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Nennen wir es Leben

Ich sitze gerade in der Lokalität einer amerikanischen Kaffeehauskette, Stammplatz, erster Stock, mit Blick auf die Kreuzung, wo Mensch, Auto und Straßenbahn zusammenkommen. Geregelt. Natürlich.

Am Nebentisch eine junge Frau, die gerade eine Art von Interview gibt. Über ihre Trinkgewohnheiten. »Blackout« ist das Wort, das am häufigsten vorkommt. Dann gesteht sie, dass sie erst durch den Alkohol die Freundschaft zu einer Freundin vertiefen konnte, die sie zuvor »unspannend« fand. Während ich also in mein Tagebuch schrieb – grüne Tinte – schnappte ich dann und wann Wortfetzen dieses Interviews auf. Die junge Frau, noch keine 21 Jahre, ist schlank, durchaus attraktiv. Verwunderlich, dass sie auf Alkoholexzesse zurückgreifen muss, um sich »lebendiger« zu fühlen. Darüber dachte ich eine Weile nach.

Also, was ist mit den jungen und älteren Menschen in unserer westlichen Gesellschaft nur los? Die Süchte – egal ob reale oder virtuelle – machen täglich neue  »Gefangene«. Da ich es, wenigstens für eine geraume Weile, geschafft habe, dem Hamsterrad des Systems zum größten Teil zu entfliehen (ganz geht es natürlich nicht), mag das Nachdenken über diese Frage leichter fallen. Hin und wieder lese ich in Autobiographien oder Interviews, zumeist sind es ältere Herrschaften, die einen oder gar zwei Weltkriege und die große wirtschaftliche Depression miterlebten. Kurt Vonnegut wäre vielleicht ein Architekt geworden, so wie sein Großvater und Vater. Aber die Depression und der anschließende Weltkrieg ließen es nicht zu. Und so erlebte er als Kriegsgefangener die Feuer-Hölle von Dresden. Hemingway wäre wiederum nicht nach Paris gekommen, hätte es nicht den »großen Krieg« in Europa und danach den günstigen Dollarkurs gegeben. Heinrich Böll wäre vielleicht ein gewöhnlicher Germanist geworden,hätte er nicht in die Wehrmacht einrücken müssen. Auf den Punkt gebracht: Leben bedeutet Gefahren und Risiken eingehen zu müssen. Besser: um sich lebendig zu fühlen, muss man ein Wagnis eingehen. Gewiss, es ist unangenehm, es macht einem Angst. Angst, die auf eine virtuelle Ursache beruht, tötet jede Initiative. Kurz: es ist ein langsames Sterben. Und wer sich im Sterben wähnt, versucht, es zu vergessen.

Nehmen wir uns für einen Moment kurz bei der Nase. Was macht unser Leben lebendig? Ist es der Job in einem Unternehmen, das vielleicht schon morgen auf deine Dienste verzichten kann, obwohl du über die Jahre brav und redlich deine Kraft zur Verfügung gestellt hast. Oder, wie es einer meiner Onkel auf den Punkt brachte: »35 Jahre im Postdienst, niemals krank, am Ende dankt es dir keiner.« Also, was macht unser Leben lebendig?

So mag es nicht verwundern, wenn Menschen ihren (Sehn)Süchten verfallen. Entweder lenken sie einem von jenem Leben ab, das man nicht mehr bestimmen kann, das für einen bestimmt wird – oder sie erwecken die Illusion, sich befreien zu können.

Oftmals hören wir, dass es uns so gut geht, wie noch nie. Stimmt. Wenn wir die Sache von einem materialistischen Gesichtspunkt aus betrachten, dann ist jeder Einzelne Fürst oder Edelmann. Aber wenn wir die Sache von einem lebensqualitativen Gesichtspunkt aus betrachten, dann sieht es düster aus. Althergebrachte Werte sind in den letzten Generationen verpufft. Tradition ist verdächtig. Kulturelle Wurzeln sowieso. Patchwork-Familien bieten nicht mehr den Rückhalt großer zusammenhängender Familienstrukturen. Die Anhäufung von Geld und Material wird zum zentralen Ziel aller. Damit einhergehend ist nur noch der (marktübliche?) Preis, nicht mehr der Wert verhandelbar (bereits zu Beginn der 1980er bemerkte es ein gewisser Wolfgang Ambros in seinem herrlich zeitlosen Lied »A Mensch mecht i bleiben«). Und die Zeit, die wir zur Verfügung haben, wird zum größten Teil damit verbra(u)cht, das Hamsterrad am Laufen zu halten. Wer das nicht glaubt, der muss nur einen Blick in die Shopping-Malls werfen. Samstag Nachmittag!

Gut, Sie können jetzt sagen, ich hätte keine Ahnung, als eigenbrötlerischer Schriftstellerverleger, der in seinem kleinen Elfenbeinturm dahinschreibt. Gewiss, diese Kritik ist nur zu berechtigt. Was weiß ich schon vom Leben der anderen? Von der Gesellschaft als Ganzes? Ich beobachte. Teile. Ausschnitte. Aber ich erkenne, dass es auch andere gab und gibt, die eine ähnliche Sicht auf die Dinge haben. Ist es nur Zufall? In meinem Buch Con$piracy zitiere ich einen amerikanischen Senator, der in den frühen 1990ern bereits anmerkte, wohin uns eine neoliberale Politik (freie Marktwirtschaft auf der ganzen Welt, eine Währung, keine Grenzen) führen wird. Oder ein englischer, durchaus verdächtiger Multimilliardär, der Ende der 1980er das Wirtschaftssystem grundlegend in Frage stellte. Oder wie wäre es mit dem höchstdekorierten US Soldaten, der seine Ansichten über blutige Konflikte klar und deutlich auf den Punkt brachte: »War is a racket« (Krieg ist ein Geschäft). Allesamt nur Rufer in der Wüste. Allesamt nur Statisten in einer sich immer schneller drehenden Welt. Nicht mehr.

Apropos Con$piracy. Ich habe nun doch noch einmal begonnen, den Text zu überarbeiten und konnte dabei neue Strukturen einflechten. Jetzt sieht es schon nach einem ordentlichen Sachbuch aus. In den nächsten Tagen möchte ich das Buch abschließen und AL. für eine Durchsicht gewinnen. Als Verlagslektorin, die Erfahrung mit Sachbüchern hat, wäre sie genau richtig. Und da der August den September ankündigt, werde ich noch ordentlich in die Hände spucken müssen. MADELEINE und, später, ERIK stehen auf dem Speisezettel. Dann wird es auch wieder notwendig, sozial zu interagieren, sich von seiner kreativsten Seite zu zeigen und sich neu zu erfinden. Ja, dann heißt es ordentlich treten, im Hamsterrad.

Meine Stadt? Deine Stadt? Unsere Stadt?

Bald ist es ein Monat her, seit ich von der Donau in den inneren Gürtel Wiens gezogen bin. Die Wohnung liegt zwischen dem elitär gutbürgerlichen Bezirksteilen (4. Bezirk, 5.Bezirk bis zum Margaretenplatz) und den proletarischen Arbeitervierteln (5. Bezirk ab Reinprechtsdorfferstraße zum Gürtel und dann in den 12. Bezirk). Man könnte also sagen, die Wohnung liegt noch nicht rechts, noch nicht links – somit im bezahlbaren Mittelfeld. Aber was heißt heutzutage schon „Mittelfeld“ und – vor allem – „bezahlbar“?

Heute wieder eine kleine Ahnung davon abbekommen, was es einmal geheißen haben muss, in einer gemeinschaftlich funktionierenden Stadt zu leben. Betonung liegt auf „leben“, nicht auf „wohnen“ oder „arbeiten“ oder „Freizeitgestaltung“. In (relativer) Gehweite einen gemütlich unspektakulären Bio-Laden gefunden, in der die Besitzerin nicht verleugnen kann, dass sie nicht aus Wien stammt, sondern aus den ländlichen Gebieten. So half ich ihr, eine Kiste Äpfel über die Türschwelle zu wuchten (okay, das ist die gewohnt schriftstellerische Übertreibung) und erntete dafür ein erdiges „Dank’schön“. Jedenfalls hatte ich das Gefühl, im Laden Qualität angeboten zu bekommen, ohne dass es den Preis durch die Decke treibt. Freilich, günstig ist anders. Aber wollen wir nicht raunzen, immerhin stand ich nicht unweit des Sterbehauses von Franz Schubert.

Überhaupt, diese kleinen Lokale, diese altehrwürdigen Bürgerhäuser, da kommen schon sentimentale Gefühle hoch. Als die Stadt noch nicht vom Autoverkehr überrannt wurde (zugegeben, Pferdemist ist auch kein Wohlgeruch), musste das Leben langsamer von statten gehen. Egal wo ich mich hinbewege, überall folgt mir ein stinkend lautes Blechungeheuer – nicht nur, dass es die städtische Geräuschkulisse ruiniert (Franz Schubert würde es uns sicherlich sagen!), nein, es nimmt jeder Straße, jeder Gasse alle Würde und Schönheit. Ein Blick in die Zeinlhofergasse – vermutlich eine der schönsten Wohngassen von Wien (erst heute durch Zufall entdeckt) – verrät, dass der moderne Mensch nicht kapieren möchte, dass weniger oft mehr ist. Was nutzt mir der Samstag-Nachmittags-Einkauf in einem Einkaufscenter, wenn man es dort nicht mit lebendigen Menschen, sondern mit Un-Toten zu tun hat. Eine gräuliche Erfahrung. Gewiss, es mag effektiv und kosteneffizient sein, aber der seelischen Gesundheit ist es abträglich. Definitiv.

Und die Spitze des Ärgernisses und der Verkommenheit ist wohl, dass am Margaretenhof (sicherlich einer der schönsten Wohnhöfe Wiens), gegenüber des Margaretenplatzes, sich die Autos vorbeischieben. Dass in den verglasten Arkaden und im Untergeschoss eine Werbeagentur untergebracht ist und kein gemütliches Kaffeehaus (das fehlt in diesem Bezirksteil!), kann einen schon die Zornesröte ins Gesicht treiben. Weil deren Werbeslogans und Marketing-Schmähs all jene Bürger dazu verleiten, tote Sachen zu kaufen, im Glauben, dass sie diese lebendiger machen. Tja. Wo soll das nur hinführen? Darüber wird noch zu schreiben sein.

Breaking Bad – Die Chemie des TV-Lebens

WB. tippte auf die DVD-Boxen von Breaking Bad und meinte, dass ich die Serie sehen müsse. Ich war skeptisch. Zugegeben. TV-Serien, Made in USA, können schon sehr am intelligenten Nervenkostüm des Zuschauers rütteln. Freilich, es gibt immer wieder Lichtblicke. In diesem Falle dürfte WB. einen richtigen Riecher gehabt haben. Die letzte Woche begonnen, die Serie zu gucken. Die ersten zwei Staffeln habe ich durch und das ist Grund genug, kurz inne zu halten und über das Gesehene zu reflektieren – behandelt die Serie doch eine Reihe von Themen, die von der Öffentlichkeit nur leise besprochen werden. Bereit?

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Finding Joe oder Können wir nicht alle Helden sein?

Jetzt habe ich eine halbe Stunde lang nach diesem Trailer gesucht. Gar nicht einfach, wenn man sich nur dahingehend erinnern kann, dass ein Kind im Ritterkostüm einen imaginierten Drachen bezwingen möchte. Freilich geht es im Dokumentarfilm um die Frage, was es braucht, um ein Held zu werden bzw. um sein Leben in die Hand  zu nehmen. Der Drachen, yep, der sitzt in unserm Kopf. Punkt. Warum ich diesen Clip gerade heute poste, nun, sagen wir »aus Gründen«. Enjoy.