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Zur Staatsgründung Israels vor 70 Jahren

Uri Avnery war damals, am 14. Mai 1947 als Ben-Gurion die Gründung des Staates Israel ausrief, in der israelischen Armee und somit Zeitzeuge der damaligen Geschehnisse. Trotz seines hohen Alters schreibt und politisiert er immer noch. Sehr zum Leidwesen der israelischen Rechten. Zum 70-jährigen Bestehen seines Heimatlandes hat er einen empfehlenswerten persönlichen Artikel darüber geschrieben:  The Great Day

Hier ein interessanter Auszug, den ich mir erlaubt habe, zu übersetzen:

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Was, wenn die Historie verfälscht ist?

Eines der größten Mysterien ist die von Menschenhand und Menschengeist erdachte Geschichte selbst. Der gutgläubige Weltbürger – hüben wie drüben – kann unmögliche die monströse Wahrheit auch nur im Ansatz begreifen, nämlich dass die Historie einfach nur Fiktion ist. Nichts ist wie es scheint.  All die Bücher, Spielfilme und TV-Dokumentationen dienen nur dazu, die historische Fiktion als unumstößliche Tatsache in unseren Köpfen zu verankern. Die Zukunft wird weisen, ob wir der historischen Wahrheit nachspüren dürfen – aber wenn ich mir die gegenwärtige gesellschaftspolitische Situation so ansehe, dann befürchte ich, dass es alsbald eine kafkaeske Inquisitionsbürostelle der Europäischen Union geben wird, deren Aufgabe es ist, Angst und Schrecken unter Skeptikern, Theoretikern und abtrünnigen Professoren zu verbreiten.

 

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Israel & Gaza: Die Sichtweise im Mainstream, im Sommer 2015

Einmal Israel und zurück
Einmal Israel und zurück. Virtuell, versteht sich.

Falls Sie Gelegenheiten hatten, die konservative Qualitätszeitung Die Presse am Sonntag durchzublättern, dürfte Ihnen der lange Artikel und das großflächige Foto auf Seite 4 und 5 nicht entgangen sein. Drei junge Burschen sind auf einem Dach zu sehen – lesend, sitzend, stehend -, die israelische Flagge weht im Wind und der blaue Himmel besänftigt jedes erhitzte Gemüt. Ach. Idylle ich’s nenn. Ja, so wirkt dieses friedliche Bild der Austria Presse Agentur. Vielleicht ist ihnen aber ein kleines Detail aufgefallen. Es sind keine Waffen zu sehen. So soll ja das Foto für israelische Gaza-Siedler stehen und diese sind für gewöhnlich bewaffnet – sei es beim Spaziergang, sei es beim Shoppen. Sie wissen schon: Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Um einen objektiven Eindruck von der Situation in Israel, Gaza und den Siedlungen zu bekommen, sollten Sie nicht auf den Mainstream angewiesen sein. Dort lesen und hören Sie seit Jahrzehnten immer nur das gleiche Mantra: Israel verteidigt die Demokratie im Nahen Osten und ist gezwungen, Gewalt anzuwenden, um die Mitbürger vor (terroristischen) Übergriffen zu schützen.

»Ein Terrorist ist jemand, der eine Bombe hat, aber über keine Luftwaffe verfügt. // A terrorist is someone who has a bomb but doesn’t have an air force«, übers. n. William Blum, Rogue State, Zed Books, London 2006, S. 123.

Ich empfehle die Graphic Novel des französischen Comic-Zeichner Guy Delisle: Aufzeichnungen aus Jerusalem. Das Buch beinhaltet die Erfahrungen bezüglich seines Aufenthalts in Israel – mit Kind und Kegel. Seine Frau war damals für eine NGO über ein Jahr lang vor Ort tätig. Sie werden staunen, welch Fülle an Informationen in dieser (dicken) Graphic Novel zu finden sind: Über den Alltag der Menschen vor Ort – seien sie Israelis oder Palästinenser, Europäer oder Amerikaner – bis hin zu politischen und religiösen Zusammenhängen, die Sie so nicht im Mainstream zu hören oder lesen bekommen. Erst wenn man aufgeklärt wird, was in Israel und den besetzten Gebieten vor sich geht, kann man beginnen, Realität und mediales Wunschkonzert auseinanderzuhalten.

Man muss sich nur den Artikel in Die Presse am Sonntag zu Gemüte führen, um zu verstehen, wie subtile Propaganda funktioniert. Achten Sie dabei immer auf das beigefügte Foto. Ein Bild, wir wissen es ja, sagt mehr als tausend Worte. Sollte der Leser den langen Text nicht lesen wollen, so wird unbewusst bewusst ein „friedliches Israel“ in seinem Kopf verankert. Im Gegensatz dazu werden Fotos von Palästinenser in der Regel so ausgewählt, dass der gutgläubige Leser unbewusst bewusst „Gewalt und Aggression“ assoziiert. [Erinnern Sie sich vielleicht noch an meine bloggende Der Standard-Mainstream-Schelte vor einer Woche? Am Titelblatt der Zeitung, in der rechten Ecke, gab es ein kleines Foto: Darauf war ein junger Mann zu sehen – vermummt mit einem Palästinensertuch! – der gerade über einen brennenden Autoreifen zu springen schien und dazu der Text: „Nach dem Tod eines Kleinkinds bei einem Brandanschlag auf ein Haus im Westjordanland kam es zu Unruhen.“].

Und dann sind es die immerwiederkehrenden Schlüsselstellen, die unbewusst bewusst die Notwehr Israels bekräftigen: „Drei Kriege fochten Israel und die Hamas im Gazastreifen seit dem Abzug aus. Jedesmal landeten Rakten auch in Nitzan.“ Erstens gibt es keinen palästinensischen Staat, deshalb darf man den Konflikt nicht als „Krieg“ bezeichnen und da die Hamas eine demokratisch legitimierte Regierung stellt (ob einem das gefällt, wie ein Volk wählt, steht hier nicht zur Debatte), kann man nur schwerlich gegen diese „Krieg“ führen.

Stellen Sie sich vor, die FPÖ würde bei der nächsten Nationalratswahl als Sieger hervorgehen und H. C. Strache mit der Regierungsbildung beauftragt werden. Daraufhin erklärt die Türkei der FPÖ den Krieg und beginnt mit der Bombardierung des Parlaments und des Rathauses und fordert die Österreicher auf, der „terroristischen“ Regierung den Rücken zu kehren. Wenig später wird ein österreichischer Tourist in Ankara in eine Schlägerei verwickelt und verletzt einen jungen Türken schwer. Daraufhin übt die türkische Regierung „Vergeltung“ und bombardiert die Per Albin Hansson Siedlung, die Hochburg „fanatischer FPÖ-Terroristen“. Der europäische Mainstream würde über diesen „Krieg“ natürlich berichten – interessanterweise sehen Sie aber so gut wie keine Fotos der Zerstörung, die die Bomben in Wien angerichtet haben, sondern vielmehr den verletzten jungen Mann am Krankenbett (der Kopf bandagiert, daneben seine Mutter, die traurig dreinblickt) sowie die fürchterlich zugerichtete Taverne nach der Schlägerei. Jetzt können Sie besser nachvollziehe, wie es einem Bewohner dort unten geht, dessen Vater oder Sohn oder Enkel oder Mutter oder Tochter von einer der „Vergeltungs“- bzw. „Notwehr“-Bomben zerfetzt wurde: »Aber es gab andere Bomben, die selbst den norwegischen Chirurgen im Shifa-Krankenhaus neu waren … und die kennen sich mit so was verdammt gut aus … Man hatte den Eindruck, die Bomben würden von unten nach oben explodieren … sie zerfetzen Muskeln, Beine und Knochen … da gab es nichts mehr zu flicken, man konnte nur noch unterhalb der Hüfte amputieren. Kein schöner Anblick …«, lässt Guy Delisle die NGO-Mitarbeiterin und Augenzeugin Cécile auf Seite 172 sagen.

Sie werden reflexartig einwerfen, dass es aber die „Raketen“ aus Palästina seien, die den blutigen Schlamassel erst auslösen. Okay. Guter Einwand. Hören wir, was der damals 83-jährige israelische Politiker und Friedensaktivist Uri Avnery dazu meint:

Die isarelische Armee, einer der modernsten in der Welt, hat keine Antwort auf die Qassam-Raketen, eine der primitivsten Waffen. Diese ungeleitete Kurzstrecken-Rakete (benannt nach Izz-ad-Din al-Qassam, der erste Palästinenser, der 1935 in der Schlacht gegen die britische Oberhoheit getötet wurde) ist nicht mehr als ein Rohr, das mit hausgemachten Sprengmaterial gefüllt ist. In einem vergeblichen Versuch, den Abschuss der Qassam-Raketen zu verhindern, dringt die israelische Armee in regelmäßigen Abständen in Städte und Dörfer des Gaza-Streifens ein und veranstaltet eine Schreckensherrschaft. Vor einer Woche drangen sie in Beit-Hanoun ein und töteten mehr als 50 Menschen, viele davon waren Frauen und Kinder. In dem Moment, als die Armee wieder abzog, begannen die Palästinenser mit dem Abschuss so vieler Qassams auf Ashkelon wie nur möglich, um der israelischen Armeeführung zu beweisen, dass solch blutige Übergriffe sie nicht in die Knie zwingen würden. […] Laut dem israelischen Sprichwort: „Wenn Gewalt nicht funktioniert, werde gewalttätiger“. […] Wer ist Schuld? Zuallererst ist es die Geisteshaltung, die sich in der Armee verbreitet. Kürzlich verriet Gideon Levy, dass ein Bataillons-Kommandant seine Soldaten, die 12 Palästinenser getötet hatten, mit den Worten lobte: „Wir haben mit 12:0 gewonnen!“ […] Ein Zyniker würde wohl sagen: Demokratie ist wunderbar, es verschafft dem Wähler die Möglichkeit, den Idioten, den er das letzte Mal gewählt hat, mit einem neuen Idioten zu ersetzen.

[meine Übersetzung:] The Israeli army, one of the most modern in the world, has no answer to the Qassam, one of the most primitive of weapons. This short-range unguided rocket (named after Izz-ad-Din al-Qassam, the first Palestinian fighter, who was killed in 1935 in a battle against the British authorities of Palestine) is little more than a pipe filled with home-made explosives. In a futile attempt to prevent the launching of Qassams, the Israeli forces invade the towns and villages of the Gaza Strip at regular intervals and institute a reign of terror. A week ago, they invaded Beit-Hanoun and killed more than 50 people, many of them women and children. The moment they left, the Palestinians started to launch as many Qassams as possible against Ashkelon, in order to prove that these incursions do not deter them. […] According to the Israeli saying: If force doesn’t work, use more force. […] Who is to blame? First of all, the spirit that has gained ground in the army. Recently, Gideon Levy disclosed that a battalion commander praised his soldiers for killing 12 Palestinians with the words: „We have won by 12:0! […] A cynic might say: Democracy is wonderful, it enables the voter to kick out the moron they elected last time and replace them with a new moron.

Uri Avnery
Call It What It Is: a Massacre