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Wenn ich über ein besonders schwieriges Thema zu schreiben habe …

Bertrand Russell schreibt in seinem 1930 veröffentlichten Büchlein Eroberung des Glücks, dass die beste Methode, möchte man über ein besonders schwieriges Thema schreiben, darin bestünde, dass man »Stunden oder auch Tage lang intensiv – so intensiv wie man überhaupt kann – darüber nachdenkt und nach Ablauf dieser Zeit sozusagen dem Unterbewusstsein den Befehl gebe, die Arbeit im Stillen fortzusetzen.« »Nach einigen Monaten«, so Russell, »kehre man bewußt zu seinem Gegenstand zurück und wird feststellen, dass die Arbeitet geleistet ist.«

Yep. Ich denke, dass Russell die einzig richtige Methode beschreibt, will man ein komplexes Thema bei den Hörner packen oder einfach nur seiner wahren Kreativität freien Lauf lassen. Das Unterbewusste ist beinahe unerschöpflich, nimmt es doch jedes Wort, jede Geste, jedes Bild auf und verknüpft es mit anderen, vergangenen und längst abgelegten Info-Bits. Diese Verknüpfungen sind nicht erklärbar, wir können sie nur aus unserem Kopf schütteln, besser: sie werden aus unserem Kopf geschüttelt. Der Autor, wenn er alles richtig macht, ist nur noch der Stenograph seines Unterbewusstseins.

Ich erzähle es deshalb, weil ich seit März meinem Unterbewusstsein den Befehl gegeben habe, im Stillen die Arbeit an Con$piracy fortzusetzen. Eigentlich, ich will ehrlich sein, verlor ich Faden und Begeisterung. Ich musste befürchten, das Konvolut an Fakt und Fiktion als gescheitertes Experiment in meinem Lebenslauf aufzunehmen. Doch letzte Woche, als ich daran ging, die ersten einführenden Kapiteln zu glätten – mehr aus einer sachbüchlichen Notwendigkeit, denn aus innerem Antrieb – meldete sich das Unterbewusstsein und bedrängte mich, endlich ernst zu machen. Ich lehnte mich nur kurz zurück, dann krempelte ich die Ärmel hoch (bei tropischen Temperaturen!) und wütete wie ein Berserker in den Kapitel-Strukturen. Ich hätte mit diesem Wüten vielleicht schon vor einem Jahr beginnen sollen, aber – wie ich immer zu sagen pflege – man kann ES nicht erzwingen. Ich war mir freilich bereits damals im Klaren, dass dieses Kapitelwirrwarr früher oder später aufgelöst und in eine zufriedenstellende neue Ordnung gezwungen werden müsste. Aber die Aussicht, sich mit beinahe 600 Seiten, unzähligen Sub-Kapiteln, 1000 Fußnoten und neuen Zwischentexten herumzuschlagen, behagte mir nicht sonderlich. Also tat ich … nichts und feilte stattdessen an Sätzen und Beistrichen und fügte noch die eine oder andere Fußnote ein.

Ja, Con$piracy ist – im besten Sinne zu verstehen – a pain in the ass. Ich würde gerne über all die Zusammenhänge bloggen, die ich bis dato herausgefunden zu haben glaube, ich möchte auf Webseiten verweisen, die sich weder Mainstream noch Wahnsinn hingeben und ich will Bücher beim Namen nennen dürfen, die mir aufrichtig scheinen. Aber ich muss all das zurückstellen, weil die Gefahr besteht, dass ich mich zu weit aus dem Fenster lehne oder einen Stein ins Rollen bringe, den ich nicht mehr aufzuhalten im Stande bin. Ist das Sachbuch in einer ersten lesbaren Version fertig gedruckt, um Interessierte daran mitarbeiten zu lassen, dann ist vielleicht die Zeit gekommen, um zu tun, was getan werden muss.

Con$piracy: 160 Seiten später

Gut. Der Kaffee zeigt Wirkung. Dieser kreative Enthusiasmus, der einen an den Schreibtisch zwingt, lässt einen schon recht früh aus dem Bett steigen (niemand zwingt mich, niemand, der mit dem Wecker droht!). Ich kenne diese besondere Phase, die einen gedanklich sprühen lässt. Der geneigte Leser wird an dieser Stelle mit der Schulter zucken und den Beitrag wegklicken. Gewiss, er kann damit nichts anfangen. Für ihn, wenn man so will, ist er auch nicht geschrieben. Es ist die Erinnerung für den Autor, dass die Überarbeitung von Con$piracy sich in diesen Tagen bestens anfühlt. Freilich, es sind eine Vielzahl an Büchern im Postkasten gelegen – und es reicht, auch nur in das eine oder andere zu blättern und kurz einen Absatz zu lesen, um sofort ein Kribbeln im Kopf zu spüren. Gehörte dieses Zitat nicht an dieser Stelle eingefügt? Sollte ich vielleicht doch noch dieses Ereignis in aller Kürze beleuchten? Und ehe ich mich versehe, schreibe ich schon wieder Neues, füge ich erneut eine Passage, ein Zitat, eine Phrase, eine Rede hinzu, weil es nicht anders geht.

Mit hängender Zunge also den ersten Teil, etwa 160 Seiten, zu einem vorläufigen Ende gebracht. Über 60 Seiten wurden hinzugefügt. Deshalb dauert eine Überarbeitung hin und wieder lange, sehr lange. Weil ich darangehe, altes Geschreibsel zu löschen, neues zu schreiben. Etwa 200 Seiten liegen noch vor mir. Sie sollten leichter von der Hand gehen. Beziehen sie sich doch alle auf historische Ereignisse. Manche länger, manche kürzer zurückliegend. Schwieriger gestaltete sich die Einleitung und Einführung in das Buch. Beinahe verzweifelt. Schließlich doch noch einen Zugang gefunden. Zufrieden! Ja, es greift vieles ineinander. Immer, wenn ein Text, egal ob sachlich oder literarisch, erwachsen wirkt, dann bin ich am richtigen Weg, dann ist die Fertigstellung in greifbare Nähe gerückt. Man könnte auch sagen, dass ich jene Lücken schließe, die ich anfänglich offen gelassen habe. Nicht absichtlich, es gab von meiner Seite weder die Zeit, noch die Muße, noch die Idee, wie ich diese Löcher stopfen hätte können. Aber jedes Mal, wenn ich es richtig mache, kann ich die Leerräume füllen und diese Füllung ergibt mit dem Rest jenen reif und erwachsen wirkenden Text, den ich mir so erhoffe.

Ich tauche jetzt wieder ab.