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PIATNIK: SMART 10 #SPIEL #KurzKritik

Letztens hat mich der Wiener Spieleverlag PIATNIK eingeladen, deren Neuheiten am Brettspielsektor auszuprobieren. Nach der Messe in Essen konnte ich deshalb ein weiteres Mal SMART 10 unter die Lupe nehmen. „Das Quizspiel der besonderen Art“, erdacht von zwei Wienern, überzeugt in allen Belangen. Man möchte nicht glauben, dass man in diesem Spielgenre noch überraschen kann, aber die Idee samt Umsetzung bringt frischen Wind in die Frage-Antwort-Spielerei.

Funktionieren tut die Sache ziemlich einfach: in der großen kreisrunden Öffnung der quadratischen Quizbox sind 10 Fragen wie auf einem Ziffernblatt angeordnet, während die 10 Antwort jeweils unter einem Knopf versteckt sind. Der erste Spieler kann sich demnach die für ihn einfachste Frage aussuchen, die Antwort geben und, in dem er den Knopf entfernt, überprüfen, ob sie stimmt. Liegt er richtig, behält er den Knopf und gibt die Box weiter. Der nächste Spieler sucht sich nun eine der verbliebenen 9 Fragen aus usw. Es geht so lange, bis alle Fragen beantwortet sind oder keiner mehr eine Antwort geben möchte. Gibt ein Spieler eine falsche Antwort, muss er alle sein bisherig gesammelten Knöpfe abgeben und geht für diese Runde leer aus.

Dadurch, dass alle Spieler mit der selben Frage konfrontiert sind, kommt es zu spannenden Duellen. Ich kann das Quiz guten Gewissens empfehlen. Weitere Fragen-Pakete, so hat man mir versichert, sind in Arbeit. Einziger Kritikpunkt (wohl eher Wermutstropfen), den ich finden konnte, ist vielleicht der Preis des Spiels. Es wäre deshalb zu wünschen, dass die demnächst erscheinenden zusätzlichen Fragen-Pakete eine moderate Preisgestaltung erfahren. So würde die Anschaffung einer Quiz-Box als Investition angesehen werden können.

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Übrigens, vom 15. – 17. November findet wieder das Spiele-Fest im Wiener Austria Center statt. Dort dürfen Brett- und Kartenspiele nach Herzenslust ausprobiert und – so das Taschengeld reicht – auch gekauft werden. Solltest du dort sein, würde es mich freuen, wenn du mich am Stand des Spielemagazins frisch gespielt besuchst.

‚Finis Germania‘, ‚Vergesst Auschwitz!‘ und ‚Der Treppenwitz der Geschichte‘

Broder-Sieferle

Conclusio für den eiligen Leser: Rolf Peter Sieferles Buch Finis Germania ist eine Empfehlung. Mit Einschränkung. Henryk M. Broders Vergesst Ausschwitz! eine Zumutung. Ohne Wenn und Aber.

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Alles beginnt damit, dass ein Spiegel-Redakteur das posthum erschienene Büchlein des deutschen Historikers Rolf Peter Sieferle mit dem recht pessimistischen Titel Finis Germania der breiten Leserschaft empfiehlt. Das wiederum stößt einigen anderen Kollegen der journalistischen Zunft säuerlich auf, weshalb das Buch wieder von der Empfehlungsliste verschwindet. Dieses Verschwinden lassen – ein Zaubertrick unserer Zeit  – erweckte aber in manchem Medienkonsument den Eindruck der blanken Zensur, weshalb diese „Auslese“ damit begründet wird, dass das Buch rechtsradikal, antisemitisch und geschichtsrevisionistisch sowie eine völkische Angstfantasie sei.

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Gedanken zu Peter Roseggers Roman ›Weltgift‹

Weltgift_3D

Jürgen Schutz vom Septime Verlag reichte mir das neu aufgelegte Rosegger-Buch Weltgift (1903) mit den Worten: »Das könnte dich interessieren, ist sozialkritisch.« Nun gut, dachte ich mir, wenn er es mir ans Herz legt, der mutige Verleger, dann schau ich mir das an. Gesagt, gelesen.

Ich habe mich jetzt nicht extra schlau über Autor Rosegger, dem Waldbauernbub goes Schriftsteller (1843-1918), gemacht, weiß nur, dass es da einen dunklen Fleck in seiner Vita gibt, dem ich gerne nachspüren möchte. Aber wie so oft, braucht jedes Forschen seine rechte Zeit und die ist wohl noch nicht gekommen. Nichtsdestotrotz könnte Weltgift ein erster Schritt in diese Richtung sein, gewissermaßen der Anstoß.

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Die Wiener Welt nach Dirk

Stermann_Buch_2013
launiges zum tage

Gestern das gefundene Buch 6 österreicher unter den ersten 5 von Dirk Stermann ausgelesen. Es ist der Roman einer Entpiefkenisierung – so steht es jedenfalls am Cover – und der Protagonist heißt folgerichtig Dirk und kommt aus Duisburg. Ich habe jetzt keine Ahnung, wie nahe dieser Roman Stermanns Leben kommt – als Leser sollte man bekanntlich nicht den Fehler machen, im Protagonisten den Schriftsteller zu sehen – das gilt vor allem bei Romanen. Wie dem auch sei, ich halte das Buch für gefährlich. Weil die Leserschar – davon gehe ich jetzt einfach mal davon aus – jung, bildungsnah-studentisch, hoffnungsvoll-fröhlich und weltverbesserisch-ambitioniert ist. Das sind die allerbesten Voraussetzung, um sie zu beeinflussen.

Bereits nach sieben launig-humorvollen Seiten, über die Befindlichkeit eines jungen Deutschen in Wien, kommt es zu einem harschen Wechsel und das Kapitel wechselt ins Politische. Natürlich hat jeder Mann und jede Frau das Recht, ihre historisch-politischen Ansichten zu Papier zu bringen – aber in einem Roman, der (scheinbar) Autobiographisches mit Fiktivem vermischt, ist ein realitätsnahes Politisieren nicht angebracht. Gewiss, das ist meine Meinung, die ich mir anmaße. Milan Kunderas Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins – zufälligerweise zur gleichen Zeit mit Stermanns Buch am Lesetischchen gelegen – scheint mir dahingehend Recht zu geben, als dass der Autor seine politische Anschauung (Prager Frühling und der Kommunismus) nicht in den Mund fiktiver Protagonisten legt, sondern mit seiner eigenen Stimme wiedergibt. Das ist jedenfalls mein Eindruck – und ich würde Kunderas Buch gar nicht als Roman einordnen, sondern eher als literarische Versuchsanordnung.

Zurück zu Stermanns Entpifkenisierung, die in einem deutschen Verlagshaus veröffentlicht wurde. Ich frage mich ja, ob es eine stille Abmachung gibt, die besagt, dass deutschsprachige Autoren, die autobiographisch Gefärbtes zu Papier bringen, auch ihr Näschen einerseits in die nahe germanischen Vergangenheit, andererseits in die gegenwärtige Parteilandschaft stecken müssen. Ich halte ja rein gar nichts von politisch recht vagen Zuordnungen wie Rechts, Links, Mitte und den Beifügungen wie liberal, konservativ oder populistisch. Dass sich diese Zuordnung höchstwahrscheinlich während der französischen Revolution ergab, erzählte James H. Billington in seinem Buch Fire in the Minds of Men. Damals, im Konvent, saßen vorrangig die ‚katholischen Royalisten‘ rechter Hand (‚zur rechten Hand Gottes‘), die ‚gottlosen Jakobiner‘ linker Hand und die opportunistische Mehrheit in der Mitte (‚der Sumpf‘).

Wie dem auch sei, wenn Protagonist Dirk im Roman seine, äh, linksliberale Gutmenschlichkeit ausstreut, dann zwickt es mich unsanft in der Magengegend. Wenn sich hingegen Dirk in historisch-germanischen Gemeinheiten verliert und sich dabei als Richter und Rächer erhebt, ist mir dann doch recht übel. Ich meine, warum politisiert und historisiert dieser Dirk auf eine Weise, die dem Leser das Gefühl vermittelt, es sei alles wahr und richtig und gut? Deshalb ist diese Buch so gefährlich. Weil es jüngere und noch recht unbedarfte – und somit formbare – Leser zur Erkenntnis gelangen lässt, dass das überlieferte historische Weltbild in Stein gemeißelt ist. Mitnichten. Wie sagte Umberto Eco: »Die Geschichte ist das Reich der Fälschung, der Lüge und der Dummheit« (link).