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Wider der Propaganda: ORF.at und die Abschiebung Dutzender Babys

 

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Ich möchte heute einen Artikel auf ORF.at näher beleuchten. Auf der Eingangsseite ist der Beitrag wie folgt betitelt:

Australien – Weg frei für Abschiebung Dutzender Babys

Klickt man auf das Foto (es zeigt einen Mann, der zwei Kinder bei sich hat), öffnet sich die Seite mit dem Artikel, der folgende Headline aufweist:

Heftige Kritik an Internierungslagern

Im Browser wird die Seite mit Umstrittenes Urteil in Australien angezeigt. Einen Autor weist der Artikel nicht auf. Darin heißt es am Ende des ersten Absatzes:

Das Urteil sorgt weltweit für Schlagzeilen.

Wann ist die Phrase „weltweit für Schlagzeilen sorgen“ angebracht und wann nicht? Wie viele Zeitungen müssen über dieses australische Gerichtsurteil schreiben, damit für „weltweite Schlagzeilen“ gesorgt ist? Zählen dabei nur Aufmacher auf der Titelseite? Mit anderen Worten, diese Phrase ist eine gern eingeschobene Propaganda-Floskel, die den Anschein erweckt, das behandelte Thema wäre von „weltweitem Interesse“. Wenn es also „die ganze Welt“ interessiert, dann muss es auch den gewöhnlichen Leser interessieren, natürlich.

Australien steht regelmäßig wegen seiner restriktiven Flüchtlingspolitik in der Kritik.

Der letzte Satz des ersten Absatzes ist eine Behauptung, die freilich von den großen privaten und öffentlich-rechtlichen Medienhäusern nicht belegt werden muss. Es wird der Eindruck erweckt, eine globale Bevölkerungsmehrheit würde die australischen Behörden kritisieren, weil diese eine „restriktive“ Flüchtlingspolitik anwenden. Stimmt das? Ist nicht nachweisbar, wird aber dem Leser so „verkauft“.

Der Artikelschreiber benutzt das Wort „Flüchtlingspolitik„, obwohl es eine leere Worthülse ist, die sehr ungenau ist und deshalb mit allerlei hochtrabendem Brimborium gefüllt werden kann. Es ist nun mal so, dass zu einem souveränen Staat eine Grenze gehört – ohne Grenze kein souveräner Staat. Jeder Staat muss sich also mit Grenzübertritten von staatsfremden Personen auseinandersetzen. Diese Auseinandersetzung mit „Flüchtlingspolitik“ zu beschreiben, ist polemisch, weil nicht jeder Einreisewillige ein Flüchtling sein muss. Falls Sie Ihren Urlaub in Australien verbringen möchten, werden Sie für gewöhnlich nicht auf einer Insel interniert, bis Ihr Rückflugtermin gekommen ist. Genausowenig werden staatsfremde Personen, die von australischen Unternehmen oder Fußballclubs ins Land geholt werden, nach meinem Wissen nirgendwo gegen ihren Willen festgehalten. Und jene einreisewilligen staatsfremden Personen, die den Behörden nachweisen können, dass sie über ausreichend Vermögen verfügen und/oder in einem gefragten Berufsfeld Ausbildung und Erfahrung mitbringen, werden m. E. nicht abgewiesen.

Im Beitrag heißt es weiter:

Jede Mutter, so die Frau aus Bangladesch, habe das Recht auf ein gutes Leben an einem sicheren Platz für ihre Familie.

Für mich stellt sich die Frage, warum die Mutter diese Forderung nicht in ihrem Heimatland Bangladesch erhoben hat. Im allwissenden Wikipedia erfährt der interessierte Leser, dass es sich bei Bangladesch um eine demokratische Republik handelt und dort die öffentlichen Schulen kostenlos, sowohl von Mädchen als auch Buben, besucht werden können. Soweit ich weiß, ist das Land nicht im Krieg, somit ist die Frage, warum die Mutter in diesem Artikel den Status „Flüchtling“ zugesprochen bekommt.

Der ehemalige deutsche Bundesrichter Udo di Fabio schreibt in einem Gutachten: „Das Grundgesetz garantiert nicht den Schutz aller Menschen weltweit durch faktische oder rechtliche Einreiseerlaubnis. Eine solche unbegrenzte Rechtspflicht besteht auch weder europarechtlich noch völkerrechtlich.“

Eine Senatsermittlung kam unlängst zu dem Schluss, dass die Internierungsbedingungen unangemessen und unsicher sind. Auch Menschenrechtsgruppen erheben schwere Vorwürfe.

Im Artikel wird der Leser nicht darüber informiert, welche Internierungsbedingungen als angemessen und sicher angesehen werden. Denn, dass es eine Form der Unterbringung geben muss, steht ja außer Frage, meinen Sie nicht auch? Oder möchten Sie, dass traumatisierte Flüchtlinge im australischen Outback herumirren und am Ende verdursten oder von giftigen Schlangen gebissen werden? Sollte man nicht all den unbedarften Menschen, die große Reisestrapazen auf sich genommen haben, über die Gefahren in Zivilisation und Natur aufklären? Was denken Sie, wie man sich um 1900 in den USA um die Flüchtlinge aus Europa „gekümmert“ hat? Findige Kapitalisten haben die jungen Leute in Ellis Island abgeholt und sie in menschenunwürdigen Sweat Shops gesteckt, wo sie für ein paar Cent ihre Arbeiten verrichten mussten. Ist es also das, was jene Gutmeinenden unterschwellig im Kopf haben, wenn sie von unwürdigen Internierungsbedingungen sprechen und diese Sammelstellen kurzerhand aufgelöst wissen wollen?

Sogar Israel, deren Bevölkerung ja mit Sicherheit eine Abscheu gegenüber Sammellager innewohnt, lädt männliche Infiltratoren in ihr open detention center in der Wüste von Negev ein. Falls der Einreisewillige sich entschließen sollte, wieder in sein Heimatland zurückzukehren, erhält er von den Behörden USD 3.500,- auf die Hand. Ob es sich bei der Zahlung um Schmerzensgeld für die Internierung oder eine Form der Reisekostenerstattung handelt, kann ich nicht sagen.

Conclusio: Der Artikel ist – wieder einmal – nichts anderes als emotionale Propaganda. Generell gilt, immer dann, wenn in einem Medienbeitrag „Babys“ eine zentrale Rolle spielen, dann wollen die bezahlten Schreiberlinge den Leser auf ihre Seite ziehen. Gerne vergisst man die leidige Brutkastenlüge, die mit ein Grund ist, warum es im Nahe Osten so menschenunwürdig zugeht. Hören wir zu guter Letzt noch einmal den ehemaligen deutschen Bundesrichter:

Di Fabio warnte bereits seit Wochen vor einer Zersetzung des Rechts in der Migrationsfrage. Gegenüber dem Deutschlandradio sagt er: „Was wir heute teilweise erleben in der Migrationskrise, ist, dass Recht nicht mehr angewandt wird. Dafür kann es gute praktische Gründe geben, aber das muss jemanden, der an den Rechtsstaat denkt, mit Sorge erfüllen.“ Und in einem Beitrag für den „Cicero“ schreibt er: „Die Staatsgrenzen sind die tragenden Wände der Demokratien. Wer sie einreißt, sollte wissen, was er tut. Es mag schwer sein, Grenzen in einer wirksamen und zugleich humanen Weise zu schützen, aber diese Aufgabe kann keine Regierung entgehen.“ [link]

Kurz und gut, für ein Dutzend Babys – die in australischen Spitälern von australischen Ärzten zur Welt gebracht wurden – reißen wir die Grenzen nieder, hängen den souveränen Staat an den Nagel und feiern mit den anderen 6,9 Milliarden Brüdern und Schwestern die neue grenzenlose Freiheit™. Und wenn wir schon dabei sind, wer braucht dann noch Gegensprechanlagen und Wohnungstüren? Hinfort damit! Nie wieder wollen wir andere aussperren. Sollte uns jedoch jemand die Partylaune verderben, weil er meint, er wolle sich – notfalls mit Gewalt – gegen unerwünschte Besucher schützen, dann ist er ein Feind der neuen grenzenlosen Freiheit™ und solch uneinsichtigen Hassprediger sollen in Zukunft in der Hölle Wüste von Negev schmoren.

 

 

Israel & Gaza: Die Sichtweise im Mainstream, im Sommer 2015

Einmal Israel und zurück
Einmal Israel und zurück. Virtuell, versteht sich.

Falls Sie Gelegenheiten hatten, die konservative Qualitätszeitung Die Presse am Sonntag durchzublättern, dürfte Ihnen der lange Artikel und das großflächige Foto auf Seite 4 und 5 nicht entgangen sein. Drei junge Burschen sind auf einem Dach zu sehen – lesend, sitzend, stehend -, die israelische Flagge weht im Wind und der blaue Himmel besänftigt jedes erhitzte Gemüt. Ach. Idylle ich’s nenn. Ja, so wirkt dieses friedliche Bild der Austria Presse Agentur. Vielleicht ist ihnen aber ein kleines Detail aufgefallen. Es sind keine Waffen zu sehen. So soll ja das Foto für israelische Gaza-Siedler stehen und diese sind für gewöhnlich bewaffnet – sei es beim Spaziergang, sei es beim Shoppen. Sie wissen schon: Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Um einen objektiven Eindruck von der Situation in Israel, Gaza und den Siedlungen zu bekommen, sollten Sie nicht auf den Mainstream angewiesen sein. Dort lesen und hören Sie seit Jahrzehnten immer nur das gleiche Mantra: Israel verteidigt die Demokratie im Nahen Osten und ist gezwungen, Gewalt anzuwenden, um die Mitbürger vor (terroristischen) Übergriffen zu schützen.

»Ein Terrorist ist jemand, der eine Bombe hat, aber über keine Luftwaffe verfügt. // A terrorist is someone who has a bomb but doesn’t have an air force«, übers. n. William Blum, Rogue State, Zed Books, London 2006, S. 123.

Ich empfehle die Graphic Novel des französischen Comic-Zeichner Guy Delisle: Aufzeichnungen aus Jerusalem. Das Buch beinhaltet die Erfahrungen bezüglich seines Aufenthalts in Israel – mit Kind und Kegel. Seine Frau war damals für eine NGO über ein Jahr lang vor Ort tätig. Sie werden staunen, welch Fülle an Informationen in dieser (dicken) Graphic Novel zu finden sind: Über den Alltag der Menschen vor Ort – seien sie Israelis oder Palästinenser, Europäer oder Amerikaner – bis hin zu politischen und religiösen Zusammenhängen, die Sie so nicht im Mainstream zu hören oder lesen bekommen. Erst wenn man aufgeklärt wird, was in Israel und den besetzten Gebieten vor sich geht, kann man beginnen, Realität und mediales Wunschkonzert auseinanderzuhalten.

Man muss sich nur den Artikel in Die Presse am Sonntag zu Gemüte führen, um zu verstehen, wie subtile Propaganda funktioniert. Achten Sie dabei immer auf das beigefügte Foto. Ein Bild, wir wissen es ja, sagt mehr als tausend Worte. Sollte der Leser den langen Text nicht lesen wollen, so wird unbewusst bewusst ein „friedliches Israel“ in seinem Kopf verankert. Im Gegensatz dazu werden Fotos von Palästinenser in der Regel so ausgewählt, dass der gutgläubige Leser unbewusst bewusst „Gewalt und Aggression“ assoziiert. [Erinnern Sie sich vielleicht noch an meine bloggende Der Standard-Mainstream-Schelte vor einer Woche? Am Titelblatt der Zeitung, in der rechten Ecke, gab es ein kleines Foto: Darauf war ein junger Mann zu sehen – vermummt mit einem Palästinensertuch! – der gerade über einen brennenden Autoreifen zu springen schien und dazu der Text: „Nach dem Tod eines Kleinkinds bei einem Brandanschlag auf ein Haus im Westjordanland kam es zu Unruhen.“].

Und dann sind es die immerwiederkehrenden Schlüsselstellen, die unbewusst bewusst die Notwehr Israels bekräftigen: „Drei Kriege fochten Israel und die Hamas im Gazastreifen seit dem Abzug aus. Jedesmal landeten Rakten auch in Nitzan.“ Erstens gibt es keinen palästinensischen Staat, deshalb darf man den Konflikt nicht als „Krieg“ bezeichnen und da die Hamas eine demokratisch legitimierte Regierung stellt (ob einem das gefällt, wie ein Volk wählt, steht hier nicht zur Debatte), kann man nur schwerlich gegen diese „Krieg“ führen.

Stellen Sie sich vor, die FPÖ würde bei der nächsten Nationalratswahl als Sieger hervorgehen und H. C. Strache mit der Regierungsbildung beauftragt werden. Daraufhin erklärt die Türkei der FPÖ den Krieg und beginnt mit der Bombardierung des Parlaments und des Rathauses und fordert die Österreicher auf, der „terroristischen“ Regierung den Rücken zu kehren. Wenig später wird ein österreichischer Tourist in Ankara in eine Schlägerei verwickelt und verletzt einen jungen Türken schwer. Daraufhin übt die türkische Regierung „Vergeltung“ und bombardiert die Per Albin Hansson Siedlung, die Hochburg „fanatischer FPÖ-Terroristen“. Der europäische Mainstream würde über diesen „Krieg“ natürlich berichten – interessanterweise sehen Sie aber so gut wie keine Fotos der Zerstörung, die die Bomben in Wien angerichtet haben, sondern vielmehr den verletzten jungen Mann am Krankenbett (der Kopf bandagiert, daneben seine Mutter, die traurig dreinblickt) sowie die fürchterlich zugerichtete Taverne nach der Schlägerei. Jetzt können Sie besser nachvollziehe, wie es einem Bewohner dort unten geht, dessen Vater oder Sohn oder Enkel oder Mutter oder Tochter von einer der „Vergeltungs“- bzw. „Notwehr“-Bomben zerfetzt wurde: »Aber es gab andere Bomben, die selbst den norwegischen Chirurgen im Shifa-Krankenhaus neu waren … und die kennen sich mit so was verdammt gut aus … Man hatte den Eindruck, die Bomben würden von unten nach oben explodieren … sie zerfetzen Muskeln, Beine und Knochen … da gab es nichts mehr zu flicken, man konnte nur noch unterhalb der Hüfte amputieren. Kein schöner Anblick …«, lässt Guy Delisle die NGO-Mitarbeiterin und Augenzeugin Cécile auf Seite 172 sagen.

Sie werden reflexartig einwerfen, dass es aber die „Raketen“ aus Palästina seien, die den blutigen Schlamassel erst auslösen. Okay. Guter Einwand. Hören wir, was der damals 83-jährige israelische Politiker und Friedensaktivist Uri Avnery dazu meint:

Die isarelische Armee, einer der modernsten in der Welt, hat keine Antwort auf die Qassam-Raketen, eine der primitivsten Waffen. Diese ungeleitete Kurzstrecken-Rakete (benannt nach Izz-ad-Din al-Qassam, der erste Palästinenser, der 1935 in der Schlacht gegen die britische Oberhoheit getötet wurde) ist nicht mehr als ein Rohr, das mit hausgemachten Sprengmaterial gefüllt ist. In einem vergeblichen Versuch, den Abschuss der Qassam-Raketen zu verhindern, dringt die israelische Armee in regelmäßigen Abständen in Städte und Dörfer des Gaza-Streifens ein und veranstaltet eine Schreckensherrschaft. Vor einer Woche drangen sie in Beit-Hanoun ein und töteten mehr als 50 Menschen, viele davon waren Frauen und Kinder. In dem Moment, als die Armee wieder abzog, begannen die Palästinenser mit dem Abschuss so vieler Qassams auf Ashkelon wie nur möglich, um der israelischen Armeeführung zu beweisen, dass solch blutige Übergriffe sie nicht in die Knie zwingen würden. […] Laut dem israelischen Sprichwort: „Wenn Gewalt nicht funktioniert, werde gewalttätiger“. […] Wer ist Schuld? Zuallererst ist es die Geisteshaltung, die sich in der Armee verbreitet. Kürzlich verriet Gideon Levy, dass ein Bataillons-Kommandant seine Soldaten, die 12 Palästinenser getötet hatten, mit den Worten lobte: „Wir haben mit 12:0 gewonnen!“ […] Ein Zyniker würde wohl sagen: Demokratie ist wunderbar, es verschafft dem Wähler die Möglichkeit, den Idioten, den er das letzte Mal gewählt hat, mit einem neuen Idioten zu ersetzen.

[meine Übersetzung:] The Israeli army, one of the most modern in the world, has no answer to the Qassam, one of the most primitive of weapons. This short-range unguided rocket (named after Izz-ad-Din al-Qassam, the first Palestinian fighter, who was killed in 1935 in a battle against the British authorities of Palestine) is little more than a pipe filled with home-made explosives. In a futile attempt to prevent the launching of Qassams, the Israeli forces invade the towns and villages of the Gaza Strip at regular intervals and institute a reign of terror. A week ago, they invaded Beit-Hanoun and killed more than 50 people, many of them women and children. The moment they left, the Palestinians started to launch as many Qassams as possible against Ashkelon, in order to prove that these incursions do not deter them. […] According to the Israeli saying: If force doesn’t work, use more force. […] Who is to blame? First of all, the spirit that has gained ground in the army. Recently, Gideon Levy disclosed that a battalion commander praised his soldiers for killing 12 Palestinians with the words: „We have won by 12:0! […] A cynic might say: Democracy is wonderful, it enables the voter to kick out the moron they elected last time and replace them with a new moron.

Uri Avnery
Call It What It Is: a Massacre

Pseudo-Realität anno Juli 2014

rege
Am Ende des Regenbogens, da liegt es vergraben!

Es ist wahrlich nicht leicht, seriöse Quellen zu finden, die den gewöhnlichen Bürger aufrütteln, ihn sozusagen aus der ihn umgebenden Pseudo-Realität herausführen können. Andererseits bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob diese Wachrüttelei überhaupt noch möglich ist, ganz abgesehen von der Frage, ob sie überhaupt Sinn macht. Da lobe ich mir den amerikanischen Pioniergeist, dieses in der Brust lodernde Feuer und die damit verbundene absolute Gewissheit, dass Freiheit und Wahrhaftigkeit (und ne Jagdflinte) am Ende gegen jede Tyrannei obsiegen werden. Fein. Den Deutschen und Österreichern ist dieses Selbstbewusstsein 1945 respektive 1918 förmlich herausgerissen worden. Ob zu recht oder zu unrecht steht auf einem anderen Papier. Es ist jedenfalls Fakt, dass die beiden Völker nie mehr zu sich selbst zurückgefunden haben. Ja, beide haben ihre Vergangenheit gekappt und ihre Wurzeln vergiftet. So ist es nur folgerichtig, dass der von mir sehr geschätzte Schweizer Uni-Professor Daniele Ganser in einem Interview den Schluss zieht, dass Deutschland ein Vasall Washingtons ist und es sich – aus deren Sicht – noch immer um ein besetztes Land handelt [link].

Der Ukraine-Konflikt – mit all den Haupt- und Nebenschauplätzen – ist für Außenstehende kein bisschen zu verstehen. Hier wird, ein weiteres Mal, imperiale Weltpolitik in die tödliche Tat umgesetzt. Die Liste all dieser Interventionen ist bereits so lange, dass man sie gar nicht fassen kann. Unmöglich. Die Einträge reichen vom „Überfall“ auf Mexiko 1846 über die „Falle“ in Afghanistan 1979 bis hin zur „Auslöschung“ Libyens 2011. Falls Sie wirklich ein Interesse daran haben, Konflikte verstehen zu wollen, dann müssen sie zu aller erst Washington (nicht die USA) als imperiale Macht verstehen, die dem Römischen Imperium frappierend ähnelt. Danach gilt es zu begreifen, dass an den Schalthebeln nur analytische Schachspieler sitzen, deren Aufgabe es ist, ein vorgegebenes Ziel zu erreichen. Dabei ist jedes, wirklich jedes Mittel recht. Der gewöhnliche Mensch kann diese Kaltblütigkeit nicht im Ansatz ermessen. Kein bisschen. Deshalb würde er die (schlimme) Wahrheit, würde man sie ihm auf dem Silbertablett servieren, nicht akzeptieren können. Unmöglich. Weil nicht sein kann, was in seinen Augen nicht sein darf. In den Worten des damaligen FBI-Chefs J. Edgar Hoover hört sich das dann so an:

»The individual is handicapped by coming face-to-face with a conspiracy so monstrous he cannot believe it exists. The American mind simply has not come to a realization of the evil which has been introduced into our midst. It rejects even the assumption that human creatures could espouse a philosophy which must ultimately destroy all that is good and decent.«

Edgar Hoover, „Communist ›New Look‹: A Study in Duplicity“, in: Elks Magazine Ausgabe August 1957, Hrsg.: BPO Elks of the USA, Chicago, S. 48.

»Der Einzelne tut sich schwer eine Verschwörung zu sehen, die so monströs ist, dass er gar nicht glauben kann, dass sie überhaupt existiert. Der amerikanische Verstand hat bis jetzt nicht begriffen, welches Übel in unsere Reihen eingeschleust wurde. Der Verstand lehnt sogar die Annahme ab, dass Menschen eine Philosophie entwickeln könnten, die darauf abzielt, alles Gute und Anständige zu zerstören.« [meine Übersetzung]

In Bezug auf den Israel-Palästina-Konflikt gibt es nicht viel zu sagen, will man sich nicht den Mund verbrennen. Ich denke, es reicht, den offenen Brief eines norwegischen Arztes zu lesen, der in einem Spital in Gaza seinen freiwilligen Dienst versieht und mitansehen muss, wie Stunde um Stunde eine neue Welle an Verwundeten und Schwerverletzten – Kinder, Frauen und Männer jeden Alters – angeschwemmt wird. [link]

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Mein Versuch, auf 600 Seiten Licht ins Dunkle zu bringen.

Eine Wahrheit über Israel, eine andere über Iran und was es uns über die westliche Demokratie erzählt

ein wichtiges Buch

Auf der Frankfurter Buchmesse führte mich der Zufall zur blauen Couch, auf der Bahman Nirumand, ein älterer Exil-Iraner, Platz nehmen und über den gegenwärtigen Israel-Iran-Konflikt erzählen durfte. In einer halben Stunde (Video abrufbar in der ZDFmediathek) erfuhr das Messe-Publikum erstaunliche Fakten – im Besonderen über die Politik Israels gegenüber Palästina und den angrenzenden Staaten, als auch über den MI6/CIA-Putsch, der 1953 den demokratisch gewählten iranischen Präsidenten Mussadegh stürzte. Das sehr offen geführte Gespräch hat mich ziemlich überrascht. Der geneigte Leser sollte nämlich wissen, dass die pro-israelische und pro-amerikanische Lobby weltweit tätig ist und jeglicher Kritik im Mainstream zu begegnen weiß. Es ist müßig hier über das Pro und Contra dieser »jüdisch-amerikanischen Schutzmaßnahme« zu befinden, wichtiger ist vielmehr, dass der gewöhnliche Bürger (historische) Fakten und (propagandistische) Fiktionen zu erkennen und zu trennen versteht. Deshalb ist das neue Buch von Nirumand mit dem sehr einfach gehaltenen Titel Iran Israel Krieg: Der Funke zum Flächenbrand  dringend zu empfehlen. Der Text ist leicht verständlich und wurde auf etwa 100 Seiten untergebracht, somit ist es gerade für all jene interessant, die sich in kurzer Lesezeit ein einigermaßen objektives Bild dieses anschwellenden Nahost-Konflikts machen wollen.

Ich würde dem interessierten Leser vorschlagen, dass er nach dem ersten Kapitel: »Die Achse Teheran – Tel Aviv« (S. 7 – 11) gleich zum Kapitel »Israel« (Seite 67 – 95) springt, bevor er sich dem längeren Kapitel »Iran« widmet. Das hat Gründe. Zum einen erachte ich die Bestandsaufnahme der israelischen Politik von Nirumand als akkurat recherchiert – er redet Tacheles -, zum anderen ist sie kurzweilig geschrieben und als gewöhnlicher Bürger sollte man aus dem Staunen nicht mehr herauskommen, was im Mainstream über Israels Politik verschwiegen oder verzerrt dargestellt wird. Die Ansicht des Autors über das iranische »Regime« unter der Führung von Präsident Mahmud Ahmadinedschad ist freilich nicht objektiv, aber wir dürfen das auch nicht von Nirumand erwarten, ist er doch ein iranischer Dissident im Exil. Aber sehr schön, wie er die Unterscheidung zwischen »Regime«/Regierung und »seinem« Iran und der Bevölkerung macht (generell sollte man immer solch eine Unterscheidung treffen, das gilt auch für demokratische Staaten).

Vor dem Wagenbach Verlag muss man den Hut ziehen. Da braucht es eine gehörige Chuzpe, um so ein Buch zu veröffentlichen, das die Schattenseiten einer israelischen Politik schonungslos auf den Punkt bringt; ja, das ist keine Selbstverständlichkeit, schon gar nicht für einen deutschen Verlag. Und es mag die Ironie der Sache sein, dass gerade besagter Ahmadinedschad, »mediengieriger« Präsident eines »Regimes« (der immerhin in der UN-Versammlung darauf verzichtete, Comics zu zeichnen), vor sechs Jahren im Gespräch mit einer Wochenzeitung aus Hamburg zu einer Feststellung gelangte, die weder von freien Polit-Funktionären noch von unabhängigen Journalisten in Deutschland gedacht werden dürfen:

»Zu sagen, dass wir die Welt, so wie sie ist, akzeptieren sollen, bedeutet, dass die Sieger des Zweiten Weltkriegs noch 1000 Jahre Siegermächte bleiben und dass das deutsche Volk noch 1000 Jahre erniedrigt werden muss. Denken Sie, das ist die richtige Logik?«
Gerhard Spörl, Stefan Aust und Dieter Bednarz, „Wir sind entschlossen – Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad über den Holocaust, die Zukunft des Staates Israel, über Fehler Amerikas im Irak und Teherans Anspruch auf Nuklearenergie.“, in: Der Spiegel vom 31.05.2006.
http://www.spiegel.de/spiegel/a-418312.html  

Zu guter Letzt bleibt vielleicht der Wermutstropfen, dass Nirumand nicht immer richtig liegt und vielleicht auch in die eine oder andere propagandistische Falle des Mainstream getappt ist, zum Beispiel wenn er meint, dass die neuen Kommunikationstools (facebook, E-Mail, twitter, …) im arabischen Frühling eine große Rolle gespielt hätten oder dass er einen »großen Wahlbetrug« nur in einem repressiven iranischen Regime ortet, während in den USA im Jahr 2000 George W. Bush junior unter den wunderlichsten Umständen ins Präsidentenamt gehievt wurde. Überhaupt, wenn ich über Nirumands Darstellung der gegenwärtigen Zustände im Iran lese, werde ich immer wieder an die USA des 21. Jahrhunderts erinnert. Ins Detail möchte ich diesbezüglich nicht gehen, aber es sollte reichen, wenn man daran erinnert wird, dass US-Präsident und Friedensnobelpreisträger Barack Obama die Tötung zweier Dissidenten (im amerikanischen Sprachgebrauch: Terroristen) persönlich befohlen hatte, ohne dabei Beweise offen zu legen. Würde ich die Sache zynisch auf die Spitze treiben, würde ich zum Schluss kommen, dass kein populärer Kritiker der Regimes bzw. Regierungen in Israel, Iran und in den USA seines Lebens sicher sein kann. Gut, dass ich noch kein Zyniker geworden bin.

Über einen Flächenbrand auf dem blauen Sofa, FFM12

Freitag Morgen ist es auf der Messe einigermaßen angenehm, das Flirren der Besucher hat sich noch nicht ins Extreme gesteigert. Da sah es gestern schon ganz anders aus. Apropos Gestern. Am blauen Sofa wurde über die Befindlichkeit zwischen Iran und Israel befunden. Ich möchte in Wien noch im Detail darauf eingehen, deshalb notiere ich mir nur eine Hand voll Sätze, die ich aus dem Gedächtnis zitiere. Später werde ich sie, soweit möglich, richtig stellen oder verifizieren. Eventuell könnte man das Interview im Web oder im TV sehen. Eventuell.

Der iranische Autor im Exil, Bahman Nirumand, ein Dissident des gegenwärtigen Regimes/der gegenwärtigen Regierung, sprach Tacheles (pun intented) und hielt sich nicht mit Kritik zurück.

„Die Medienberichte über Israel und Iran sind falsch!“
„Israel hat 250 Atomsprengköpfe.“
„Was Israel in Palästina macht, ist nicht human.“
„Die damalige iranische Regierung unter Präsident Mussadegh, demokratisch gewählt, wurde durch einen CIA-Putsch gestürzt.“

Er kritisierte das „iranische Regime“ harsch, ließ aber auch kein gutes Haar an der israelischen Politik. In gut 30 Minuten hörte man endlich einmal jene Informationen, die einen sonst im Mainstream vorenthalten werden. Leider bremste auch Nirumand auf halber Strecke, aber seine Aussagen sind wohl das Höchste der Wahrheit, die man im Mainstream noch erreichen kann. Natürlich versuchte der Interviewer durch bestimmte Fragen Einfluss auf das Gespräch zu nehmen und eine übliche Tendenz herzustellen. Sollte ich ein Transkript oder eine Aufzeichnung des Interviews finden, werde ich das Gespräch Stück für Stück auseinander nehmen um aufzuzeigen, wie Mainstream funktioniert. Aus dem Stegreif solch ein brisantes Thema abzuhandeln ist nicht zu empfehlen.

Auf dem Schweizer Gemeinschaftsstand fragte ich nach dem eidgenössischen Professor Ganser und ob vielleicht sein neues Buch ausgestellt sei. Ein verschmitztes Lächeln konnte die Dame nicht unterdrücken, als sie meinte „Das werden sie hier nicht finden.“

Dafür in Halle 8.0 auf das Buch Addicted to Profit aufmerksam geworden. Gegen Ende des Messetags, als es bereits hoch her ging (ja, die Iren und Schotten wissen zu feiern) und ich das Buch gerade durchblätterte, hörte ich die süffisant-ironische Meldung, ob wir nicht alle „addicted to profit“ wären und dass wir deshalb ja hier wären. Darauf fragte ich, ob er das gut fände. Er antwortete mit einem kurzen Nein, dann ging er mit seinem Bierglas davon. Vielleicht treffe ich ihn ja heute beim Stand. Dazupassend natürlich Joseph Stiglitz, der heute ebenfalls am blauen Sofa Platz nehmen und über den „Preis der Ungleichheit“ sprechen wird. Und über die Occupy-Bewegung hört man am Vormittag auch nocht etwas. Hm. Hier im Herzen der Finanz- und Bankenwelt? Das sollte einen bereits ein wenig nachdenklich stimmen,nicht?.