Schlagwort-Archive: liebe

Ein Film der Frauen unserer Zeit: Captain Marvel und Liebe 47

Seltsam, nicht wahr? Wie schnell die Zeit vergeht. Und vor allem, wie schnell der Mensch vergisst. Vermutlich ist dieses Vergessen ein Schutzmechanismus, um nicht dem Irrsinn anheim zu fallen, wenn einen das Schicksal ordentlich beutelt. Glücklich ist, heißt es in einer bekannten Wiener Operette, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist. Sigmund Freud & Co haben das freilich anders gesehen und darüber gäb es sicherlich auch viel zu schreiben, aber das ist eine gänzlich andere Geschichte. Und wir wollen doch nicht gleich zu Beginn den Faden verlieren.

Nun gut, ich habe jetzt den Disney-Blockbuster Captain Marvel gesehen. Nicht, weil ich ein Superhelden-MCU-Nerd bin, sondern weil es rund um den Film zahlreiche Kontroversen gab, die in Zeiten des Internets in Foren und Kommentaren auf der einen und auf Plattformen der großen Medienhäuser auf der anderen Seite ausgefochten wurden. Wie viel Öl von der Hollywood-Marketing-Abteilung ($$$) mit Absicht ins Feuer geschüttet wurde, ist schwer abzuschätzen, wir können jedoch davon ausgehen, dass es zumindest ein Benzinkanister (Super) war. Aber als sich das Strohfeuer zu einem unkontrollierbaren Flächenbrand entwickelte, rief man eilends die Google-Algorithmen-Feuerwehr, während die jungen und junggebliebenen Bürschleins als Brandstifter-Trolle ausgemacht und ausgebuht wurden.

Seit sich Sigmund Freuds (aha, schon wieder) Doppelneffe Edward Bernays der subtilen Manipulation der Massen verschrieben hatte, beginnend in den 1920er Jahren, ist es heutzutage für Unternehmen, Regierungen oder ominösen Kräften nicht sonderlich schwer, unpopuläre unternehmerische oder politische Ziele zu erreichen und die Gesellschaft gegen ihren Willen zu formen. Dem Mainstream, der als Werkzeug dient, sei dank. Ob uns das Internet dabei hilft, dieser Manipulation entgegenzuwirken ist in meinen Augen zweifelhaft. Um ausgeklügelte Lügengespinste zu erkennen braucht es nicht nur einen hellen Kopf, sondern auch Zeit, Geduld und die Bereitschaft, gegen den Strom zu denken.

Wie dem auch sei. Die hitzige Debatte rund um den Film Captain Marvel drehte sich in erster Linie um die Frage nach dem Platz der Frau in dem von Männern dominierten Superhelden-Genre. Die Mehrheit der Kinogänger wollte freilich einfach nur ein buntes, gut gemachtes Actionspekatakel sehen, ohne in kulturpolitischen und gesellschaftskritischen Dingen mit dem Holzhammer belehrt zu werden. So schreibt man(n): „I don’t care if the main character in a movie is male or female I just care about delivering a good performance and having a good movie.“ Als absehbar war, dass der Holzhammer im Film ordentlich geschwungen werden würde, flammte lautstarker Protest auf. Dieser Protest wurde in feministischen Augen als Bestätigung aufgefasst, dass (junge) Männer im 21.Jahrhundert noch immer gedanklich in der „Steinzeit“ stecken und Frauen in ihrer (beruflich künstlerischen) Entfaltung einschränken würden wollen. Und so schallte es Gleichberechtigung herüber, dröhnte Frauenpower aus den Lautsprechern und verfasste so manch eine(r) giftige Kommentare: „You guys got triggered by a woman having the audacity to tell you that a film with a female lead who does not need a man to protect her isn’t for you.“

Vor 70 Jahren kam der deutsche Nachkriegsfilm Liebe ’47 in die (wenigen) Kinos – basierend auf das Borchert-Bühnenstück Draußen vor der Tür. Wenn Sie Glück haben, können Sie den Film, den ich Ihnen sehr ans Herz legen möchte, in seiner ganzen Länge irgendwo auf youtube finden. Es ist ein beeindruckendes Werk, zeigt es ungeschönt die hässliche Seite des Schicksals – und welche Kraft es braucht, um in den Trümmern nicht liegen zu bleiben, sondern wieder aufzustehen, sich sozusagen aufzurappeln. Am Ende ist es nicht Liebe, sondern ein Versprechen, das einer Frau und einem Mann wieder Hoffnung gibt. Die letzte Einstellung des Films ist von einer grandiosen Schlichtheit und kaum noch zu übertreffen.

Im Gegensatz dazu zeigt uns Hollywood mit Captain Marvel – knallend und krachend, tobend und taumelnd – dass Frauen ordentlich austeilen und zuweilen einstecken und ‚ihren Mann stehen‘ können. Die stimmungsvolle Montage vom Fallen und Aufstehen hätte in einem besseren Film sicherlich viel Gänsehaut verursacht. Schad drum. Und so verschwimmen auf dem Zelluloid langsam die Grenzen zwischen Mann und Frau. Die einen wittern dabei das große Geld, die anderen die große Befreiung und eine kleine Gruppe gebildeter Leute, the intelligent few, definiert im Hintergrund, was gesellschaftlich akzeptabel ist und was nicht. Auf diese Weise lernen wir, dass das politisch korrekte Ergebnis von 2+2 = 5 ist. Sie möchten doch nicht daran zweifeln, oder?

Zu guter Letzt möchte ich einen längeren Dialog-Ausschnitt aus Liebe ’47 anführen – nur damit Sie sehen, wie schnell sich unsere Sicht auf die Dinge gewandelt hat.

Filmaufbau Göttingen, Spielfilm aus dem Jahr 1949

Beckmann: „Ob 3 Tote oder 2 Tote? Wer fragt heute nach 3 Toten? Gestern waren es vielleicht 3.000, vorgestern 100.000, morgen 4.000 oder 6 Millionen. Abgewandert in die Massengräber der Welt. Und wer fragt danach? Keiner!“

Anna Gehrke: „Aber tun Sie etwas dagegen. Sie sind doch ein Mann. Das ist doch eine Aufgabe. Denken Sie mal nach wie es früher war. Es ist noch gar nicht so lange her, da konnten die Leute in Deutschland nicht einschlafen, weil man in Amerika ein Kind entführt hat.“

Beckmann: „Früher, früher? Ja, wann war denn das? Vor 10.000 Jahren? Heute tun’s ja nur noch Tote mit sechs Nullen. Die Menschen entsetzen sich nicht mal, sondern sie schlafen ruhig und fest, sofern sie noch ein Bett haben. Und sie werden mit Zahlen gefüttert, die sie kaum aussprechen können, weil sie so lang sind. Und diese Zahlen bedeuten Tote, Granattote, Splittertote, Bombentote, Verzweiflungstote, Kältetote, Hungertote, Verlorene, Vertriebene, Verschollene; diese Zahlen haben mehr Nullen als ich Finger an der Hand …“

Anna: „Das Leben geht auf und ab, mal ist es dunkel, mal ist es hell. Kein Grund zum Verzweifeln, wenn es mal etwas länger dunkel ist. Jedenfalls nicht für einen Mann. Aber, sieh doch uns an. Sind wir noch Frauen? In hoffnungsloser Überzahl, nicht mehr Frauen, sondern Nummern. Arbeitseinsatz, Dienstverpflichtung, Frauenbataillon. Und wer’s nicht will, der muss sich verkaufen. Legal oder illegal. Aber du [Mann], du hast eine Aufgabe. Mach’s besser. Ändere die Welt.“


Montaigne und das Mädchen, das in Mannskleidung in die Welt hinein ging, anno 1580

Im Jahre 1580 – eine gute Weile ist das schon her – hat sich der gute Michel de Montaigne auf den langen Weg gemacht. Von Frankreich reiste er nach Italien, die „Fahrt“ ging dabei über Deutschland, die Schweiz und Tirol. Auf dieser langen Reise – vorwiegend zu Pferd zugebracht, während das Gepäck mit dem Wagen transportiert wurde – notierte er in seinem Reisetagebuch die eine oder andere merkwürdige Anekdote. Eine handelt von einem „seltnen Ehepaar“. Die Übersetzung ist von 1777, deshalb muthet die Rechtschreibung ein wenig eigen an. Aber so ist das. Andere Zeiten, andere Schreibweisen.

„Sieben oder acht Mädchen, aus der Gegend von Chaumont in Basigny, verabredeten sich vor einigen Jahren unter einander, in Mannskleidung in die Welt hinein zu gehen, und sich etwas zu versuchen. Eine von ihnen kam nach Vitry unter dem Namen Mary. Sie bekam bald bey einem Leinweber Arbeit, da sie wohl gewachsen war, und die Kunst verstand, sich eines jeden Liebe und Freundschaft zu erwerben. Sie verlobte sich in Vitry mit einer Frau, die noch am Leben ist; da sie aber in einige Mishelligkeiten geriethen, so gieng der ganze Handel aus einander. Darauf gieng sie nach Montirendet, und verdiente auch da als Leinweber ihr Brod. Hier ward sie von neuem in ein Frauenzimmer verliebt; die sie heirathete. Vier bis fünf Monate lebte dieß seltne Ehepaar in der stolzesten Zufriedenheit; bis sie von einem Bürger aus Chaumont entdeckt und der Obrigkeit angezeigt wurden. Mary ward zum Galgen verurtheilt, weil sie eine ihrem Geschlechte unanständige Sache erfunden hatte. Diese Strafe übernam sie mit Gelassenheit. Ich will lieber den Tod leiden, sagte sie, als in der Gestalt eines Mädchens mein Leben fortsetzen.“ [S. 119f]

Reisen durch die Schweiz, Deutschland und Italien.
In den Jahren 1580 und 1581
Michel de Montaigne

Mythen der Ernährung (7): Die erkrankte Gesellschaft

Was bisher geschah // Ich saß in einer Bäckerei, irgendwo im Süden Niederösterreichs, und wartete auf M. Während ich in mein Tagebuch schrieb und immer wieder einen Schluck vom Kaffee nahm, kam ein Gedanke zum anderen und ohne dass ich danach gesucht hätte, fielen die Puzzlestücke wie von selbst richtig und setzten sich, wenn man so will, wie von Geisterhand zusammen. Ja, diese Gedankenwelt ist oftmals nicht zu begreifen, aber was tut’s zur Sache. Es ist wie es ist und das ist gut so.

Mythen der Ernährung (7): Die erkrankte Gesellschaft weiterlesen

Erik, Erotik, Erklärungen und der ganze literarische Rest

Erik Flyer
Lydia und 9 Mädls ergeben eine autobiographische Fiktion

So! Jetzt werde ich mich mal um Erik kümmern. Gestern die Korrekturen von KK. zurück bekommen, heute werde ich sie (die Korrekturen, nicht KK.) einarbeiten und schwuppdiwupp gibt’s zwei nagelneue E-Books. Noch nicht offiziell, also noch mit keiner ISBN, aber das stört ja nicht weiter, oder? Die beiden Bände werden schlappe €1,99 kosten. Das ist ja der Preis, den die Social Media Meute bereit ist, zu zahlen. Wenigstens.

Warum zwei Bände? Nun, ich teile das Konvolut in einen erotischen und in einen literarischen Band auf. Somit kann ich jeden der Texte exakt klassifizieren, vulgo tagen, und mit einem passenden Cover versehen. Wir wissen: ein geiler Umschlag ist die halbe Miete. Sozusagen. Fragen?

So! „88/4 – eine banale Liebesgeschichte“

Gestern, am späteren Nachmittag 88/4 – eine banale Liebesgeschichte abgeschlossen. Die gute A. war so freundlich und hat sich gleich mal die verschiedenen Teile angeguckt und Rückmeldung gegeben. Der innere Monolog der Protagonistin findet sie „weiblich“ und durchaus gelungen. Gut so. Das war ja doch die Hürde, die ich nehmen wollte. Unbedingt.

Rund 120 Seiten hat das „Büchlein“ mal in der 1.Version. Die nächsten Tage und Wochen wird es an die Überarbeitung gehen. Aufgrund des überschaubaren Umfangs sollte es recht bald auf Schiene sein. Es sei denn, die Rückmeldung meiner Lektorin (wer käme da jetzt in Frage? EJ. ist mit „Penly“ beschäftigt, PK. mit „Erik“ – vielleicht FB.?) würde eine völlige Überarbeitung vorschlagen. Tja. Alles schon gehabt. Aber so ist das.

Das Jahr 2011 fängt also ganz gut an. Ich darf mich nicht beklagen. Wieder ein Mosaikstein hinzugekommen, im literarischen Schaffen. Wer hätte das gedacht? Noch im Dezember hatte ich ganz andere Überlegungen. Wir sehen: erstens kommt es anders und zweitens und überhaupt.

Deshalb ist es wichtig, wenn immer möglich, in den Zug zu steigen. Falls die Reise am Ende nicht dein Leben angenehm verändert, dann beschenkt sie dich vielleicht mit einem Musenkuss. Aber nur vielleicht.