Schlagwort-Archive: migranten

Silvesternacht in Köln und der Blind Spot der Geschichte

Koeln2016_Medien
Nur ein kleiner Medien-Mix zum Probieren.

update: ein Kölner Augenzeuge berichtet über die Ereignisse

Sie werden es vermutlich bereits gehört und gelesen haben, dass es in der Silvesternacht zu zahlreichen Übergriffen am Hauptbahnhof von Köln kam und die Wogen in den sozialen Medien hoch gingen. Der interessanteste Aspekt bei alledem ist aber die Frage, wie es möglich ist, dass ein – verhältnismäßig harmloses* – lokales Ereignis in Deutschland für internationales Aufsehen sorgen kann. So schaffte es das Ereignis sogar auf die (Online)Titelseite der New York Times und in den Twitter-Feed von Donald Trump. Verblüffend, meinen Sie nicht auch?

*) Jakob Augstein twittert am 7.1.: „Ein paar grapschende Ausländer und schon reisst bei uns Firnis der Zivilisation“
https://twitter.com/Augstein/status/685142273324134400

Nun, die großen Medienhäuser, seien diese in Frankfurt, London oder New York spielen alle im selben Orchester und ziehen am gleichen elitär-politischen Strang (FAZ-Mitgründer Paul Sethe anno 1965: „Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten“). Als skeptischer Bürger muss man sich jetzt fragen, warum all diese Medien gerade jetzt diesem emotionalen Thema Platz einräumten, während sie noch vor Wochen und Monaten solche Ereignisse ignoriert, abgeschwächt oder die Opfer bzw. Kassandra-Rufer diskreditiert haben.

Der Aufschrei wütender und verängstigter Bürger in den sozialen Medien soll den Anstoß für Presse und Politiker gegeben haben. Klingt gut, ist aber nicht so, weil es in erster Linien der Mainstream-Presse und der großen Presse-Agenturen vorbehalten ist, aus einem Sturm im Wasserglas einen ordentlichen Orkan zu entfachen.

So berichtete das Boulevardblatt BILD am 3.1.2016 über den Vorfall mit der Headline: „Sex Überfälle in der Silvesternacht“. Das hat Schmackes und verkauft sich gut. Einen Tag später legt das boulevardeske Nachrichtenmagazin FOCUS nach: „Betroffene berichtet: ‚Ich habe die ganze Zeit nur geschrien'“. Gefolgt von Spiegel Online, der im Artikel die Herkunft der mutmaßlichen Täter seltsamerweise nicht verschweigt. Der Rest, wie man schön sagt, ist Geschichte.

Im Moment fliegen die Anschuldigungen kreuz und quer im öffentlich-medialen Raum umher. Haben die Politiker oder die Polizei versagt? Warum dauerte es fünf Tage, bis ARD/ZDF gewillt war, über die Ereignisse zu berichten? Die FAZ fragt sich, ob ARD und ZDF nicht wissen, was sie berichten sollen. Der CSU-Politiker Hans-Peter Friedrich vermutet „Nachrichtensperren“, sobald es um Vorwürfe gegen Ausländer gehe und spricht von einem „Schweigekartell“ – freundlicherweise berichtet Die Welt über das vermeintliche Versagen der Medien. Oder liegt die Schuld am Ende bei den „opferbereiten Naivlingen beziehungsweise nützlichen Idioten der Flüchtlingsindustrie“, wie die niederländische Zeitung De Telegraaf in einer ungewohnt drastischen Deutlichkeit schreibt. Enfant Terrible Donald Trump interpretierte die Ereignisse auf seine Weise, nämlich dass die deutsche Bevölkerung „massiven Angriffen“ von Migranten ausgesetzt wäre, denen man zuvor erlaubt habe, ins Land zu kommen. Darüber solle man nachdenken, merkte er am Ende an. Und zu guter Letzt sieht die international geschätzte Qualitätszeitung The New York Times die Migranten-Diskussion in Deutschland durch die „massiven sexuellen Übergriffe“ (Mass Sexual Attack) angeheizt.

Wie ich die Sache auch drehe und wende, ich werde aus alledem nicht schlau. Zum einen scheint es, dass einzelne Medienhäuser dieses lokale Ereignis nicht unnötig „aufblasen“ wollten. Man sehe sich nur die Berichterstattung auf ORF.at an – da es keine User-Kommentarfunktion gibt, könnte man meinen, es handle sich bei alledem nur um eine ausgeuferte Silvesterparty, irgendwo in Deutschland. Im Gegensatz dazu sah sich die Redaktion des Der Standard gezwungen, im Online-Forum darauf hinzuweisen, dass trotz des „emotionalen Themas“ alle Postings gelöscht werden würden, die Hetze und rassistische Angriffe beinhalteten. Eine Woche später – viel Wasser ist dem Rhein hinuntergeflossen – liest man erste Relativierungen und mahnende Worte. Nichts anderes war zu erwarten, da die Reaktionen in den Online-Foren zeigten, dass so mancher (verängstigte und wütende) Bürger überhaupt nicht mit der gegenwärtigen Politik einverstanden ist und eine Kursänderung fordert.

Merkwürdig jedoch, dass ausgerechnet die transatlantischen Brückenbauer unisono Öl ins Feuer schütten wollten. Warum? Wozu? Und wie kann es sein, dass eine Profi-Politikerin – mit all ihren Spin-Doktoren und PR-Ratgeber – in einer Pressekonferenz einen Vorschlag zur zukünftigen Verhinderung dieser Übergriffe unterbreitet, der so absurd lächerlich ist, dass man beginnt, an das demokratische Wahlsystem zu zweifeln? #einearmlaenge

Dass die Massenfluchtbewegung nach Europa gesteuert ist, steht für mich außer Frage. Um die unangenehmen zukünftigen Auswirkungen abzufedern, waren es genau jene transatlantischen Brückenbauer in den Redaktionen der großen privaten und öffentlich-rechtlichen Medienhäuser, die eine fröhlich-humane Willkommenskultur-Euphorie auf die Titelseiten und in die Nachrichtensendungen brachten. Kritische Stimmen, wie zuvor erwähnt, wurden ignoriert oder ins rechte Lager abgeschoben. Die leere Politphrase „Wir schaffen das!“ wischte alle Bedenken fort. Natürlich. So funktioniert Propaganda. So werden die Lämmer zum Schweigen gebracht.

Ich denke jedenfalls nicht, dass hier ein Fehler in der Kommunikation geschah. Wollte man vielleicht mit Absicht die Stimmung anheizen? Wollte man die „Gegnerschaft“ herausfordern, um deren Reaktion sorgfältig beobachten zu können? Ging es vielleicht auch nur darum, die „Macht“ der sozialen Medien in den Köpfen der Bürger zu verankern? Hieß es nicht (fälschlich), dass der „Arabische Frühling“ vor allem durch Social Media ermöglicht wurde? Oder wollte man schlicht und einfach von einem anderen Brennpunkt ablenken?

Ja, das ist das Dilemma eines Wahrheitssuchers, der nur Bruchstücke an Fakten und Indizien zur Verfügung hat. Es gibt keine Antworten, nur viele Fragen.