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Italienische Befindlichkeiten, anno 2013

Italia FlaggeEine mir gut bekannte Freundin – nennen wir sie Lena M. oder kurz LM, die immer wieder für längere Zeit in Italien lebt und in enger Verbindung mit einer deutsch-italienischen Familie steht, antwortete mir auf die Frage, wie es denn um Italien 2013 so bestellt ist. Ich wollte wissen, was sich – pardon – am Bodensatz des Landes tut. Mainstream und Internet-Apokalyptiker sind für gewöhnlich keine Hilfe, um Licht ins Dunkel zu bringen. LMs Ansichten sind freilich nicht der letzten Weisheit Schluss. Es sind Impressionen, persönliche Eindrücke. Subjektiv durch und durch. Vergessen wir aber an dieser Stelle nicht, dass es Objektivität de facto nicht geben kann, auch wenn es Chefredakteure mancher Qualitätsblätter anders sehen wollen. In den launigen Worten des Wiener Biophysikers und Biokynetikers Prof. Heinz von Foerster hört sich das dann so an:

Die ganze Idee der Objektivität halte ich für einen stumbling-block eine Fußfalle, einen semantischen Trick, um die Sprecher und die Hörer und die gesamte Diskussion zu verwirren, von Anfang an. Denn die Objektivität verlangt ja, soweit ich die Helmholtzsche Formulierung verstehe, den locus observandi. Dort muss der Beobachter alle seine persönlichen Eigenschaften abstreifen und muss ganz objektiv locus observandi!  sehen, wie es ist. Und diese Annahme enthält schon fürchterliche Fehler. Denn wenn der Beobachter alle seine Eigenschaften abstreift, nämlich die Sprache – Griechisch, Lateinisch, Turkisch, was immer -, wenn er seine kulturellen Brillen weglegt und damit blind und stumm ist, dann kann er ja nicht ein Beobachter sein, und er kann auch uberhaupt nichts erzählen. Die Voraussetzungen seines Erzählens sind weggenommen. Auf den locus observandi hinaufzusteigen, heißt: Lege alle deine persönlichen Eigenschaften ab, inklusive des Sehens, inklusive des Sprechens, inklusive der Kultur, inklusive der Kinderstube, und jetzt berichte uns etwas. Na, was soll der berichten? Das kann der ja nicht.

entnommen: ›Im Goldenen Hecht. Über Konstruktivismus und Geschichte. Ein Gespräch zwischen Heinz von Foerster, Albert Müller und Karl H. Müller‹, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 8/1997/1, S. 130f., link zum Artikel

Warum ich überhaupt LM. die Frage nach der gegenwärtigen Befindlichkeit in Italien stellte, hat damit zu tun, dass Dirigent Riccardo Muti während einer Opernaufführung in Rom zu Verdis Nabucco eine kurze ›Rede zur Nation‹ hielt und vom italienischen Publikum mit Standing Ovations bedacht wurde. Ich wollte wissen, wie schlimm es wirklich ist. Hier nun der kurze, aber knackige gedankliche Ausflug über die Zustände in Italien anno 2013, gesehen durch die Brille von LM:

Buon giorno, Richard

Was mir tatsächlich auffällt, ist, dass mehr als früher Häuser zum Verkauf stehen oder dringend Mieter gesucht werden. In Palermo sind extrem viele Leute zum Geld-schnorren unterwegs, nächste Woche bin ich in Rom, da wird das auch nicht anders zu erwarten sein.

Wie die gesamte Lage ist, ist schwer einzuschätzen, Du musst bedenken, dass Italiener schon mehr ›DRAMA-Kings und Queens‹ sind als wir, deshalb singen sich die Opern auch so schön in italienischer Sprache 😉

Wegen eines Hochgeschwindigkeitszuges kommt es in Rom vor den Ministerien zu einem Aufstand, dass du denkst, der Krieg bricht jede Sekunde aus. Das schaukelt sich in die Höhe und alle sind dabei. Später kann man die Geschichte ja wieder umschreiben 😉

Ich denke, so schlimm kann die Lage der Nation noch nicht sein, wenn immer noch ein Viertel der gekauften Lebensmittel im Müll landet.

Großes Gejammere löste auch die IMU auf Eigentum aus (Immobiliensteuer, so was wie bei uns die seit Ewigkeit existierende Grundsteuer, die ja auch jährlich zu zahlen ist, wie mich erst kürzlich mein Herr Großvater aufklärte). Deshalb die vielen Verkäufe von Eigentum).

Es wird viel gejammert rundherum. Am meisten jammern die, die 10 Hütten von irgendwo ›zusammengeerbt‹ haben und diese  – ›steuerneutral‹ versteht sich – über Jahre vermietet haben, wovon die ganze Verwandtschaft gut gelebt hat. Jetzt gibt es halt Einbußen, weil der Tourist nicht gerne kommt, wenn sich neben seinem Häuschen der Müll stapelt und der ganze Mist in der Erde und im Meer und letztlich in ihm selber landet. Gutes Service und Leute, die wenigstens Englisch sprechen wären natürlich
auch kein Fehler … aber der Tourist soll gefälligst italienisch lernen, wo kommen wir denn sonst hin?

Im September machen hier, im Süden Italiens, die Läden die Schotten dicht, da kannst du nicht mehr erwarten, dass das Restaurant am Strand wegen so ein paar Deutschen aufsperrt. Sollten die doch auch im August kommen, wenn Halligalli ist. Aber jetzt: Aus. Schluss. Winter. War eine scheiß Saison!

Ein Herr Muti, der privilegiert ist und gänzlich in anderen Sphären (und im Norden) lebt, mag erschüttert sein über die – überraschende? – Situation: Arbeitslosigkeit, Schulden, Misswirtschaft, Mafia, Politiker, die sich benehmen wie Könige, Korruption, schlechte Infrastruktur …

Aber was ist daran neu und ist die Schuld der schön inszenierten Bankenkrise? Das wage ich zu bezweifeln, aber irgendwer muss ja den schwarzen Peter zugeschoben kriegen. Berlusconi kriegt den nur im Ausland, im Inland hat er viele Fans, weil er die IMU wieder abschaffen will, die Monti eingeführt hat. Wusstest Du, dass Berlusconi Angela Merkel eine culona inchiavabile genannt hat? (= ›eine nicht zu Fi**ende mit einem großen Arsch‹ – in der Vanity Fair Nr. 40 vom 9 Oktober 2013) –  Ja, das ist ein feiner Herr. Seine bezahlten Damen sind ja bekanntermaßen minderjährig und haben sicher ein süßes Hinterteil. Soviel zum Frauenbild der Nation, das ist die Tragödie, aber anderes Thema, sonst höre ich nicht mehr auf … Anmerkung am Rande: Dass es in der Kirche Missbrauch gibt usw. wird in Italien totgeschwiegen, das siehst du nur im deutschen Fernsehen. Wär auch eine gute Geschichte im katholischen Italien.

Das Volk lässt sich ja mit einfachen Mitteln gerne hinters Licht führen. Wir erheben die Mutterschaft zum einzig wahren Glück im Leben und dann halten die Schlampen wieder die Fresse und kochen Pasta. Und BASTA. Gut, wie war Deine Frage? Die Lage der Nation … ich würde sagen, die Kinder werden immer dicker. Hat Muti das auch erwähnt?

Tanti saluti

Eine kleine Anmerkung von meiner Seite ist der Umstand, dass ein Berlusconi, ein Monti, eine Merkel, allesamt nur Handlanger einer kleiner Clique sind, die alle Register zieht. Am ehesten könnte man ›hohe Politik‹ mit dem damaligen Catchen (moderner: Wrestling) am Heumarkt vergleichen. Alles nur Show. Gut gemacht, freilich, aber am Ende des Tages holen sich die Catcher ihren verdienten Lohn ab, gehen nach Hause und hoffen, auch am nächsten Tag wieder in den Ring steigen zu dürfen.

Nachhilfe für Herrn Chefredaktör B.

Occupy? Ach ja …

Am Samstag war es, als ich eine österreichische – zwischen Boulevard- und Qualitätsblatt pendelnde – Tageszeitung durchblätterte und aus dem Staunen nicht mehr herauskam. Der geneigte Leser sollte wissen, dass ich eigentlich seit geraumer Zeit keinerlei Printmedium mehr durchsehe, um mich zu informieren. Höchstens zum Gaudium oder zum Geschocktwerden [Nervenkitzel 2.0], und hie und da zum Einpacken zerbrechlicher Dinge, aber, wie gesagt, sicherlich nicht, um mir die kleine und große Welt erklären zu lassen. Zurück zur Zeitung. Ich las die Kolumne eines recht seriös dreinblickenden Schreiberlings, der, wie ich auf der Wiki-Seite feststellen konnte, der, pardon, Chefredaktör des Blattes ist. Es ging darin um Reformen in Italien und dass es besser sei, jetzt in den sauren Apfel zu beißen als später. Nebenbei erwähnt er den Umstand, dass im Internet [Vorsicht, unseriös!] Ministerpräsident Monti »als ehemaliger Berater von Goldman Sachs gerne vernadert« [steht das Wort überhaupt im Duden?] wird, »als ob diese Bank Italien an den Abgrund geführt hätte«. Also gut, man muss scheinbar als Chefredakteur keine ausländischen Zeitungen lesen oder TV-Sender gucken, freilich nicht, es reicht, aus dem Fenster zu starren und sich einen Reim aus der gegenwärtigen Lage zu machen. Was einem da alles so einfällt, ist allerhand, net?

Die Bank Goldman Sachs hat mehr Leichen im Keller als die Tageszeitung Journalisten im Verlagsgebäude [gut, zugegeben, in solch schwierigen Zeiten kann sich kaum noch eine Zeitung gute Journalisten leisten]. Als Einstieg empfiehlt sich eine Mainstream-Doku, die auf ARTE ausgestrahlt wurde und auf deren Webseite leider nicht mehr gesehen werden kann. Aber wer sich im [unseriösen!] Internet mit einer bekannten Suchmaschine auskennt, der könnte zufällig auf den Film Goldman Sachs – Eine Bank lenkt die Welt stoßen. Aus dem Programmhinweis kann man entnehmen:

Seit fünf Jahren steht die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs für sämtliche Exzesse und Entgleisungen der Finanzspekulation. Die Bank soll gegen die europäische Einheitswährung spekuliert und die griechische Staatsschuldenbilanz mit Hilfe komplexer und undurchsichtiger Währungsgeschäfte geschönt haben. Als die europäischen Regierungen nacheinander dem Zorn der Wähler zum Opfer fielen, nutzte Goldman Sachs die Gunst der Stunde, um ihr komplexes Einflussgeflecht auf den alten Kontinent auszuweiten.

Falls diese kleine TV-Lektion vielleicht zu unseriös erscheint, dem kann natürlich geholfen werden, Englischkenntnisse vorausgesetzt. In der britischen Tageszeitung The Independent kann man die Eroberungsfeldzüge der, pardon, Banksters sehr gut nachvollziehen. Immerhin getraut sich die Zeitung klar und deutlich zu sagen, dass die Installierung von Monti undemokratisch war, da hilft es jetzt auch nichts, noch schnell den guten alten Berlusconi zu verknacken [steht das Wort im Duden?]. Solche Gedankengänge sind vermutlich für einen österreichischen Zeitungsmacher nicht opportun, der Schatten der Hapspurgers liegt wie eine Betondecke über dem Land und dem Geist. Also, hier der Artikel im wohlfeilen Englisch:  What price the new democracy? Goldman Sachs conquers Europe:

It is not just Mr Monti. The European Central Bank, another crucial player in the sovereign debt drama, is under ex-Goldman management, and the investment bank’s alumni hold sway in the corridors of power in almost every European nation, as they have done in the US throughout the financial crisis. Until Wednesday, the International Monetary Fund’s European division was also run by a Goldman man, Antonio Borges, who just resigned for personal reasons. Even before the upheaval in Italy, there was no sign of Goldman Sachs living down its nickname as „the Vampire Squid“, and now that its tentacles reach to the top of the eurozone, sceptical voices are raising questions over its influence.

Der freundliche Nickname, der Goldman Sachs verpasst wurde, nämlich Vampire Squid, ist ein Vampirtintenfisch und laut Wiki in seiner wörtlichen [lateinischen] Übersetzung Vampirtintenfisch aus der Hölle. Also, um ehrlich zu sein, den guten Monti hier nicht, pardon, zu vernadern, wäre für einen aufgeklärten Bürger beinahe grob fahrlässig. Aber gut, mein Blog ist Internet, wenn man so will und damit komme ich gegen die mit Druckerschwärze veredelten Gedanken natürlich nicht an. Apropos. Auf Seite 1 besagter Zeitung gibt es eine kleine Kolumne, die scheinbar eine Gitarre verfasst hat. Die Gedankengänge sind einerseits richtig [immer mehr Arbeitslose, immer weniger Jobs], andererseits wird am Ende nur mit der Schulter gezuckt, frei nach dem Motto: »Was geht’s mich an, net?« Eigentlich dachte ich ja immer, dass die Zeitungsleut dafür bezahlt werden, nicht nur Fragen zu stellen, sondern auch die Antworten von den Politikern oder den Verantwortlichen einzufordern [bereits 1994 hat sich jemand im Forbes Magazine über die Zukunft des Jobs Gedanken gemacht und dessen Ende prophezeit]. Solche Kolumnen kann man sich deshalb  sparen und überhaupt, die ganze Zeitung, pardon, taugt leider sehr wenig. Schon alleine der Artikel auf Seite 7, der die New York Times [Qualitääät!] zitiert und dem chinesischen Premier ans Bein pinkeln möchte, weil er es wagt, Milliardär zu sein. Die gute New York Times sollte sich mal die Vermögen der US-Politiker genauer anschauen, da könnte einem auch so einiges auffallen. Zum Beispiel, dass der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg mit einem geschätzten Vermögen von 25 Milliarden Dollar den chinesischen Premier arm aussehen lässt. Dass besagter Bloomberg sich auch seine eigene Polizei hält, immerhin die siebentgrößte der Welt, wäre im Alten Rom ein hinreichender Grund gewesen, in die Verbannung (oder Tod, je nach dem) geschickt zu werden. Gegenwärtig jucken kaum jemanden solche martialischen Aussagen, da zeigen wir lieben nach China. Da haben wir zwar keine Ahnung, wie die Verhältnisse sind, aber damit können wir suptil [für: super subtil] ablenken, nicht? Und weil wir gerade beim Thema sind, kann ich den Artikel It’s the Inequality, Stupid nur jedem Schreiberling ans Herz legen. Da gibt es viele bunte Grafiken, die zeigen, wie reich die Superreichen sind und wie es dem Rest des, pardon, Pöbels – 99 % –  geht.

Überhaupt die, pardon, politischen Kleinanzeigen auf S. 7 sind ein klassisches Beispiel, wie Chomskys und Hermans Propaganda-Modell funktioniert. Man erfährt alles, was man als uninformierter Bürger wissen soll:

Afghanistan = Bürgerkrieg,
Iran = Unrechtsregime,
Islam = Mittelalter,
Wikileaks = Wichtig,
Russland = Putinregime.

Dass es auch immer zwei oder drei Seiten gibt, die man vielleicht als Qualitätszeitung beachten und erwähnen sollte, dürfte in der Journalistenschule scheinbar nicht mehr gelehrt werden. Wenn man also meint, dass nur der arabische Sender Al Jazeera keine nackten Brüste zulässt, dann sollten wir uns kurz daran erinnern, wie die Wogen in good ol‘ USA hochgingen, als in der Pause der 38. Superbowl-Liveübertragung ein gewisser Timberlake einer gewissen Jackson an die Wäsche ging und dabei eine ihrer Brustwarzen dem geschockten Live-Publikum entgegen-starrte. Nicht umsonst wurde die folgende Kontroverse als Nipplegate bezeichnet, wo es Beschwerden und Klagen und Reglementierungen regnete. Würde nun eine Aktivistin ihre Brüste live im US-TV präsentieren wollen, ich schätze, die Schockwelle, die es auslösen würde, wäre noch in der Kapuzinergruft zu spüren.

Zu den anderen Einträgen, also, dazu kann ich nur sagen, dass man sich kurz die Frage gestatten soll, welche Regierung welchen Landes die demokratisch gewählte Regierung in Afghanistan Ende der 1970er Jahre beiseite schob und das Land mit Terroranschlägen überzog. Die UdSSR war es jedenfalls nicht. Ob Putin zu den Guten oder Bösen gehört, kann ich nicht sagen, aber da die USA alles daransetzt, ihn loszuwerden, gehe ich von ersterem aus [aber auch das kann wiederum nur ein Indiz für eine Dobblecross-Aktion sein. Tja. Die hohe Politik ist nicht leicht zu durchschauen. Period!] Bleibt noch Wikileaks. Um ehrlich zu sein, ich halte Monsieur Assange genauso für ne Marionette wie sein Portal. Beweise gibt es dafür natürlich keine, Indizien aber genügend. Demnächst mehr in meinem neuen Buch. Period! [damit will ich nicht sagen, dass ich die Periode habe, sondern damit meine ich, dass man darauf Gift nehmen könne, dass es so ist. Ich habe mir das Wort von den coolen Amerikanern abgeschaut].