Schlagwort-Archive: kapitalismus

Antisemitismus, Redefreiheit und der Zwang zum Schweigen

Rund 230 Jahre ist es nun her, als der gute Immanuel Kant seinen Aufsatz über die Aufklärung schrieb. Zwei Jahrhunderte sind ins Land gezogen, viel Geschichte ist in dieser Zeit passiert und es dünkt mir, dass gewisse Kräfte diesen Geist der Aufklärung am liebsten wieder in die Flasche zurückzwingen wollten.

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BuchQuartier 2017 und ein Gespräch über Gott und die Welt

Das war es also, das BuchQuartier 2017. Der Markt der Independent- & Kleinverlage im Wiener MuseumsQuartier ist Geschichte. Samstag und Sonntag gesellte ich mich zu all den kleinen und kleinsten Verlagen mit einem Verkaufstisch in den sogenannten Freiraum, während die Platzhirschen der österreichischen Verlagsszene in der Ovalhalle Aufstellung nehmen durften. Es fühlte sich an, als würde man wieder zur Schule gehen. Dort die lässig coolen Maturanten, die bereits per Du mit der Lehrerschaft sind und da die Erstklässler, die bereits zufrieden sind, wenn sie von den Älteren nicht angepöbelt werden. So mag es auch nicht weiter verwundern, wenn auf der einen Seite der Rubel rollte, auf der anderen der Trubel sich trollte. Das Wortspiel dürfen Sie gerne mit nach Hause nehmen.

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Als der Himmel voller Bücher hing

Gestern, vor 8 Jahren, ist die Buchpräsentation zu Die Liebesnacht des Dichters Tiret im Wiener MQ über die Bühne gegangen. Der kleine Filmclip lässt das Geschehen Revue passieren. Damals war ich noch recht naiv in den verlegerischen Schlagabtausch gegangen; ja, ich dachte, es gäbe  Chancengleichheit, weil, heißt es nicht, der freie Markt ist für alle da? Aber je mehr ich in das kapitalistische Drumherum drang, desto klarer wurde mir die Aussichtslosigkeit all der ambitionierten Davids, die sich gegen die marktmächtigen Goliaths zu stemmen versuchen. Talente, Gaben und Tugenden sind keine umsatzsteigernden Eigenschaften. Auch der junge Goethe musste das zu Beginn seiner Karriere feststellen, als er auf einen Berg selbst publizierter Götz-Bücher saß und seinen Freunden Brandbriefe schrieb: „Hört, wenn ihr mir wollet Exemplare von Götz verkaufen, ihr tätet mir einen Gefallen.“ [Siehe Seite 176]

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The Wolf of Wall Street oder Das Ringelspiel des Händlergeistes

„The name of the game, moving the money from the client’s pocket to your pocket.“

Endlich Martin Scorseses dreistündiges Geld-ist-geil-Märchen The Wolf of Wall Street gesehen. Der Film erzählt die wahre Geschichte von Jordan Belfort, einem unbedeutenden Jungen aus der New Yorker Bronx, der Ende der 1980er die Gelegenheit beim Schopfe packt, und über die Jahre mit »Wertpapieren« viel, sehr viel Geld scheffelt. Natürlich lässt er Moral und Legalität außen vor – immerhin geht es für ihn um das große Ganze:

The real question is this: was all this legal? Absolutely f***ing not. But we were making more money than we knew what do with.

Schließlich, Belfort kann den Hals nicht genug bekommen – sei es Frauen, Drogen und (vor allem) Geld -, beginnt sein Stern zu sinken. Mitte der 1990er Jahre wird der Wolf der Wall Street zu vier Jahren Haft verurteilt – davon sitzt er schlussendlich 22 Monate ab. Wieder in Freiheit schreibt er seine Autobiographie und beginnt, als Motivationstrainer durch die Welt zu wandern. Und wenn er nicht gestorben ist, tut er es wohl noch heute.

Die erste Frage, die sich ein skeptisch-kritischer Cineast stellt, ist, warum zum Teufel ausgerechnet Martin Scorsese sich solch eines Themas annehmen wollte. Zugegeben, die Exzesse, die sich die Protagonisten erlauben, sind nicht von schlechten Eltern. Das abgehobene Geld-Drogen-Frauen-Ringelspiel dreht sich und dreht sich und dreht sich. Als geerdeter Zuschauer kann einem da ganz schön schwindlig werden. Aber was, verdammt noch mal, will uns Scorsese, der Sohn sizilianischer Einwanderer, mit alledem vor Augen führen?

Ich habe eine Weile über das Gesehene nachgedacht, habe mir meine Gedanken gemacht und bin dabei auf den deutschen Ökonom und Soziologen Werner Sombart (1863-1941) gestoßen. Falls Sie den Namen schon mal gehört haben, werden Sie jetzt vermutlich einen nervösen Schluckauf bekommen. Aber ich kann Sie beruhigen, es geht hier nicht um Verallgemeinerung und Schuldzuweisung, sondern vielmehr um eine mögliche Erklärung, warum Scorsese ausgerechnet das Leben von Jordan Belfort auf Zelluloid bannte.

Es gibt auf dieser Welt, wenn man so will, einen ständigen Kampf zwischen einer natural-qualitativen und einer abstrakt-quantitativen Betrachtung bzw. Auffassung und Bewertung. Vereinfacht gesagt, geht es bei alledem um die Gegensätzlichkeit zwischen Handwerks- und Händlergeist. Der Handwerker, wie es ihn jedenfalls in der alten Gesellschaft gegeben hatte, war in einem organischen Gefüge eingegliedert. Er musste Rohstoffe beziehen, diese mit Werkzeuge bearbeiten und die an ihn gerichtete Nachfrage zur Zufriedenheit aller Beteiligten stillen. Da der Ort seiner Produktion auch der Ort seines Lebensmittelpunktes war, gab es für ihn und seiner Familie für gewöhnlich kein Entkommen, d.h. er war Bestandteil der sozialen und sittlichen Ordnung im gesellschaftlichen Gefüge. Kurz und gut, kein Handwerker konnte es sich erlauben, minderwertige Erzeugnisse herzustellen, ohne dass er mit Schimpf und Schande und Strafe bedacht worden wäre. Der (fahrende) Händler wiederum schlug nur für eine notwendige Verweildauer die Zelte auf und pries seine Waren an, die er jedoch nicht mit seinen Händen geschaffen hatte. Für ihn machte es keinen Unterschied, ein Paar Schuhe oder ein Paar Strümpfe gegen Münzen einzutauschen. Während sich der Handwerker mit seinen Erzeugnissen identifizierte – sie waren sozusagen ein Teil von ihm – konnte der Händler gegenüber seinen Waren völlig wertfrei agieren, ja, ging es ihm doch nur darum, die Waren recht flott gegen gutes Geld an den Mann bzw. an die Frau zu bringen. Während der Handwerker für ein Erzeugnis viele Arbeitsstunden investieren musste, konnte der Händler innerhalb kurzer Zeit viele seiner Waren vertreiben.

Wir müssen hier gar nicht akademisch-abstrakt denken, vielmehr genügt der gewöhnliche Hausverstand, um die Unterschiede zwischen Handwerks- und Händlergeist zu erkennen: Da der sesshafte, dort der bodenlose. Da der fleißige, dort der auf seine Gelegenheit wartende. Da der Recht schaffen(d)e, dort der Gewinn machende. Da der langfristige, dort der kurzfristige Gedanke. Da die qualitative, dort die quantitative Bewertung. Da die Ordnung, dort die Unordnung. Da die Aufrichtigkeit, dort die Verkaufslüge. Da die moralische Grundlage, dort die kaufmännische Basis. Und so weiter und so fort.

Der Kapitalismus, im Sinne von Sombart, ist sozusagen der Händlergeist, der alle Bereiche der Gesellschaft durchzieht. Und hier machen wir wieder den Bogen zurück, zu Scorseses The Wolf of Wall Street. Der junge Belfort, noch ist er ein unbeschriebenes Blatt, wird in den Kreis der (Börsen)Händler aufgenommen und erhält von Matthew McConaugheys Charakter beim Mittagessen in einem luxuriösen Restaurant die Initiation: Wenn du viel Geld hast, kannst du dir so gut wie alles erlauben – auch und gerade in einem (Fress-)Tempel der herrschenden Klasse. Damit ist der junge Belfort, ein Außenseiter, der sich der herrschenden Klasse völlig unterlegen fühlt, mit dem Händlervirus infiziert und es braucht nicht lange, bis der Virus seine Wirkung an ihm und seine getreuen Mitstreiter, die sich ebenfalls als Außenseiter verstehen, entfaltet.

Bitte beachten Sie, dass der Händlergeist in keiner Weise mit einer Rasse, einer Religion, einer sozialen Gruppe unzertrennlich in Verbindung zu stehen hat. Jeder, und das zeigt gerade der Film, ist diesem Geist, dieser abstrakt-quantitativen Auffassung ausgeliefert und es braucht nicht viel, um junge und ehrgeizige Menschen, die sich ungerecht in die Schranken gewiesen sehen, dafür zu gewinnen. Bestes Beispiel mag das schwarzafrikanische Hip Hop-Narrativ in den USA sein – hier ist es ein Gewalt-Geld-Frauen-Drogen-Ringelspiel. Man könnte sich als skeptischer Geist natürlich fragen, warum sich dieses Narrativ gerade in diese Richtung entwickelt hat. Eine mögliche Antwort gibt uns Prof. Jerry Kroth in seinem Vortrag The Media Matrix: How propaganda and mass media are impacting America’s contact with reality. 

Scorsese zeigt uns zu guter Letzt den geläuterten Belfort, der nun nicht mehr andere mit allerlei Tricks und Kniffe über den Tisch zu ziehen versucht. Was tut er? Er motiviert Menschen. Er motiviert sie, den abstrakt-quantitativen Geist an- zunehmen und die moralischen Bedenken über Bord zu werfen. Kurz und gut, er gibt den Virus weiter. Mit all den Konsequenzen – für den Einzelnen genauso wie für die Gesellschaft. In der letzten Einstellung sehen wir die gewöhnlichen Gesichter gewöhnlicher Menschen – keine Schauspieler, keine Statisten – die allesamt hoffen, von Belfort erleuchtet und auf den richtigen Weg zum Geld geführt zu werden.

Falls Sie von dieser Thematik nicht genug bekommen können, empfehle ich den im Jahr 1992 gedrehten Film Glengarry Glen Ross anzuschauen. Aber ich warne Sie, im Gegensatz zum bunten und komödiantischen The Wolf of Wall Street ist das glänzend gespielte Bühnenstück im höchsten Maße deprimierend. Weil es den Abgrund zeigt, der auf uns wartet. Und Rettung ist keine in Sicht.

Gedanken zum Wiener Stadtgespräch mit Ulrike Hermann

Hermann_Wien_Mai2015

Der eine oder andere Gedanke zum gestrigen Wiener Stadtgespräch mit Ulrike Hermann, Wirtschaftskorrespondentin der genossenschaftlich organisierten Berliner Zeitung TAZ und Autorin von Sachbüchern, die sich kritisch mit dem Kapitalismus auseinandersetzen. Wer sich für das zweistündige Gespräch, geführt von Peter Huemer, interessiert, hat die Möglichkeit, die Aufzeichnung demnächst hier anzugucken und anzuhören.

Ja, Ulrike Hermann trifft mit ihrer Kritik den richtigen Ton, macht auf neoliberale Irrtümer aufmerksam („es gibt heutzutage keinen freien Markt, die Wertschöpfungskette wird von transnationalen Konzernen vollkommen beherrscht“), fordert ein Umdenken der Mittelschicht in Bezug auf Vermögens- und Erbschaftssteuer sowie Bankgeheimnis („es gibt keine Vermögensdaten, niemand weiß, wer von den Top 1% wie viel wirklich hat“), lehnt das „Freihandelsabkommen“ TTIP ab („Konzerne könnten dann Regierungen verklagen, wenn sie das Gefühl haben, ihre Profite würden durch ein neues Gesetz geschmälert“), wünscht sich, dass Österreich gegen das Lohndumping Deutschlands protestiert („Schäuble kapiert es wirklich nicht: Höhere Löhne sind gut für die Wirtschaft“), glaubt an ein Platzen der Finanzblase in absehbarer Zeit („viele wissen schon gar nicht mehr, wohin mit dem Geld und kaufen sich einen Picasso um 180 Mio Dollar“) und prophezeit mit dem Versiegen der Rohstoffe auch das Ende des Kapitalismus.

Über die Entstehung des Kapitalismus gegen Ende des 18. Jahrhunderts in England gibt es viele Theorien (lt. Hermann über dreißig). Sie geht davon aus, dass es die hohen Löhne im Land waren, die Fabrikanten dazu „zwangen“, in moderne und effiziente Gerätschaften zu investieren. Auf diese Weise schufen sie Kapital und setzten die Wachstumsspirale in Gang. Ich gehe wiederum davon aus, dass die Entstehung mit den englischen Kolonien zu tun hatte: zum einen konnte London Nahrungsmittel und Rohstoffe zu günstigen Preisen importieren (auf diese Weise konnte man die zuvor so dringend benötigten Landarbeiter in die neuen Fabriken stecken), zum anderen konnte London die produzierten Güter zu hohen Preise in die Kolonien exportieren – nicht umsonst revoltierten die amerikanischen Siedler gegen den „Kaufzwang“ englischer Produkte, nicht umsonst wurden souveräne Staaten mit Waffengewalt gezwungen, ihre „Märkte“ zu öffnen (bezeichnende Beispiele dafür sind China und Japan). Kurz und gut: Ohne Überfluss an Nahrungs- und Lebensmittel, sowie an Rohstoffen und Skrupellosigkeit gäbe es keinen Kapitalismus. Das sind jedenfalls meine two cents dazu.

Erfreulich, dass sich Ulrike Hermann getraut, nicht nur die Vermögensverteilung anzuprangern („rund 70 % der Deutschen besitzen so gut wie nichts“), sondern auch die Anonymität der Vermögensinhaber. Und in der Anonymität liegt die Macht! Das sage nicht ich, das sagte der Industrielle Walther Rathenau, Sohn des Unternehmensgründer der AEG, im Jahre 1912. Da liegt der Hase im Pfeffer.

Ein halbes Dutzend Männer an der Spitze der fünf Großbanken (Big Five Banks) könnten das Gerüst der Staatsfinanzierung zum Einsturz bringen, in dem sie von einer Verlängerung amerikanischer Staatsanleihen Abstand nehmen.“ „Half a dozen men at the top of the Big Five Banks could upset the whole fabric of government finance by refraining from renewing Treasury Bills.“

Financial Times, 26. September 1921.
zit. n. Caroll Quigley in Tragedy & Hope.