richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

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Notwendige Gedanken zur Epoche ‚WhatsApp‘

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Ich habe mich sehr lange gegen ein SmartPhone gewehrt, aber die weltlichen Umstände – immer sind es diese, die Ungläubige zum Glauben bringen – ließen mir keine andere Wahl. Seit mehreren Monaten trage ich also ein elektronisches Schweizermesser mit mir herum. Und wahrlich, es spielt alle Stücke und die ganze Klaviatur. In meiner Kindheit, in meiner Jugend, ich hätte alles für so ein Wunderding gegeben. Man stelle sich vor, es gab zu meiner Zeit, in meiner Epoche, öffentliche Telefonzellen auf der Straße und gerade einmal zwei TV-Kanäle für den gefühlt ne Tonne wiegenden Röhrenapparat – später traute ich meinen Augen nicht, als Telekabel in Testgebieten eine Hand voll ausländischer TV-Sender in die Wohnzimmer zauberte. Die „digitale“ Kommunikation lief damals über fest angeschlossene (Viertel-)Telefone der Post – heutzutage kennt man das Ganze unter dem Begriff „Festnetz“ – und die behördlichen Auflagen waren ziemlich streng. Damals verärgerte mich diese Einschränkung – kein Wunder also, wenn ich Anfang der 1990er Jahre ein in Österreich nicht zu habendes US-Schnurlostelefon (samt Anrufbeantworter) bei mir zu Hause „installierte“. Ja, wer damals auf moderne Technik setzen wollte, musste gehörig viel Geld, Geduld und Mut mitbringen. Wahrlich, diese gelebte Vergangenheit fühlt sich wie eine längst vergangene Epoche an, die – so kommt es einem vor – bereits in der Bibel beschrieben ist.

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Herbstlicher August und sommerliche Erinnerungen

Die Mitte des Augustes macht den jungen Menschen nicht sonderlich froh. Die Aussicht, in bälde wieder die Schulbank zu drücken, drückt unweigerlich auf die Stimmung und das Gemüt. Jedenfalls galt es für den Schreiber dieser Zeilen, dem es nicht um die Ferien, sondern um die Absenz von Schule ging. Mit Erstaunen stelle ich immer wieder fest, dass es auch Kinder gegeben hat, die sich auf den Schulanfang freuten. Zu diesen gehörte ich jedenfalls nicht. Definitiv nicht. Schule, das ist Zwang, Autorität und Unfreiheit. Damals, als kleiner Junge, konnte ich es freilich noch nicht so benennen. Ich brachte es – mehr insgeheim – auf den Punkt, dass ich nicht recht wollte. Aber weil das keine hinreichende Begründung war, beugte ich mich dem gesellschaftlichen Druck und der Maxime „Jeder muss!“

Über Schule zu schreiben, als Erwachsener, ist so eine Sache und man setzt sich recht leicht in die Nesseln. (es sei denn, man heißt Goscinny). Wir dürfen nicht vergessen, dass es da draußen und in meiner näheren Umgebung eine Vielzahl an Kinder gibt, die vermutlich genausowenig Lust haben, sich einem Diktat zu unterwerfen, wie ich es damals hatte. Würde ich mich darüber laut und bunt auslassen, würde es nur Öl ins kindliche Feuer gießen (»Schau, Papa, er wollte auch nicht in die Schule gehen!«). Überhaupt, sich in schulische Belange einzumischen führt zu nichts. Zu viele Köche, die da seit Jahr und Tag darangehen, den Brei zu verderben. Ich bin jedenfalls der festen Überzeugung, dass eine Bildungseinrichtung vollends versagt, wenn Absolventen mit unkritischen Gedanken zu einer Gratiszeitung greifen, weil sie sich darin informiert wähnen. Aber wollen wir die Kirche im Dorf lassen und froh sein, dass wir jedermann lesen und schreiben und rechnen beibringen. Vielleicht holprig, aber immerhin.

E. liest gerade mein, zum dritten Mal überarbeitetes Con$piracy und merkte schon nach einem Drittel an, dass die Informationsflut ungebremst auf den Leser niedergehe. Gerade kommt mir der Gedanke, ob ich den Über-Infodumping-Kapiteln eine leicht verständliche persönliche Abhandlung gegenüberstellen soll. Somit wäre gewährleistet, dass sich der Leser ein wenig erholen kann. Hm. Andererseits, warum es dem Leser leicht machen?

Gestern mit S. über allerlei verschwörungstheoretische Machenschaften geplaudert. S., der sich schon vor geraumer Zeit informiert hatte, meinte, dass er »desillusioniert« sei. Später relativierte er die Aussage und sagte, dass er dann doch eine optimistische Grundhaltung hätte. Während des Gesprächs wurde mir wieder bewusst, wie sehr sich der Mensch an Strohhalme klammert. Ich schätze, dass ich nicht anders bin. Wir sehen die Faktenlage, wir sehen die vergangenen Ereignisse, wir sehen, was sich Menschen in den tausenden von Jahren alles angetan haben – und trotzdem wollen wir glauben, dass eine noch junge zivilisatorische Moderne gütige Engeln hervorgebracht und nur hie und da schwarze Schafe ausgespuckt hätte. Wer sich mit offenen Augen die Historie besieht, wer sich die Mühe macht, hinter den Vorhang des Mainstream-Gedankengutes zu blicken, der muss unweigerlich zur Kenntnis gelangen, dass die Welt verloren ist. Das Wenige, das dann noch für den Einzelnen übrig bleibt, ist, in Voltaires Worten, »den eigenen Garten zu bestellen.« Freilich, der gute Voltaire wusste damals noch nicht, dass Tschernobyl und Fukushima und der Saure Regen und die Umweltverschmutzung und dieser globale Temperatur-Hokuspokus einen geruhsamen Gärtner ziemlich unruhig werden lässt.

Zu guter Letzt noch der bescheidene Hinweis, dass ich ein Buch lese, dass sich mit der Frage auseinandersetzt, ob das Tagebuch einer 14-jährigen authentisch sei oder in späterer Folge von Erwachsenen verändert wurde. Seltsamerweise scheint es unter Strafe verboten zu sein, darüber öffentlich nachzudenken. Ich erwähne es nur deshalb, falls Sie meinen, wir lebten in den besten aller Welten. Da fällt mir gerade ein, dass es die sommerliche Fadesse war, die mich als kleiner Junge zum Schreiben brachte. Ich war damals etwa 13 oder 14 Jahre jung und fabrizierte die tollsten phantastischen Geschichten um vier Jungs, die allerlei Abenteuer zu bestehen hatten. Natürlich hieß einer von ihnen »Richard«. Ich schätze, dieser Charakter hatte große Ähnlichkeiten mit mir. Später ließ ich dann die weiteren Texte, mit Bleistift hingekritzelt, folgerichtig in der ersten Person ablaufen. Das machte es viel einfacher, sich in diese Abenteuerei zu phantasieren. Hach, schöner heißer öder Juli.