richard k. breuer

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Gedanken zur ORF-TV-Serie Pregau

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Mit der Drehbuchversion meiner Wiener Krimikomödie Schwarzkopf habe ich vor einigen Jährchen zum ersten Mal Bekanntschaft mit der österreichisch-wienerischen Filmlandschaft gemacht. Es gibt natürlich viele heimische Produktionsfirmen, aber nur ganz wenige, die eine TV-Serie oder einen Spielfilm stemmen können. Nebenbei bemerkt sind die größten Player mit dem ORF auf die eine oder andere Art verbunden. Ohne Goodwill des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (und der heimischen Filmförderung) wird für gewöhnlich kein Film- oder TV-Projekt in Angriff genommen. Deshalb werden Quereinsteiger ohne den nötigen Verbindungen mit freundlichen Worten bereits am Eingang abgewiesen. Das Drehbuch spielt bei der Entscheidungsfindung keine Rolle und wird auch nur dann herangezogen, um zu zeigen, dass es nicht zur Umsetzung taugt. Man merkt recht bald, wie der Hase läuft und vor allem wohin, nämlich zum Küniglberg.

Die vierteilige Mini-TV-Serie Pregau: Kein Weg zurück war der Versuch des ORFs (mit Unterstützung der ARD), mit dem altmodischen Heimat-Fernsehen aufzuräumen und bei der jüngeren Generation zu punkten. So wurden Anleihen bei beliebten amerikanischen TV-Serien genommen (perhaps Breaking Bad), ließ man die Zuschauer mit ihrem Smartphone und einer speziell für die Serie entwickelten App („Lügendetektor“) interaktiv am Fernsehgeschehen teilnehmen und versuchte in den sozialen Medien für Stimmung zu sorgen. Löblich.

Die Filmemacher von Pregau und die Verantwortlichen in den ORF-Etagen pokerten mit hohem Einsatz und packten alles ins Drehbuch, was noch eine Fernsehgeneration davor für einen handfesten Skandal gesorgt hätte. Aber die Zeiten ändern sich. Nun scheint es sogar am Küniglberg en vogue zu sein, einen heißblütigen Pfarrer beim Liebesspiel zu zeigen oder den amoralischen älteren Bruder des Familienoberhaupts einen Satz in den Mund zu legen, der gläubige Menschen zutiefst schockieren musste. War es Kalkül? War es Provokation? Ist es einfach passiert? Oder is es eh scho wurscht?

Überhaupt, die Story! Die Ansätze waren gut. Die Ideen frisch. Die Cliffhänger spannend. Aber die Zusammenführung der offenen Stränge mit dem Holzhammer sowie die geistlose Inszenierung des Klimax im vierten und letzten Teil machten alles wieder zunichte. Hätten die Verantwortlichen einfach weniger gewollt, hätten sie sich auf das Wesentliche konzentriert, Pregau hätte durchaus etwas Besonderes (im deutschsprachigen TV-Wald) werden können. Stattdessen stolperte das Drehbuch von einer Exposition zur nächsten – kein Wunder, da viel zu viele Köder ausgelegt worden sind. Die Protagonisten wurden deshalb immer wieder zu Klischee-Figuren oder Drehbuch-Marionetten degradiert, die jenseits des echten Lebens agierten. Die Verantwortlichen hätten sich an der ersten Kottan-Folge orientieren können: Dort wurde die Komödie durch Übertreibung und Zuspitzung in einem realistischen Setting (mit den richtigen Dialekt- und Sprachfärbungen) erzielt. Auf ähnliche Weise hätte die Tragikomödie in Pregau funktionieren können. Vielleicht.

Positiv hervorzuheben ist die technische Umsetzung, die oftmals bei heimischen TV-Produktionen zu wünschen übrig ließ. So muss sich die Serie nicht vor ausländischen Produktionen verstecken: Kamerafahrten und die gewählten Bildausschnitte, sozusagen die Bildkomposition, sind als gelungen zu bezeichnen. Der Soundtrack in den ersten drei Folgen war für mich stimmig. An manchen Stellen gab es eine wunderbare Symbiose zwischen Ton und Bildfolge. Nur im letzten Teil, da haperte es mit der Musik-Auswahl, die mir nicht sonderlich gefiel. Negativ aufgefallen sind mir die sogenannten Action-Sequenzen, die beinahe stümperhaft in Szene gesetzt und äußerst lieb- und ideenlos montiert wurden. Man muss nicht gleich Hollywood nachäffen, aber ein Blick über den heimischen Gartenzaun und in die Film-Vergangenheit hätte nicht geschadet.

Was ist nun mein Schlussresümee? Wie bei so vielen heimischen Produktionen können sich die Verantwortlichen nicht entscheiden, was sie wollen. Oder ist es, weil zu viele Köche den Brei rühren? Ich gehe mal davon aus, dass die grundlegende Idee jene gewesen ist, eine moderne Mini-Serie zu machen und dabei zu zeigen, dass der ORF noch nicht zum alten Eisen gehört. Mission accomplished!

Pregau hat gezeigt, dass es in Österreich ein filmisches Serien-Potenzial gibt. Und es wäre jammerschade, würde man dieses Potenzial brach liegen lassen. Aber es gibt noch viel zu tun.

Wenn Die Presse an Realitätsverlust leidet oder ›Warum wir den Ehrgeiz verlieren‹, Olympiade 2016

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Es lebe die Mittelmäßigkeit in der Qualitätspresse

Falls Sie in der Die Presse am Sonntag den Aufmacher »Land ohne Siegermentalität: Über die Kultur der Mittelmäßigkeit« gelesen haben, sollten Sie bemerkt haben, wie der Hase in den Köpfen der Redaktion einer Qualitätszeitung läuft – nämlich in die falsche Richtung.

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Wenn Behörden im Chat Antworten suchen und Terroristen mit einem Konventionsreisedokument reisen, Ansbach 2016

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Hier die eine oder andere Merkwürdigkeit bezüglich des (vermeintlichen) Bombenanschlags in Ansbach, 24. Juli 2016.

Disclaimer
Dieser Artikel spiegelt die Meinung des Autors in Bezug auf das
Ereignis in Ansbach, 24.7.2016, wider und basiert auf publiziertes Foto- und Filmmaterial, sowie öffentlich zugängliche Zeugenaussagen.

Auf orf.at lesen wir, dass es nach den derzeitigen Ermittlungen unklar sei, »ob der Attentäter die Bombe tatsächlich in diesem Moment am Sonntagabend zur Explosion bringen wollte. ›Es gibt aufgrund der ganzen Zeugenaussagen des Geschehens und übrigens auch des Chatverlaufs in der Tat Fragen, ob das in dem Moment von ihm beabsichtigt war, in dieser Minute die Bombe zu zünden‹, sagte Bayerns Innenminister Herrmann.«

Vielleicht könnte jemand den Innenminister aufklären, dass es Aufgabe der Forensiker ist, herauszufinden, um welche Bombe es sich gehandelt hatte, woher der Sprengstoff stammte und wie die Zündung erfolgte. Bis jetzt warte ich noch auf diese Information. Es steht zu befürchten, dass es noch eine Weile dauert, bis der Pressesprecher der Behörde so freundlich sein wird, die Fakten bekannt zu geben. Gut möglich, dass die wesentlichen Informationen aus Gründen der Staatssicherheit unter den Teppich gekehrt werden müssen. Die übliche behördliche Leier, um die Bürger weiterhin im Dunkeln tappen zu lassen, Ängste zu schüren und die orwellsche Agenda War on Terror ist Frieden und Freiheit ist Unsicherheit zu befeuern. »Wenn Sie ein Bild von der Zukunft haben wollen, so stellen Sie sich einen Stiefel vor, der auf ein Gesicht tritt. Unaufhörlich

Liest man die Medienberichte, könnte man zum Schluss kommen, dass jeder Volksschüler Sprengsätze bauen kann. Im Kinderzimmer, ein paar Chemikalien aus dem Experimentierkasten, eine Schachtel Nägel, ein Druckkochtopf und schon hat man einen explosiven Cocktail. Also, früher einmal, in den 1970er und  1980er Terrorjahren, als den Bürgern in Westeuropa noch professionelle Bomben um die Ohren flogen, kamen Bestandteile auf die eine oder andere Weise aus Militär- bzw. Geheimdienstdepots. Wundern Sie sich besser nicht, sondern informieren Sie sich über Operation Gladio.

In einem SZ-Artikel heißt es: »Seine Bombe war nach Informationen der SZ dilettantisch gebaut und entfaltete nicht die volle Wirkung. Sonst wäre seine Leiche noch stärker zugerichtet gewesen, da er den Rucksack mit der Bombe am Leib trug.« Äh, vielleicht könnte jemand die Redakteure der SZ darauf aufmerksam machen, dass MD. den Rucksack nicht am Körper trug, als der Sprengsatz detonierte. Auf einem Foto sieht man doch einen Polizisten, wie er über den leeren Rucksack gebeugt ist. Hat demnach die SZ. Bilder der Leiche gesehen? Wer hat diese Aufnahmen gemacht und der Zeitung zur Verfügung gestellt? Und woher weiß die SZ wie die volle Wirkung der Bombe hätte aussehen müssen? Könnten die SZ demnach herausgefunden haben, wie die Bombe im Detail geplant war? Eventuell sollte Innenminister Herrmann mal bei der SZ-Redaktion vorbeischauen und sich aufklären lassen.

Der Spiegel wiederum möchte seine Leser im Unklaren lassen, ob MD. überhaupt in der Lage war, die Bombe herzustellen: »In einer Flüchtlingsunterkunft hat die Polizei mehrere Gegenstände beschlagnahmt. Mitarbeiter der Spurensicherung hatten am Morgen mehrere Kisten, Säcke und Tüten unbekannten Inhalts aus dem Gebäude getragen (und wer hat sie zuvor hereingetragen?). Die Ermittler fanden einen Benzinkanister mit Diesel sowie Salzsäure, Alkoholreiniger, Lötkolben, Drähte, Batterien und Kieselsteine, außerdem einen Laptop mit gewaltverherrlichenden Bildern, die in Verbindung zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) stehen.«

Okay, damit ist ja alles klar, nicht wahr? Nope. Natürlich nicht. Es stellt sich gleich mal die Frage, um welche Flüchtlingsunterkunft es sich gehandelt hat („in einer …“) und ob Asylwerber Einzelzimmer haben, die groß genug sind, um allerlei Kisten, Säcke und Tüten ungesehen zu lagern. Was mögen wohl seine Mitbewohner gedacht haben, als MD. seine Experimente machte? Haben Sie ihm geholfen? Wollten sie ihn daran hindern? War es ihnen egal? Haben sie es gemeldet? Wurde die Meldung vielleicht nicht an die Polizei weitergeleitet? Warum wurde die Meldung nicht weitergeleitet? Und wie konnte sich MD. die Chemikalien überhaupt besorgen? Woher wusste er, wo man Salzsäure in Großmenge kaufen kann? Verhielt er sich beim Kauf nicht ein wenig verdächtig? Haben Sie in jungen Jahren mal eine Packung Präservative in der Drogerie kaufen wollen? Mit rotem Gesicht haben Sie dem Verkäufer Ihren Wunsch geäußert. Sie haben gestottert und wirkten unsicher. Was meinen Sie, wenn ein Asylwerber, der noch nicht lange in Deutschland ist, mit ungenügenden Deutschkenntnissen, all die Ingredienzen verlangte? Und wer auch immer MD. diese Chemikalien verkauft hat, wäre dieser nicht ein wenig misstrauisch geworden? Ansbach ist ja nicht gerade eine Großstadt.Und hat er dann jeden der Einkäufe zu Fuß erledigt? Niemand, der ihn gesehen hat, wie er an manchen Tagen schwer beladen ins Flüchtlingsheim stapfte? Niemand, der ihn nach dem Grund seiner Einkäufe fragte? Niemand, dem dieses Verhalten verdächtig vorkam? Ach so. ›Rambo‹ hatte natürlich ein Einzelzimmer in einem ehemaligen Hotel und war unauffällig. Niemand, der Verdacht schöpfte. Dabei war er mit dem Laptop und dem Darknet nur ein paar Klicks von einer Mini-Nuke entfernt. Was für ein Glück, dass er nur »eine große Menge Bargeld in Rollen von 50-Euro-Scheinen«, aber keine Bitcoins hatte.

Woher das Geld für all diese Einkäufe stammte, weiß die Polizei natürlich noch nicht. Werden wir es je erfahren? Wohl kaum. Aus Gründen. Na, Sie wissen schon, warum. Aber Sie können sicher sein, dass der Chatverlauf bis ins letzte Detail ausgewertet und die Spur, die in den Nahen Osten führt, im Sand verlaufen wird.

Im Spiegel heißt es: »Ein Video auf dem Handy von MD. zeigt einen Vermummten, der MD. sein soll. Er droht mit einem Anschlag.« Übrigens liest man in einem anderen Spiegel-Artikel, dass die Behörden zwei Handys, mehrere Sim-Karten und einen Laptop fanden. Stellt sich jetzt die Frage, warum sich MD. vermummte und das Drohvideo nicht auf eine Social-Media-Plattform hochlud – immerhin hatte er 6 facebook-accounts (ich habe einen Account und drei Seiten und komme da schon nicht hinterher). War es ein Selfie-Drohvideo? Oder war jemand so freundlich und unterstützte ihn bei der Aufnahme? Ist es möglich, dass das Video nur der Scherz anderer Asylwerber gewesen war? Vergessen wir nicht, dass MD. des Nächtens verschwand, ohne seine beiden Handys mitzunehmen – durchaus möglich, dass er öfters seine (?) Handys zu Hause liegen ließ. Hatte nun MD. noch ein anderes  (unzerstörbares?) Handys bei sich, als der Sprengsatz sprengte? Man glaubt gar nicht, dass dieser simple Fakt in den zahlreichen Berichten nicht herauszulesen ist. Beinahe scheint es, dass die Reporter gar keine Ahnung haben, worüber sie schreiben sollen, da sie all die Informationen von den Behörden erhalten – mit Ausnahme der SZ, die sogar Zugriff auf das bulgarischen Attest des Hausarztes von MD.erhielt – fragen Sie mich nicht, wie das in der kurzen Zeitspanne überhaupt möglich ist. Im selben Artikel erfahren wir:

»Nun allerdings habe ihn auch sein Vater nicht mehr mit Geld unterstützen können, gab D. später an. In dieser verzweifelten Situation ist dann etwas geschehen, was im Nachhinein aufhorchen lässt: ›Also wollte ich es doch riskieren und weiter nach Deutschland gelangen. Zu meinem Glück fand ich einen Syrer, der mir einen Flug nach Österreich spendierte‹, gab Mohammad D. gegenüber von Maltitz an. Handelte der angebliche Spender aus reiner Menschenliebe? Oder nutzte hier der IS bewusst eine Notlage?«

Was sagt man dazu? Die SZ und all die anderen Medienhäuser, genauso wie Behörden, deuten mal subtil, mal mit dem Holzhammer an, dass die Terrormiliz IS MD. auswählte und nach Deutschland schleuste, um ihn dort für einen Anschlag in kleine Konfetti zu zerlegen. Aber es stellt sich doch die Frage (nicht für die Behörden, nicht für die Medien) wie der gute Mann von Bulgarien nach Österreich fliegen konnte? Mit welchen Papieren? Hätte er nicht am Flughafen Wien Schwechat Asyl ansuchen müssen? Und wie ist er dann von dort nach Deutschland gekommen, mit einem in Wien operierten Knie? Manchmal hat man den Eindruck, Europa wäre ein unkontrolliertes und chaotisches Durchhaus, wo Asylwerber und Flüchtlinge kreuz und quer und ungeprüft herumreisen, um schließlich radikalisiert ihre Anschläge auszuführen. Glauben Sie das wirklich? Ein Flughafen ist mit Sicherheit der letzte Ort, wo sich ein Asylwerber, der bereits in Bulgarien um Asyl angesucht hatte, aufhalten möchte. Die österreichischen Behörden müssen demnach in gewisser Weise involviert sein. Und siehe da, auf orf.at lesen wir: »›Der Syrer sei nicht aus Österreich ausgewiesen worden, weil er über ein von Bulgarien ausgestelltes Konventionsreisedokument verfügte, das einen 90-tägigen Aufenthalt im Schengen-Raum erlaubt‹, fügte Innenministeriumssprecher Grundböck hinzu.« Ach so. Scheinbar wollte jemand, dass sich MD. ohne Probleme im Schengen-Raum bewegen durfte. Wer könnte das wollen? Wir erfahren weiters in der SZ, dass MD. am 18.09.2013 in Bulgarien freigelassen wurde und etwa ein Jahr später, am 21.08.2014, einen Asylantrag beim BAMF stellte. Wer kümmerte sich in jener Zeit um sein Wohlergehen in Bulgarien, Österreich und Deutschland?

Also, wenn Sie mich fragen, dann ist das Einzige, was die Terrormiliz IS bei diesem Anschlag zu verantworten hat, das Bekennerschreiben. Für den Rest würde ich den neuen BND-Chef Bruno Kahl sowie den Bundestagsabgeordnete Harald Weinberg (Linke) interviewen – eventuell könnte die SZ dann auch gleich mal den bulgarischen Geheimdienstchef ausfindig machen und zu MD. befragen. Ach so. Stimmt. Alle drei werden natürlich keine Aussagen tätigen. Aus Gründen der Staatssicherheit. Gähn.

P.S.: Bis jetzt konnte ich noch keine authentischen Fotos vom Tatort ergoogeln – falls Sie welche gefunden haben, vielleicht können Sie mir die Links zukommen lassen. Bitte keine Bilder von einem Rucksack oder einer weißen Rose oder vermummten Polizisten bei Sonnenaufgang oder rotweißroten Absperrbändern oder einer eingeschlagenen Fensterscheibe oder Clips von Polizeiautos, die mit Blaulicht durch Gassen brausen. Davon habe ich nämlich bereits genug gesehen. Dabei würde es mich brennend interessieren, welche Zerstörungskraft so ein Bömbchen hat. Von den Verletzten fehlt freilich auch jede fotographische Spur. Man könnte den Eindruck haben, es sei in Ansbach gar nichts geschehen.

 

EM 2016: Finale – POR : FRA

EM-2016-Finale

Gedanken zum Finale der Europameisterschaft in Frankreich 2016

PORTUGAL : FRANKREICH 1:0 n. V.

Kurios. Nach 13 Minuten humpelte Ronaldo nach einer ungestümen Attacke von Payet den Rasen hinauf und hinunter. Der Geist war willig, aber das geschundene Fleisch schwach – eine viertel Stunde später ließ sich der wohl beste portugiesische Spieler mit Tränen in den Augen vom Feld tragen. Armer Ronaldo, dachten die einen. Guter Payet, die anderen. Ja, Christiano polarisiert die Fans – damals wie heute.

Das Finalspiel selbst war, wie zu erwarten, eine laue, öde Partie. Die Portugiesen wollten nicht, die Franzosen trauten sich nicht. Die Nervosität der Spieler – hüben wie drüben – war ihnen im Gesicht abzulesen. Viel stand auf dem Spiel. Natürlich. Das haben Finalspiele so an sich, hier geht es um das große Ganze. Der zweite Platz ist genauso gut wie der letzte. Nur der Sieg zählt. Wir wissen es. Die Spieler dito. Deshalb beginnt und endet der Kampf im Kopf der Spieler. Wer mental die Oberhand behält, trägt gewöhnlich den Pokal nach Hause – kein Wunder also, dass es an diesem Sonntag in die Verlängerung ging und alles nach einem Elfmeterschießen aussah. Doch zehn Minuten vor dem Ende der Verlängerung nimmt sich der eingewechselte Eder ein Herz und zieht zwanzig Meter vor dem Tor ab. Der scharfe Schuss passte genau in die Ecke. Torhüter Lloris – und damit auch seine Mannschaft – war geschlagen. Dabei hätte Gignac – der für den farblosen Giroud kam – in der Nachspielzeit der regulären Spielzeit die Entscheidung herbeispitzeln können – aber die Stange hielt die Portugiesen – wie bereits gegen Kroatien – auch diesmal im Spiel.

Wie gesagt, über das Spiel selbst muss man nicht viele Worte verlieren. Es war kein Fußballspiel, vielmehr ein nervöses Abtasten. Dabei hätten die Franzosen nach ihrem überraschenden Sieg gegen den amtierenden Weltmeister Deutschland und mit dem Heimvorteil im Rücken allen Grund gehabt, mit Verve und élan vitale das Tor zu suchen. Statt dessen versagten Nerven und Beine der sonst so überragenden Spieler des Turniers: Payet, Pogba, Giroud, Griezman.

Man stelle sich vor, die Equipe Tricolore hätte gewonnen und würde in einem Atemzug mit den beiden außergewöhnlichen Siegermannschaften der EM 1984 und der EM 1998 genannt werden. Mon Dieu! Das hätte die besondere Aura der goldenen Generation von Platini & Co sowie Zidane & Co verpuffen lassen. Die Medien und Fans hätten Vergleiche mit der glorreichen Vergangenheit gezogen. Non! Seien wir demnach froh, dass es soweit nicht gekommen ist. Es mag schlimm genug sein, dass eine durchschnittliche portugiesische Mannschaft jenen Pokal nach Hause mitnehmen durfte, der eigentlich der goldenen Generation der EM 2004 gebührt hätte. Figo, Deco, Rui Costa, Maniche, Nuno Gomes, Boswinga usw., sie waren famose Fußballer und hatten das gewisse Etwas. Gerade dieses gewisse Etwas ist dem europäischen Fußball in den letzten Jahren abhanden gekommen. Vielleicht wird die Weltmeisterschaft 2018 das Ende der europäischen Vorherrschaft am grünen Rasen einläuten. Bereits bei der WM 2014 in Brasilien ließen die Newcomer Kolumbien, Chile und Costa Rica aufhorchen, wurde Dauerbrenner Mexiko nur durch ein umstrittenes Robben-Foul aus dem Achtelfinale gekickt, spielte die französische B-Elf der Algerier den späteren Weltmeister schwindlig und zeigten die Amerikaner (wie die Ungarn), dass sie auch bereit waren, mit wehenden Fahnen ins offene belgische Offensivmesser zu laufen. Was den nichteuropäischen Teams bisher gefehlt hat, war diese besondere Abgebrühtheit. Aus Erfahrung gut, kommt einem da in den werbeverseuchten Sinn.

Die diesjährige Europameisterschaft hat jedenfalls gezeigt, dass Einzelleistung vor Mannschaftsleistung ging. Ohne Payet hätte Frankreich die Gruppenphase wohl nicht als Sieger beendet und ohne Griezmann wäre es zu keinem Finalspiel gekommen. Im Übrigen bin ich noch immer der Meinung, dass die französische (genauso wie die englische und spanische) Nationalmannschaft kein funktionierendes Team ist. Beim amtierenden Weltmeister Deutschland liefen viele Spieler ihrer Form hinterher bzw. waren mental ausgebrannt. Gleiches gilt für den letzten Europameister Spanien.

Die beste Mannschaftsleistung gab es meiner Meinung nach von Kroatien und Italien. Hätten die Kroaten im Achtelfinale gegen Portugal nicht mit angezogener Handbremse gespielt, vielleicht würden sie nun den Pokal in Zagreb ausstellen. Und hätten die Italiener statt Zaza nur ein wenig Glück gehabt, würde ganz Italien ihren Fußballpensionisten zujubeln können. Gewiss, es ist müßig, jetzt über vergebene Elfmeter (Österreich!) oder unglückliche Stangenschüsse (Österreich!) zu sinnieren. Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht mehr zu ändern ist, wusste bereits Peter Alexander 1962 zu singen.

Diese Europameisterschaft wird man wohl alsbald vergessen. Erwähnenswerte Spiele gab es wenige. Am besten gefiel mir noch das letzte und entscheidende Gruppenspiel zwischen Albanien und Rumänien. Auf dem Papier hätte es eine müde Partie werden müssen – aber auf dem Rasen war einiges los und das Spiel ließ jedes Fußballherz höher schlagen. Sehenswert natürlich auch die übermotivierten Italiener, die den Spaniern die Grenzen ihres Ballherumgeschiebes aufzeigten. Trainer Löw dürfte so beeindruckt gewesen sein, dass er sich eine spezielle Taktik für Buffon & Co überlegte – dadurch machte er die Italiener (defensiv) stärker und die Deutschen (offensiv) schwächer. Der Schuss hätte demnach leicht nach hinten gehen können. Kurz, Löw hatte keine Eier in der Hose – auch wenn er es hin und wieder nachprüfte. Das Elfmeterschießen entwickelte sich freundlicherweise zum absoluten Thriller. Mon Dieu, was haben wir gelacht.

EM 2016: Spieltag 13 – Entscheidung GruppeE und F

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Spieltag 13 der Europameisterschaft in Frankreich 2016
Entscheidung Gruppe E und F

ITALIEN : IRLAND 0:1
SCHWEDEN : BELGIEN 0:1

ISLAND : ÖSTERREICH 1:2
UNGARN : PORTUGAL 3:3

Tja. Das war es also, mit der EM-Teilnahme der österreichischen Nationalmannschaft. Es ist schon verblüffend, dass es Trainer Marcel Koller von Beginn an mit einer defensiven Aufstellung versuchte. Ich hatte nach dem Spiel gegen Portugal einen ähnlichen Vorschlag gemacht – und darf mir zugutehalten, dass meine Überlegung vermutlich zielführender gewesen wäre. Während Koller jeden verfügbaren Defensivspieler auf den Platz stellte und die (noch nie gespielte) Formation 3-4-3 vorgab (die auf dem Platz eher wie eine 3-7-0 daherkam), wäre ich bei der bisher üblichen 4-2-3-1 geblieben, hätte aber Arnautovic in die Spitze gegeben, Alaba auf links gestellt und Schöpf als Junuzovic-Ersatz vorgesehen. Wie man in der ersten Hälfte gesehen hat, ist das Team nicht in der Lage, die Vorgaben einer neuer Formation zu erfüllen. Als Koller in der zweiten Hälfte wieder zur üblichen Aufstellung zurückkehrte, konnte man sofort erkennen, dass sich die Spieler wohler fühlten und damit auch ballsicherer wurden. Alles in allem hat mich die zweite Hälfte des Spiels gegen Island einigermaßen versöhnt, hat man – endlich, endlich – gesehen, dass die österreichische Nationalmannschaft sehr wohl in der Lage ist, auf internationalem Niveau Fußball zu spielen. In den anderen 5 Hälften wirkte das Spiel der Österreicher oftmals wie ein Monty Python Sketch: völlig surreal.

Koller hatte also die richtige Eingebung: Mittels Defensivtaktik und Aufbietung aller Defensivspieler soll wieder zur gewohnten Sicherheit zurückgefunden werden; ist das Selbstbewusstsein der Spieler einigermaßen im grünen Bereich angelangt, würde man die Offensivkräfte einwechseln und auf Angriff setzen. Aber wie so oft, wenn man die Lösung für ein großes Problem gefunden hat, übertreibt man in der Umsetzung. Natürlich kann ich im Nachhinein überlegen schreiben, dass der Lösungsansatz richtig, die Umsetzung jedoch falsch war – wäre beispielsweise Arnautovic nicht weggerutscht, hätte Dragovic den Elfer gemacht, hätte der Schiedsrichter das Foul im Strafraum gepfiffen, wäre der Schuss von Schöpf nicht abgewehrt worden, ich müsste den Hut vor Koller ziehen. Aber Tatsache ist, dass es nicht Wagemut war, der Koller veranlasste, die neue Defensivformation zu wählen, sondern Verzweiflung und Angst.

So rächt es sich, dass man es in Freundschaftsspielen verabsäumt hatte, neue Aufstellungsvarianten auszuprobieren. Andererseits braucht jedes Team eine Reihe von Spielen in einer fixen Aufstellung, um Vertrauen und Sicherheit zu gewinnen. Ein Dilemma, wenn man so will. Kann ich die Defensivtaktik Kollers gut nachvollziehen, so ist mir absolut unverständlich, warum er ein spanisches Offensivmittelfeldspiel mit Arnautovic, Alaba und Sabitzer aufziehen wollte. Dazu braucht es nicht nur ein grandioses Spielverständnis, sondern neben Disziplin auch eine gehörige Portion Spielerintelligenz. Dass diese Taktik nur in die Hose gehen kann, war eigentlich abzusehen – zumal Alaba in all seinen Spielen immer nur aus dem Rückraum agierte, nie an vorderster Front, zumal Arnautovic das Tempo aus dem Angriffsspiel generell herausnimmt und zumal Sabitzer – wollen wir es freundlich sagen – die internationale Klasse fehlt.

Der Führungstreffer der Isländer – ein Fehler im österreichischen Stellungsspiel – erinnerte frappant an jenen der Ungarn! Die erste Hälfte war jedenfalls zum Vergessen. Die Umstellung in der zweiten Halbzeit – Janko und Schöpf ersetzten mit Ilsanker und Prödl zwei Defensivkräfte – zurück zum gewohnten 4-2-3-1 mit Alaba neben Baumgartlinger im Zentrum und Schöpf als Spielmacher, ließ das Team wieder zur gewohnten Stärke zurückkehren. Plötzlich machten sie – vor allem über links – Druck, plötzlich gelangen die eingespielten Passkombinationen, plötzlich erwachte das verloren geglaubte Selbstbewusstsein, plötzlich merkte man als Außenstehender, dass ein Ruck durch die Mannschaft ging und all das beflügelte die Hoffnung, die man nach der grauenhaften ersten Halbzeit längst begraben hatte.

So wie es aussieht, werden sich Alaba & Co an dieser zweiten Halbzeit aufrichten können. Die Qualifikation zur WM 2018 steht bekanntlich vor der Tür. Dass sich die zwei Schwergewichte in unserer Gruppe – Irland und Wales – in das Achtelfinale gespielt und damit viel Selbstbewusstsein abgeholt haben, dürfte die Ausgangslage unseres Teams nicht gerade verbessern. Sei es wie es sei. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Ach ja, bevor ich es vergesse: Natürlich sollte es Konsequenzen für das Versagen der Mannschaft geben. Wer auch immer den Job für die psychologische Betreuung der Mannschaft inne hatte, gehörte an die Luft gesetzt. Sofort!

Ungarn? Ein Fußballwunder! Bei dem Spiel gegen Portugal blieb einem der Mund vor Staunen offen. Gewiss, die Ungarn konnten befreit das Leder treten – waren sie bereits fix für das Achtelfinale qualifiziert, während die Portugiesen zumindest ein Unentschieden benötigten und bei einer Niederlage die Heimreise hätten antreten müssen. Da können die Nerven schon flattern. Sieht man sich die erste Stunde der Begegnung an, dann erkennt man sofort, dass die Ungarn die Seiten gut zustellten. Im Gegensatz zu den Österreichern, die die größten Probleme mit dem portugiesischem Flankenspiel hatten, ließen die Ungarn  nur selten Hereingaben von den Seiten zu. Den Ungarn gelang es immer wieder, den Ball laufen zu lassen und mit gutem Kombinationsspiel Offensivaktionen einzuleiten; die Portugiesen waren deshalb gezwungen, mehr für die Absicherung zu tun, weshalb sie weniger Beine für ihre Angriffsbemühungen zur Verfügung hatten. Auch waren die Ungarn im schnellen Offensivspiel gefährlich – ein Stangenschuss unterstreicht es. Gut möglich also, dass sie im Achtelfinale die Belgiern ärgern werden – so das ungarische Nervenkostüm hält. Vergessen wir aber auch nicht, dass es die Belgier sind, die in dieser Begegnung unter dem größtmöglichen Druck stehen. Der geheime Favorit soll gegen einen 40-jährigen Torhüter in Jogginghose straucheln? Unvorstellbar! Ja, das dachten sich 8 Millionen Österreicher auch.

Portugal? Es kann nur noch besser werden. Nach der blamablen Leistung in einer der schwächsten Gruppen dieser EM, könnte nun Ronaldo & Co zeigen, was sie wirklich drauf haben. Ihr Achtelfinalgegner Kroatien ist dummerweise mit allen Wässcherchen der Spielkunst gewaschen. Sollten die Portugiesen diese schwere Hürde nehmen, dann stehen sie wohl im Finale und keiner lacht mehr über den vergebenen Elfmeter von Ronaldo. Ja, so absurd kann Fußball sein.

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Belgien tat sich im Spiel gegen die Schweden recht schwer. Seltsam. Weil das Team rund um Ibrahimovic wohl zu den schwächsten dieser EM gehörte. In zwei Spielen gaben sie keinen einzigen (!) Schuss auf das gegnerische Tor ab. Möchte man nicht glauben, aber die Statistik lügt nicht. Mit dieser beschaulichen Leistung werden die Belgier gegen die Ungarn wohl keinen Stich machen. Spannung ist demnach am Rasen, nicht auf dem Papier, garantiert.

Italien? Irland? Man wird sehen, wie sich die beiden Betonmischer im Achtelfinale aus der offensiven Affäre ziehen werden. Ihre Gegner, Spanien und Frankreich, sollten vielleicht ein Abrissunternehmen anheuern, ansonsten wird es mit dem Tore schießen sehr, sehr schwer.