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Joker

Der neue Film JOKER von Todd Phillips ist eine unbedingte Empfehlung. Sollten Sie dieses Meisterwerk noch nicht gesehen haben, tun Sie es. Sie werden aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Eigentlich dachte ich, dass es diese Art von Filme gar nicht mehr geben dürfte, aber hin und wieder geschehen kleine Wunder. Auch in Hollywood.

Der Film entwickelt von Beginn an einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann, so man sich darauf einlässt. Joaquin Phoenix spielt die Klaviatur des Dramas nahezu in Perfektion. Überhaupt ist die besondere Atmosphäre des Films herauszustreichen, angefangen von der Kameraführung, über die Farben bis hin zur (bereits mit dem Script entstandenen) Musik und der Ausstattung. Es ist wahrlich beeindruckend, wie hier die Vision eines Regisseurs in allen Belangen umgesetzt wurde (Interview). JOKER ist ein Autorenfilm, der – das ist zu vermuten – ohne dem Markenzeichen DC-Comics/Batman vermutlich nur geringe Aufmerksamkeit bekommen hätte. Zusätzlich befeuerte der mediale Ausnahmezustand das Interesse eines Publikums, das sich immer mehr vom Mainstream emanzipiert und das Hillary Clinton abschätzig als „basket of deplorables“ in einer Wahlkampfrede bezeichnete: „They’re racist, sexist, homophobic, xenophobic – Islamophobic – you name it.“ Es ist die übliche politische Strategie, mit gravierenden Anschuldigungen um sich zu werfen, in der Hoffnung, irgendetwas davon würde schon hängen bleiben.

Der Film selbst zeigt eine (fiktive) Gesellschaft, die am Rande des Zusammenbruchs steht. Die politisch-wirtschaftliche Elite schert sich nicht mehr um das Wohl des Einzelnen („They don’t give a shit about people like you, Arthur. And they don’t give a shit about people like me either.“) und bezeichnet jene, die unter die Räder des Systems gekommen sind, abschätzig als „Clowns“. Soziale Einrichtungen werden geschlossen, Kürzungen in allen Bereichen der städtischen Infrastruktur vorgenommen. „Die Leute brauchen Jobs“, hört man aus dem Radio, „Es sind schwierige Zeiten“.

Im gegenwärtigen Klima wird es für den gewöhnlichen Bürger immer schwieriger seinem Unmut Luft zu machen. Die Sittenwächter kontrollieren bereits den größten Teil des virtuellen Kommunikations-Highways (youtube, facebook, twitter, Kommentarseiten, usw. ), weshalb politische Kommentare, die gegen den Mainstream gerichtet sind und eine hohe Zugriffsrate haben, unterdrückt oder gelöscht werden. Es ist eine virtuelle Säuberungswelle, die man gut aus der nahen Vergangenheit kennt. Wie kann der Einzelne nun seine unbequeme Meinung im Netz veröffentlichen und zur Diskussion stellen?

Der Weg führt ins Kino und vom Kino zur Filmkritik. Hier ist es noch möglich, gegen den Strom zu schwimmen und die glatt gebügelte Mainstream-Meinung aufs Korn zu nehmen, ohne dabei Gefahr zu laufen, Job und Karriere zu verlieren oder abgemahnt und vor Gericht gestellt zu werden.

Begonnen hat es mit Star Wars – The last Jedi. Viele der apolitischen Fans erkannten zum ersten Mal die große Diskrepanz zwischen Mainstream- und Publikumsmeinung. „Wie kann es sein“, haben sie sich gefragt, „dass dieses trainwreck, dieser katastrophale Film, der alles, was Star Wars ausmacht, mit Füßen tritt, wie kann es sein, dass dieser Film von den bezahlten Kritikern gepriesen und geschätzt wird?“

Der nächste filmische Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte, war Captain Marvel, ein von den bezahlten Kritikern gelobten, von den meisten Fans verachteten Superheldenfilm im Marvel-Universum. Auch hier klaffte ein großes Loch zwischen Mainstream- und Publikumsmeinung, aber diesmal ging es nicht um die mutwillige Zerstörung eines Kinomärchens, sondern um die bewusste Inszenierung eines gesellschaftlich-politischen Narrativs. Mit einmal wurde die Filmkritik mit political correctness aufgeladen. Wem der Film nicht gefiel, der wurde verdächtigt, ein misogynist, ein Frauenfeind, zu sein und so mancher der größeren alternativen Filmkritiker auf youtube musste klar stellen, dass er (oder sie) kein misogynist sei.

Und nun haben wir JOKER. Auch hier klafft ein großes Loch zwischen Mainstream- und Publikumsmeinung. Diesmal ist es die Befürchtung der professionellen Filmkritiker, dass der Film die Gewaltbereitschaft der Incels (jungfräuliche Sonderlinge) befeuern würde. Jeder, der den Film über die Maßen lobt, wird verdächtigt, politische Veränderungen mit Gewalt durchsetzen zu wollen (ironischerweise ist das die Vorgehensweise der US-Regierungen im Ausland).

JOKER ist jedenfalls ein grandioser Autorenfilm, der über den Umweg eines Comic-Verfilmung ein breites Publikum anlockt. Vielleicht hat Todd Phillips, ohne es zu wollen, das Ende des bombastischen und damit für Studios extrem teuren Superheldenfilms eingeläutet. Die Kinogeher, die mit Iron Man aufgewachsen sind, sind fünfzehn Jahre älter und damit reifer geworden. Mit dem zu recht bejubelten Infinity War und dem eher enttäuschenden Endgame ist Phase 4 von Marvel zu Ende gegangen. Phase 5 bietet nichts Vergleichbares und richtet sich vorrangig an ein junges Publikum (siehe die Teenie-Komödie Spider-Man: Far from home). DC und die X-Men Franchise haben in letzter Zeit enttäuscht oder nur Mittelmaß abgeliefert. Die Zahl der Kinogeher, die intelligente und gut gemachte Filme sehen wollen, steigt mit jedem Jahr und jedem Flop.

Welchen Weg Hollywood einschlagen wird, ist noch nicht abzusehen. In wenigen Monaten wird der dritte und letzte Teil der Disney Star Wars Saga in die Kinos kommen. Man darf gespannt sein, wie stark Mainstream- und Publikumsmeinung auseinanderklafft und ob die schmerzhafte Wunde, die The last Jedi vor zwei Jahren verursacht hat, erneut aufgerissen und der wütende Mob die Disney-Bastille stürmen wird.

Sicher ist nur, dass die Filmkritik auch in Zukunft ein Ventil für uns „Clowns“ bietet. Ja, das ist für manche deplorable, aber die philosophischen Aufklärer des 18. Jahrhunderts mussten auch alle Tricks und Kniffe anwenden, um die königlich-katholische Zensur zu umgehen. Wir sehen, die Geschichte wiederholt sich. Damals war es eine Tragödie in Moll. Heute ist es eine Farce, unterlegt mit Frank Sinatras That’s life.

Star Wars: Die letzten Jedi und das Erwachen der bürgerlichen Macht

Ich war gerade mal 10 Jahre alt, als ich mit M. und seiner Mutter dieses phantastische Weltraummärchen Star Wars sehen durfte. Die Kinokarte kostete damals 50 Schillinge und die Klappstühle waren aus Holz. Die Währung und das Kino, welches über der Donau gelegen war, gibt es längst nicht mehr. Was bleibt sind nur noch vage Kindheitserinnerungen an eine längst versunkene Epoche.

Nun habe ich den 8. Film der Sternenkrieg-Saga Die letzten Jedi gesehen und dachte mir, ich mache mir mal so meine ausschweifenden Gedanken darüber. Falls du den Film ebenfalls gesehen hast, lass mich und andere mit einem Kommentar wissen, wie er dir gefallen/missfallen hat. Hier der Link zu den gesammelten Filmkritiken auf Rotten Tomatoes und Metacritic.

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Revolutionäre Banalitäten

Plakat_Tiret_Brouille_Madeleine_PenlyWie jedes Jahr greife ich zum 14. Juli zur virtuellen Feder und kritzle ein paar Gedankengänge aufs Blogpapier. Wie es der Zufall so möchte, lese ich gerade Vincent Cronins ›ausgewogenes Doppelporträt‹ Ludwig XVI. und Marie Antoinette. Cronins Buch sympathisiert mit dem Königspaar und zeigt – nicht unähnlich Stefan Zweigs Marie Antoinette – wie eine bestehende alte Ordnung durch den ausufernden Hass und die grenzenlose Wut des Pöbels zerbricht. Dass dieser Hass und diese Wut von intellektuellen Berufsrevolutionären geschürt wurden – dank einer der wohl ersten großen Propagandaleistungen der Neuzeit – muss unbedingt erwähnt werden. Weil mein konspirativer Ansatz davon ausgeht, dass eine kleine elitäre Gruppierung die Finger im Spiel hatte. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass noch jede Revolution – damals wie heute – von einem gebildeten, bestens vernetzten und äußerst finanzstarken Establishment in die Wege geleitet wurde. Wie sagte Goethe einst zu Eckermann:  »Es ist in Frankreich alles durch Bestechungen zu erreichen, ja die ganze Französische Revolution ist durch Bestechungen geleitet worden.«

Zurück in die Gegenwart, in der auch eine Art von Revolution stattfindet – eine unblutige und unlustige, wenn man so will. Es ist die allgemeine Hinwendung des Pöbels genauso wie der Intellektuellen zur politischen Korrektheit, einhergehend mit dem strengen, zuweilen inquisitorischen Eifer jedwede Verfehlung streng zu ahnden. Somit bleibt dem gewöhnlichen Bürger nichts anderes übrig, als in den vorgegebenen Bahnen zu denken. Möchte er jegliches Risiko vermeiden, wiederholt er in einer Diskussion nur die Schlagworte der freien Presse – die natürlich ein Leuchtfeuer politischer Korrektheit ist. Alles in allem, davon können wir ausgehen, ist der Bürger in unserer Zeit so (un)frei und so (des)informiert wie niemals in der Geschichte der Menschheit – und trotzdem scheint es, als würden wir, wenigstens im Westen, in der banalsten aller Epochen leben. Gottlob finden sich im weiten Web hin und wieder Perlen politisch unkorrekter Gedanken – ob sie richtig  sind oder nicht, steht an dieser Stelle nicht zur Diskussion. Ja, diese gefährlichen Gedanken, sie sind Balsam auf den geschundenen Gehirnwindungen eines Verschwörungstheoretikers und erregen sein Zwerchfell auf angenehmste Weise. Vivre livre ou mourir* stand um 1790 auf den Messingknöpfen der Revolutionäre und jene, die sich dafür hielten. Welchen Slogan würden man wohl heute auf die Knöpfe, vulgo Buttons, prägen? Vielleicht La révolution donne des ailes** ?

*) »frei leben oder sterben«

**) Die Ironie funktioniert freilich nur, wenn man weiß, dass sich hinter dieser Phrase ein sehr bekannter Werbeslogan verbirgt. Aber da ich hier nicht unbezahlte Werbung machen möchte, noch dazu für ein Produkt, dass ich nicht goutiere, belasse ich es bei diesem Hinweis. Man möge es mir nachsehen.