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EM 2016: Spieltag 13 – Entscheidung GruppeE und F

EM-2016-Spieltag13

Spieltag 13 der Europameisterschaft in Frankreich 2016
Entscheidung Gruppe E und F

ITALIEN : IRLAND 0:1
SCHWEDEN : BELGIEN 0:1

ISLAND : ÖSTERREICH 1:2
UNGARN : PORTUGAL 3:3

Tja. Das war es also, mit der EM-Teilnahme der österreichischen Nationalmannschaft. Es ist schon verblüffend, dass es Trainer Marcel Koller von Beginn an mit einer defensiven Aufstellung versuchte. Ich hatte nach dem Spiel gegen Portugal einen ähnlichen Vorschlag gemacht – und darf mir zugutehalten, dass meine Überlegung vermutlich zielführender gewesen wäre. Während Koller jeden verfügbaren Defensivspieler auf den Platz stellte und die (noch nie gespielte) Formation 3-4-3 vorgab (die auf dem Platz eher wie eine 3-7-0 daherkam), wäre ich bei der bisher üblichen 4-2-3-1 geblieben, hätte aber Arnautovic in die Spitze gegeben, Alaba auf links gestellt und Schöpf als Junuzovic-Ersatz vorgesehen. Wie man in der ersten Hälfte gesehen hat, ist das Team nicht in der Lage, die Vorgaben einer neuer Formation zu erfüllen. Als Koller in der zweiten Hälfte wieder zur üblichen Aufstellung zurückkehrte, konnte man sofort erkennen, dass sich die Spieler wohler fühlten und damit auch ballsicherer wurden. Alles in allem hat mich die zweite Hälfte des Spiels gegen Island einigermaßen versöhnt, hat man – endlich, endlich – gesehen, dass die österreichische Nationalmannschaft sehr wohl in der Lage ist, auf internationalem Niveau Fußball zu spielen. In den anderen 5 Hälften wirkte das Spiel der Österreicher oftmals wie ein Monty Python Sketch: völlig surreal.

Koller hatte also die richtige Eingebung: Mittels Defensivtaktik und Aufbietung aller Defensivspieler soll wieder zur gewohnten Sicherheit zurückgefunden werden; ist das Selbstbewusstsein der Spieler einigermaßen im grünen Bereich angelangt, würde man die Offensivkräfte einwechseln und auf Angriff setzen. Aber wie so oft, wenn man die Lösung für ein großes Problem gefunden hat, übertreibt man in der Umsetzung. Natürlich kann ich im Nachhinein überlegen schreiben, dass der Lösungsansatz richtig, die Umsetzung jedoch falsch war – wäre beispielsweise Arnautovic nicht weggerutscht, hätte Dragovic den Elfer gemacht, hätte der Schiedsrichter das Foul im Strafraum gepfiffen, wäre der Schuss von Schöpf nicht abgewehrt worden, ich müsste den Hut vor Koller ziehen. Aber Tatsache ist, dass es nicht Wagemut war, der Koller veranlasste, die neue Defensivformation zu wählen, sondern Verzweiflung und Angst.

So rächt es sich, dass man es in Freundschaftsspielen verabsäumt hatte, neue Aufstellungsvarianten auszuprobieren. Andererseits braucht jedes Team eine Reihe von Spielen in einer fixen Aufstellung, um Vertrauen und Sicherheit zu gewinnen. Ein Dilemma, wenn man so will. Kann ich die Defensivtaktik Kollers gut nachvollziehen, so ist mir absolut unverständlich, warum er ein spanisches Offensivmittelfeldspiel mit Arnautovic, Alaba und Sabitzer aufziehen wollte. Dazu braucht es nicht nur ein grandioses Spielverständnis, sondern neben Disziplin auch eine gehörige Portion Spielerintelligenz. Dass diese Taktik nur in die Hose gehen kann, war eigentlich abzusehen – zumal Alaba in all seinen Spielen immer nur aus dem Rückraum agierte, nie an vorderster Front, zumal Arnautovic das Tempo aus dem Angriffsspiel generell herausnimmt und zumal Sabitzer – wollen wir es freundlich sagen – die internationale Klasse fehlt.

Der Führungstreffer der Isländer – ein Fehler im österreichischen Stellungsspiel – erinnerte frappant an jenen der Ungarn! Die erste Hälfte war jedenfalls zum Vergessen. Die Umstellung in der zweiten Halbzeit – Janko und Schöpf ersetzten mit Ilsanker und Prödl zwei Defensivkräfte – zurück zum gewohnten 4-2-3-1 mit Alaba neben Baumgartlinger im Zentrum und Schöpf als Spielmacher, ließ das Team wieder zur gewohnten Stärke zurückkehren. Plötzlich machten sie – vor allem über links – Druck, plötzlich gelangen die eingespielten Passkombinationen, plötzlich erwachte das verloren geglaubte Selbstbewusstsein, plötzlich merkte man als Außenstehender, dass ein Ruck durch die Mannschaft ging und all das beflügelte die Hoffnung, die man nach der grauenhaften ersten Halbzeit längst begraben hatte.

So wie es aussieht, werden sich Alaba & Co an dieser zweiten Halbzeit aufrichten können. Die Qualifikation zur WM 2018 steht bekanntlich vor der Tür. Dass sich die zwei Schwergewichte in unserer Gruppe – Irland und Wales – in das Achtelfinale gespielt und damit viel Selbstbewusstsein abgeholt haben, dürfte die Ausgangslage unseres Teams nicht gerade verbessern. Sei es wie es sei. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Ach ja, bevor ich es vergesse: Natürlich sollte es Konsequenzen für das Versagen der Mannschaft geben. Wer auch immer den Job für die psychologische Betreuung der Mannschaft inne hatte, gehörte an die Luft gesetzt. Sofort!

Ungarn? Ein Fußballwunder! Bei dem Spiel gegen Portugal blieb einem der Mund vor Staunen offen. Gewiss, die Ungarn konnten befreit das Leder treten – waren sie bereits fix für das Achtelfinale qualifiziert, während die Portugiesen zumindest ein Unentschieden benötigten und bei einer Niederlage die Heimreise hätten antreten müssen. Da können die Nerven schon flattern. Sieht man sich die erste Stunde der Begegnung an, dann erkennt man sofort, dass die Ungarn die Seiten gut zustellten. Im Gegensatz zu den Österreichern, die die größten Probleme mit dem portugiesischem Flankenspiel hatten, ließen die Ungarn  nur selten Hereingaben von den Seiten zu. Den Ungarn gelang es immer wieder, den Ball laufen zu lassen und mit gutem Kombinationsspiel Offensivaktionen einzuleiten; die Portugiesen waren deshalb gezwungen, mehr für die Absicherung zu tun, weshalb sie weniger Beine für ihre Angriffsbemühungen zur Verfügung hatten. Auch waren die Ungarn im schnellen Offensivspiel gefährlich – ein Stangenschuss unterstreicht es. Gut möglich also, dass sie im Achtelfinale die Belgiern ärgern werden – so das ungarische Nervenkostüm hält. Vergessen wir aber auch nicht, dass es die Belgier sind, die in dieser Begegnung unter dem größtmöglichen Druck stehen. Der geheime Favorit soll gegen einen 40-jährigen Torhüter in Jogginghose straucheln? Unvorstellbar! Ja, das dachten sich 8 Millionen Österreicher auch.

Portugal? Es kann nur noch besser werden. Nach der blamablen Leistung in einer der schwächsten Gruppen dieser EM, könnte nun Ronaldo & Co zeigen, was sie wirklich drauf haben. Ihr Achtelfinalgegner Kroatien ist dummerweise mit allen Wässcherchen der Spielkunst gewaschen. Sollten die Portugiesen diese schwere Hürde nehmen, dann stehen sie wohl im Finale und keiner lacht mehr über den vergebenen Elfmeter von Ronaldo. Ja, so absurd kann Fußball sein.

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Belgien tat sich im Spiel gegen die Schweden recht schwer. Seltsam. Weil das Team rund um Ibrahimovic wohl zu den schwächsten dieser EM gehörte. In zwei Spielen gaben sie keinen einzigen (!) Schuss auf das gegnerische Tor ab. Möchte man nicht glauben, aber die Statistik lügt nicht. Mit dieser beschaulichen Leistung werden die Belgier gegen die Ungarn wohl keinen Stich machen. Spannung ist demnach am Rasen, nicht auf dem Papier, garantiert.

Italien? Irland? Man wird sehen, wie sich die beiden Betonmischer im Achtelfinale aus der offensiven Affäre ziehen werden. Ihre Gegner, Spanien und Frankreich, sollten vielleicht ein Abrissunternehmen anheuern, ansonsten wird es mit dem Tore schießen sehr, sehr schwer.

EM 2016: Spieltag 10 – Entscheidung Gruppe A

EM-2016-Spieltag10

Spieltag 10 der Europameisterschaft in Frankreich 2016
Entscheidung Gruppe A

SCHWEIZ : FRANKREICH 0:0

Die Zusammenfassung der Begegnung zeigte, dass Frankreich über 90 Minuten die spielbestimmendere Mannschaft war. Zwei Stangenschüsse – davon ein Volley-Hammer von Payet und ein aus dem Fußgelenk geschüttelter Kracher von Pogba – und die eine oder andere gute Abwehr von Torhüter Sommer unterstreichen die französische Dominanz. Frankreich sicherte sich mit diesem Unentschieden den ersten Platz der Gruppe A, gefolgt von der Schweizer Nationalmannschaft auf Platz 2, die im Achtelfinale auf den Zweiten der Gruppe C stößt – so es keine irische oder ukrainische Überraschung gibt, dürfte die Schweiz gegen Polen bzw. Deutschland ihr Spielglück versuchen.

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RUMÄNIEN : ALBANIEN 0:1

Hui, das war ja ein ordentlicher Schlagabtausch. Beide Mannschaften, die in den bisherigen zwei Gruppenspielen mit einer starken Defensivleistung glänzten, mussten diesmal alles auf eine Karte setzen – nur ein Sieg würde den möglichen Aufstieg bedeuten. Waren es anfänglich die Rumänen, die das Spiel kontrollierten, kamen die Albaner immer besser in Schwung. Überhaupt traten die albanischen Spieler selbstbewusster und motivierter auf als ihre rumänischen Gegenspieler. Bewundernswert, wie beide Mannschaften dagegen hielten, wie beide Mannschaften den Weg zum Tor suchten – freilich ohne die Abwehr gänzlich zu entblößen. Die erste Riesenchance vergab der Albaner Ermir Lenjani – wie er es schaffte, aus wenigen Metern den Ball nicht ins, sondern über das leere Tor zu schießen, bleibt ein großes Rätsel. Aber wenn so viel auf dem Spiel steht, mag es nicht verwunderlich sein, wenn  Nerven und Beine flattern. Auf der Gegenseite war es nicht besser. Schlimmer noch, Goalie Ciprian Tatarusanu, der in der italienischen Serie A das Tor des AC Florenz hütet, schätzte eine Flanke Minuten vor dem Pausenpfiff falsch ein und Sadiku köpfte an ihm vorbei ins lange Eck. Die Albaner waren völlig aus dem Häuschen. Der Führungstreffer ließ sie nun befreit aufspielen, ja, sie zeigten sogar die eine oder andere Lässigkeit im Zusammenspiel. Vor allem aber ärgerten sie die Rumänen mit einer überaus disziplinierten Abwehrleistung und mit schnell vorgetragenen Gegenangriffen. Die rumänische Mannschaft konnte in der zweiten Halbzeit nur selten für längere Zeit den nötigen Druck erzeugen – immer wieder verschafften sich die nicht müde werdenden Albaner mit kontrolliertem Angriffsspiel Luft. Aber eine Viertelstunde vor Schluss hätte es dann doch beinahe im Tor der Albaner geklingelt – Andone konnte sich mit einem schönen Dribbling in eine gute Schussposition bringen und hämmerte den Ball an die Latte. Ja, wäre den Rumänen hier der Ausgleich gelungen, das Spiel hätte jeden Tatort an Spannung in die Tasche gesteckt. Nach dieser vergebenen Torchance merkte man, dass die Rumänen nicht mehr an einen Sieg glaubten – auch wenn sie bis zum Schlusspfiff tapfer kämpften.

Die albanische Mannschaft ist ein kleines Fußballwunder. Die Favoriten Frankreich und Schweiz taten sich schwer gegen die disziplinierte Defensivleistung der Albaner – neben Island und Rumänien gehörte sie zum Besten, was diese Europameisterschaft zu bieten hat. Neben Disziplin und Ordnung ist Technik und Zusammenspiel der albanischen Spieler hervorzuheben – alles in allem eine ausgewogene Mannschaft, deren einzige Schwäche die miserable Chancenauswertung ist. Ob am Ende die drei Punkte für den Aufstieg ins Achtelfinale reichen werden, wird sich zeigen. Ich würde es jedenfalls der Mannschaft von Trainer Giovanni De Biasi wünschen, so aufopfernd sie gespielt und dagegengehalten haben.

 

 

EM 2016: Spieltag 5

EM-2016-Spieltag5

Spieltag 5 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

ÖSTERREICH : UNGARN 0:2

Was sagt man dazu? Der Favorit verliert gegen den Underdog ziemlich klar. Was mag in dem Spiel der Österreicher nur falsch gelaufen sein? Besser, man fragt sich: Was ist dem Team eigentlich in den 90 Minuten gelungen? War es am Ende einfach ein Zeichen der Fußballgötter, die die Anmaßung und Überheblichkeit österreichischer Fans und Funktionäre und Presseleute strafen wollten? Es sieht ganz so aus.

Dabei hatte alles wie im Märchen begonnen. Fulminanter Start der Österreicher. Es war noch nicht mal eine Minute gespielt, da knallt David Alaba den Ball an die Stange. Gut, sagte sich der Zuseher, das ist ein Ausrufezeichen und es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis wir den ungarischen Betonmischern ein Tor machen. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Weil sich die Ungarn mit Kampfkraft und Disziplin gegen die erste Angriffswelle der Österreicher stemmten. Weil sich ausgerechnet Junuzovic unglücklich verletzte und später ausgetauscht werden musste. Weil Alaba die Spielmacherrolle nicht mal im Ansatz ausfüllen konnte. Weil sich der sonst so ruhige Dragovic von der Nervosität der restlichen Spieler hat anstecken lassen. Weil Harnik – wie schon in den letzten Spielen – die fehlende Spielpraxis nicht kompensieren konnte. Weil  die Einwechselspieler Sabitzer, Okotie und Schöpf mehr Verschwächung denn Verstärkung waren. Weil die österreichischen Spieler wieder in den längst überwunden geglaubten aufgeschreckten Hühnerhaufenmodus schalteten. Weil niemand in der Mannschaft diesen Hühnerhaufen hätte beruhigen können (Ach, warum hatte man Stranzl nicht auf Händen und Knien gebeten, doch noch für die EM aufzulaufen?). Weil das unglückliche Foul von Dragovic nicht nur zu seinem Ausschluss, sondern auch noch zur Aberkennung des Ausgleichs von Hinteregger führte. Weil Arnautovic laufend in die ungarische Beißzange genommen wurde und er so seine Technik nicht auf den Rasen bringen konnte. Weil die Ungarn mit gesunder Härte den Österreichern die Schneid abkauften. Weil der tiefe Boden jedes schnelle Spiel bremste und das bereits ungenaue Zuspiel der Österreicher noch ungenauer machte.

Kurz und gut: Nichts, aber auch gar nichts lief gestern für die Österreicher und alles für die Ungarn. Okay, Baumgartlinger, wie sonst auch immer, rackerte sich die Stollen ab und versuchte wenigstens, dagegen zu halten. Auch war es nicht die Schuld von Dragovic, dass er die zweite gelbe Karte sah – eher hatte hier der schwache Schiedsrichter überreagiert.

That’s football. You’re riding high in April the qualification, shot down in EURO 2016, sozusagen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns Tor- und Punktelos von der EM verabschieden, ist nach der gestrigen starken Vorstellung sowohl der Portugiesen als auch der Isländer ziemlich hoch. Es sei denn, es gäbe bis Samstag eine wundersame Leistungssteigerung gepaart mit mentaler Entschlossenheit. Im Fußball, wie wir wissen, ist alles möglich und die Hoffnung stirbt zuletzt. Freilich, Glück muss man schon haben. Und mit all dem Pech (gut, zuweilen war es auch Unvermögen), das den Spielern förmlich auf ihren Schussstiefeln klebte, könnte man glatt eine ganze WM-Qualifikation verlieren.

Vielleicht hätte die Mannschaft nach der Verletzung von Spielmacher und Taktgeber Junuzovic in der 16. Minute einen Gang zurückschalten und aus einer gesicherten Defensivposition heraus den Ungarn mit Nadelstichen weh tun sollen. Weil, je länger die Nullnummer gestanden wäre, desto ballsicherer und damit torgefährlicher wären die Österreicher geworden. Vielleicht war es am Ende der fixe Glaube, man könne mit der hopp-oder-dropp-Brechstange ein spielschwächeres Team auseinandernehmen, der die Niederlage heraufbeschwor. Weil all die bisherigen Spiele dieser EM das genaue Gegenteil gezeigt haben: Für die favorisierten spielstärkeren Teams brauchte es vor allem Geduld, Ausdauer, Disziplin und das Quäntchen Glück, um drei Punkte aus einem Match mitzunehmen.

Wenn man eines positiv herausstreichen kann, dann ist es, dass Geheimfavorit Belgien ebenfalls im ersten Spiel mit 0:2 unterlag. Und wenn man den Belgiern noch den Aufstieg zutraut, warum nicht auch den Österreichern? But I know I’m gonna change that tune. When I’m back on top, back on top in June, sozusagen.

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PORTUGAL : ISLAND 1:1

Was sagt man dazu? Der Favorit erreicht gegen den Underdog nur ein Unentschieden. Dabei hätten die Torchancen der Portugiesen gereicht, zwei oder drei Spiele zu gewinnen. Auf der anderen Seite muss man den Isländern zugutehalten, dass sie sich nicht versteckt und ihre Torgefährlichkeit das eine oder andere Mal unter Beweis gestellt haben. Gegen Portugal ein Tor zu erzielen ist bitteschön keine Kleinigkeit. Respekt. Die Portugiesen wiederum konnten ihre Leistung als Mannschaft abrufen und haben gezeigt, dass sie sich gegen eine körperlich äußert robuste Mannschaft mit einstudiertem Defensivkonzept nicht die Spielfreude nehmen lassen. Auch wenn sich das 1:1 wie eine Niederlage für Ronaldo & Co anfühlen muss, so dürfen wir nicht vergessen, dass die nächsten Gegner Österreich und Ungarn heißen – Stolpersteine sind die beiden Mannschaften für die Portugiesen keine.

Island hat mich positiv überrascht. Andererseits durfte man schon einiges von ihnen erwarten, ließen sie doch in der EM-Qualifikation die Türken und Niederländer hinter sich und erreichten den zweiten Platz, knapp hinter Tschechien. Was mir besonders an den Isländern gefallen hat, war das Selbstvertrauen und die Körpersprache, die sie gegen Favorit Portugal an den Tag legten. Man merkte, dass hier eine eingeschworene Truppe am Platz stand und jeder Spieler genau wusste, was er zu tun hatte. Aus österreichischer Sicht einfach nur beneidenswert.

EM 2016: Spieltag 2

EM-2016-Spieltag2

Spieltag 2 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

ALBANIEN : SCHWEIZ 0:1

Da ist sie also wieder, die schweizer Fußballtruppe, die mit Djourou, Rodriguez, Behrami, Xhaka , Shaqiri, Fernandes, Dzemaili, Mehmedi, Embolo, Seferovic usw. den Inbegriff gelebter Multikultur darstellt. Während der eine Xhaka für die Schweiz aufläuft, spielt der andere für sein Heimatland Albanien. Im Fußball hat der Schmelztiegel längst Einzug gehalten und wir sehen: Wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur, Hautfarbe und Religion ein gemeinsames Ziel verfolgen, können sie an einem Strang ziehen und die tollsten Leistungen erbringen. Aber am Ende gibt es einen Trainer, der bestimmt, welcher Spieler von Beginn an aufs Feld darf und wer nicht. Abseits des Rasens würden die Sittenwächter längst juristisch-politische Konsequenzen sowie verpflichtende Quotenregelungen fordern, aber im kunterbunt lukrativen Fußballgeschäft funktioniert noch der gesunde Menschenverstand. Weil jedermann davon ausgeht, dass auch der rassistischste Trainer ein Spiel unbedingt gewinnen will und deshalb die besten bzw. leistungsstärksten Spieler – unabhängig von Herkunft und Hautfarbe – nominieren würde. Aber was, wenn ein besorgter Linskhaber und gütlicher Menschenkenner trotz alledem festgestellt haben mag, dass es bei der Aufstellung zu einer Diskriminierung gekommen sei? Kann der Trainer seine (Aus)Wahl objektiv begründen? Definitiv nicht. Hat der Fußball demnach in den westlichen Kulturnationen überhaupt noch eine Zukunft? Sieht nicht so aus. Auf der anderen Seite kann das kleine, friedliche und homogene Island unbesorgt in die fußballerische Zukunft sehen. Die größte Vulkaninsel der Welt zieht nämlich keine Fußballer-Eltern aus anderen Erdteilen an. Warum das so ist, kann ich Ihnen freilich nicht sagen.

Kommen wir zum Fußball zurück. Die Schweizer, wie gewohnt, zogen das Spiel in die Breite. Sie versuchten damit an Sicherheit zu gewinnen und gleichzeitig die Albaner ins Leere laufen zu lassen. Das ist natürlich nicht zum Anschauen, diese Querpässe in der eigenen Hälfte – hat ja auch nix mit Fußball zu tun, sondern erinnert an eine lockere Trainingseinheit. Die Albaner hingegen, zum ersten Mal bei einer Europameisterschaft, gedachten Fußball zu spielen, das heißt, den Ball recht flott nach vorne, vor das gegnerische Tor, zu bringen. Wirklich dumm, dass sich der albanische Goalie Berisha bereits in der 5. Minute in der Fliegenfängerei versuchte und damit den Führungs- und späteren Siegestreffer mitverschuldete. Wer nun dachte, Berisha sei die klassische Vorgabe, der irrte gewaltig. In den restlichen 85 Minuten zeigt er, was in ihm steckte und das war ne ganze Menge. Es ist jetzt natürlich müßig darüber zu fabulieren, wer von den beiden Mannschaften die glücklichere war. So gab es die sogenannten hundertprozentigen Chancen auf beiden Seiten – es hätte also so oder so kommen können. Neben der Berishaschen Fliegenfängerei in der 5. Minute dürfte wohl die albanische Handballakrobatik von Kapitän Lorik Cana in der 37. Minute die Niederlage besiegelt haben – mit Gelb-Rot wurde Cana vom Platz gestellt. Tja. Von nun an mussten 9 Feldspieler dem Ausgleich hinterherlaufen – und das taten sie auch. Gewiss, von Außenseiter Albanien durfte man sich keine spielerischen Glanzstücke erwarten, aber sie wehrten und stemmten sich gegen die Eidgenossen (ja, jene, welche die Habsburger ordentlich versohlten, vor langer, langer Zeit) bis zum bitteren Ende. Das verdient Respekt. Die Schweizer wiederum, wollen sie ganz vorne mitspielen, werden sich wohl steigern müssen – Frankreich und Rumänien wissen nämlich, wie der Hase respektive Ball läuft.

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WALES : SLOWAKEI 2:1

Der 1. FC Bale gegen den SV Hamsik, wenn man so will. Gewiss, eine Mannschaft besteht nicht nur aus einem Superstar, trotzdem hat das Spiel gezeigt, wie wichtig Bale für die Waliser ist. So ging der Führungstreffer, erzielt mittels Freistoß, auf sein Konto und seine Antritte sorgten immer wieder für Unruhe in der slowakischen Hintermannschaft. Apropos. Routinier Skrtel hatte so manchen pogatetzesken Aussetzer: So hätte er nicht nur einen Elfmeter verschuldet – der Torlinienrichter stand zwar keine zwei Armlängen von der Rauferei entfernt, aber sah, äh, ja, kein Vergehen des Slowaken – sondern mit einem Ausschluss auch seine Mannschaft geschwächt. Das Tackling, wenige Minuten vor Schluss, grenzte nämlich an Tötungsabsicht – auch wenn die gestreckten Beine des mit beinahe Schallgeschwindigkeit herangeflogenen Skrtel dann doch noch freundlicherweise von ihm angezogen wurden. Die Slowaken waren jedenfalls kein Kind von Traurigkeit und man kann davon ausgehen, dass sie ihren nächsten beiden Gegnern nichts, aber auch gar nichts schenken werden.

War Wales die bessere Mannschaft? Die Waliser hatten jedenfalls das Glück auf ihrer Seite. Wenige Minuten nach Beginn hätte nämlich Hamsik beinahe den Führungstreffer erzielt, doch der Ball wurde noch von einem gegnerischen Verteidiger von der Torlinie gekratzt. Im Gegenzug gelang Bale das Tor: dank der Mithilfe von Torhüter Kozácik, der beim Freistoß einen Schritt auf die falsche Seite machte. Von da an hatten die Waliser alles im Griff und die Slowaken, die zuvor munter darauf los spielten, verloren ihre spielerische Balance und die Begegnung artete in ein Geplänkel aus. Erst als die Slowakei in der 60. Minute mit zwei Einwechselspieler offensiver wurde, keine Minute später der verdiente Ausgleichstreffer erzielte, zeigten die Waliser Nerven. Zwanzig Minuten dominierten die Slowaken das Geschehen am Rasen, hatten sozusagen spielerisch Oberwasser – doch ein gefährlicher Kopfball von Bale zeigte einmal mehr, dass man den Superstar nicht einen Augenblick aus den Augen verlieren darf. Zehn Minuten vor dem Ende schlossen die Waliser einen Konter mustergültig ab, will heißen, sie stolperten förmlich den Ball ins Tor. Im Gegenzug köpfelte der eingewechselte Nemec nur an die Stange. Also, war Wales die bessere Mannschaft? Ich denke nicht.

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ENGLAND : RUSSLAND 1:1

In der ersten Hälfte brannten die three lions ein ordentliches Feuerwerk auf dem Rasen ab und ließen die Sbornaja – im wahrsten Sinne des Wortes – ziemlich alt aussehen (Innenverteidiger Ignaschewitsch bringt es auf 36 Lenze). Für gewöhnlich hätten die herausgespielten Chancen für zwei oder drei Siege gereicht, doch wie so oft im Fußball, bewahrheitete sich auch hier wieder eine alte Binsenweisheit: Die Tore, die man nicht schießt, bekommt man.

Die Engländer beeindruckten in der ersten Halbzeit vor allem mit einem nahezu perfekten taktischen Pressing. Eroberten sie den Ball ging es flott vor das gegnerische Tor. Die sprintstarken Außenspieler – Lallana und Sterling – gaben dabei ordentlich Gas und wirbelten an den Seiten die russische Abwehr, die vor allem das Zentrum dicht machten, gehörig durcheinander. So waren die russischen Spieler in der ersten Hälfte zu träge, zu passiv, vielleicht auch zu eingeschüchtert, während  die englischen Kicker, technisch versiert, frisch von der Leber weg aufspielten. Dabei blitzte immer wieder ein blindes Verständnis im Zusammenspiel auf. Sehenswert, wie sie die freien Räume an der Seite nutzten. Hätten sie die eine oder andere der zahlreichen Chancen genutzt, die sie sich erspielt hatten, die Fans würden bereits mit dem Finaleinzug liebäugeln. Doch in einem Fußballspiel gibt es immer zwei Hälften, zwei Seiten und später offenbarte sich die eklatante Schwäche der Engländer: das mangelnde Selbstvertrauen in ihr Offensivspiel und die Angst vor der eigenen Courage.

In der zweiten Hälfte zogen sich die Engländer unverständlicherweise zurück, ließen die Russen kommen und lauerten auf Fehler des Gegners. Warum sie nicht – wie in den ersten 45 Minuten – aktiv und aggressiv das Spiel kontrollieren wollten, bleibt ein Rätsel. Ging den englischen Spielern die Puste aus? Wollten sie im Schongang den Sieg gegen schwache Russen nach Hause bringen? Oder bekamen sie es mit der Angst zu tun? Mysteriös, dass Sterling (und das englische Team) in der zweiten Halbzeit die freien Räume nicht mehr zu nutzen verstand. So verstolperte er die eine oder andere gute Gelegenheit oder lief sich fest. Auch mysteriös, dass Hodgson ausgerechnet seinen kopfballstarken Mittelstürmer Kane die Eckbälle treten ließ. Was er sich dabei wohl gedacht haben mag?

Der englische Führungstreffer gelang nicht aus dem Spiel heraus, sondern aus einem Freistoß. Und seltsam, auch hier (wie zuvor der slowakische Torhüter gegen Bale) vertut sich der Goalie und macht einen Schritt zur falschen Seite. Aber der Führungstreffer von Dier weckte die englische Truppe nicht auf, ganz im Gegenteil, er ließ sie noch vorsichtiger agieren. Bezeichnend, dass Hodgson mit seinen Auswechselungen die Defensive stärken wollte, obwohl die nun offensiver agierenden Russen kaum Gefahr erzeugen konnten. Und so kam wie es kommen musste: In der Nachspielzeit köpfelte Bersuzki den Ball über Torhüter Hart ins Tor. Glückliches Russland.

P.S.: Aha. Die englischen Hooligans zerlegen, wie man hört und liest, die Innenstadt von Marseille und liefern sich mit der Polizei und russischen Fans die eine oder andere Straßenschlacht. Dabei gäbe es sicherlich ein paar no go areas in der südfranzösischen Stadt (French Connection?), wo sich die Exekutive im Hintergrund hält. Eine Sightseeing Tour aggressiver und gewaltbereiter Fußballfans durch diese Viertel könnte ausgleichend für alle Beteiligten wirken.