Schlagwort-Archive: grenzen

Rückblick 2016: Der inszenierte Terror und die Strategie der Spannung

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Jänner 2016 und die Silvesternacht in Köln
Sieben unangenehme Aspekte
Der Blindspot der Geschichte

Februar 2016 und die grenzenlose Welt
Menasse und der feuchte Traum der Elite

März 2016 und der Flughafen von Brüssel
Der Anschlag in Brüssel und das merkwürdige Chaos im Flugverkehr

April 2016
Panama – Pentagon – Watergate (Leaks) // Gedanken dazu von Prof. Craig Murray
Wie sich ein echter Bombenanschlag in der Presse anfühlen muss

Juni 2016
– Orlando Nightclub Shooting (Pulse)

Juli 2016: Nizza, München, Ansbach
Analyse des Anschlags in Nizza
Anschlag in Ansbach
München und Ansbach
Amoklauf in München

August 2016
Dummschwätzer und Shills im Web

November 2016 und der Beginn einer Revolution
Welcome, Mr. President Donald J. Trump
Der Meltdown der westlichen Mainstream Medien

Dezember 2016 und ein Berliner Weihnachtsmarkt
Anatomie eines merkwürdigen Anschlags

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EM 2016: Spieltag 2

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Spieltag 2 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

ALBANIEN : SCHWEIZ 0:1

Da ist sie also wieder, die schweizer Fußballtruppe, die mit Djourou, Rodriguez, Behrami, Xhaka , Shaqiri, Fernandes, Dzemaili, Mehmedi, Embolo, Seferovic usw. den Inbegriff gelebter Multikultur darstellt. Während der eine Xhaka für die Schweiz aufläuft, spielt der andere für sein Heimatland Albanien. Im Fußball hat der Schmelztiegel längst Einzug gehalten und wir sehen: Wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur, Hautfarbe und Religion ein gemeinsames Ziel verfolgen, können sie an einem Strang ziehen und die tollsten Leistungen erbringen. Aber am Ende gibt es einen Trainer, der bestimmt, welcher Spieler von Beginn an aufs Feld darf und wer nicht. Abseits des Rasens würden die Sittenwächter längst juristisch-politische Konsequenzen sowie verpflichtende Quotenregelungen fordern, aber im kunterbunt lukrativen Fußballgeschäft funktioniert noch der gesunde Menschenverstand. Weil jedermann davon ausgeht, dass auch der rassistischste Trainer ein Spiel unbedingt gewinnen will und deshalb die besten bzw. leistungsstärksten Spieler – unabhängig von Herkunft und Hautfarbe – nominieren würde. Aber was, wenn ein besorgter Linskhaber und gütlicher Menschenkenner trotz alledem festgestellt haben mag, dass es bei der Aufstellung zu einer Diskriminierung gekommen sei? Kann der Trainer seine (Aus)Wahl objektiv begründen? Definitiv nicht. Hat der Fußball demnach in den westlichen Kulturnationen überhaupt noch eine Zukunft? Sieht nicht so aus. Auf der anderen Seite kann das kleine, friedliche und homogene Island unbesorgt in die fußballerische Zukunft sehen. Die größte Vulkaninsel der Welt zieht nämlich keine Fußballer-Eltern aus anderen Erdteilen an. Warum das so ist, kann ich Ihnen freilich nicht sagen.

Kommen wir zum Fußball zurück. Die Schweizer, wie gewohnt, zogen das Spiel in die Breite. Sie versuchten damit an Sicherheit zu gewinnen und gleichzeitig die Albaner ins Leere laufen zu lassen. Das ist natürlich nicht zum Anschauen, diese Querpässe in der eigenen Hälfte – hat ja auch nix mit Fußball zu tun, sondern erinnert an eine lockere Trainingseinheit. Die Albaner hingegen, zum ersten Mal bei einer Europameisterschaft, gedachten Fußball zu spielen, das heißt, den Ball recht flott nach vorne, vor das gegnerische Tor, zu bringen. Wirklich dumm, dass sich der albanische Goalie Berisha bereits in der 5. Minute in der Fliegenfängerei versuchte und damit den Führungs- und späteren Siegestreffer mitverschuldete. Wer nun dachte, Berisha sei die klassische Vorgabe, der irrte gewaltig. In den restlichen 85 Minuten zeigt er, was in ihm steckte und das war ne ganze Menge. Es ist jetzt natürlich müßig darüber zu fabulieren, wer von den beiden Mannschaften die glücklichere war. So gab es die sogenannten hundertprozentigen Chancen auf beiden Seiten – es hätte also so oder so kommen können. Neben der Berishaschen Fliegenfängerei in der 5. Minute dürfte wohl die albanische Handballakrobatik von Kapitän Lorik Cana in der 37. Minute die Niederlage besiegelt haben – mit Gelb-Rot wurde Cana vom Platz gestellt. Tja. Von nun an mussten 9 Feldspieler dem Ausgleich hinterherlaufen – und das taten sie auch. Gewiss, von Außenseiter Albanien durfte man sich keine spielerischen Glanzstücke erwarten, aber sie wehrten und stemmten sich gegen die Eidgenossen (ja, jene, welche die Habsburger ordentlich versohlten, vor langer, langer Zeit) bis zum bitteren Ende. Das verdient Respekt. Die Schweizer wiederum, wollen sie ganz vorne mitspielen, werden sich wohl steigern müssen – Frankreich und Rumänien wissen nämlich, wie der Hase respektive Ball läuft.

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WALES : SLOWAKEI 2:1

Der 1. FC Bale gegen den SV Hamsik, wenn man so will. Gewiss, eine Mannschaft besteht nicht nur aus einem Superstar, trotzdem hat das Spiel gezeigt, wie wichtig Bale für die Waliser ist. So ging der Führungstreffer, erzielt mittels Freistoß, auf sein Konto und seine Antritte sorgten immer wieder für Unruhe in der slowakischen Hintermannschaft. Apropos. Routinier Skrtel hatte so manchen pogatetzesken Aussetzer: So hätte er nicht nur einen Elfmeter verschuldet – der Torlinienrichter stand zwar keine zwei Armlängen von der Rauferei entfernt, aber sah, äh, ja, kein Vergehen des Slowaken – sondern mit einem Ausschluss auch seine Mannschaft geschwächt. Das Tackling, wenige Minuten vor Schluss, grenzte nämlich an Tötungsabsicht – auch wenn die gestreckten Beine des mit beinahe Schallgeschwindigkeit herangeflogenen Skrtel dann doch noch freundlicherweise von ihm angezogen wurden. Die Slowaken waren jedenfalls kein Kind von Traurigkeit und man kann davon ausgehen, dass sie ihren nächsten beiden Gegnern nichts, aber auch gar nichts schenken werden.

War Wales die bessere Mannschaft? Die Waliser hatten jedenfalls das Glück auf ihrer Seite. Wenige Minuten nach Beginn hätte nämlich Hamsik beinahe den Führungstreffer erzielt, doch der Ball wurde noch von einem gegnerischen Verteidiger von der Torlinie gekratzt. Im Gegenzug gelang Bale das Tor: dank der Mithilfe von Torhüter Kozácik, der beim Freistoß einen Schritt auf die falsche Seite machte. Von da an hatten die Waliser alles im Griff und die Slowaken, die zuvor munter darauf los spielten, verloren ihre spielerische Balance und die Begegnung artete in ein Geplänkel aus. Erst als die Slowakei in der 60. Minute mit zwei Einwechselspieler offensiver wurde, keine Minute später der verdiente Ausgleichstreffer erzielte, zeigten die Waliser Nerven. Zwanzig Minuten dominierten die Slowaken das Geschehen am Rasen, hatten sozusagen spielerisch Oberwasser – doch ein gefährlicher Kopfball von Bale zeigte einmal mehr, dass man den Superstar nicht einen Augenblick aus den Augen verlieren darf. Zehn Minuten vor dem Ende schlossen die Waliser einen Konter mustergültig ab, will heißen, sie stolperten förmlich den Ball ins Tor. Im Gegenzug köpfelte der eingewechselte Nemec nur an die Stange. Also, war Wales die bessere Mannschaft? Ich denke nicht.

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ENGLAND : RUSSLAND 1:1

In der ersten Hälfte brannten die three lions ein ordentliches Feuerwerk auf dem Rasen ab und ließen die Sbornaja – im wahrsten Sinne des Wortes – ziemlich alt aussehen (Innenverteidiger Ignaschewitsch bringt es auf 36 Lenze). Für gewöhnlich hätten die herausgespielten Chancen für zwei oder drei Siege gereicht, doch wie so oft im Fußball, bewahrheitete sich auch hier wieder eine alte Binsenweisheit: Die Tore, die man nicht schießt, bekommt man.

Die Engländer beeindruckten in der ersten Halbzeit vor allem mit einem nahezu perfekten taktischen Pressing. Eroberten sie den Ball ging es flott vor das gegnerische Tor. Die sprintstarken Außenspieler – Lallana und Sterling – gaben dabei ordentlich Gas und wirbelten an den Seiten die russische Abwehr, die vor allem das Zentrum dicht machten, gehörig durcheinander. So waren die russischen Spieler in der ersten Hälfte zu träge, zu passiv, vielleicht auch zu eingeschüchtert, während  die englischen Kicker, technisch versiert, frisch von der Leber weg aufspielten. Dabei blitzte immer wieder ein blindes Verständnis im Zusammenspiel auf. Sehenswert, wie sie die freien Räume an der Seite nutzten. Hätten sie die eine oder andere der zahlreichen Chancen genutzt, die sie sich erspielt hatten, die Fans würden bereits mit dem Finaleinzug liebäugeln. Doch in einem Fußballspiel gibt es immer zwei Hälften, zwei Seiten und später offenbarte sich die eklatante Schwäche der Engländer: das mangelnde Selbstvertrauen in ihr Offensivspiel und die Angst vor der eigenen Courage.

In der zweiten Hälfte zogen sich die Engländer unverständlicherweise zurück, ließen die Russen kommen und lauerten auf Fehler des Gegners. Warum sie nicht – wie in den ersten 45 Minuten – aktiv und aggressiv das Spiel kontrollieren wollten, bleibt ein Rätsel. Ging den englischen Spielern die Puste aus? Wollten sie im Schongang den Sieg gegen schwache Russen nach Hause bringen? Oder bekamen sie es mit der Angst zu tun? Mysteriös, dass Sterling (und das englische Team) in der zweiten Halbzeit die freien Räume nicht mehr zu nutzen verstand. So verstolperte er die eine oder andere gute Gelegenheit oder lief sich fest. Auch mysteriös, dass Hodgson ausgerechnet seinen kopfballstarken Mittelstürmer Kane die Eckbälle treten ließ. Was er sich dabei wohl gedacht haben mag?

Der englische Führungstreffer gelang nicht aus dem Spiel heraus, sondern aus einem Freistoß. Und seltsam, auch hier (wie zuvor der slowakische Torhüter gegen Bale) vertut sich der Goalie und macht einen Schritt zur falschen Seite. Aber der Führungstreffer von Dier weckte die englische Truppe nicht auf, ganz im Gegenteil, er ließ sie noch vorsichtiger agieren. Bezeichnend, dass Hodgson mit seinen Auswechselungen die Defensive stärken wollte, obwohl die nun offensiver agierenden Russen kaum Gefahr erzeugen konnten. Und so kam wie es kommen musste: In der Nachspielzeit köpfelte Bersuzki den Ball über Torhüter Hart ins Tor. Glückliches Russland.

P.S.: Aha. Die englischen Hooligans zerlegen, wie man hört und liest, die Innenstadt von Marseille und liefern sich mit der Polizei und russischen Fans die eine oder andere Straßenschlacht. Dabei gäbe es sicherlich ein paar no go areas in der südfranzösischen Stadt (French Connection?), wo sich die Exekutive im Hintergrund hält. Eine Sightseeing Tour aggressiver und gewaltbereiter Fußballfans durch diese Viertel könnte ausgleichend für alle Beteiligten wirken.

Menasse und der feuchte Traum der Elite: die grenzenlose Welt

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Das Establishment dankt

Der Essay in der Beilage der linksalternativ-genossenschaftlich organisierten Berliner Tageszeitung TAZ mit dem Titel Grenzen abschaffen und laufenlassen ist an Naivität und Einfalt nicht mehr zu überbieten. Dass an diesem schlecht recherchierten und äußerst realitätsfremden Machwerk kein geringerer als Robert Menasse mitgewirkt hat, verblüfft und verblüfft auch wieder nicht, weil nun mal jedes Propagandawerk, soll es breite Wirkung erzielen, einen populären Namen vorzuweisen und ins Rennen zu schicken hat.

Der langatmige Artikel liest sich wie der Aufsatz einer 16-jährigen Streberin, die gut behütet im Villenviertel einer europäischen Metropole aufgewachsen ist und nun ein Privatinternat in der Schweiz besucht. Alles klingt so wunderbar, so romantisch, so weltoffen, so „die ganze Welt ist eine Familie“ – und die Fakten werden kurzerhand diesem Wunschbild angepasst. Erschreckend, dass solch ein irreführender Text veröffentlicht werden durfte – scheinbar gibt es in der ganzen TAZ-Redaktion keine Faktenchecker mehr.

„Denn Grenzenlosigkeit gab es in Europa die längste Zeit, vom Mittelalter bis weit ins 19. Jahrhundert hinein.“

Ich frage mich, wie man so einen falschen Satz überhaupt nur andenken kann. Im Brockhaus von 1838 lesen wir beispielsweise unter dem Stichwort Fremde: »Gegenwärtig sind in Folge der politischen Untersuchungen und der vielen in Folge derselben unstät sich herumtreibenden Flüchtlinge in den meisten Staaten die Paßverordnungen (s. Paß) so streng gehandhabt worden, daß dadurch dem Aufenthalte und dem Reisen der Fremden große Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden.«

Natürlich waren die damaligen Grenzen weder exakt definiert noch lückenlos kontrolliert – jeder konnte für gewöhnlich ungehindert „einreisen“ – aber das heißt nicht, dass diese „Grenzenlosigkeit“ auch Reisefreiheit bedeutete. Denn früher oder später wurde der Fremde im Landesinneren nach seiner Legitimation gefragt. Und ob sich ein Fremder für eine geraume Weile oder für immer in der Fremde niederlassen durfte, hat mit Grenze und Grenzkontrollen nichts, aber auch gar nichts zu tun. Vergleichsweise könnte man behaupten, weil ein Privatgrundstück keine Umzäunung (Grenzkontrolle) aufweist, könne man dort sein Auto abstellen.

„Vor 1914 hat man kein Visum gebraucht, um mit der Droschke von Paris nach Moskau zu reisen“

Im Brockhaus von 1838 heißt es unter dem Stichwort Paß: »Im eignen Interesse sollte jeder, der die deutsche Grenze auf kürzere oder längere Zeit überschreitet, sich in den Besitz eines Reisepasses oder mindestens einer Paßkarte setzen. Im Grenzverkehr mit Rußland wird eine 28 Tage gültige Grenzkarte, sogen. Halbpaß, ausgestellt. Besonders streng ist die Paßkontrolle in Rußland, der Türkei und Portugal.«

Und dass Stefan Zweig nicht nur ein berühmter Schriftsteller seiner Zeit war, sondern auch Erbe eines großen Vermögens, haben die Autoren unter den Tisch fallen lassen. Es ist nun einmal so, dass Reichtum und Berühmtheit noch jede Grenze wie von Zauberhand geöffnet hat.

„Man musste [vor 1914] damals auch kein Geld wechseln – die Gulden nicht und nicht die Taler – oder wäre gar ins „europäische Ausland“ gereist, wenn man die Postkutsche von Wien nach Lemberg nahm und zwischendurch in Budapest haltmachte.“

Vielleicht ist den Autoren entgangen, dass Wien, Lemberg und Budapest vor 1918 allesamt zu einem Staatsgebiet gehörten, nämlich dem Kaiser- und Königreich Österreich-Ungarn. Somit waren diese Orte nur Provinzen eines großen staatlichen Wirtschaftsraumes – der mit 1919 natürlich verschwand.

„Das, was wir heute unter einem Pass verstehen, gibt es erst seit dem 21. Oktober 1920.“

Mag sein, dass es den Pass, so wir ihn heute verstehen, erst sei 1920 gibt. Fakt ist aber, dass Pässe, Paßports, Passbriefe, Paßkarten usw. eine gefühlte Ewigkeit in Verwendung waren und die auch nichts anderes gewesen sind, als »ein schriftliches, von der Polizeibehörde ausgestelltes Zeugniß für Reisende, womit dieselben sich an fremden Orten über ihre Person und den unverdächtigen Zweck ihrer Reise legitimiren können«. So steht es im Pierers Universal-Lexikon von 1861. Und diese Definition ist auch der springende Punkt bei alledem: Die Behörden im Zielland des Reisenden müssen sich sicher sein, dass dieser kein Halunke ist, der Böses im Schilde führt. Verzichtet man auf diese Legitimierung, dann sind all den Räubergesellen Tür und Tor geöffnet. Bevor man mir das Wort im Mund umdreht, sei festgehalten, dass ich damit nicht sagen möchte, dass alle Reisende Verbrecher seien, sondern dass es eine Möglichkeit geben muss, die schurkische Spreu vom rechtschaffenen Weizen zu trennen. Aber wer weiß, vielleicht ist diese Unterscheidung für die Autoren bereits diskriminierend.

„Tatsächlich ist im europäischen Diskurs schon früher die Ambition verloren gegangen, die EU als Projekt zu sehen, dessen Gründungsabsicht es war, Europa wieder zu europäisieren und die Nationalstaaten zu überwinden.“

Also, jetzt mal ehrlich, hätten Sie damals für die Aufnahme Österreichs in die EU mit „Ja“ gestimmt, wenn Sie gewusst hätten, dass es die Absicht gibt, Österreich als Nationalstaat „aufzulösen“? Glauben Sie, dass osteuropäischen Staaten, die sich ihre staatliche Souveränität gegen Ottomanen/Türken und Stalinisten blutig erkämpft haben, ihre Grenzen für die Illusion einer 16-jährigen Streberin aufgeben würden?

Sollte diese „Gründungsabsicht“ tatsächlich bestanden haben, so wage ich zu behaupten, dass man diese seinerzeit mit Absicht verheimlicht oder relativiert hatte. Vor Jahrzehnten war es demnach der Elite noch nicht möglich, über die „Überwindung der Nationalstaaten“ offen zu sprechen – heutzutage dürften die europäischen Bürger dafür bereits „reif“ genug sein. Ist es nicht schockierend, mit welcher Chuzpe die Elitisten nun beginnen, die „Festung“ Europa, die in Wirklichkeit aus all den souveränen Staatsburgen bestehen, sturmreif zu schießen, um sie „weltoffener“ zu machen? Weltoffen für wen? „[d]erzeit sind 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht vor Krieg, Hunger und Misere“, geben uns die beiden Autoren die Antwort. Und sollten sich die Bürger dagegen wehren, sich verteidigen, nun, dann kommen wohl dunkle Zeiten auf sie zu – der Sturm einer eingeschlossenen und sich verteidigenden Stadt während des Dreißigjährigen Krieges hat an Gräuel alles zu bieten, was man sich gar nicht erst vorstellen mag. Stichwort: Magdeburgisieren. Im Brockhaus von 1839 lesen wir darüber:

„Der Kampf dauerte dabei noch in den Straßen der unglücklichen Stadt Magdeburg fort, welche drei Tage lang der grauenvollsten Verheerung durch Plünderung, Mord und Brand preisgegeben blieb, wovon der Sieger selbst an den Kaiser Ferdinand meldete: »Seit Trojas und Jerusalems Zerstörung ist keine solche Victoria gesehen worden.« Über 20.000 Einwohner jeden Standes, Alters und Geschlechts kamen dabei in den Flammen und unter allen erdenklichen Mishandlungen um, denen zu entgehen viele Jungfrauen den gemeinsamen Tod in der Elbe suchten; die wilden Soldaten zechten auf Leichenhaufen und nannten das die magdeburgische Hochzeit. Nur den Dom, eine andere Kirche und etwa 130 Häuser am Elbufer hatte der Brand verschont, und erst am vierten Tage wurden die etwa 4000 Menschen, welche sich in den Dom geflüchtet und eingeschlossen hatten, sowie die wenigen außerdem lebendig Gebliebenen ihres Daseins wieder sicher.“

Falls Sie sich also dann und wann mal fragen, wem daran gelegen sein könne, blühende Städte und ertragreiche Länder zu verwüsten und wehrhafte Bürger zu „entmannen“ – es gibt immer eine politisch-revolutionäre Gruppe, die von Befreiung und Gemeinwohl spricht, aber tatsächlich nur die Zerstörung und Vernichtung des Althergebrachten im Sinne hat – weil es dem Neuen und Revolutionären im Wege steht. Siehe diesbezüglich die Ausrottungsbestrebungen in der Vendée während der Französischen Revolution: »Der Befehl sieht vor, das aufständische Land in eine Einöde zu verwandeln: die Wälder abzubrennen, die Häuser in Brand zu setzen, das Vieh wegzutreiben, die Hecken abzuschneiden, die rebellische Region so zu behandeln, wie Ludwig XIV. mit der Pfalz verfahren war. Es handelt sich hier um eine Rhetorik der Ausrottung, die der Grausamkeit der Soldaten freie Hand gab und die einige Monate später zu einer grausigen Ernte organisierter Massaker führen sollte« [entn.: Kritisches Wörterbuch der Französischen Revolution: Die Vendée von Francois Furet, S.269ff, 1996]

„Wie wäre es, wenn Flüchtlinge in Europa Bauland zugewiesen bekämen, benachbart zu den europäischen Städten, aber in einem Abstand, der die Andersartigkeit wahrt.“

Ehrlich, wer kommt auf so eine wahnwitzige Idee? Vielleicht erinnern sich die Autoren nicht mehr, dass sogenannte Enklaven über die Jahrhunderte immer wieder zu großen politischen oder gesellschaftlichen Problemen führten – spätestens dann, wenn die Region ihre Souveränität und damit Loslösung vom Nationalstaat forderte. Siehe Kosovo und Serbien, anno 1999. Natürlich kann man naiv hoffen, dass sich die Menschen hüben wie drüben als Brüder und Schwester in die Arme schließen werden – mit anderen Worten, dass Integration funktioniert. Aber wie wir wissen, gibt es nun mal integrationsunwillige Menschengruppen – sei es aus tief religiösen, sei es aus traditionellen Gründen. Die jüdische Minderheit in Venedig hatte beispielsweise niemals die Absicht, sich zu integrieren, vielmehr nahm sie mit einem ihr zugewiesenen Stadtviertel vorlieb, wo sie nach ihren eigenen Gesetzen und Gebräuchen leben konnte. Aber spätestens dann, wenn jüdische und christliche Bürger in Streit gerieten, musste Recht gesprochen werden, aber nach welchem und in welcher Sprache? Wie solche Streitigkeiten gelöst wurden, kann man beispielsweise bei Shakespeare nachlesen.

„Europa ist groß (und demnächst leer) genug, um ein Dutzend Städte und mehr für Neuankömmlinge aufzubauen.“

Seltsam. So ähnlich hörte es sich an, als all die weltoffenen Revolutionäre über Palästina sprachen. Das Ergebnis kann sich heute sehen lassen: Grenzkontrollen,Straßen-Checkpoints, Ausweispflicht, Grenzmauer, Apartheid und das größte Open-Air-Gefängnis der Welt. Warum Herr Menasse nicht nach Israel reist, um dort für die Abschaffung von Grenzen und die Überwindung des Nationalstaates zu plädieren, entschließt sich mir nicht, geht es doch nur um ein einziges Land, eine einzige Regierung, eine einzige Behörde. Wie schwer kann das schon sein, im Gegensatz zum Vielvölkergemisch Europa?

Der Artikel von Menasse und Guérot kann nur als propagandistische Auftragsarbeit verstanden werden. Und obwohl es sich im Großen wie im Ganzen um ein erbärmliches Machwerk handelt, wird es trotzdem weiteres Öl ins visionäre Feuer der weltoffenen Revolutionäre gießen. Vae victis.

Am Faschingsdienstag rauben wir Goldtransborte aus!

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Als ich etwa dreizehn Lenze zählte, entdeckte ich für mich das Schreiben. Das Heft, in welches ich mit Bleistift meine actiongeladenen Storys kritzelte, sind noch in meinem Besitz. Schauderhaft, was sich da in meinem jungen Gehirn so an Phantasien ausgetobt haben dürften. Aber damals war die Welt eines „schießwütigen“ Jungen – im Gegensatz zur Rechtschreibung – noch in Ordnung. Und eine Staatsgrenze war im Kalten Krieg tatsächlich noch eine – mit Kontrollen hüben wie drüben – inklusive der kindlichen Angst, von den Ost-Soldaten mit Waffengewalt am Zurück, in heimatliche Gefilde, gehindert zu werden.

Heute ist Faschingsdienstag. Haben Sie’s bemerkt? In Österreich, besser in Wien, hat das närrische Treiben ja kaum Zulauf – im Gegensatz zu unserem germanischen Nachbar. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass die Wiener das ganze Jahr über die Ernsthaftigkeit des Lebens mit Schmäh und Gemütlichkeit begegnen. Ein Glaserl Wein schadet freilich auch nicht. Wie sich dieser Wiener Schlendrian in Zukunft darstellt, wird sich zeigen. Die Zeit heilt nämlich nicht nur alle Wunden, sie hobelt am Ende alle gleich. Wobei, nein, alle geschlagenen Wunden heilt die Zeit nicht. Vor allem dann nicht, wenn der Geschlagene seinen Vorteil aus der damaligen Tätlichkeit zieht. Die Bezeichnung „Du Opfer!“ wird aber paradoxerweise im Jugend-Slang in einem herabwürdigenden Sinne gebraucht. Gut möglich, dass die jungen Leute von heute kein Geschichtsbewusstsein mehr haben. O tempora, o mores.

Übrigens bin ich auf diesen Artikel gestoßen, der sich mit einem Urheberrechtsstreit auseinandersetzt, bezüglich des publizierten Tagebuchs einer gewissen Anne Frank. Da das Mädchen 1945 verschieden und damit seit 70 Jahren tot ist, sind dessen Publikationen nun gemeinfrei. Doch der Schweizer Anne-Frank-Fonds, der bis dato die Verlagsrechte inne hat, will davon nichts wissen, da Otto Frank „Stellen gestrichen und den Text aus zwei Versionen seiner Tochter erstellt“ hätte und somit quasi der eigentliche Urheber des Tagebuchs wäre. Da Otto Frank erst 1980 aus dem Leben schied, würde demnach das Urheberrecht noch nicht erloschen sein. Aha. Das erklärt natürlich einiges – denn, der Vergleich macht Sie sicher! Stöbern Sie doch mal auf dem Dachboden oder im Keller nach ihrem Kindergeschreibsel – Sie werden peinlich berührt das Kapitel schließen wollen. Zur Veröffentlichung taugen nämlich all diese rohen und kruden Kindergedanken nicht. Es bedarf einer Überarbeitung – aber ich wüsste noch von keinem Fall, dass ein Verlag den Lektor kurzerhand als „Urheber“ bestimmt hätte. Also, wirklich! Interessant wäre jetzt freilich herauszufinden, wie das Originalwerk in seiner Ursprungsform ausgesehen hat. Immerhin wird einen das Buch ja als eine „authentische Schilderung“ der damaligen Jahre verkauft. Hoffen wir mal nicht, dass das gutgläubige Publikum hier kosinskiert bzw. wilkomirskiert wurde.

Und sollte der Fasching einmal abgeschafft werden – lange kann es nicht mehr dauern – tja, dann gibt es wohl überhaupt keine Möglichkeit mehr, Narrenkappe hin oder her, dem König die Wahrheit zu schellen!

Vae victis.