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Über das Stranden und Scheitern

AufstandDerDinge
(c) Insel Verlag, Frankfurt 1973

Die Welt gewöhnt sich an alles. Durch den Meister-Trick, den Geschichte sich ausgedacht hat, durch den Kniff, das Gedächtnis bei jeder Geburt neu beginnen zu lassen, erreicht sie: Die Welt gewöhnt sich an alles. [S.15]

Am Sonntag, auf einem großen Pfarrflohmarkt, mehrere ältere Bücher erstanden. Eines davon heißt Aufstand der Dinge: Byzantinische Aufzeichnungen und ist von einem gewissen (und mir unbekannten) Erhart Kästner, das er 1973, knapp vor seinem Tode, publizierte. Der Autor beschreibt darin seine Reisen und Aufenthalte in Griechenland und Istanbul – reale Ausflüge gesellen sich zu gedanklichen. Es ist der Rückblick eines gealterten Mannes, der erkennen muss, wie ihm die Welt entgleitet: „Welt immer fortgerissen, geraubt, verschleppt und versteckt und gestohlen. Mundus rapidus.“

Die Sprache Kästner ist keine leichte. Man merkt seinen mächtigen Erfahrungsschatz, seine gutbürgerliche Bildung und das Wissen um eine antike Vergangenheit. In manch einem der Sätze, so wirkt es jedenfalls auf mich, fühlt man die Melancholie des Loslassens. Es ist immer nur Rückblick, niemals Rückkehr.

In diesem Buch war es, als ich die ursprüngliche Bedeutung von „scheitern“ erfuhr und dass es mit „stranden“ in Beziehung stand. Denn, ein Segelschiff konnte einstmals „stranden“, also auf Grund laufen, oder an einer Klippe „scheitern“, das heißt, in seine (Holz)Scheite zerfallen. Faszinierend, nicht? Überhaupt bemerke ich meinen Drang, der einen oder anderen Wortbedeutung bzw. Wortherkunft nachzuspüren. Hat es mit dem Alter zu tun? Will man auch im Wort die reine Wahrheit suchen und finden?

Da fällt mir ein, dass ich am Sonntag nicht nur dieses Buch erstand, sondern auch in einer „Qualitätszeitung“ blätterte. Abscheu und Ekel vermischten sich mit Verständnislosigkeit und Fatalismus. Deshalb versuche ich für gewöhnlich all diesen „unabhängigen“ und „freien“ Presseprodukten fern zu bleiben. Sie vergiften jeden Gedanken.

Die Welt gewöhnt sich an alles. Hätten die Türken, woran doch nur eine Haares Breite gefehlt hat, auch den Sankt Stephans Dom in eine Moschee umgewandelt: die Welt hätte es auch hingenommen. Nach Zeit und Weile würden die Reisenden mit denselben ungenauen Gefühlen, mit denen sie jetzt die Kirche der Hagia Sophia begehen, die Moschee Sankt Stephan betrachten. [S. 15]

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