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WM 2018: Rückblick auf die Halbfinalspiele – Erstens kommt es anders und …

Das Finale heißt also Frankreich gegen Kroatien. Wer hätte das zu Anfang der Weltmeisterschaft gedacht?

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EM 2016: Halbfinale 2 – GER : FRA

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Gedanken zum Halbfinale 2 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

DEUTSCHLAND : FRANKREICH 0:2

Wer hätte das gedacht? Der amtierende Weltmeister muss die Koffer packen und Monsieur Griezman darf sich mit Senhor Ronaldo um den Pokal streiten. Das Spiel selbst war, nun ja, ein seltsames. In den ersten Spielminuten erinnerten die Franzosen frappant an die Österreicher in der Begegnung gegen Ungarn. Da wie dort wurde Hals über Kopf das gegnerische Tor gesucht. Wie aufgedreht wirkten die französischen Spieler, während die sonst so abgeklärten Deutschen ein wenig unschlüssig wirkten, da sie nicht wussten, ob das übermotivierte Angriffsfurioso nur ein Strohfeuer darstellte – oder einen Flächenbrand. Nach etwa fünf Minuten war das Feuer erloschen. Die Franzosen bekamen plötzlich Angst vor der eigenen Courage. Mon Dieu, dürften sie erschrocken sein, wir spielen ja gegen den amtierenden Weltmeister, der sogar Italien im Viertelfinale aus dem Turnier kickte. Von da an zogen sich die Franzosen tief in ihre Hälfte zurück und ließen die Deutschen kommen – ein taktisches Konzept, das mehr an Island als die Grande Nation erinnerte und für gewöhnlich nur in die Hose gehen kann. Warum das Defensivkonzept trotzdem aufging, wissen nur die Fußballgötter. Vielleicht hatte auch Recke Schweinsteiger bei alledem – im wahrsten Sinne des Wortes – die Hand im Spiel. Monsieur Griezman verwertete den Elfmeter – Sekunden vor dem Halbzeitpfiff – eiskalt! Eigentlich unvorstellbar, dass er keine Nerven zeigte, bedenkt man, was auf dem Spiel stand.

Die erste Halbzeit war demnach für die Deutschen gelaufen. Dabei hatten sie, wie so oft, mehr vom Spiel. Toni Kroos wird nach dem Abpfiff sagen, sie hätten das beste Spiel im Turnier abgeliefert. Man kann nicht abstreiten, dass der Weltmeister den Ball in den eigenen Reihen halten konnte und den Gegner laufen ließ. Aber Ballbesitz, wie auch Spanien bereits schmerzlich erfahren musste, schießt keine Tore – außerdem ist das nüchterne Tiki-Taka-Ballherumgeschiebe nicht sonderlich schön anzuschauen. Weiters sollte man nicht vergessen, dass eine Mannschaft nur so druckvoll spielen kann, wie es der Gegner zulässt. Frankreich hätte höher verteidigen, hätte mit Gegenpressing den Druck abfedern können – aber dazu bedarf es natürlich das Herz in der Brust, nicht in der Hose. Selten, aber doch, getrauten sich die Franzosen in die gegnerische Hälfte, übten Druck auf den Ballführer aus und stellten die Passwege zu. Siehe da, die Folge war eine deutsche Fehlerkette, die schließlich zum entscheidenden zweiten Treffer führte: Einen Querpass im Strafraum kann der junge Kimmich nicht kontrollieren, der Ball springt ihm einen Meter weit weg; Pogba schnappt sich den Ball, Mustafi – der für den verletzten Boateng ins Spiel gekommen ist – versucht Pogba den Ball abzunehmen, wird aber von ihm schulbuchmäßig verladen, die Flanke kann Neuer weder fangen noch wegfausten, sondern nur ablenken, direkt vor die Füße von Griezman, der den Ball geradewegs ins Tor rollt – Schweinsteigers Versuch, den Schuss zu blocken, kommt um den Tick zu spät – hatte er diese Situation am Ende verpennt?

War die deutsche Mannschaft an diesem Tag die bessere? Non! Wäre sie es gewesen, hätte sie den Sieg davontragen müssen. Der alles entscheidende Faktor war der Umstand, dass die Équip Tricolore einen französischen Müller in Überform auf dem Spielfeld hatte. Während der echte Müller seine Unform auch in diesem Spiel prolongierte und als ›falsche 9‹ den verletzten Stoßstürmer Gomez nicht einmal im Ansatz ersetzen konnte, löste Monsieur Griezman mit seinen beiden Treffern das Ticket fürs Finale. Das Turnier hat gezeigt, dass auch in Zukunft keine Mannschaft auf einen gelernter Stürmer verzichten wird können – Deutschland hat jetzt zwei Jahre Zeit, einen neuen Klose zu finden. Viel Glück bei der Suche.

Da fällt mir ein, dass der italienische Schiedsrichter Nicola Rizzoli auch das Finale der Weltmeisterschaft 2014 gepfiffen hatte. Apropos. Können Sie sich noch erinnern? Torhüter Neuer springt den heranstürmenden Higuain mit angezogenem Knie auf Kopfhöhe an und faustet den Ball weg? In zivilisierten Ländern würde man von Tötungsabsicht, roter Karte und Elfmeter sprechen – aber Rizzoli entscheidet auf ein Foulvergehen von Higuain. Damit hat er den Ausgang des Finales entscheidend beeinflusst. Sogar der Schweizer Ex-Schiedsrichter Urs Meier bekannte im deutschen TV, dass Rizzoli damals falsch lag. Allerhand, diese unrühmliche Aktion vor der Partie gegen Frankreich noch einmal ins Gedächtnis der deutschen Fußballfans zu rufen und so die Saat des Zweifels zu säen.

Nun steht das Finale zwischen Frankreich und Portugal an. Vieles deutet auf einen lauen Stehfußballkick hin. Die letzte Begegnung der Europameisterschaft wird wohl von Einzelaktionen eines Ronaldo bzw. eines Griezman entschieden werden. Vielleicht sollte man am Sonntag ein Nachmittagsschläfchen machen – dann fallen einem nicht bereits Minuten nach Anpfiff die Äuglein zu.

EM 2016: Halbfinale 1 – POR : WAL

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Gedanken zum Halbfinale 1 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

PORTUGAL : WALES 2:0

Es war wohl zu erwarten. Gut, das sagt sich leicht, im Nachhinein, aber der Ausfall des gesperrten walisischen Spielmachers Aaron Ramsey war dann doch nicht gut zu machen. Und mit Christiano Ronaldo hatte Portugal auch noch den torgefährlicheren Spieler auf dem Rasen, der an beiden entscheidenden Aktionen beteiligt war. Den Führungstreffer köpfte er in Ronaldo-Manier wuchtig und unhaltbar in die Maschen und dem zweiten Tor ging sein missglückter Schuss voran, den Nani schließlich ins Tor beförderte. Auf der anderen Seite bemühte sich Gareth Bale vergeblich, Torchancen zu kreieren. Zwei Weitschüsse, wenn ich mich recht entsinne, waren an diesem Abend seine einzige Ausbeute. Portugal, wie in den letzten beiden Spielen, verstand es, defensiv gut zu stehen, die Räume eng zu machen und dem Gegner Spielfluss und -freude zu nehmen. Wales machte es freilich nicht anders. Mit anderen Worten: Die erste Halbzeit artete in ein ödes Stehfußball-Rasenschach aus. Nicht zum Ansehen. Die beiden Tore, knapp nach Wiederbeginn, erlösten den Fußballfan von der längst gewohnten Pattsituation am Feld. Wales musste offensiver werden – verstand es aber nicht, den portugiesischen Abwehrriegel zu knacken. Gleichzeitig baumelte das Damoklesschwert eines Konters über den walisischen Köpfen – ein drittes Tor hätte natürlich die Vorentscheidung gebracht.

Das Finale wird sicherlich der ersten Hälfte ähneln. Ob die französischen Fans – so die Grande Nation ins Finale kommt – wieder ihrem Missvergnügen Ausdruck verleihen, wenn ihre Mannschaft abwartend und vorsichtig zu Werke geht, wird man sehen. Gegen Island hörte man bereits nach 10 Minuten die ersten Pfiffe. Aber wenn das Turnier eines gezeigt hat, dann ist es, dass eine Mannschaft Geduld und Nervenstärke an den Tag und auf den Rasen legen muss, um ein Spiel zu entscheiden. Portugal ist in diesem Metier der wahre (Europa)Meister. Und Deutschland? Deutschland wird seinen (Europa)Meister finden.

WM2014: Tag #23 Halbfinale Argentinien : Niederlande 0:0 4:2 n.E.

Argentinien : Niederlande 0:0  4:2 n. E.

Es war wohl zu erwarten, diese Nullnummer nach 120 Minuten. Weil beide Mannschaften bis dato auf eine stabile Defensive, disziplinierte Ordnung und kontrollierte Offensive setzten. Will heißen: hinten dicht machen und hoffen, dass vorne irgendwie das Tor gelingt. Dass diese „griechische“ Taktik Erfolg hatte und beide Mannschaften ins Halbfinale führte, ist vor allem Messi respektive Robben zu verdanken. Vor Nachahmung wird deshalb gewarnt. Mit einem ähnlichen Spielkonzept reisen übrigens für gewöhnlich die Underdogs, die Außenseiter zu einer Weltmeisterschaft – deren Trainer wissen, dass es gegen große Mannschaften nichts zu holen gibt, würde man ein offenes Spiel wagen. So macht es fußballerisch Sinn, dass beispielsweise der Iran oder Algerien – durchaus erfolgreich – auf diese Taktik setzten. Überraschend ist, dass sich solch große Kaliber wie Argentinien und Niederlande dieser Taktik bedienen. Bedeutet es nicht im Umkehrschluss, dass sie auf einer Stufe mit dem Iran oder Algerien zu stellen sind – von ihrer fußballerischen Einstellung her gesehen?

Das gestrige Halbfinalspiel erinnerte an das Achtelfinale zwischen Argentinien und der Schweiz. Der einzige Unterschied mag sein, dass damals die Entscheidung nicht im Elfmeterschießen, sondern gerade noch rechtzeitig vor Ende der Verlängerung durch ein Tor von Di Maria fiel. Aber sonst gab es nichts Neues unter der brasilianischen Sonne. Offensivfußball oder wenigstens die Intention, ein Tor aus dem Spiel heraus zu machen, fehlte. Risiko wollte keine der beiden Mannschaften nehmen. Hin und wieder erreichte das Aufflackern eines gefährlichen Spielzugs das müde Auge des Zuschauers. Für Sofa-Taktiker und Couch-Analytiker war es natürlich eine Lehrstunde des modernen Catenaccios. Ob man das sehen möchte, als Fußballfan, diese Frage wird erst gar nicht von Trainern und Funktionären gestellt. Der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel und ein Sieg ist, ja, ein Sieg. Das erste Halbfinalspiel hat deutlichst gezeigt, was geschieht, wenn eine Mannschaft Ordnung, Disziplin und Kopf gegen ein Weltklasse-Team verliert. Gut möglich, dass diese siebentorige Demütigung viele Teamtrainer anhält, ihrem Spielkonzept noch mehr Beton beizumischen. Die Argentinier, davon können wir mal ausgehen, werden für das Finale die Betonmischmaschine (Made in Italy) anwerfen. Verständlich.

Das argentinische Team hat mir gestern besser gefallen als jenes der Niederländer. Vielleicht haben die Südamerikaner um ein Alzerl mehr Fußball spielen wollen, aber mit Sicherheit haben sie mehr gekämpft und geblutet und sich den einen oder anderen Brummschädel abgeholt. Das verdient Respekt und Hochachtung.  Noch mehr, wenn man sich vor Augen führt, dass die Mannschaft mit Beginn der zweiten Halbzeit mit einem Mann weniger auskommen musste. Messi, obwohl (angeblich) am Spielfeld, war nicht zu sehen. Aber diese potenzielle Torgefahr, die er ausstrahlte, schreckte die Niederländer dann doch so sehr, dass sie immer ein Auge auf Messi hatten, ja, Trainer van Gaal ging sogar so weit, ihm einen Sonderbewacher zur Seite zu stellen. Damit zementierte der Trainerfuchs aber in den Köpfen seiner Spieler, dass dieser Messi – so unscheinbar er gestern wirkte – tödlich gefährlich sein müsse und wehe, man würde ihn auch nur für einen Augenblick von der Leine lassen. Ob das der niederländischen Entscheidungsfindung geholfen hat, wage ich zu bezweifeln.

Und Robben? Ja, der war auch am Feld und spielte mit. Versuchte es wenigstens. Aber gibt ihm der Gegner, der tief steht, wenig Raum, sichert dieser die Seiten doppelt ab, dann kann Robben keine Geschwindigkeit aufnehmen, ergo verpufft die Gefährlichkeit des niederländischen Ausnahmekünstlers. Wenn ich mich recht erinnere, war Robben in den 120 Minuten gerade ein Mal im gegnerischen Strafraum – wurde aber durch den überragenden Mascherano fair vom Ball getrennt. Torschüsse der Niederländer im ganzen Spiel? Nüll! Bei Messi gab es in der ersten Hälfte Ansätze eines Dribblings. Hört, hört. Und die zwei argentinischen Chancen, die möchte ich natürlich erwähnen. Auch schon was.

Höhepunkte im Spiels gab es keine. Das Elfmeterschießen war dann natürlich an Spannung nicht zu überbieten, weil der niederländische Innenverteidiger Vlaar gleich mit seinem ersten Schuss am argentinischen Torhüter scheiterte. Dumm gelaufen. Noch mehr, da Sneijder, ja, Sneijder seinen Elfmeter ebenfalls nicht verwandeln konnte. Wer hätte das gedacht? Die argentinischen Schützen ließen auf der anderen Seite nichts anbrennen. Das war’s dann auch schon wieder, mit Spannung.

Auf das Finale zwischen Deutschland und Argentinien darf man sich als Couch-Analytiker freuen. Immerhin gilt es zu beobachten, was Trainer Löw gegen diesen disziplinierten und bestens geordneten Gegner aus dem Taktik-Hut zaubern wird. Messi, so unscheinbar er auch wirken mag, er ist und bleibt torgefährlich und kann – wie er bereits mehrmals bewiesen hat – im Alleingang ein Spiel entscheiden. Setzt Löw deshalb ebenfalls auf einen Begleitservice? Da Deutschland als Favorit in das Finale geht, wird die Mannschaft das Spiel machen müssen. Das argentinische Team kann demnach das eingespielte Defensivsystem beibehalten, muss aber hoffen, dass der Gegner kein Tor macht – beispielsweise durch eine Standardsituation. Denn wenn das Turnier eines gezeigt hat, dann ist es, dass eine argentinische Mannschaft im Offensivmodus auf ziemlich wackeligen Beinen steht. Und wenn ich eines ganz sicher nicht sehen möchte, am 13. Juli, dann ist es eine einseitige Angelegenheit oder eine weitere Demütigung. Wie dem auch sei, möge die bessere Mannschaft gewinnen.

WM2014: Tag#22 Halbfinale Deutschland : Brasilien 7:1

Deutschland : Brasilien  7:1

[Meine gebloggten Gedanken vor dem Spiel:] Ja, die (deutsche) Mannschaft wird in einen Hexenkessel geworfen – und es wird sich zeigen, ob die Spieler im Druckkochtopf des Mineiraos zusammenschmelzen oder auseinanderbrechen. Ich gehe davon aus – als Schriftsteller sei es mir erlaubt, die Plattitüde zu trällern -, dass nach dem Spiel nichts mehr so sein wird, wie es war.

 

Ich tue mir schwer, Worte für zu finden, für das, was gestern in Mineiraos passierte. Es war, man muss es an dieser Stelle sagen, kein Fußballspiel. Es war die Demütigung nicht nur einer gegnerischen Mannschaft, sondern einer ganzen Nation. Gewiss, die Mannschaft hat gezeigt, dass mit ihr nicht zu spaßen und schon gar nicht zu verhandeln ist. Ein Motor, der, einmal angeworfen, seinen Dienst verrichtet. Aber das ist nichts Neues unter der deutschen Sonne. Wir wissen, zu welchen Höchstleistungen die deutsche Nation fähig ist. Im Sportlichen wie im Weltlichen. Wie konnte es aber geschehen, dass nach Abpfiff des Spieles die Fußballweltmeisterschaft nur noch als Farce zu begreifen ist? Ist das gestrige Ereignis als spielerisches Pendant zur Vergabe der übernächsten WM an Katar zu verstehen? Man wir das Gefühl nicht los – Torlinientechnologie hin oder her – dass etwas faul im Staate FIFA ist. Und weil ich weiß, was ich weiß, würde es mich nicht wundern.

Zurück zum Spiel, pardon, zur Demütigung. Eigentlich begann alles wie gehabt. Die deutsche Mannschaft, von der überwältigenden Atmosphäre im Stadion ein klein wenig verunsichert, steht in den ersten Minuten kompakt und sicher, während die Brasilianer, von Euphorie getragen, das Spiel in die Hälfte ihres Gegners bringen wollen. Scheinbar hat man weder Spielern noch Trainer Scolari gesagt, dass ihr Gegner die deutsche Nationalmannschaft ist – und gegen diese gibt es keine halbe Sachen, da gibt es nur ein entweder-oder. In der 11. Minute – Eckball/Standardsitutation – wird Müller im Strafraum sträflich allein gelassen (in der Wiederholung sieht man, dass sein Bewacher Luiz von Klose (fair) behindert wird) und er schiebt den Ball zum Führungstreffer trocken ein. Tja. Da dachte man noch nicht, dass die Sache entgleisen würde. Wie viele Spiele bei dieser WM wurden noch umgedreht, also nach einem Verlusttreffer doch noch gewonnen? Es waren ja noch mehr als 80 Minuten zu spielen. Zeit genug, um den Deutschen ein Ding reinzuhauen, nicht? Aber dann, ja, dann kamen jene rund sechs oder sieben Minuten, die die Fußballwelt noch nicht gesehen hat. In dieser kurzen Zeitspanne schossen die Deutschen vier, ja, vier Tore! Besser: die Brasilianer luden die Deutschen ein, ihnen die Tore zu machen. Kann man nicht glauben. Muss man aber. Pausenstand war demnach 5 : 0. Wir sprechen hier von einem Halbfinalspiel. Yep.

Hätte man beispielsweise die färöische Fußballnationalmannschaft  auf den Platz gestellt, sie hätte es wohl auch nicht besser oder schlechter als die gestrige Scolari-Truppe gemacht. Das ist die Crux bei der ganzen Sache. Wenn eine der vier weltbesten Fußballteams von einer Nationalmannschaft, die den 170. Weltrang einnimmt, ersetzt werden könnte, welche Berechtigung hat dann noch so ein Turnier? Schlimme und fürchterliche Niederlagen, gewiss, gab es schon immer. Dazu müssen wir gar nicht so weit in die Vergangenheit reisen, es reicht an dieser Stelle nur auf die Gruppenspiele zwischen Niederlande und Spanien (5:1) oder Frankreich : Schweiz (5:2) oder Deutschland : Portugal (4:0) hinzuweisen. Entsetzliche Niederlagen. Ja. Aber diese Spiele sind als Standortbestimmung zu verstehen. Die spanische Tiki-Taka-Fußballphilosophie wurde (endlich) zu Grabe getragen, der französischen Nationalmannschaft wurde (endlich) Leben eingehaucht und den Portugiesen ließ man wissen, dass Fußball immer noch ein Teamsport ist. Diese Spiele verblüfften, überraschten, aber sie schockierten niemanden. Doch nach der Standortbestimmung, nach der Gruppenphase, bleiben für gewöhnlich jene Mannschaften im Rennen, die das Prinzip Fußball verstanden haben. Natürlich sind manche Mannschaften spielerisch besser oder disziplinierter als andere. Das ist nun mal so. Oftmals wechseln sich in den KO-Runden Glück mit Unvermögen und Unvermögen mit Glück ab. Und hin und wieder erwischt die eine Mannschaft einen schlechten, die andere einen guten Tag. Shit happens, ja, aber nicht mit 7 Gegentreffern. Nicht mit 4 Gegentoren in 6 Minuten. Unter keinen Umständen.

Also, zurück zum Start. Das gestrige Spiel war eine Farce. Die deutsche Nationalmannschaft, es tut mir Leid sagen zu müssen, hat genauso ihren Anteil an der Entehrung des WM-Turniers wie die brasilianische Mannschaft. Vielleicht sogar einen größeren. Man erinnere sich an die hitzige Konfrontation zwischen Kapitän Luiz und Thomas „ich-will-Torschützenkönig-werden“ Müller, der mit großem Einsatz dem Brasilianer den Ball abzujagen versuchte. Luiz versuchte Müller klar zu machen, dass sie bereits sechs Tore geschossen hätten und wozu er sich dermaßen hineinsteigere. Müller dürfte es nicht verstanden haben oder wollte es nicht verstehen. Es ist, als würde man in einem Faustkampf auf einen bereits am Boden liegenden Gegner hintreten. Gewiss, es gibt kein Gesetz, keine Regel, dass man es nicht tun dürfe. Aber welches Zeichen sendet das Spiel in die Welt aus? Wie werden unsere Kinder dieses gestrige Ereignis verarbeiten? „Keine Gnade! Immer feste druf!“

Man muss nur das Interview von David Luiz, kurz nach dem Spiel, gehört und gesehen haben, um zu begreifen, was es heißt, auf das Schlimmste gedemüdigt worden zu sein. Herzzerreißend. Wirklich. Wer hier nicht den brasilianischen Abwehrchef trösten und herzen würde wollen, versteht vielleicht viel von Fußball, aber nichts von einem sportlichen Wettkampf. Man hat dem Gegner  Gesicht, Anstand und Würde zu lassen, so es sich um einen fairen sportlichen Wettkampf handelt – das ist meine Meinung. Ist das vielleicht nicht mehr so? Hat der machiavellische Geist – der Zweck heiligt die Mittel – nun endgültig den Siegeszug im Sport und im Fußball angetreten? Ist es das liebe Geld (besser: die Schuldenlast der Vereine!), das den Fußball Stück für Stück in den Abgrund reißt? Ist das Gewinnen so sehr in den Vordergrund gerückt, dass man das Zwischenmenschliche, das Gemeinschaftliche, das Menschliche völlig außer Acht lässt? Oder lebe ich in einer Phantasiewelt und verkläre die Vergangenheit?

Zurück zum Start. Deutschland zieht ins Finale ein. Brasilien wird um den dritten Platz spielen (müssen). Der Finalgegner wird heute zwischen den Niederlanden und Argentinien ermittelt. Beide Mannschaften haben gezeigt, dass sie die defensive Ordnung einigermaßen aufrechterhalten können. Ob das reicht, gegen die entfesselten und von der Leine gelassenen Deutschen, ist fraglich. Die Brasilianer haben nur für kurze Zeit Ordnung und fußballerischen Verstand verloren und wurden dafür schlimm bestraft. Als Finalgegner der Löw-Truppe würde ich mir wohl die Niederlande wünschen (wer hätte gedacht, dass ich das mal schreiben werde?). Warum? Weil die Deutschen wohl mehr Respekt vor Robben & Co als vor Messi & Co haben dürften. Weil die Niederländer in der Lage sind, den Raum eng zu machen, sie verschieben gut, strahlen offensiv eine stete Gefahr aus, haben den amtierenden Weltmeister regelrecht vorgeführt und schließlich gezeigt, dass sie mental und konditionell äußerst stark sind. Und Erzrivalen sind sie obendrein. Was nicht heißen soll, dass Robben und seine Mannen das Ticket fürs Finale schon fix gebucht haben. Da reicht bereits ein einziger Messi-Geniestreich aus, um die Niederländer aus ihren Träumen zu reißen. Weil gegen den angerührten argentinischen Beton ist nur schwer durchzukommen. Man darf gespannt sein.