten oder von einem Arbeitsmarktservice? In beiden Fällen werden Zuwiderhandlungen bestraft. Freiheit für den Einzelnen gibt es es nur dann, wenn dieser seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten und Recht sprechen kann. Ansonsten wird der Einzelne zum Spielball der Mächtigen, deren „tyrannisches“ System einfach nur darin besteht, Gesetze festzulegen, die Abhängigkeiten erzeugen und juristische sowie polizeiliche Maßnahmen gegen Gesetzesbrecher vorsehen.

Ein marxistisches System erkennt man daran, dass es die Kriminellen verschont und den politischen Gegner kriminalisiert, soll der sowjetische Dissident Alexander Solschenitzyn  gesagt haben. Machen wir aber nicht den Fehler, zu glauben, dieses „marxistische System“ hätte sich mit dem Niedergang der UdSSR in den 1990er Jahren in Luft aufgelöst. Nein, nein. Dieses globale System der Machterhaltung besteht fort und ist mit Sicherheit nicht tot zu kriegen. Nur die Hülle, der Schein, die Illusion werden den gegenwärtigen Befindlichkeiten angepasst.

Jede Regierung, wo ein Bürger so unmäßig reich werden kann, verrät ein verborgenes Verbrechen, das Untersuchung verdient, soll Montesquieu (1689-1755) einst gesagt haben. Von diesen Untersuchungen ist nichts zu sehen. Ganz im Gegenteil. Die Beteiligten – unterwürfige Gesellen genauso wie herrschaftliche Meister – verdrehen und relativieren jedes hochrangige Verbrechen, werfen Schlamm und Kot auf jeden, der sich erdreistet, Betrug und Korruption eines internationalen Netzwerks sichtbar zu machen und bringen all jene zur Strecke, die eine Gefahr für die Freiheit der Obrigkeit darstellen.

Wenn es also beispielsweise heißt, dass nur „gewisse BBC-Verantwortliche unteren und mittleren Ranges vom Gebaren [!] des Fernsehstars Jimmy Savile gewusst“ hätten, dann können Sie davon ausgehen, dass das Gegenteil richtig ist. Die Liste all der hochrangigen Verbrechen, die unter den Teppich gekehrt werden, ist enorm – und niemand, der sich bemüßigt fühlen würde, dem Einhalt zu gebieten. Und wissen Sie warum? Weil der Einzelne in einer Abhängigkeit gefangen ist. Der Mensch ist tatsächlich weder für Freiheit noch für Wahrheit gemacht – nicht weil es die Natur, sondern ein von Menschenhand geschaffenes System so vorgesehen hat. Willkommen im Gulag der Illusionen.