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Brechen wir eine Lanze für den Frauenfussball #WM2019

Jetzt, wo die FIFA Frauenfußballweltmeisterschaft in Frankreich in die K.O.-Phase übergegangen ist, dürfte die Zeit reif sein, eine Lanze für den Sport zu brechen. Es war das Achtelfinalspiel zwischen Norwegen und Australien, das mich schlussendlich dazu veranlasst hat, die Lanze zwischen den Arm zu klemmen und anzureiten. Als schreibender Ritter voller Gnaden ist es mir ein Anliegen, das schwache Geschlecht zu verteidigen. Falls Sie mir jetzt einen bösen Blick zuwerfen, von wegen ’schwach‘, dann verweise ich auf die Ausschüsse der Torfrauen bei dieser Weltmeisterschaft und Sie werden bemerken, verglichen mit ihren männlichen Kollegen, dass es Unterschiede gibt. Aber ist es wirklich so schlimm, auf physiologische Unterschiede hinzuweisen und sie nicht, wie es leider oft in den Medien gemacht wird, unter den Rasen zu kehren? Es ist wie es ist. Punktum. Konzentrieren wir uns besser auf das Wesentliche.

Hier die teilnehmenden Nationalmannschaften der diesjährigen WM – von Argentinien bis Thailand. Und hier meine Gedanken zur dramatischen Frauenfußball-WM 2011 in Deutschland.

Also, warum gucken wir Fußball? Geht es darum, den perfekten Spielaufbau, die begnadetsten Dribblanskis oder die augenbetörendsten Flanken zu sehen? Nicht wirklich. Es geht um das Spiel an sich, um das Hin und Her, um das Biegen und das Brechen. Kurzum, es geht um die Dramatik. Als der Höhepunkt des perfekten Fußballs in Barcelona zelebriert wurde, winkte ich ab und verzichtete darauf, diesem Tiki-Taka-Herumgeschiebe ganze 90 Minuten zusehen zu müssen. Auch wenn die Leistung der Spanier unter Trainer Pep Guardiola sicherlich sehr beeindruckend war, die Technik, die Taktik, die Ballbeherrschung, das Pressing, alles war nahezu in Perfektion auf den Rasen gebracht worden – und doch fehlte dem Ganzen die Würze, vielleicht sogar die Seele des (Fußball)Spiels.

Das diesjährige Championsleague-Finale zwischen Liverpool und Tottenham – auf dem Papier war es die Spitze des europäischen Profifußballs – packte mich nicht. Ich döste vor mich hin. Weil das Feuer fehlte und die Bereitschaft Tottenhams, die Brechstange auszupacken und „Hollywood“ zu spielen, einfach nicht vorhanden war und Liverpool – ganz untypisch unter Trainer Klopp – den Vorsprung verwaltete. So plätscherte das Spiel dahin, ja, es war einfach nur zum Gähnen. Wechseln wir nun zum zuvor erwähnten Duell zwischen Australien vs. Norwegen. K.O.-Phase. Beide Mannschaften wollten es wissen, man spürte es, ja, man konnte sehen, wie beide Teams das gegnerische Tore suchten. Selten wurde abgewartet, selten quer, oftmals tief gespielt. Dadurch, dass es den Spielerinnen an technischer Perfektion fehlte, wurden viele Fehler gemacht, die dem Ganzen eine Unberechenbarkeit gaben, die man im heutigen Profifußball nur noch selten sieht – und wenn die „Aussetzer“ tatsächlich einmal geschehen, sind sie Gesprächsstoff für viele Stammtische (beispielsweise hatte im CL-Finale 2018 der Torhüter von Liverpool zwei famose Blackouts).

Das Achtelfinalspiel zwischen Australien und Norwegen hatte alles, was das Fußballerherz höher schlagen lässt: früher Führungstreffer, später Ausgleich, Stangen- und Lattenschüsse, Verlängerung, Aufopferung bis zum letzten Wadenkrampf, Torraub und rote Karte, Elfmeterschießen und ungehemmter Siegestaumel.

Ja, das ist es, was wir sehen wollen. Während der Männerfußball bereits in eine Zweiklassengesellschaft zerbrochen ist: da die CL-Platzhirschen mit ihren Trillionenbudgets, dort die Underdogs, die sich mit Müh und Not über Wasser halten können. Ausnahmen bestätigen hier nur die Regel, wie beispielsweise das junge Team von Ajax Amsterdam, das in dieser CL-Saison einen erfrischenden Angriffsfußball mit großem Erfolg spielte und nur mit Pech nicht ins Finale kam. Wir können davon ausgehen, dass nun ein Ausverkauf der Spieler stattfinden wird und in der nächsten CL-Saison die Rangordnung wieder hergestellt ist.

Während also der Männerfußball nur noch selten überraschen kann, zeigt der Frauenfußball, welch Potenzial in diesem Sport steckt. Vielleicht war es in den Anfängen nicht unähnlich, damals, als sich der männliche Körper und sein Geist langsam, aber zielstrebig weiterentwickelte. Vom Angriffsfußball zur WM-Aufstellung und zum Catenaccio und wieder zurück. Die Fußballkinder wurden in der Straße groß, man spielte für ein Butterbrot und träumte von einem Paar richtiger lederner Fußballschuhe. Bald rückte das Training in den Vordergrund. Der Amateur wurde zum Halbprofi, dann zum Profi und schließlich zum Geschäftsmann, der seine Zukunft abzusichern hatte. Fußball wurde populär, weil die Burschen den Anreiz in die Wiege gelegt bekamen und zu Helden avancieren konnten – egal aus welcher Schicht einer stammte, egal mit welchem IQ einer gesegnet war. Heute zählt der Frauenfußball in den USA bereits zum Volkssport, weshalb es nicht wundert, wenn die Nationalmannschaft Sieg um Sieg einfährt und dadurch noch mehr Mädchen anzieht. Je größer der Pool, aus dem gefischt werden kann, umso besser für den Sport, der nach Talenten giert.

Noch ist der Frauenfußball recht unbefangen, sozusagen jungfräulich unbefleckt, der Erfolg heiligt nicht alle defensiv-taktischen Mittel, die zu einem veritablen Schnarchnasenkick führen. Einen Schwalbenkönig wie Arjen Robben, der Spiele auf die ungerechteste Art und Weise entscheiden kann, gibt es gottlob nicht (vielleicht auch dank des virtuellen Schiedsrichterassistenten VAR), brutales Einsteigen nur dann, wenn die Nerven aufs Äußerste gespannt sind; überhaupt wird das Spiel der Damen fair geführt, was dem Spielfluss sehr zugute kommt und es geschieht wahrlich selten, dass die Gefoulte lamentiert. Ganz anders der Männerfußball. Was vermutlich dem generell harten Einsteigen der Mannsbilder geschuldet ist, die oftmals keine Gefangenen machen möchten. Die Fußballerinnen wirken auf mich, als würden sie nicht mit vollem Risiko in die Zweikämpfe gehen. Gut möglich, dass sich das einmal ändern wird, je mehr sie trainiert, besser: gedrillt, werden. Schlag nach beim Militärdienst.

Ja, Frauenfußball tritt langsam aus dem Schatten ihres großen Bruders. Ich denke, dass der Sport in den nächsten Generationen zum Mainstream gehören wird. Familien können sicher sein, im Stadion eine angenehme Zeit zu verbringen, ohne von Hooligans bedrängt oder von besoffenen Randalierern belästigt zu werden. Das Budget der Klubs ist noch verhältnismäßig bescheiden, aber auch das wird sich bestimmt ändern, je populärer der ganze Zirkus wird. Es bleibt zu hoffen, dass der Sport von (erfolglosen) Ex-Männleins verschont bleibt – frei nach dem Motto: heute ein erfolgloser Provinzfußballer, morgen eine erfolgreiche SpitzenfußballerIN – Hormontherapie hin oder her.

Wie erfrischend und anders der Frauenfußball sein kann, zeigte das Spiel England vs. Kamerun. Die Afrikanerinnen fühlten sich durch Schiedsrichterentscheidungen ungerecht behandelt und waren für eine kurze Zeit nicht zum Weiterspielen bereit. Erst das gute Zureden ihrer Kapitänin und des Trainers brachte die Revolte zum Erliegen. Man musste schon Mitleid haben, mit den Spielerinnen aus Kamerun, die dem englischen Goliath beherzt die Stirn boten, aber am Ende unglücklich – zugegeben, auch tollpatschig – den Ball aus dem eigenen Tor holen mussten. Wäre den Afrikanerinnen der Anschlusstreffer gelungen, sie hätten ein emotionales Feuerwerk auf dem Rasen gezündet, das wohl heute noch brennen würde. Aber es sollte nicht sein. Schad drum.

Übrigens, wenn Sie meinen, in der Abwehr von Kamerun würden nur „g’standene Madln“ spielen, dann haben Sie noch nicht Estelle Johnson gesehen. Die gebürtige Amerikanerin mit afrikanischen Wurzeln hat mehr Ähnlichkeiten mit einem Model als mit einer Abwehrspielerin – und trotzdem steht sie ihre Frau im Abwehrzentrum. Respekt.

Frauenfußball ist durchaus schön zum Anschauen. Selbstverständlich soll es das auch. Die Brasilianerin Marta trug dem Rechnung und Lippenstift im Spiel gegen Französinnen, die gleich im Pyjama aufgelaufen sind. Süß. Apropos Fußballdressen. Der Ausstatter Nike versteht es, die Damen passend einzukleiden, während andere Textilschneider keinen Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Anatomie machen. So liefen und laufen die Norwegerinnen und Australierinnen mit übergroßen Zeltplanen auf und der grässliche Farbverlauf des norwegischen oder die abstrakte Kunst des australischen Trikots lässt einen an Augenkrebs denken. Das haben die Damen und vor allem die Zuschauer nicht verdient. Da lobe ich mir beispielsweise das englische „weiße Ballett“ – simpel, eng anliegend, ein wenig tailliert, kurz, knapp und damit ein Hingucker. Ob die Trikots der 1970er Jahre ein Revival feiern, wäre beinahe wünschenswert. Das war jene Epoche als die Fußballer mit zwei Nummern zu kleinen Shirts aufliefen. Vor allem bei den schlaksigen langen Brasilianern wirkte das Ganze ein wenig befremdlich. Aber so war das, damals, in einer Epoche, als WM-Spiele und WM-Siege mit politischen Tricks erzwungen werden konnten. Don’t cry for me Argentina, sozusagen.

Lange Haare sind noch nicht gänzlich den sportlich kurzen gewichen. So freue ich mich wie ein kleiner Junge, wenn bei einem Sprint oder Kopfball die Zöpfe der Spielerinnen fliegen. Haarvergehen konnte ich bis dato keines ausmachen. Im Gegensatz dazu erinnere ich mich an Peter Crouch, der sich am langen Rasta-Zopf eines Verteidigers von Trinidad & Tobago zum Kopfball förmlich hochzog und so das Tor machte. Ich hoffe, dem guten Crouch ist das noch heute unangenehm.

Tätowierungen, die den Körper regelrecht entstellen, sozusagen verhässlichen – im Männerfußball lange Zeit im Trend, dank eines David Backham – sind bei den Frauen noch selten anzutreffen. Ich hoffe, das bleibt so. Die Spanierin Maria Leon dürfte das sicherlich anders sehen, aber als Verteidigerin muss man vermutlich zeigen, wie tough frau sein kann. Nebenbei hatte sie im Spiel gegen die USA ihr Shirt in der Hose – hatte ich bis dato bei keiner Spielerin sonst gesehen. Glück hat es ihr und ihren Kolleginnen freilich nicht gebracht. Mit 1:2 ausgeschieden – aber ordentlich dagegen gehalten.

Also, noch ist die Frauenfußball-WM im vollen Gange, noch kann man(n) sich davon überzeugen, dass es keinen Unterschied macht, welche Gene auf dem Rasen den Ball treten, will man Spannung und Dramatik, Leidenschaft und Emotion erleben. Während sich die Fußballspiele der Männer oftmals im höchstmöglichen Mittelmaß auspendeln, schlagen die Damen nach oben und unten extrem aus. Das eine Mal werden lange Flanken geschlagen und der Ball perfekt angenommen, das andere Mal verhungert ein Schuss auf halbem Wege zum Tor und man könnte meinen, der 9-jährige Neffe hätte mehr Schmalz in den Schenkeln. Da werden Konter mustergültig im Sprint absolviert nur um beim Abschluss völlig zu schwächeln. Licht und Schatten wechseln sich ab. Apropos. Torhüterinnen haben es sicherlich am schwersten – während ihre männlichen Kollegen das Gehirn ausschalten und sich mit vollem Risiko gegen eine Menschenmauer werfen, agieren die Damen zögerlich, zaghaft und vielleicht sogar verängstigt. Verständlich, ich wollte früher auch nie ins Tor, hatte Bammel vor scharfen Schüssen („Bitte net anrauchen, ja?“) und weil ich eine Brille trug, war das eine gute Ausrede. Aber – wie gesagt – mit Training und Drill wird man die Damen vielleicht auch zu tollwütigen Torhütermaschinen machen können. Ob das gewünscht ist, sei dahingestellt. Je größer der Gewinn, desto höher die Bereitschaft, Risiko zu nehmen. Das liegt in der Natur der zivilisatorischen Sache.

Am Ende meiner Lanzenstecherei zitiere ich den französischen Autor Sacy, der über das alte Rittertum und deren Abstieg in die Bedeutungslosigkeit befand. Der Vergleich mit dem Fußballsport mag an den langen Haaren herbeigezogen sein und ein wenig krampfhaft wirken, aber die Wahrheit ist bekanntlich so weiß wie die Trikots der englischen Nationalmannschaft und liegt auf dem Platz:

„So lange ein Lorbeerkranz der Lohn der Tapferkeit war, hatte Rom Helden: sobald man ihr aber Statthalterschaften und Reichtümer versprach, fand Rom nichts als gemeine Krieger, die ihre Dienste immer nach ihrem Solde abmaßen, und sie zuweilen wohl noch in geringerem Maße leisteten.“

Was uns Michael Moores ›Where to invade next?‹ über die EU verrät

Zugegeben, ich bin kein Fan von Michael Moore. Nicht mehr. Weil ich weiß, was ich weiß. Auf der anderen Seite ist er einer der wenigen amerikanischen Filmemacher, der sich getraut(e), schwierige Themen mit Humor breitenwirksam unter das ahnungslose und gutgläubige Volk zu bringen. Als ich blauäugig durch die Welt schlenderte, mehr dösend als wach, gefiel mir seine brachial-humoristische Wahrheitssuche mit liberaler Färbung. Aber mit der Zeit wurde mir bewusst, dass auch er Teil einer kontrollierten Opposition ist, die viele Themen und Probleme ansprechen, aber immer in die falsche Richtung zeigen. Nichtsdestotrotz habe ich seinen Dokumentarfilm Where to invade next (imdb) aus dem Jahr 2015 durchaus genossen. Falls Sie den Film noch nicht gesehen haben, auf youtube können Sie bestimmt fündig werden.

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