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Als der Himmel voller Bücher hing

Gestern, vor 8 Jahren, ist die Buchpräsentation zu Die Liebesnacht des Dichters Tiret im Wiener MQ über die Bühne gegangen. Der kleine Filmclip lässt das Geschehen Revue passieren. Damals war ich noch recht naiv in den verlegerischen Schlagabtausch gegangen; ja, ich dachte, es gäbe  Chancengleichheit, weil, heißt es nicht, der freie Markt ist für alle da? Aber je mehr ich in das kapitalistische Drumherum drang, desto klarer wurde mir die Aussichtslosigkeit all der ambitionierten Davids, die sich gegen die marktmächtigen Goliaths zu stemmen versuchen. Talente, Gaben und Tugenden sind keine umsatzsteigernden Eigenschaften. Auch der junge Goethe musste das zu Beginn seiner Karriere feststellen, als er auf einen Berg selbst publizierter Götz-Bücher saß und seinen Freunden Brandbriefe schrieb: „Hört, wenn ihr mir wollet Exemplare von Götz verkaufen, ihr tätet mir einen Gefallen.“ [Siehe Seite 176]

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Antisemitismus goes wild: Lueger, Goethe, Kaiserin Maria Theresia, Luther, u. v. m.

Lueger-Goethe

Die Stadt Wien gibt bekannt: »Laut Abschlussbericht der im Auftrag der Universität Wien und der Stadt Wien eingesetzten Forschungsgruppe zur Untersuchung und Kontextualisierung der Benennung der Wiener Straßennamen seit 1860 war die politische Rhetorik von Karl Lueger (1844-1910) von aggressiver antijüdischer und deutschnationalistischer Polemik geprägt. Als maßgeblicher Politiker der damaligen Zeit verstärkte Lueger, der durchaus gute Kontakte zu Personen jüdischer Herkunft pflegte, die antisemitischen und diskriminierenden Tendenzen in der öffentlichen politischen Diskussion (etwa wenn er auf Grund der „Verjudung“ der Wiener Universität einen Numerus clausus zugunsten von „Deutschösterreichern“ forderte) und fungierte damit als Vorbild für nachfolgende Politiker

Ich hätte von diesem „Abschlussbericht“ keinerlei Kenntnis genommen, wäre ich nicht zufällig vor wenigen Wochen bei der Technischen Universität am Karlsplatz vorbeigekommen. Erstaunt musste ich feststellen, dass eine Gedenktafel übermalt wurde. Sie gab darüber Auskunft, dass der Vater des späteren Bürgermeister im damaligen Polytechnischen Institut (der heutigen TU), eine (Amts-)Wohnung bezog – Leopold Lueger hatte seinerzeit die Aufsicht über das technologische Kabinett.

Ja, und diese Gedenktafel wurde im Zuge der Fassadengestaltung übermalt – irrtümlich, heißt es von Seiten der TU-Sprecherin. Hm. Also, ich bin nicht mit den Gepflogenheiten der Maler- und Anstreicherbranche vertraut, aber ich wüsste noch von keinem Fall, dass ein Maler mit reinem Gewissen und fröhlicher Unschuld eine Gedenktafel übermalt hätte. Für gewöhnlich wird nachgefragt. Aber wollen wir uns die Sache nicht weiter ausmalen, sondern bleiben beim Faktischen. Nach Wiederherstellung der übermalten Gedenktafel soll eine zusätzliche Tafel Auskunft über „Lueger als Antisemit“ geben:

Derzeit gibt es in Absprache mit der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) an der TU einen ersten Rohentwurf für den Text der Tafel. Darin heißt es: „… Dabei hat er während seiner Amtszeit, wie schon während seines politischen Aufstiegs ab 1882, den Antisemitismus virtuos als Instrument eingesetzt und damit zur Entwicklung eines aggressiven, durch Hetze und Diskriminierung gegenüber Juden, aber auch Vertretern anderer Nationalitäten geprägten gesellschaftlichen Klimas und zur Verrohung der politischen Sprache beigetragen …“ [Quelle: orf.at]

Warum diese zusätzliche Tafel mit der ÖH abgesprochen werden muss, bleibt ein Rätsel – scheinbar soll hier universitäre Basisdemokratie gelebt werden.

Der wunde Punkt bei alledem ist aber jener, dass die Stadt Wien eine Forschungsgruppe einsetzte, die sich mit der antisemitischen Vergangenheit Wiener Straßennamen lang und breit auseinandergesetzt haben dürfte. Für mein Dafürhalten könnte dieses gut gemeinte Projekt Pandoras Kistchen öffnen und böse Geister in die Welt entlassen.

Denn, wer entscheidet schlussendlich, welche Persönlichkeiten nun antisemitisch, judenfeindlich oder antijudaistisch waren? Sind demnach nicht Hobbyhistoriker und Sittenwächter förmlich dazu aufgerufen, Nachforschungen anzustellen und mögliche Verfehlungen einstmals populärer Ehrenmänner anzuprangern? Es braucht nicht viel Phantasie, um sich eine eingeschüchterte Stadtregierung vorzustellen, die etwaigen laut vorgetragenen Forderungen Stück für Stück nachzugeben bereit ist – bis am Ende von der Größe Wiens und Österreichs nur noch belanglose Bruchstücke übrig bleiben. Glauben Sie nicht? Ich gebe Ihnen ein paar Beispiele, die ich ohne große Nachforschungsarbeit bereits jetzt aus dem Ärmel schütteln kann:

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Wie erklärt man sich als aufgeweckter Literat die Esther-Geschichte im Schönbartspiel Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern? Freilich, in der ersten Version von 1773 ist nichts Verwerfliches oder Anstößiges festzustellen – man kann sich darüber auf Spiegel Online Projekt Gutenberg überzeugen. Sieht man sich jedoch die überarbeitete Fassung von 1778 an, huh, da schlackern einem die Knie. Würde man daraus zitieren, die Sittenwächter würden einen sofort in die rechteste aller rechten Ecken prügeln. Sollte nun die Stadt Wien angehalten werden, am Denkmal Goethes eine Hinweistafel anzubringen, dass es der gute Dichter sicherlich nicht so ernst gemeint hatte, bei alledem? Schließlich soll es ja eine Art von Lustspiel sein – auch wenn der Berliner Professor Max Hermann bekennen muss: „… wenn man nicht wüßte, daß es sich um einen Ulk handelt, an vielen Stellen glauben könnte, etwa ein Drama aus Gottscheds deutscher Schaubühne zu lesen.“ [Entstehungs- und Bühnengeschichte, Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1900, S. 171]


Kaiserin Maria Theresia (1717-1780)
Im Jahr 1744 und 1745 erließ sie ein Edikt, dass die Juden zwang, Prag, Böhmen und Schlesien zu verlassen. Wie gehen wir nun mit dieser judenfeindlichen Entscheidung um? Sind nun in der Kapuzinergruft, neben ihrem Sarg, Hinweistafeln aufzustellen, die besagen, dass die „junge“ Kaiserin unter bösem Einfluss ihrer Berater stand? Oder dass man die Ausweisung im Kontext der Zeit sehen soll? Aber dann müsste öffentlich gemacht werden, in welchem Jahr die Linie zwischen dem Akzeptierten und dem Nicht-Akzeptieren liegt. Ich erwarte mir eine spannende Diskussion.


Martin Luther
(1483-1546)
Möchte man auf das Alterswerk des Urhebers der Reformation hinweisen, könnte einen bereits die bloße Nennung der Buchtitel in Verlegenheit bringen, deshalb verzichte ich an dieser Stelle darauf. In Wikipedia gibt es zu diesem Thema sogar einen eigenen Eintrag – vermutlich um zu retten, was noch zu retten ist. Darin heißt es, dass sich die evangelische Kirche „seit 1950 allmählich von Luthers judenfeindlichen Aussagen und deren historischen Wirkungen im Protestantismus distanziert. Ob und wie weit auch seine Theologie zu revidieren ist, wird diskutiert.“ Bedeutet das am Ende, dass an allen evangelischen Kirchentüren eine „Mea culpa“-Informationstafel angeschlagen werden muss? Und wird die katholische Kirche – in christlicher Verbundenheit – nachziehen?

Nur damit wir uns verstehen – ich stelle nicht die sogenannte Aufarbeitung vergangener Ereignisse in Frage, sondern wie mittels eines un-demokratischen „Kommisarbriefes“ ein Teil Wiener Identität sang- und klanglos geopfert und übermalt wird. Vergessen wir nicht, dass die Geschichtsschreibung immer von seiner gesellschaftlich-politischen Zeit geprägt ist. Gestern Rebell. Heute Freiheitsheld. Morgen Verräter. Das Geschichtsforscher-Ehepaar und Pulitzerpreisträger Will und Ariel Durant bringt es auf den springenden Punkt:

[meine Übersetzung:] Wissen wir denn wirklich, wie die Vergangenheit war, was tatsächlich geschah, oder ist Geschichte „eine Fabel“, auf die wir uns „geeinigt“ haben? Unser Wissen über ein vergangenes Ereignis muss immer unvollständig, womöglich fehlerhaft sein, verhüllt durch mehrdeutige Beweise und voreingenommene Historiker, und vielleicht sogar durch unsere patriotische oder religiöse Parteinahme verfälscht. […] Do we really know what the past was, what actually happend, or is history „a fable“ not quite „agreed upon“? Our knowledge of any past event is always incomplete, probably inaccurate, beclouded by ambivalent evidence and biased historians, and perhaps distorted by our own patriotic or religious partisanship.

The Lessons of History
H. Wolff, New York [E-Book]

Ich hoffe, ich habe meinen Standpunkt als Bürger der Stadt Wien klar gemacht.

 

Der Irrtum der Masse oder Welche Quelle ist niveauvoll?

»Und denn, man muß das Wahre immer wiederholen, weil auch der Irrtum um uns her immer wieder gepredigt wird, und zwar nicht von einzelnen, sondern von der Masse. In Zeitungen und Enzyklopädien, auf Schulen und Universitäten, überall ist der Irrtum oben auf, und es ist ihm wohl und behaglich, im Gefühl der Majorität, die auf seiner Seite ist.«

Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens
Johann Peter Eckerman.
In drei Theilen. Leipzig 1868

Die drei Bände der Ausgabe von 1868 wurden freundlicherweise von der University of California eingescant und von google zur Verfügung gestellt. Innerhalb des Buches (trotz Fraktur) kann nach Wörtern gesucht werden.

Die letzten Tage begonnen, die notwendigen Quellen in meinem Sachbuch Con$piracy zu verfizieren und diese (wissenschaftlich) korrekt zu zitieren. Dank des weltweiten Webs ist es möglich, rasch und unkompliziert die tollsten Zitate zu finden und akkurat zu belegen. Hin und wieder fragte ich mich, ob eine Quelle als »niveauvoll« angesehen werden würde. Eine Antwort gäbe natürlich der Mainstream, der nur relevant hält, was in angesehenen Verlagen oder renommierten Universitäten publiziert wurde. Somit kann jeder Autor, der sich in den Grenzen des Mainstream bewegt, auf eine ordentliche Anzahl von Beiträgen zurückgreifen. Aber wehe, man würde einen Schritt hinausgehen, dann bleibt nur, die güldene Nadel im Heuhaufen zu suchen, mit anderen Worten, es gilt so lange zu recherchieren, bis man eine passende Publikation aufgetan hat, die vielleicht von einem anerkannten Wissenschaftler, Professor, Medienfachmann oder Autor als richtig bestätigt wurde. Eine andere Möglichkeit ist, ein respektables Mainstream-Medium, sei es die New York Times oder Der Spiegel, als Bestätigung anzuführen. Dummerweise pinkelt sich niemand ans Bein, will heißen: der Mainstream filtert penibel alles aus, was dem Propaganda-Modell (Noam Chomsky) zuwiderläuft.

So. Bevor ich mich wieder in die zeitintensive Recherche begebe, möchte ich dem geneigten Leser natürlich mit dem Gedanken konfrontieren, wie es wohl in einer freien Gesellschaft mit marktwirtschaftlicher Basis möglich sein soll, einen (vom Establishment vorsätzlich) propagierten Irrtum aufzulösen, dem die Masse genauso verfallen ist wie der Mainstream und die Lehreinrichtungen (besser: es geht Hand in Hand). Ja, je länger ich mich abseits des Mainstream herumtreibe und in gefährlichen Fahrwassern schwimme, desto mehr wird mir bewusst, dass der gewöhnliche Bürger nur wissen darf, was er wissen soll. Jeder, der den Versuch unternimmt, gegen diese Mainstream-Desinformationskampagne anzukämpfen, kann eigentlich nur verlieren. Kurzfristig. Auf lange Sicht, so heißt es, wird die Wahrheit obsiegen und ich gehe davon aus, dass es auch so sein wird. Ob wir das noch erleben dürfen? Man wird sehen.

Alles, was Sie über das Thema E-Book wissen müssen – Fakten und Träume

Ja, rechter Hand, das ist der eReaderBevor ich Sie mit reichlich Fakten zum Thema »E-Book« füttere, muss ich ein wenig abschweifen. Aber keine Sorge, am Ende werde ich wieder an diese Stelle zurückkommen und den Bogen schließen. Es beginnt mit einem jungen Studenten aus deutschen Landen, der von einem Buchhändler nach Leipzig mitgenommen und dort in die Verlagswelt eingeführt wird. Der junge Student versteigt sich in eine hübsch ehrgeizige Schriftsteller-Illusion, als er vielen Verlegern vorgestellt wird. Sein erstes, recht schmales Büchlein erscheint noch ohne seinem Namen auf dem Deckblatt. Jahre später, gereift und strebsam, möchte er mit einem Lustspiel die Welt der schöngeistigen Literatur im Sturm erobern. Aber jene zwei Verleger, denen er sich anvertraute, lehnen es ab, den Text zu veröffentlichen. Was für eine Zurückweisung für den jungen Studenten, der sich bereits als erfolgreicher Schriftsteller wähnt. Von dieser Demütigung wird er sich Zeit seines Lebens nicht mehr gänzlich erholen und sie wird dafür sorgen, dass er fortan ein »tiefreichendes Mißtrauen gegen diese Buchkrämer« hat. Der ambitionierte Schreiberling ist gerade einmal 24 Jahre jung und beschließt kurzerhand seine nächste Schrift bei einem heimischen Drucker selber zu publizieren. Nicht lange und es erscheint sein Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand. Ein Schauspiel. Da er aber gar so viele Bücher in seiner Stube liegen hat, die zu Geld gemacht werden müssen, schreibt er an Freunde: »Hört, wenn ihr mir wolltet Exemplare vom Götz verkaufen, ihr tätet mir einen Gefallen« Nennen wir das Ganze einfach Selbstverlag und Marketing, anno 1773. [die Zitate sind dem Buch Geschichte des deutschen Buchhandels von Reinhard Wittmann – 1991 C.H. Beck, München]

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