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Gedanken zur ORF-Doku: „Auf der Suche nach Hitlers Volk“

Gut, sagte ich mir, dann guck ich mir eben den heimischen UNIVERSUM-Dokumentarfilm Auf der Suche nach Hitlers Volk: „Siegen oder Untergehen“ an, wenn er schon in der ORF-TVThek für eine Woche auf Abruf bereit steht. Die Inhaltsangabe hat freilich mein Interesse geweckt hat:

»Als Angehöriger der Abteilung für Psychologische Kriegsführung der US-Armee kam Saul Kussiel Padover, 1905 in Wien geboren, Ende 1944 nach Deutschland. „Ich komme mir vor wie ein Ethnologe, der in das Gebiet eines unbekannten Stammes eindringt“, schrieb er damals.«

Dieser gute Mann veröffentlichte 1946 seine Erlebnisse im Buch Experiment in Germany: The Story of an American Intelligence Officer (deutsche Ausgabe: Lügendetektor. Vernehmung im besiegten Deutschland 1944/45). In der respektablen Wochenzeitung Die Zeit lesen wird, dass niemand geringerer als der deutsche Dichter und Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger eine „leicht gekürzte“ Übersetzung im Jahr 1999 herausgab. Warum er gerade dieses Buch für eine Veröffentlichung auswählte, geht aus dem Artikel nicht hervor. Scheinbar dürfte der Text des Exil-Wieners einen Nerv im 1929 geborenen deutschen Dichter getroffen haben, der sich politisch nicht gerne festlegen möchte. Der Dokumentarfilm nimmt das Buch überraschenderweise für bare Münze und lässt uns an den damaligen Interviews, zwischen amerikanischen Offizieren und deutschen Bürgern bzw. Militärs, teilhaben. Um der dokumentarischen Inszenierung den nötigen ernsthaften und wahrheitsgetreuen Anstrich zu geben und – vor allem – um zu bestätigen, was damals geschrieben wurde, holte man Zeitzeugen und Historiker vor die Kamera und ins Boot.

So weit, so gut.
Sehen wir uns jetzt die Details an.

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Gedanken zur ORF-TV-Serie Pregau

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Mit der Drehbuchversion meiner Wiener Krimikomödie Schwarzkopf habe ich vor einigen Jährchen zum ersten Mal Bekanntschaft mit der österreichisch-wienerischen Filmlandschaft gemacht. Es gibt natürlich viele heimische Produktionsfirmen, aber nur ganz wenige, die eine TV-Serie oder einen Spielfilm stemmen können. Nebenbei bemerkt sind die größten Player mit dem ORF auf die eine oder andere Art verbunden. Ohne Goodwill des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (und der heimischen Filmförderung) wird für gewöhnlich kein Film- oder TV-Projekt in Angriff genommen. Deshalb werden Quereinsteiger ohne den nötigen Verbindungen mit freundlichen Worten bereits am Eingang abgewiesen. Das Drehbuch spielt bei der Entscheidungsfindung keine Rolle und wird auch nur dann herangezogen, um zu zeigen, dass es nicht zur Umsetzung taugt. Man merkt recht bald, wie der Hase läuft und vor allem wohin, nämlich zum Küniglberg.

Die vierteilige Mini-TV-Serie Pregau: Kein Weg zurück war der Versuch des ORFs (mit Unterstützung der ARD), mit dem altmodischen Heimat-Fernsehen aufzuräumen und bei der jüngeren Generation zu punkten. So wurden Anleihen bei beliebten amerikanischen TV-Serien genommen (perhaps Breaking Bad), ließ man die Zuschauer mit ihrem Smartphone und einer speziell für die Serie entwickelten App („Lügendetektor“) interaktiv am Fernsehgeschehen teilnehmen und versuchte in den sozialen Medien für Stimmung zu sorgen. Löblich.

Die Filmemacher von Pregau und die Verantwortlichen in den ORF-Etagen pokerten mit hohem Einsatz und packten alles ins Drehbuch, was noch eine Fernsehgeneration davor für einen handfesten Skandal gesorgt hätte. Aber die Zeiten ändern sich. Nun scheint es sogar am Küniglberg en vogue zu sein, einen heißblütigen Pfarrer beim Liebesspiel zu zeigen oder den amoralischen älteren Bruder des Familienoberhaupts einen Satz in den Mund zu legen, der gläubige Menschen zutiefst schockieren musste. War es Kalkül? War es Provokation? Ist es einfach passiert? Oder is es eh scho wurscht?

Überhaupt, die Story! Die Ansätze waren gut. Die Ideen frisch. Die Cliffhänger spannend. Aber die Zusammenführung der offenen Stränge mit dem Holzhammer sowie die geistlose Inszenierung des Klimax im vierten und letzten Teil machten alles wieder zunichte. Hätten die Verantwortlichen einfach weniger gewollt, hätten sie sich auf das Wesentliche konzentriert, Pregau hätte durchaus etwas Besonderes (im deutschsprachigen TV-Wald) werden können. Stattdessen stolperte das Drehbuch von einer Exposition zur nächsten – kein Wunder, da viel zu viele Köder ausgelegt worden sind. Die Protagonisten wurden deshalb immer wieder zu Klischee-Figuren oder Drehbuch-Marionetten degradiert, die jenseits des echten Lebens agierten. Die Verantwortlichen hätten sich an der ersten Kottan-Folge orientieren können: Dort wurde die Komödie durch Übertreibung und Zuspitzung in einem realistischen Setting (mit den richtigen Dialekt- und Sprachfärbungen) erzielt. Auf ähnliche Weise hätte die Tragikomödie in Pregau funktionieren können. Vielleicht.

Positiv hervorzuheben ist die technische Umsetzung, die oftmals bei heimischen TV-Produktionen zu wünschen übrig ließ. So muss sich die Serie nicht vor ausländischen Produktionen verstecken: Kamerafahrten und die gewählten Bildausschnitte, sozusagen die Bildkomposition, sind als gelungen zu bezeichnen. Der Soundtrack in den ersten drei Folgen war für mich stimmig. An manchen Stellen gab es eine wunderbare Symbiose zwischen Ton und Bildfolge. Nur im letzten Teil, da haperte es mit der Musik-Auswahl, die mir nicht sonderlich gefiel. Negativ aufgefallen sind mir die sogenannten Action-Sequenzen, die beinahe stümperhaft in Szene gesetzt und äußerst lieb- und ideenlos montiert wurden. Man muss nicht gleich Hollywood nachäffen, aber ein Blick über den heimischen Gartenzaun und in die Film-Vergangenheit hätte nicht geschadet.

Was ist nun mein Schlussresümee? Wie bei so vielen heimischen Produktionen können sich die Verantwortlichen nicht entscheiden, was sie wollen. Oder ist es, weil zu viele Köche den Brei rühren? Ich gehe mal davon aus, dass die grundlegende Idee jene gewesen ist, eine moderne Mini-Serie zu machen und dabei zu zeigen, dass der ORF noch nicht zum alten Eisen gehört. Mission accomplished!

Pregau hat gezeigt, dass es in Österreich ein filmisches Serien-Potenzial gibt. Und es wäre jammerschade, würde man dieses Potenzial brach liegen lassen. Aber es gibt noch viel zu tun.

Wider der Propaganda: ORF.at und die Abschiebung Dutzender Babys

 

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Ich möchte heute einen Artikel auf ORF.at näher beleuchten. Auf der Eingangsseite ist der Beitrag wie folgt betitelt:

Australien – Weg frei für Abschiebung Dutzender Babys

Klickt man auf das Foto (es zeigt einen Mann, der zwei Kinder bei sich hat), öffnet sich die Seite mit dem Artikel, der folgende Headline aufweist:

Heftige Kritik an Internierungslagern

Im Browser wird die Seite mit Umstrittenes Urteil in Australien angezeigt. Einen Autor weist der Artikel nicht auf. Darin heißt es am Ende des ersten Absatzes:

Das Urteil sorgt weltweit für Schlagzeilen.

Wann ist die Phrase „weltweit für Schlagzeilen sorgen“ angebracht und wann nicht? Wie viele Zeitungen müssen über dieses australische Gerichtsurteil schreiben, damit für „weltweite Schlagzeilen“ gesorgt ist? Zählen dabei nur Aufmacher auf der Titelseite? Mit anderen Worten, diese Phrase ist eine gern eingeschobene Propaganda-Floskel, die den Anschein erweckt, das behandelte Thema wäre von „weltweitem Interesse“. Wenn es also „die ganze Welt“ interessiert, dann muss es auch den gewöhnlichen Leser interessieren, natürlich.

Australien steht regelmäßig wegen seiner restriktiven Flüchtlingspolitik in der Kritik.

Der letzte Satz des ersten Absatzes ist eine Behauptung, die freilich von den großen privaten und öffentlich-rechtlichen Medienhäusern nicht belegt werden muss. Es wird der Eindruck erweckt, eine globale Bevölkerungsmehrheit würde die australischen Behörden kritisieren, weil diese eine „restriktive“ Flüchtlingspolitik anwenden. Stimmt das? Ist nicht nachweisbar, wird aber dem Leser so „verkauft“.

Der Artikelschreiber benutzt das Wort „Flüchtlingspolitik„, obwohl es eine leere Worthülse ist, die sehr ungenau ist und deshalb mit allerlei hochtrabendem Brimborium gefüllt werden kann. Es ist nun mal so, dass zu einem souveränen Staat eine Grenze gehört – ohne Grenze kein souveräner Staat. Jeder Staat muss sich also mit Grenzübertritten von staatsfremden Personen auseinandersetzen. Diese Auseinandersetzung mit „Flüchtlingspolitik“ zu beschreiben, ist polemisch, weil nicht jeder Einreisewillige ein Flüchtling sein muss. Falls Sie Ihren Urlaub in Australien verbringen möchten, werden Sie für gewöhnlich nicht auf einer Insel interniert, bis Ihr Rückflugtermin gekommen ist. Genausowenig werden staatsfremde Personen, die von australischen Unternehmen oder Fußballclubs ins Land geholt werden, nach meinem Wissen nirgendwo gegen ihren Willen festgehalten. Und jene einreisewilligen staatsfremden Personen, die den Behörden nachweisen können, dass sie über ausreichend Vermögen verfügen und/oder in einem gefragten Berufsfeld Ausbildung und Erfahrung mitbringen, werden m. E. nicht abgewiesen.

Im Beitrag heißt es weiter:

Jede Mutter, so die Frau aus Bangladesch, habe das Recht auf ein gutes Leben an einem sicheren Platz für ihre Familie.

Für mich stellt sich die Frage, warum die Mutter diese Forderung nicht in ihrem Heimatland Bangladesch erhoben hat. Im allwissenden Wikipedia erfährt der interessierte Leser, dass es sich bei Bangladesch um eine demokratische Republik handelt und dort die öffentlichen Schulen kostenlos, sowohl von Mädchen als auch Buben, besucht werden können. Soweit ich weiß, ist das Land nicht im Krieg, somit ist die Frage, warum die Mutter in diesem Artikel den Status „Flüchtling“ zugesprochen bekommt.

Der ehemalige deutsche Bundesrichter Udo di Fabio schreibt in einem Gutachten: „Das Grundgesetz garantiert nicht den Schutz aller Menschen weltweit durch faktische oder rechtliche Einreiseerlaubnis. Eine solche unbegrenzte Rechtspflicht besteht auch weder europarechtlich noch völkerrechtlich.“

Eine Senatsermittlung kam unlängst zu dem Schluss, dass die Internierungsbedingungen unangemessen und unsicher sind. Auch Menschenrechtsgruppen erheben schwere Vorwürfe.

Im Artikel wird der Leser nicht darüber informiert, welche Internierungsbedingungen als angemessen und sicher angesehen werden. Denn, dass es eine Form der Unterbringung geben muss, steht ja außer Frage, meinen Sie nicht auch? Oder möchten Sie, dass traumatisierte Flüchtlinge im australischen Outback herumirren und am Ende verdursten oder von giftigen Schlangen gebissen werden? Sollte man nicht all den unbedarften Menschen, die große Reisestrapazen auf sich genommen haben, über die Gefahren in Zivilisation und Natur aufklären? Was denken Sie, wie man sich um 1900 in den USA um die Flüchtlinge aus Europa „gekümmert“ hat? Findige Kapitalisten haben die jungen Leute in Ellis Island abgeholt und sie in menschenunwürdigen Sweat Shops gesteckt, wo sie für ein paar Cent ihre Arbeiten verrichten mussten. Ist es also das, was jene Gutmeinenden unterschwellig im Kopf haben, wenn sie von unwürdigen Internierungsbedingungen sprechen und diese Sammelstellen kurzerhand aufgelöst wissen wollen?

Sogar Israel, deren Bevölkerung ja mit Sicherheit eine Abscheu gegenüber Sammellager innewohnt, lädt männliche Infiltratoren in ihr open detention center in der Wüste von Negev ein. Falls der Einreisewillige sich entschließen sollte, wieder in sein Heimatland zurückzukehren, erhält er von den Behörden USD 3.500,- auf die Hand. Ob es sich bei der Zahlung um Schmerzensgeld für die Internierung oder eine Form der Reisekostenerstattung handelt, kann ich nicht sagen.

Conclusio: Der Artikel ist – wieder einmal – nichts anderes als emotionale Propaganda. Generell gilt, immer dann, wenn in einem Medienbeitrag „Babys“ eine zentrale Rolle spielen, dann wollen die bezahlten Schreiberlinge den Leser auf ihre Seite ziehen. Gerne vergisst man die leidige Brutkastenlüge, die mit ein Grund ist, warum es im Nahe Osten so menschenunwürdig zugeht. Hören wir zu guter Letzt noch einmal den ehemaligen deutschen Bundesrichter:

Di Fabio warnte bereits seit Wochen vor einer Zersetzung des Rechts in der Migrationsfrage. Gegenüber dem Deutschlandradio sagt er: „Was wir heute teilweise erleben in der Migrationskrise, ist, dass Recht nicht mehr angewandt wird. Dafür kann es gute praktische Gründe geben, aber das muss jemanden, der an den Rechtsstaat denkt, mit Sorge erfüllen.“ Und in einem Beitrag für den „Cicero“ schreibt er: „Die Staatsgrenzen sind die tragenden Wände der Demokratien. Wer sie einreißt, sollte wissen, was er tut. Es mag schwer sein, Grenzen in einer wirksamen und zugleich humanen Weise zu schützen, aber diese Aufgabe kann keine Regierung entgehen.“ [link]

Kurz und gut, für ein Dutzend Babys – die in australischen Spitälern von australischen Ärzten zur Welt gebracht wurden – reißen wir die Grenzen nieder, hängen den souveränen Staat an den Nagel und feiern mit den anderen 6,9 Milliarden Brüdern und Schwestern die neue grenzenlose Freiheit™. Und wenn wir schon dabei sind, wer braucht dann noch Gegensprechanlagen und Wohnungstüren? Hinfort damit! Nie wieder wollen wir andere aussperren. Sollte uns jedoch jemand die Partylaune verderben, weil er meint, er wolle sich – notfalls mit Gewalt – gegen unerwünschte Besucher schützen, dann ist er ein Feind der neuen grenzenlosen Freiheit™ und solch uneinsichtigen Hassprediger sollen in Zukunft in der Hölle Wüste von Negev schmoren.

 

 

Das Problem mit der kindlichen Kreativität und dem sozialen Verhalten der Bürger – zwölf Tage vor Weihnachten

Ich saß mit der kleinen L. und ihren Eltern bei Tisch. Sie malte in einem Buch recht bunt einen Weihnachtsmann aus. Plötzlich hob die kleine L. den Kopf und fragte: »Gibt es den Weihnachtsmann wirklich?«

Interessant, dachte ich mir, dass dieses kleine Mädchen bereits einen Unterschied macht, zwischen wirklich und unwirklich, zwischen echt und unecht. Es beeindruckt mich immer wieder, wie Kinder die verquersten Schlüsse ziehen, mit Warum-Fragen die Erwachsenen in den Wahnsinn treiben und trotzig darauf bestehen, dass sie recht haben. Irgendwann, vermutlich mit dem Kindergarten und der Volksschule beginnend, werden den Kindern die kreativen Gedankengänge ausgetrieben und sie zu biederen, braven und bequemen jungen Bürgern geformt. Hinterfrage das Bestehende nicht. Hinterfrage die Obrigkeit nicht. Gib eine Ruhe. Quäle nicht jene, die wissen, was für dich das Beste ist. Was du sonst anstellst, ist uns egal – so lange du in erster Linie durch Konsum deine Individualität auslebst. Wenn der junge Bürger dann zum ersten Mal zur Wahlurne schreiten darf, ist sein Hirn nur noch Matsch und beliebigst manipulierbar.

Natürlich klingt das wieder für viele aufrechte Bürger und nachdenkliche Eltern nach der üblichen Schwarzmalerei. Gut. Zugegeben, es gibt Lichtblicke da und dort. Es gibt Ausnahmen der Regel. Und nein, ich habe keine Kinder. Aber ein starkes Indiz wäre da Sir Ken Robinson, der sich eingehend mit der Kinder-Schule-Kreativitäts-Problematik beschäftigt – am besten man hört sich seinen TED-Vortrag an. Er ist witzig und lehrreich und es gibt Untertitel und ein Transcript in deutsch.

Diese Beispiele zeigen, dass Kinder bereit sind, etwas zu riskieren. Wenn sie es nicht wissen, probieren sie es einfach. Nicht wahr? Sie haben keine Angst, etwas falsch zu machen. Ich will damit nicht sagen, dass etwas falsch zu machen bedeutet, kreativ zu sein. Wir wissen aber, dass wer nicht bereit ist einen Fehler zu machen nie etwas wirklich Originelles schaffen wird. Wenn man nicht bereit ist, Fehler zu machen. Und wenn sie erst erwachsen sind, haben die meisten Kinder diese Fähigkeit verloren. Sie haben Angst, Fehler zu machen. Und, nebenbei, wir machen das in Firmen genau so. Wir stigmatisieren Fehler. Wir haben heute nationale Bildungssysteme in denen Fehler das Schlimmste sind, was man machen kann. Und das Ergebnis ist, dass wir den Menschen ihre kreativen Fähigkeiten weg-unterrichten. Picasso hat mal gesagt: Alle Kinder werden als Künstler geboren. Das Problem ist ein Künstler zu bleiben während man aufwächst. Ich bin nun überzeugt, dass wir nicht in die Kreativität hinein wachsen sondern aus ihr heraus. Oder wir werden vielmehr heraus-unterrichtet. Warum also ist das so?

TED Feb 2006: Ken Robinson says schools kill creativity (link)

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Ein zweites Indiz ist in einem Artikel des britischen Psychologen Theodore Dalrymple (sein Schriftsteller-Name) im Wall Street Journal zu finden. Dalrymple beschreibt darin die Auswüchse jugendlicher »Scheißegal«-Mentalität in  Großbritannien und wie das soziale Umfeld bzw. die Umwelt leidet. Auch ich habe mir schon oft Gedanken gemacht, dass Schmutz und Abfall auf den Straßen ein Zeichen von antisozialem Verhalten sind. Ich glaube mich zu erinnern, dass es vor dreißig Jahren noch undenkbar gewesen wäre, dass ein junger Halbstarker eine Zeitung im hohen Bogen von sich geworfen hätte. Hätte er es getan, die Wahrscheinlichkeit wäre groß gewesen, dass ihn jemand an den Ohren gezogen und gezischt hätte, er solle das aufheben, sonst setzt es was. Ich möchte keine Diskussion über das Ziehen von Grenzen für Kinder und Jugendliche lostreten, ich möchte nur auf den Fakt hinweisen, dass es eine breite Masse an Kinder und Jugendlichen gibt, die sich, pardon, einen Scheißdreck um ihre Umwelt kümmern. Vermutlich wäre mir als Kind die Umwelt auch piepegal gewesen, aber ich wusste, was ich tun durfte und was nicht. Freilich, das hinderte mich nicht daran, mit meinem Freund einen älteren Herren eine Weile zu piesacken oder ein paar Münzen aus der Familienschatulle zu stibitzen.

Vor wenigen Tagen, an einer überfüllten Busstation in Nottingham, begann ein dicker Junge, der um die 13 alt Jahre war, einen Freund mit Essen zu bewerfen. Einiges hätte mich beinahe getroffen und landete am Boden, direkt vor mir, und machte Müll.

»Entschuldige«, sagte ich zu dem Jungen, »könntest du das aufheben?«

»Halte das verdammte Maul! [Shut the f*** up!]«, schnauzte er mit einem wirklich hasserfüllten Gesicht zurück.

Aus den Mündern von den Kleinsten und Säuglingen, in England, kommen Obszönitäten. Keiner an der Busstation traute sich etwas zu sagen, noch weniger, etwas zu tun. Mehr noch, die Engländer sind ein Volk, das weder innere noch äußere Zurückhaltung kennt. Sie werden aggressiv, wenn nicht sogar gewalttätig, in dem Moment, in dem ihnen Einhalt geboten wird, und sogar dann, wenn es nur um Trivialitäten geht. Und jene, die weder aggressiv noch gewalttätig sind, können in keinem Fall sicher sein, dass das Gesetz auf ihrer Seit ist, falls es zu einer Reiberei kommt. Es ist demnach besser, oder einfacher, für sie, erst gar nichts zu bemerken, auch wenn es bedeutet, in ständiger Angst zu leben.

Theodore Dalrymple: The Ugly Brutishness of Modern Britain [link]
A demotic egalitariansim, allied with multiculturalism, has rendered civility passé.
[meine Übersetzung]

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Als drittes Indiz sehe ich den erbärmlichen Zustand kreativer Menschen in einem freien Markt, der ihnen jede besonders motivierende Entfaltungsmöglichkeit nimmt und sie in ein brutales Hamsterrad zwingt. Ein gutes Beispiel ist der Beitrag einer freien ORF-Mitarbeiterin, die völlig kaputt und ausgebrannt ist, weil sie für ihre kreative Radio-Tätigkeit nur einen Hungerlohn erhält – im Vergleich dazu würde eine Anstellung bei einer österreichischen Diskonter-Kette (25 Stunden) einträglicher sein. Auf diese Weise wird jedem Jugendlichen klar vor Augen geführt, dass es gar keinen Sinn macht, überhaupt kreativ und wissenshungrig zu bleiben, weil es am Ende doch nicht fürs Leben reichen wird. Besser er mutiert zu einem Konsum-Zombie und tut, was von anderen verlangt wird.

Ich möchte einfach nur arbeiten, denn ich liebe diesen Job. Ich will nichts werden, ich habe keine Ambitionen auf irgendeine Position. Nichts würde mich unglücklicher machen als ein fantastisch bezahlter Verwaltungsposten, der bedeute»n würde, dass ich weg wäre von den Menschen, von den direkten Gesprächen mit Betroffenen, vom journalistischen Tagesgeschäft. Da unterscheide ich mich nicht von meinen Mitstreitern und zahlreichen Mitstreiterinnen. Aber ich kann nicht mehr. Ich bin müde. Sehr müde. Ich kann die Floskeln und die leeren Versprechungen nicht mehr hören. Ebenso wenig wie die Vorwürfe der Verantwortlichen, die uns erst wahr- und ernst genommen haben durch die mediale Berichterstattung, wir würden das Unternehmen schädigen durch unseren öffentlichen Protest. Ich glaube, Sie werden nirgends hingebungsvollere und idealistischere ORF MitarbeiterInnen finden als unter den Freien Ö1- FM4- und TV-Kultur MitarbeiterInnen. Niemand von uns will den ORF schlecht machen. Aber es ist schwierig, ein Unternehmen zu loben, das einen nicht wertschätzt, obwohl man wertvolle Arbeit leistet. Auf Kosten der eigenen Gesundheit, des Privatlebens und der Existenz.

Barbara Kaumfann: Protestmüde [link]

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Im Moment arbeite ich wie ein Berserker an Con$piracy. Plötzlich beginnen die Teile, die zuvor ein wenig unzusammenhängend in der Luft hingen, ineinanderzugreifen. Ein gutes Zeichen, bedeutet es doch, dass ich am richtigen Weg bin. Aber zwei Drittel der Überarbeitung liegen noch vor mir. Warum ich mir das antue? Weil ich glaube, dass jeder das Recht hat, zu wissen, was in der Welt vor sich geht. Das Buch ist freilich nicht der Stein der Weisen. Will es auch gar nicht sein. Ich möchte dem Interessierten einfach nur neugierig und gleichzeitig skeptisch machen. Der Bürger muss sich wieder seiner Möglichkeiten bewusst werden. Er muss sich bewusst werden, dass er selbst Teil einer Gemeinschaft ist. Es gab Zeiten, viele viele Jahre ist es her, da hat der Bürger in einer Stadt an den Regeln und Gesetzen mitbestimmt. Das hatte freilich seinen Preis. Wurde die Stadt angegriffen, musste er zu den Waffen greifen und diese verteidigen. Aber seien wir ehrlich: Würden wir nicht alle liebend gerne etwas verteidigen, das uns am Herzen liegt?