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Im Wendekreis des Verlegers oder Was macht der Kundera auf dem Bücherhaufen?

Wer ein neues Domizil bewohnt, kann schon interessante Begegnungen haben. Wie so oft im Leben, wenn man den geradlinigen Weg verlässt und sich durch ein Gestrüpp aus Fragezeichen und Stirnrunzeln schlägt, dann erwarten einen – hin und wieder – erfreuliche Überraschungen. Diese Überraschungen sind es, die das kreativ künstlerische Leben befeuern. Würde man stupide seinen gedanklich im Vorhinein geordneten Ablauf folgen – nur nicht nach rechts oder links gucken, immer schön geradeaus weitergehen – es würde nichts Besonderes geschehen können (es sei denn, das Schicksal versperrt mit einem kleinen, eigentlich recht unbedeutenden Malheur den eingeschlagenen Weg). Wer also Künstler sein will (und nicht nur »Kohle schaufelnder Egomane«), der hat auch die Verpflichtung, vom Wege abzukommen. Für kleine Mädchen mit einem roten Käppchen ist das freilich nicht zu empfehlen. Aus Gründen.

Jedenfalls, wie ich mir meinen Weg zum Fenster bahne, entdecke ich Milan Kundera am Stapel liegen. Aha. Diese unerträgliche Leichtigkeit des Seins, wie man immer wieder hört, muss man gelesen haben. Wobei, müssen tut man freilich gar nichts, außer sterben (vermutlich liegt nicht von ungefähr Thomas Manns Tod in Venedig daneben). Also kurz reingeblättert und bemerkt, dass Stil und Satzkompositionen durchaus gefällig wirken – jedenfalls auf den ersten Seiten. Ach ja, als kreativ künstlerische Egomane möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass meine Schreibe einen gewisse Ähnlichkeit mit der seinen hat, aber als Literatur-Chamäleon tanze ich ja bekanntlich auf vielen Hochzeiten, nicht? Jedenfalls werde ich den Kundera zum Stapel der Bücher legen, die gelesen werden wollen. Und weil genau gegenüber des neuen Domizils eine moderne Bücherei der Stadt Wien ihre Niederlage (ja, so hieß Filiale im alten Wien) hat, sollte mir der Lesestoff in hundert Jahren nicht ausgehen. Gewiss, Wendekreis des Steinbocks von Henry Miller borgte ich mir in der Bücherei meines alten Heimatbezirks. Ja, jene alte Niederlage, in der ich schon als Schüler den Geruch alten Papiers einsaugte und hin und wieder verschämt feststellen musste, dass ich eines der geborgten Bücher zu Hause vergessen hatte. Natürlich muss sich ein Schriftsteller mit allerlei vergangenen Erlebnissen brüsten, die zeigen sollen, dass er bereits im zarten Alter der Jugend zu einem Literaten heranreifte. Bei mir reifte, ehrlich gesagt, recht wenig, abgesehen vielleicht von den kleinen Flausen. Und überhaupt: Der wahre Schriftsteller ist ein Stubenhocker, der beim schönsten Wetter zu Hause bleiben möchte. Wie sonst soll er jemals seinen Text zu Papier bringen?

Heute die E-Mail von O. erhalten, die mich als Verleger fragte, wie sie vorgehen soll, wenn sie ihren Text auf russisch (!) veröffentlichen möchte. Tja. EF. wiederum hat den Text zu einem Kinderbuch fertig und denkt lautstark über einen Selbstverlag nach (und hofft auf meine Unterstützung). Und ein Manuskript von FL., das bis Donnerstag gelesen werden möchte, liegt auch noch auf der (halben) Couch. Vom verlegerischen Drumherum, das hie und da erledigt gehört, ganz zu schweigen. Ja, so ist das. Hoppla, da fällt mir ein, dass nun endlich das Jugendbuch, an dem ich eine Weile am Layout arbeitete, diese Woche – ratzfatz – gedruckt werden wird. Hui. Ich bin mal gespannt, auf das Ergebnis.

 

Manstein und Miller oder Eros & Tanathos

Ein wenig seltsam mutet es auf dem ersten Blick an, wenn ich mir meine Bücher so besehe, die ich gerade lese. Zum einen Erich von Mansteins Verlorene Siege über seine Erfahrungen als Oberbefehlshaber Deutscher Truppen im Zweiten Weltkrieg, zum anderen Henry Millers Sexus über seine Erfahrungen als brotloser Herumtreiber im New York der frühen 1920er Jahre. Das eine Buch ist ein »origiastischer Hymnus auf die physische Liebe« (sagt der Klappentext, nicht ich), das andere eines der »bedeutendsten Werke über die Operation des Zweiten Weltkriegs« (sagt International Affairs, London). Wie das jetzt zusammenpasst kann ich nicht sagen, aber vielleicht hatte Reich-Ranicki ja recht, wenn er meinte, dass sich der Leser (vorrangig) nur für Liebe und Tod interessieren würde.

Eigentlich wollte ich auch über den Franz-Onkel schreiben, der als Soldat am Zweiten Weltkrieg teilnahm und in Kriegsgefangenschaft geriet. Er meinte, so hörte ich es jedenfalls, dass er das Schlimmste für Europa befürchte, würden die Deutschen (BRD & DDR) wieder zusammenkommen. Ich schätze, die bodenständige niederösterreichische und die weitausholende germanische Mentalität haben sich nicht wirklich vertragen. Aber eigentlich erwähne ich ihn an dieser Stelle nur deshalb, weil er nach dem Kriege bei einem Möbelgeschäft in St. Pölten gearbeitet hat. Sein Chef, ein gewisser Herr Leiner, wusste scheinbar Möbel zu verkaufen. Jahrzehnte später habe ich meine schmucke Sofa-Landschaft in einem seiner (für damalige Verhältnisse) luxuriös anmutenden Einkaufstempel erstanden. Aber auch das wäre jetzt keine sonderliche Erwähnung wert, würde ich mich nicht von der einen Hälfte trennen. Was mich wiederum zu allerlei Gedanken verführt, nämlich der Frage, warum es so einfach ist, Dinge zu kaufen, aber um so schwieriger und aufwändiger, diese Dinge wieder zu verkaufen oder (warum auch nicht?) zu verschenken?

Würden wir ein intaktes wirtschaftliches und gesellschaftliches System leben, dann würde sich unser Dasein nicht nur um das Produzieren und Konsumieren drehen, sondern, wie bestehende Dinge im Kreislauf verbleiben können, um Ressourcen und Nerven zu sparen. Aber da wir uns vorrangig Gedanken um Eros und Tanathos machen, tja, werde ich wohl auf meiner halben Couch sitzen bleiben. Hübsches Wortspiel, nicht?

 

Henry Miller, Klaus Kinski und der Wendekreis im Nexus

Ich habe kein Geld, keine Zuflucht, keine Hoffnungen.
Ich bin der glücklichste Mensch der Welt.
Wendekreis des Krebses
Henry Miller

Das Layout für das Magazin LF soweit fertig und die Daten an die Druckerei verschickt; der Satz und den Umschlag für das phantastische Jugendbuch über fünf verschollene Kinder in einer ersten Version erledigt; Kostenvoranschlag für Erstellung eines E-Books für VS. in der gedanklichen Warteschleife. Ein bisschen Zeit also, um kurz über Gelesenes der vergangenen Wochen zu resümieren. Vor allem sticht hier Henry Miller  und Klaus Kinski heraus.

Miller und Kinski – auch wenn sie unterschiedlichen Generationen angehörten – sind sich nicht unähnlich gewesen. Beide auf der Suche. Beide litten, darbten, hungerten. Miller im Paris der 1920er und 1930er, Kinski im Nachkriegsdeutschland der 1950er. Immer wieder erschütternd, wenn der wohlbehütete Leser der Gegenwart mit dem schonungslosen Überlebenskampf konfrontiert wird. Freilich, die beiden hätten es auch anders haben, hätten sich in das System – vulgo Hamsterrad – eingliedern können. Aber sie waren zu ego-zentriert, zu leidenschaftlich, zu verrückt, als das sie für längere Zeit mit dem Strom schwimmen wollten. Aber alles hat seinen Preis. Wirklich.

Wenn wir uns heute im Kunstbetrieb umsehen, dann merken wir, dass es zu aller erst um den „Betrieb“ geht, dann erst kommt die „Kunst“. Wir treiben gegenwärtig einen Quantitäts-Fetisch auf die Spitze. Wo immer man hinkommt, überall werden einem die Verkaufszahlen, die Auflagen, die exorbitanten Auktionserlöse, die ausverkauften Wiederholungskonzerte um die Ohren geschlagen. Jeder musisch Inspirierte, der da nicht mithalten kann, wird ohne Zögern aussortiert und auf den Abfall geworfen. Punkt. Aus. Dazupassend der Artikel über alternde 30jährige Fußballgrößen und bekannte Rockstars jenseits der 60.

Möchte man also über Menschen lesen, die sich weder beugen noch brechen lassen, dann ist man bei Miller und Kinski gut aufgehoben. Freilich, auch sie haben Zugeständnisse und Kompromisse machen müssen: Miller bettelte und schnorrte und er hoffte beinahe täglich, dass ihm seine Frau in New York Geld überweisen würde; Kinski spielte jeden „Dreck“, so lange ihm die Produzenten eine gehörige Summe anboten. Die beiden autobiographisch gefärbten Bücher sind jedenfalls spannender zu lesen als jede gut konstruierte Fiktion. Miller und Kinski muss man einfach empfehlen. Gerade in Zeiten, in denen die Balance zwischen Mensch (Emotion) und Maschine (Geist) nicht mehr stimmt. Aber das ist eine andere Geschichte.