Schlagwort-Archive: historie

Als Nietzsche Streit suchte: die Verschwörung der Leidenden

Wir leben gerade in sonderbaren Zeiten. Nichts ist mehr, wie es ist, alles ist, wie es scheint. Jede Aussage, und mag sie noch so trivial sein, wird einer Analyse unterzogen – und wehe, es stellt sich heraus, dass mit dem Gesagten die neue Moral verletzt oder das „Gute“ verunglimpft wurde. Wie konnte es soweit kommen?

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Der Beginn der Märchenstunde in den USA 2020 oder Malcolm X hat uns etwas zu sagen

Sollten wir später einmal auf den Frühling des Jahres 2020 zurückblicken und über die Ereignisse offen und ehrlich befinden dürfen (bei der derzeitigen Zensur-Wut zweifelhaft), sollten wir immer im Hinterkopf behalten, dass jedes Märchen – genauso wie jede überlieferte Historie – einen wahren Kern hat. Die Frage ist nur, ob man sich getraut, zu diesem Kern vorzudringen.

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Bernward Vesper: Die Reise – ein rückblick im Drogenrausch der Geschichte

Es hat viel Geduld gebraucht, um Bernward Vespers nachgelassene Autobiographie zu Ende zu lesen – immerhin musste der Umfang von rund 700 Taschenbuchseiten bewältigt werden. Falls Sie den Autor nicht kennen, nun, laut Klappentext war er der Sohn eines „prominenten NS-Schriftstellers“ und der Lebensgefährte von Gudrun Ensslin, ihres Zeichen Mitglied in der Roten Armee Fraktion (RAF). Das Buch blieb unvollendet – Bernward Vesper nahm sich 1971 in der Hamburger Psychiatrischen Universitätsklinik das Leben und hinterließ seinen 4-jährigen Sohn Felix.

Dass dieser Text überhaupt veröffentlicht werden konnte – meine gelesene Taschenbuch-Ausgabe erschien 2012 im Verlag Rowohlt – ist als kleines Wunder anzusehen. Die Themen, die Vesper ausschweifend behandelt, werden von den Sittenwächtern nicht goutiert und liebend gern unter den Teppich gekehrt. Gut möglich, dass der Text in naher Zukunft nur noch in einer kommentierten Ausgabe erscheinen darf. O tempora o mores.

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Filmkritik und Gedanken zum 1. Weltkrieg: 1917 #Kino #Historie

Der neue Film von Regisseur Sam Mendes hat ordentlich Oscar-Nominierungs-Staub aufgewirbelt. Der Titel 1917 verrät bereits, dass es hier um eine Geschichte von Männern und Soldaten geht, die im Weltkriege tun, was getan werden musste. Die Tour de Force zweier britischer Soldaten durch Niemands- und Feindesland ist handwerklich gekonnt umgesetzt. Die Idee, den Film so zu drehen, dass der Zuschauer den Eindruck gewinnt, es gäbe nur eine durchgehende Kamerafahrt, die den beiden Protagonisten vom Anfang bis zum Ende begleitet, ist das hervorstechendste Merkmal und riecht nach einem Oscar in der Kategorie Cinematography.

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Heureka eines Wahrheitssuchers

Wenige Tage vor Ostern, dem höchsten Fest der Christenheit, dämmerte mir eine mögliche Wahrheit, die plötzlich die nähere Vergangenheit in einem neuen, vor allem aber sinnvolleren Lichte erscheinen ließ. Kurz und gut, ein Wink des Geistes bedeutete mir, dass der große Konflikt des 20. Jahrhunderts ein Glaubenskrieg gewesen sei. Dadurch ist es erklärlich, warum jene Glaubensrichtung, die den (vorläufigen) Sieg davon trug, alles unternahm – und noch immer unternimmt – um den unterworfenen Glauben vollkommen auszulöschen. Es erinnert dabei an jene dunklen Zeiten, als Katholiken über Ketzer herfielen und europäische Kreuzzüge gegen Andersgläubige ausgerufen und mit brachialer Gewalt durchgeführt wurden. Viele, die ihrem Glauben nicht abschwören wollten, mussten auf den Scheiterhaufen. Aufrührerische Burgvogte wurden belagert, die Verteidiger nach Eroberung nicht geschont, die Reliquien, denen man habhaft wurde, vernichtet, all die schriftlichen Aufzeichnungen, die sich finden ließen, zu Asche verwandelt. Die Geschichtsschreiber zu Rom formulierten freilich immer nur ihre Seite der Ereignisse, die der guten und gerechten, sozusagen göttlichen Sache zuzurechnen war. Die andere Seite wurde mit tiefstem Hass und größter Verachtung bedacht. Niemand sollte sich mehr an diesen Irrglauben erinnern.

Wenig ist noch übrig, von all diesen verschiedenen ur-christlichen Glaubensrichtungen – zu meist sind es Mythen und Sagen, vielleicht leben sie in den Minne-Gesängen der Gralslegende fort, aber der Schlüssel, um die Wahrheit ans Licht zu bringen, ist längst verlorengegangen. Oder – es wäre nicht unmöglich – oder es gibt sie noch, jene Ritter, die das Geheimnis ihres Glaubens zu bewahren wissen und nur die Edlen und Reinen darüber einzuweihen trachten.

Im Übrigen war der dreißigjährige Krieg (1618-1648) kein Glaubenskrieg im engeren Sinne. Vielmehr wurde die religiöse Diskrepanz der Obrigkeit dazu verwendet, um weltliche Forderungen durchzusetzen und das europäisch-deutsch-römische Machtverhältnis zu verschieben. Landsknechte und Söldner, auf beiden Seiten, ließen es an Grausamkeit nicht mangeln, fühlte man sich im göttlichen Recht. Aber am Ende, nach dreißig Jahren, waren die deutschen Lande ausgeblutet und ausgebeutet. Es gab nichts mehr zu holen, also machte man Frieden und unterzeichnete zum ersten Male einen Vertrag, der Königen und Fürsten Glaubensfreiheit zusicherte. Schließlich war man zivilisiert.

Kriegsverbrecher müsste es viele gegeben haben, damals. Angeklagt, so weit ich weiß, wurde keiner. Die göttliche Strafe, davon ist auszugehen, muss jeden früher oder später getroffen haben. Es sei denn, er stand auf der richtigen Seite.

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Minne ist Gedenken und Erinnerung.

»Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.«
Jean Paul