richard k. breuer

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Dunkirk oder Die rätselhafte Banalität des Christopher Nolan

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Wer löst das Rätsel?

Ehrlich gesagt, ich war ziemlich verärgert. Was wollte uns Regiewunderknabe Christopher Nolan mit seinem neuesten Streich Dunkirk mitteilen? Die Erzählstruktur, die drei oder vier subjektive Ebenen wie Puzzlesteine miteinander verschränkt, wirkt natürlich modern und anders – wurde aber mit Sicherheit schon besser umgesetzt. Die Bilder sind stimmig und photogen, die musikalische Untermalung in der ersten Hälfte passend, in der zweiten verfällt sie in eine pathetische Klangmalerei. Zu guter Letzt lässt Nolan auch noch einen der geretteten Soldaten Churchills Rede We shall fight on the Beaches zitieren. Ja, wir Briten, wir werden uns niemals ergeben und werden überall kämpfen, wir werden unsere Insel verteidigen, was es auch immer kosten mag und so weiter und so fort. Hätte solch eine Rede die andere Seite ins Mikrofon gesprochen, man würde heutzutage ins Gefängnis gehen, würde man sie hoffnungsvoll zitieren. Aber die Geschichte, wie wir wissen, wird immer nur von den Siegern geschrieben und wenn Napoléon Recht hatte, dann ist Geschichte die Lüge, auf die man sich geeinigt hat.

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Zwei Filme, eine Wahrheit: Ist das Leben nicht schön? vs. The Big Short

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Zugegeben, es war der Beitrag von nerdwriter über den »Weihnachtsfilm« It’s a wonderful life [Ist das Leben nicht schön?] aus dem Jahr 1946, der mich auf die richtige gedankliche Spur brachte. Den Film kennt vermutlich jeder. Um den 24. Dezember herum wird er im TV rauf und runter gespielt, weil er zeigt, wie schön das Leben sein kann, wenn man zur Weihnachtszeit all seine Freunde und Liebsten um sich hat und gemeinsam Auld Lang Syne (übrigens die einzige Melodie, die ich im Jugendalter für das Klavier einstudierte) singen kann. Dass ein Engel, ein Schutzengel versteht sich, im letzten Akt des Films auftritt und eine zentrale Rolle spielt, dürfte ebenfalls zur christlich-weihnachtlichen Feststimmung beitragen. Zu guter Letzt freuen wir uns mit Jimmy Stewart, wenn er seine Lebensfreude wiedergewinnt. Herz, was willst du mehr, an einem verschneiten Weihnachtsabend?

The Big Short hat nichts, aber auch gar nichts mit Weihnachten zu tun. Der Film will dem in großen Geldsachen unerfahrenen und naiven Kinogänger über die betrügerischen Hintergründe der Finanzkrise von 2008 aufklären. Ja, die Filmemacher gaben sich die größte Mühe, komplexe und unverständliche Sachverhalte des Wertpapier-Hypothekarkredit-Karussells einfach und simpel auf den springenden Punkt zu bringen. Und trotzdem grübelt man über das Gesagte und versucht, das bestehende, sozusagen eigene Finanzbild mit dem globalen in Einklang zu bringen. Natürlich versagt hier das menschliche Gehirn des einfachen und rechtschaffenen Mannes, wenn die Rede auf Millionen, Milliarden und schließlich Billionen kommt. Wie soll man diese Größenordnungen überhaupt verarbeiten können, wenn man selbst nur mit Tausenden von Euros oder Dollars zu leben hat? Meine Wenigkeit hatte vor vielen Jahren im Wertpapierbereich gearbeitet und dabei Milliarden, freilich noch in den guten alten Schillingen, von einem Konto auf ein anderes geschoben. Gelddisposition nannte sich das damals. Und ist heute nicht anders. Ich habe Kredit-Wertpapier-Finanzkonstrukte genauso wie all die Börsengänge der österreichischen Ent-Staatlichungsmaschinerie abgewickelt. Ich darf mit Fug und Recht behaupten, ein Gespür für die monetär-technischen Belange zu haben – und trotzdem ist der Knopf im Oberstübchen kaum aufzulösen. Es ist diese Abstraktion, die einem so schwer zu schaffen macht. Wer ist der Böse? Wer ist der Verantwortliche? Wie der Film am Ende aufklärt, wurden zwar Billionen von Dollars in der Krise „vernichtet“, aber ins Gefängnis ging dafür niemand. Nebenbei bemerkt, eine Krise „vernichtet“ nur Werte auf dem Papier, mit anderen Worten, das geflossene Geld fließt weiterhin – nur in die Tasche anderer Leutchen.

Zurück zu Frank Capras It’s a wonderful life. Der Film ist oberflächlich betrachtet eine hübsch sentimentale Weihnachtsgeschichte, die zeigt, dass die Community, die Gemeinde, die zusammenhält, gegen alle Widrigkeiten des (Wirtschafts- und Finanz-)Lebens gewappnet ist. Unter der Oberfläche zeigt der Film aber, wie eine Gemeinschaft gewöhnlicher Menschen von einem un-christlichen Finanzsystem in die Knie gezwungen wird. Während The Big Short sich mit allerlei Wall-Street-Vokabeln im Nebel der Abstraktion verliert, bleibt It’s a wonderful life der menschlichen Dramaturgie treu: Hier George Bailey, der rechtschaffen-christliche Sohn des Gründers einer kleinen Bausparkasse, dort Henry F. Potter, der alte geldgierige Spekulant, der den Hals nicht voll genug bekommen kann und alle Mitteln ausschöpft, um Buslinien, Geschäfte und Banken der Stadt an sich zu reißen. Es ist der oft verfilmte Kampf David gegen Goliath – und David gewinnt nur deshalb (vorerst) die eine Schlacht am Weihnachtsabend, weil die Gemeinschaft zusammenhält.

Doch Capras Film geht tiefer. Henry F. Potter ist nämlich nicht nur die Karikatur eines alten böswilligen Geizhalses, sondern er stellt das kapitalistische un-christliche Finanz- und Geldsystem dar. Der Film zeigt, was das System aus einer Gemeinde macht, die sich dem Diktat Mammons beugt – im letzten Akt sehen wir Jimmy Stewart/George Bailey, wie er durch seine ehemalige Heimatstadt Bedford Falls läuft, die sich ohne Widerstand in ein Sodom namens Potterville verwandelt hätte, in der jeder nur noch für sich lebt und wo alles erlaubt ist, so lange es Geld einbringt. Wer diesen Film mit offenen Augen betrachtet, ahnt im Stillen, dass wir längst in Potterville angekommen sind. Die heile Welt eines George Baileys anno 1947, nämlich eine gesunde und damit unbestechliche Gemeinde, die sich an christlichen Werten orientiert, wurde durch die Propaganda der Wall Street Tag für Tag lächerlich gemacht und in den Schmutz gezogen.

Wenn Sie also wissen wollen, wie es zu der globalen Finanzkrise von 2008, die in den USA ihren Anfang nahm, überhaupt kommen konnte, so gibt Frank Capras »Weihnachtsfilm« die Antwort: Es mussten über die Jahre nur all die politischen, medialen und wirtschaftlichen Schlüsselpositionen mit korrupten und geldgierigen, sozusagen un-christlichen Henry F. Potters besetzt werden, die von einem erstrebenswerten »Paradies« namens Sodom fabulierten, während die Gemeinde und der Einzelne Stück für Stück in die Knie gezwungen wurde: weniger Jobs, mehr Kredite, skrupellose Vertrauensleute, brachialer Medieneinfluss, leicht zugängliche Suchtmittel usw. George Baileys Monolog, der vermutlich gerne überhört wird (und in der deutschen Synchronfassung ein wenig entschärft wirkt), ist der Schlüssel zum Verständnis für all die „unvorhersehbaren“ Finanz- und Wirtschaftskrisen, die das Vieh ärmer und abhängiger und die Viehtreiber reicher und mächtiger gemacht haben.

[meine Übersetzung:] »Augenblick, Mr. Potter. Sie haben Recht, wenn Sie sagen, dass mein Vater kein Geschäftsmann war. Ich weiß das. Warum er überhaupt diese wertlose und kleinkrämerische Building and Loan (Hypothekenbank) gegründet hat, werde ich wohl nie mehr erfahren. Aber weder Sie noch irgendjemand anderes kann etwas gegen seinen rechtschaffenen Charakter sagen, weil er sein ganzes Leben … weil, in den 25 Jahren, seit er mit seinem Bruder, Onkel Billy, diese Sache gestartet hatte, dachte er kein einziges Mal an sich selbst. Stimmt’s, Onkel Billy? Er sparte nicht mal genug Geld, um (meinen kleinen Bruder) Harry oder mich aufs College zu schicken. Aber er half ein paar armen Leuten, um aus Ihren Elendsquartieren (Slums) herauszukommen, Mr. Potter, und was ist daran falsch? Sie hier … Sie sind alles Geschäftsleute. Machte mein Vater nicht aus all diesen armen Leuten bessere Steuerzahler? Machte er nicht aus ihnen bessere Kunden? Sie … Sie sagten … Was haben Sie vorhin gesagt, Mr. Potter? Diese Leute sollten warten und ihr Geld sparen, bevor sie überhaupt von einem neuen Heim sprechen. Warten? Wie lange sollen sie warten? Bis die Kinder erwachsen und sie selbst alt und gebrechlich sind? … Wissen Sie eigentlich, wie lange ein Arbeiter braucht, um den Preis für ein neues Heim anzusparen? Denken Sie doch darüber einmal nach, Mr. Potter, dass dieses Gesindel, wie Sie diese Leute nennen, der größte Teil der Gemeinde ist, der arbeitet und zahlt und lebt und stirbt. Ist es dann wirklich zu viel verlangt, wenn man diesen Leuten die Möglichkeit bietet, all ihr Arbeiten und Zahlen und Leben und Sterben wenigstens in ein paar ansprechenden Zimmern und einem Bad zu tun? Wie dem auch sei, mein Vater dachte jedenfalls nicht schlecht von ihnen. Die Leute waren für ihn menschliche Wesen. Aber für Sie, Mr. Potter, einem krummen, frustrierten alten Mann, für Sie sind diese Leute nur Vieh. Und in meinem Buch starb mein Vater viel reicher als Sie es je werden können.«

»Just a minute… just a minute. Now, hold on, Mr. Potter. You’re right when you say my father was no businessman. I know that. Why he ever started this cheap, penny-ante Building and Loan, I’ll never know. But neither you nor anyone else can say anything against his character, because his whole life was… why, in the 25 years since he and his brother, Uncle Billy, started this thing, he never once thought of himself. Isn’t that right, Uncle Billy? He didn’t save enough money to send Harry away to college, let alone me. But he did help a few people get out of your slums, Mr. Potter, and what’s wrong with that? Why… here, you’re all businessmen here. Doesn’t it make them better citizens? Doesn’t it make them better customers? You… you said… what’d you say a minute ago? They had to wait and save their money before they even ought to think of a decent home. Wait? Wait for what? Until their children grow up and leave them? Until they’re so old and broken down that they… Do you know how long it takes a working man to save $5,000? Just remember this, Mr. Potter, that this rabble you’re talking about… they do most of the working and paying and living and dying in this community. Well, is it too much to have them work and pay and live and die in a couple of decent rooms and a bath? Anyway, my father didn’t think so. People were human beings to him. But to you, a warped, frustrated old man, they’re cattle. Well in my book, my father died a much richer man than you’ll ever be!«

It’s a wonderful life
Frank Capra, 1946

 

Eine restaurierte Fassung: Der dritte Mann

Denk daran, was Mussolini gesagt hat: In den 30 Jahren unter den Borgias hat es nur Krieg gegeben, Terror, Mord und Blut, aber dafür gab es Michaelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance. In der Schweiz herrschte brüderliche Liebe. 500 Jahre Demokratie und Frieden. Was haben wir davon? Die Kuckucksuhr.

[Deutsche Synchronfassung]: You know what the fellow said: in Italy for thirty years under the Borgias they had warfare, terror, murder, bloodshed — and they produced Michelangelo, Leonardo da Vinci and the Renaissance. In Switzerland they had brotherly love, five hundred years of democracy and peace. And what did that produce? The cuckoo clock.
Harry Lime
Text von Orson Welles

Falls Sie den Filmklassiker noch nicht gesehen haben, voilà, es gibt nun eine restaurierte Fassung von RealtoPictures im 4K-Format. Wann diese Fassung, die im Moment auf US-Tour ist, auf eine Scheibe gepresst wird, steht in den Sternen. Freilich, Sie können bis dahin stilgerecht ins Wiener Burgkino gehen, um Orson Welles im Abwasserkanal plantschen zu sehen. Und danach müssen Sie sich natürlich meine im Taschenbuchformat gehaltene humoristische Hommage Schwarzkopf zu Gemüte führen. Sie werden viel zu lachen und das eine oder andere Aha-Erlebnis haben. Garantiert.

Übrigens, im Sommer 1948 dürfte das ausgebombte Wien wieder zur Normalität zurückgefunden haben. Beeindruckende Leistung, nicht wahr?

Greene returned to Vienna with Reed in July 1948 to begin scouting locations, and was disappointed to learn that much of the city’s rubble had been cleaned away and that life was gradually returning to normal.

Filmbesprechung: Die Frau in Gold oder Es ist nicht alles Gold was glänzt

Ich würde gerne über den Inhalt des Films The Woman in Gold (Die Frau in Gold) plaudern, über diese und jene Einzelheiten und doch leben wir in einer Epoche, in der es für einen deutschsprachigen Mitteleuropäer gefährlich sein kann, über vergangene Ereignisse frank und frei zu sinnieren. Während es Hollywood-Produzenten erlaubt ist, eine bestimmte Sicht auf die Dinge filmisch umzusetzen, ist es unsereins verboten, die Grenzen des vernürnbergerischten Faktischen zu übertreten. Wir haben uns zu fügen. Punktum.

Wie dem auch sei. Der Inhalt des Filmes sei kurz umrissen. Hier der imdb-Eintrag:

Maria Altmann, gespielt von Helen Mirren, eine achtzigjährige jüdische Exilantin, legt sich mit der Österreichischen Regierung an, um Kunstwerke zurückzubekommen, die rechtmäßig ihrer Familie gehören. [meine Übersetzung: Maria Altmann, an octogenarian Jewish refugee, takes on the Austrian government to recover artwork she believes rightfully belongs to her family.]

Wie wir wissen, wurde schlussendlich das berühmteste Gustav Klimt Gemälde „Die Frau in Gold“ oder „Adele Bloch-Bauer I“ restituiert und hängt nun nicht mehr im Wiener Belvedere, sondern in der Neue Galerie in New York City. Erworben wurde es für schlappe 135 Millionen Dollar von Milliardär Ronald Lauder, der in den 1980er Jahren amerikanischer Botschafter in Österreich war und laut Wiki seit 2007 Präsident des Jüdischen Weltkongresses ist.

Der Film zeigt in Rückblenden die wohlbehütete Wiener Kindheit Maria Altmanns in den 1920ern Jahren (Weltwirtschaftskrise!) als auch das turbulente Jahr 1938 (Heldenplatz!). Dabei ist mir eine Szene im Gedächtnis hängen geblieben: Im Hause der Familie klopfen die „Nazi-Schergen“ an die Tür. Ihnen wird geöffnet. Sie dringen „herrenmenschlich“ in die Zimmer ein. Man teilt dem Vater von Maria Altmann mit, dass sein Bruder sich in die Schweiz abgesetzt und eine Steuerschuld von einer Million Reichsmark nicht beglichen hätte. Deshalb müsse man sich nun an das Inventar der Familie halten. Worauf die junge Maria Altmann den Beamten entgegenschleudert: „Mein Onkel ist ein ehrlicher Mensch!“

Für mich stellt sich die Frage, warum die Drehbuchautoren diese Szene in den Film schrieben. Natürlich geht der aufgeklärte Zuseher davon aus, dass diese Vorwürfe nicht stimmen und es nur ein Vorwand der Schergen ist, um Kunstgegenstände zu rauben. Und doch verfängt man sich in eine Spur Skepsis. Weil, wie oft kam und kommt Steuerflucht vor? Wie oft lesen wir, von Unternehmer, die sich abgesetzt hatten und einen Schuldenberg hinterließen? Man stelle sich vor, natürlich nur unter vorgehaltener Hand, dass es tatsächlich eine Steuerschuld gegeben hätte. Dann wäre der „Raub“ mehr eine Konfiskation vulgo Pfändung gewesen. Eine Pfändung, wie wir wissen, wird nicht als Diebstahl betrachtet. Wie gesagt, diese offene Steuerschuld kann auch nur ein Vorwand gewesen sein – aber ließe sich das nicht überprüfen? Zwar wurden die Behörden 1938 „nazifiziert“, aber die Unterlagen waren eine rein österreichische Angelegenheit.

Sehen Sie, der Film zeigt eine Seite der Medaille. Das ist völlig in Ordnung. Aber die andere Seite, tja, die erfahren wir nicht. Wäre es nicht auch spannend zu sehen, wie das bürokratische „Nazi“-Räderwerk gearbeitet hat. In Büchern und Filmen machen es sich die Drehbuchautoren und Regisseure immer so einfach. Da ein böser Scherge, dort ein Beamter, der den lebenswichtigen Stempel verweigert. Aber bedenken wir, dass wir es hier mit einer kafkaesken Bürokratie zu tun hatten. Niemand, der sich damals getraut hätte, eigenmächtig zu handeln. Alles musste nach genau festgelegten Regeln abgewickelt werden. Die damaligen Ausreisebestimmungen werden als Schikane dargestellt und doch hatte und hat jedes Land ganz genaue Bestimmungen in Bezug auf die Ausreise mit Sachwerten und Devisen.

Auf der Webseite historyvshollywood.com können wir die Fakten des Geschichte von Maria Altmann nachlesen. Beispielsweise heißt es da:

Marias Ehemann wurde von den Nazis verhaftet und im Konzentrationslager Dachau für beinahe zwei Monate festgehalten, um seinen Bruder Bernhard, dem bereits die Flucht nach Frankreich gelungen war, zu zwingen, seine gewinnbringende Berhard Altmann Textilfabrik an die deutschen Behörden zu übergeben. „Als mein Schwager die Fabrik den deutschen Behörden überantwortete“, sagte Maria Altmann, „hat man Fritz frei gelassen“. „Er wurde nach Hause gebracht, sein Kopf war rasiert, er sah schrecklich aus. Fritz wurde dann für drei Monate unter Hausarrest gestellt, weil die Nazis nur dann bereit waren, ihn gehen zu lassen, wenn sein Bruder den letzten Penny herausrückte.“ [meine Übersetzung:] The movie omits events prior to this, when Maria’s husband Fritz was arrested by the Nazis and held at the Dachau concentration camp for nearly two months in order to force his brother Bernhard, who had already escaped to France, to transfer his prosperous Bernhard Altmann textile factory into German hands. „They released him when my brother-in-law signed over the factory to them,“ says Maria Altmann. „He was brought home, the head was shaved, he looked awful“ (The Lady in Gold Documentary). Fritz was then put on house arrest for three months up until his escape, because the Nazis were unwilling to let him go free until they had gotten every last penny out of his brother (SchoenBlog.com).

Und dann erfahren wir auch noch, dass Fritz bereits drei Mal versucht hatte, zu fliehen. Für mich ergibt all das keinen Sinn. Hätten die damaligen Behörden nicht die Macht gehabt, eine Fabrik einfach zu übernehmen? Wozu brauchte es Unterschriften und Verträge? Wozu all dieser Aufwand, mit dem Festhalten von Angehörigen und all diesen vermeintlichen Erpressungsversuchen? Und wie ist es erklärbar, dass Fritz Altmann drei Fluchtversuche unternehmen konnte, ohne dass die Behörden drastischere Maßnahmen ergriffen?

All das deutet darauf hin, dass, wie zuvor angedeutete, die damalige Bürokratie durch und durch deutsch war: das heißt obsessiv pedantisch, absolut hierarchisch und korrekt bis ins kleinste Detail. Willkür konnte deshalb kaum um sich greifen. Das bestätigt auch eine Fußnote auf Seite 21 in Alfred de Zayas Buch Völkermord als Staatsgeheimnis:

SS-Richter Georg Konrad Morgen hat während des Krieges Untersuchungen in etwa 800 Fällen durchgeführt und u.a. gegen die Lagerkommandanten in Buchenwald, Karl Otto Koch, und Lublin, Hermann Florstedt, ermittelt, die dann vor ein SS-Gericht kamen, zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden.

Starker Tobak, nicht? Der Film selbst ist pures Hollywood-Kino: Die üblichen melodramatischen Einlagen, der übliche Herz-Schmerz-Soundtrack und die übliche David-gegen-Goliath-Dramaturgie – garniert mit hübschen Wiener Sehenswürdigkeiten. Der Film ist handwerklich routiniert gemacht. Helen Mirren spielt Helen Mirren. Ryan Reynolds spielt Ryan Reynolds. Und Antje ist hübscher als Adele. Am Ende, wir wissen es genauso wie Gustav, dreht sich alles nur um das Eine. Gold.

Ein paar Gedanken zum Film Fifty Shades of Grey

Rot heißt Stopp!

Rot heißt Stopp!

Gestern also die Erotik-Romanze Fifty Shades of Grey (imdb) gesehen. Nachmittagsvorstellung. Die gesammelten Kritiken zeigen auf metacritic eine ausgeglichene Bilanz, mit anderen Worten: die einen mögen den Film, die anderen nicht. Punktum.

Das Buch von E. L. James habe ich gelesen. So gut wie. Nach etwa einem Drittel musste ich das Handtuch werfen. Die literarische Banalität raubte mir den schriftstellerischen Verstand – und man(n) muss sich fragen, wie es sein kann, dass sich dieser Text millionenfach verkaufte. Weltweit! Scheinbar gibt es in der Story einen (harten?) Kern, der auf Frauen eine große Faszination ausübt. Dabei sollten wir nicht vergessen, dass die romantische Literatür, überhaupt die Belletristik, ein Frauending ist. Wie dem auch sei, die Shades-Trilogie ist das neue Aschenputtel bzw. Cinderalla 2.0. Betrachtet man(n) also Buch und Film als Märchen, dann wird einem Vieles sofort verständlicher. Zum Beispiel: Der Prinz in einem Märchen ist immer ein begehrenswerter Charakter. Warum? Weil er über ein Königreich herrscht. Mit anderen Worten: Macht und Reichtum verschmelzen in einer Person. Kann frau dieser Mischung widerstehen? Definitiv nicht. Jedenfalls nicht in den alten un-emanzipierten Geschichten. Gut möglich, dass die Leutchen bereits damals in die Abgründe Beweggründe der weiblichen Seele blicken konnten.

Zurück zum Film. Selfmade-Milliardär Grey aka als Prinz hat ein dunkles Geheimnis. Ja, so ein hässlicher und dunkler Fluch gehört auch zu einem guten Märchen. Weil: Das Begehrenswerte wird einem/einer nicht auf dem Silbertablett serviert. Während also der Prinz mit seiner Verwünschung zu kämpfen hat, kämpft die um viele Jahre jüngere Anastasia aka als Aschenputtel darum, ihren sozialen Status zu verbessern – wenigstens für eine kurze Zeitspanne, um auf sich aufmerksam zu machen. Schließlich geht es ihr darum, das verwunschene Herz des Prinzen zu gewinnen, um auf diese Weise ihr Lebensziel zu erreichen: die rechtliche Vereinigung aka als Heirat. Der Prinz wiederum, er kann den Fluch nur dann lösen, wenn er jene Frau findet und ehelicht, die ihm ihr reines, jungfräuliches Herz schenkt – voll und ganz. Ja, so war das. So ist das.

Der prickelnde Aspekt der Shades-Trilogie ist natürlich die dunkle Seite des Milliardärs Grey. Kurz und gut: Er mag es nur hart! Zärtlichkeit, so sagt er Ana immer wieder, ist ihm fremd, damit könne er nichts anfangen. Berührungsängste sind es, die ihn förmlich dazu zwingen, seine Gespielinnen nach Strich und Faden auf Distanz zu halten. Und dann gäbe es da noch diese eine so verkommene sadistische dominante Lust. Grey verspürt den tiefen Drang seinen Gespielinnen Schmerz zufügen zu müssen.
„Warum möchtest du mir weh tun?“, fragt Ana naiv.
„Weil es mir Vergnügen bereitet“, antwortet Grey.
Damit ist eigentlich alles gesagt. Oder etwa nicht? Nope. Ana versteht es nicht. Trotzdem macht sie bei den sexuell-dominanten Eskapaden mit. Natürlich. Sonst gäb’s ja kein Buch, keinen Film darüber. Aber am Ende (des ersten Bandes), nach einer ordentlichen Tracht Popsch-Prügel hat sie genug von dem „komplett abgefuckten Dreckskerl“ und wirft den Bademantel das Handtuch: „Sieh zu, dass du deine Scheiße in den Griff kriegst, Grey!“ Natürlich. Sonst gäb’s ja keinen zweiten und dritten Band.

Die Erotik-Szenen im Film sind ästhetisch in Szene gesetzt und prickeln angenehm. Das ist ja die Hauptsache. Das romantische Klischee-Drumherum hält sich einigermaßen in Grenzen, aber oftmals ertappt man sich dann doch, die Augen zu rollen, ob dieser Plattitüden, die da gezeigt und gesprochen werden. Trotzdem, der Film ist um Längen besser als das (grottig geschriebene) Buch. Yep.

Was man dem Film bzw. der Regisseurin Sam Taylor-Johnson vorwerfen kann, ist die mangelnde Chemie zwischen den beiden Protagonisten. Ich habe mich öfters gefragt, was der gute Grey an dieser unscheinbaren Ana findet. Dass er sie zu erobern sucht, okay, dass er sie verführen möchte, okay, dass er ihr sein Spielzimmer zeigen will, okay, aber warum sollte er ihr mit Haut und Haaren verfallen? Dieses tiefe Verlangen konnte ich nicht ausmachen, nicht erspüren. Aber vielleicht tut sich da frau leichter.

Kurz und gut, der Film kann durchaus unterhalten, so man(n) die ganze Sache als märchenhafte Romanze auffasst. Die dominante Komponente wird mir im Film zu oberflächlich abgehandelt, andererseits ist es eine gute Gelegenheit, im Nachhinein, über die Sexualität in ihren verschiedensten Ausprägungen nachzudenken. Wer diesbezüglich den Hals nicht voll kriegen kann, den verweise ich auf meine autobiographische Fiktion Der Fetisch des Erik van der Rohe. Das Buch wird voraussichtlich im Frühjahr/Sommer erscheinen. Märchen ist es aber keines. Nope.