richard k. breuer

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EM 2016: Finale – POR : FRA

EM-2016-Finale

Gedanken zum Finale der Europameisterschaft in Frankreich 2016

PORTUGAL : FRANKREICH 1:0 n. V.

Kurios. Nach 13 Minuten humpelte Ronaldo nach einer ungestümen Attacke von Payet den Rasen hinauf und hinunter. Der Geist war willig, aber das geschundene Fleisch schwach – eine viertel Stunde später ließ sich der wohl beste portugiesische Spieler mit Tränen in den Augen vom Feld tragen. Armer Ronaldo, dachten die einen. Guter Payet, die anderen. Ja, Christiano polarisiert die Fans – damals wie heute.

Das Finalspiel selbst war, wie zu erwarten, eine laue, öde Partie. Die Portugiesen wollten nicht, die Franzosen trauten sich nicht. Die Nervosität der Spieler – hüben wie drüben – war ihnen im Gesicht abzulesen. Viel stand auf dem Spiel. Natürlich. Das haben Finalspiele so an sich, hier geht es um das große Ganze. Der zweite Platz ist genauso gut wie der letzte. Nur der Sieg zählt. Wir wissen es. Die Spieler dito. Deshalb beginnt und endet der Kampf im Kopf der Spieler. Wer mental die Oberhand behält, trägt gewöhnlich den Pokal nach Hause – kein Wunder also, dass es an diesem Sonntag in die Verlängerung ging und alles nach einem Elfmeterschießen aussah. Doch zehn Minuten vor dem Ende der Verlängerung nimmt sich der eingewechselte Eder ein Herz und zieht zwanzig Meter vor dem Tor ab. Der scharfe Schuss passte genau in die Ecke. Torhüter Lloris – und damit auch seine Mannschaft – war geschlagen. Dabei hätte Gignac – der für den farblosen Giroud kam – in der Nachspielzeit der regulären Spielzeit die Entscheidung herbeispitzeln können – aber die Stange hielt die Portugiesen – wie bereits gegen Kroatien – auch diesmal im Spiel.

Wie gesagt, über das Spiel selbst muss man nicht viele Worte verlieren. Es war kein Fußballspiel, vielmehr ein nervöses Abtasten. Dabei hätten die Franzosen nach ihrem überraschenden Sieg gegen den amtierenden Weltmeister Deutschland und mit dem Heimvorteil im Rücken allen Grund gehabt, mit Verve und élan vitale das Tor zu suchen. Statt dessen versagten Nerven und Beine der sonst so überragenden Spieler des Turniers: Payet, Pogba, Giroud, Griezman.

Man stelle sich vor, die Equipe Tricolore hätte gewonnen und würde in einem Atemzug mit den beiden außergewöhnlichen Siegermannschaften der EM 1984 und der EM 1998 genannt werden. Mon Dieu! Das hätte die besondere Aura der goldenen Generation von Platini & Co sowie Zidane & Co verpuffen lassen. Die Medien und Fans hätten Vergleiche mit der glorreichen Vergangenheit gezogen. Non! Seien wir demnach froh, dass es soweit nicht gekommen ist. Es mag schlimm genug sein, dass eine durchschnittliche portugiesische Mannschaft jenen Pokal nach Hause mitnehmen durfte, der eigentlich der goldenen Generation der EM 2004 gebührt hätte. Figo, Deco, Rui Costa, Maniche, Nuno Gomes, Boswinga usw., sie waren famose Fußballer und hatten das gewisse Etwas. Gerade dieses gewisse Etwas ist dem europäischen Fußball in den letzten Jahren abhanden gekommen. Vielleicht wird die Weltmeisterschaft 2018 das Ende der europäischen Vorherrschaft am grünen Rasen einläuten. Bereits bei der WM 2014 in Brasilien ließen die Newcomer Kolumbien, Chile und Costa Rica aufhorchen, wurde Dauerbrenner Mexiko nur durch ein umstrittenes Robben-Foul aus dem Achtelfinale gekickt, spielte die französische B-Elf der Algerier den späteren Weltmeister schwindlig und zeigten die Amerikaner (wie die Ungarn), dass sie auch bereit waren, mit wehenden Fahnen ins offene belgische Offensivmesser zu laufen. Was den nichteuropäischen Teams bisher gefehlt hat, war diese besondere Abgebrühtheit. Aus Erfahrung gut, kommt einem da in den werbeverseuchten Sinn.

Die diesjährige Europameisterschaft hat jedenfalls gezeigt, dass Einzelleistung vor Mannschaftsleistung ging. Ohne Payet hätte Frankreich die Gruppenphase wohl nicht als Sieger beendet und ohne Griezmann wäre es zu keinem Finalspiel gekommen. Im Übrigen bin ich noch immer der Meinung, dass die französische (genauso wie die englische und spanische) Nationalmannschaft kein funktionierendes Team ist. Beim amtierenden Weltmeister Deutschland liefen viele Spieler ihrer Form hinterher bzw. waren mental ausgebrannt. Gleiches gilt für den letzten Europameister Spanien.

Die beste Mannschaftsleistung gab es meiner Meinung nach von Kroatien und Italien. Hätten die Kroaten im Achtelfinale gegen Portugal nicht mit angezogener Handbremse gespielt, vielleicht würden sie nun den Pokal in Zagreb ausstellen. Und hätten die Italiener statt Zaza nur ein wenig Glück gehabt, würde ganz Italien ihren Fußballpensionisten zujubeln können. Gewiss, es ist müßig, jetzt über vergebene Elfmeter (Österreich!) oder unglückliche Stangenschüsse (Österreich!) zu sinnieren. Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht mehr zu ändern ist, wusste bereits Peter Alexander 1962 zu singen.

Diese Europameisterschaft wird man wohl alsbald vergessen. Erwähnenswerte Spiele gab es wenige. Am besten gefiel mir noch das letzte und entscheidende Gruppenspiel zwischen Albanien und Rumänien. Auf dem Papier hätte es eine müde Partie werden müssen – aber auf dem Rasen war einiges los und das Spiel ließ jedes Fußballherz höher schlagen. Sehenswert natürlich auch die übermotivierten Italiener, die den Spaniern die Grenzen ihres Ballherumgeschiebes aufzeigten. Trainer Löw dürfte so beeindruckt gewesen sein, dass er sich eine spezielle Taktik für Buffon & Co überlegte – dadurch machte er die Italiener (defensiv) stärker und die Deutschen (offensiv) schwächer. Der Schuss hätte demnach leicht nach hinten gehen können. Kurz, Löw hatte keine Eier in der Hose – auch wenn er es hin und wieder nachprüfte. Das Elfmeterschießen entwickelte sich freundlicherweise zum absoluten Thriller. Mon Dieu, was haben wir gelacht.

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EM 2016: Halbfinale 1 – POR : WAL

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Gedanken zum Halbfinale 1 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

PORTUGAL : WALES 2:0

Es war wohl zu erwarten. Gut, das sagt sich leicht, im Nachhinein, aber der Ausfall des gesperrten walisischen Spielmachers Aaron Ramsey war dann doch nicht gut zu machen. Und mit Christiano Ronaldo hatte Portugal auch noch den torgefährlicheren Spieler auf dem Rasen, der an beiden entscheidenden Aktionen beteiligt war. Den Führungstreffer köpfte er in Ronaldo-Manier wuchtig und unhaltbar in die Maschen und dem zweiten Tor ging sein missglückter Schuss voran, den Nani schließlich ins Tor beförderte. Auf der anderen Seite bemühte sich Gareth Bale vergeblich, Torchancen zu kreieren. Zwei Weitschüsse, wenn ich mich recht entsinne, waren an diesem Abend seine einzige Ausbeute. Portugal, wie in den letzten beiden Spielen, verstand es, defensiv gut zu stehen, die Räume eng zu machen und dem Gegner Spielfluss und -freude zu nehmen. Wales machte es freilich nicht anders. Mit anderen Worten: Die erste Halbzeit artete in ein ödes Stehfußball-Rasenschach aus. Nicht zum Ansehen. Die beiden Tore, knapp nach Wiederbeginn, erlösten den Fußballfan von der längst gewohnten Pattsituation am Feld. Wales musste offensiver werden – verstand es aber nicht, den portugiesischen Abwehrriegel zu knacken. Gleichzeitig baumelte das Damoklesschwert eines Konters über den walisischen Köpfen – ein drittes Tor hätte natürlich die Vorentscheidung gebracht.

Das Finale wird sicherlich der ersten Hälfte ähneln. Ob die französischen Fans – so die Grande Nation ins Finale kommt – wieder ihrem Missvergnügen Ausdruck verleihen, wenn ihre Mannschaft abwartend und vorsichtig zu Werke geht, wird man sehen. Gegen Island hörte man bereits nach 10 Minuten die ersten Pfiffe. Aber wenn das Turnier eines gezeigt hat, dann ist es, dass eine Mannschaft Geduld und Nervenstärke an den Tag und auf den Rasen legen muss, um ein Spiel zu entscheiden. Portugal ist in diesem Metier der wahre (Europa)Meister. Und Deutschland? Deutschland wird seinen (Europa)Meister finden.

EM 2016: Viertelfinale 1 – POL : POR

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Gedanken zum Viertelfinale der Europameisterschaft in Frankreich 2016

POLEN : PORTUGAL 1:1   3:5 n. E.

Ojemine. Portugal hat nun auch den Effizienzfußball für sich entdeckt. Viele Jahre lang spielte die Selecao einen wunderbaren Offensivfußball, ja, die goldenen Generation, rund um Figo, Conceição oder Rui Costa, verzückte Fans und Fußballgourmets auf der ganzen Welt. Aber wie so oft, wenn eine Mannschaft ›für die Galerie spielt‹, bleiben die Resultate aus. Die bitterste Niederlage für die portugiesische Nationalmannschaft (und für den schönen Fußball selbst) war die Finalniederlage bei der Heim-EM gegen die Antithese des Offensivfußballs Griechenland. Damals zeichnete sich am Horizont bereits ab, dass spielschwache Teams erst gar nicht versuchen würden, in Zukunft spielerisch besser zu werden, sondern vielmehr Mittel und Wege suchten, um das Offensivspiel der Gegner mit einer disziplinierten und geordneten Defensivtaktik zu neutralisieren. Die Auswüchse können wir nun bei jeder Europa- oder Weltmeisterschaft beobachten – interessanterweise sind es vor allem die europäischen Mannschaften, die vergessen haben, worum es in erster Linie geht: schönen Fußball zu spielen. Falls Sie nicht meiner Meinung sind, gut, dann dürfen Sie sich auch nicht wundern, wenn eine Partie wie Kroatien : Portugal nicht die Ausnahme, sondern die Regel in zukünftigen Bewerben darstellen wird. Man muss sich dann freilich fragen, warum überhaupt noch Turniere abgehalten werden sollen, wenn Mannschaften einfach aufhören, Fußball zu spielen. Früher einmal – es mag lange her sein – als noch nicht Millionen- und Milliardenbeträge die Seele des Fußballs aufgefressen haben, wollten die Spieler am Rasen in erster Linie nur eines machen, die Fans nur eines sehen: Tore! Außerhalb Europas ist dies tatsächlich noch der Fall – jedenfalls so lange, bis ein europäischer Trainer das kontrollierte Defensivsystem einführt und damit den Spielern jede offensive Spielfreude nimmt. Kurz, wenn es nur noch um Ergebnisorientierung und -verwaltung geht, wenn also die wichtigste Nebensache der Welt mit dem seelenlosen Händlergeist durchsetzt ist, was bleibt dann noch?

Das erste Viertelfinalspiel dieser EM zwischen Polen und Portugal hatte wenig zu bieten. Es fehlte die Dramatik – weil keine der beiden Mannschaften den Sieg während der 90 bzw. 120 Minuten mit allen spielerisch-kämpferischen Mitteln erzwingen wollte. So musste am Ende – wieder einmal – das Elfmeterschießen herhalten, in dem Portugal das glücklichere Ende für sich hatte. Wird sich Portugal im Halbfinale an ihre alten Tugenden erinnern und endlich Fußball spielen? Ich bezweifle es. Für Ronaldo & Co steht zu viel auf dem Spiel. Vor zwölf Jahren wurde der Selecao mit griechisch-grottigem Defensivkick der Europameistertitel entrissen. Es wäre demnach ausgleichende Gerechtigkeit, würden sich nun die Portugiesen den Titel mit lähmenden Schlafwagenfußball zurückholen. Aber man möchte sich gar nicht erst vorstellen, welche Botschaft damit in die weite Fußballwelt gesendet werden würde.

EM 2016: Gedanken vor den Viertelfinalspielen

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Gedanken zum Viertelfinale der Europameisterschaft in Frankreich 2016

POLEN : PORTUGAL
WALES : BELGIEN
DEUTSCHLAND : ITALIEN
FRANKREICH : ISLAND

Das sind sie also, die 8 besten Nationalmannschaften Europas. Durch den neuen Modus – 24 statt bisher 16 Teilnehmer – schafften es drei Underdogs ins Rampenlicht des Viertelfinales. Allen voran Island, das mit England eines der großen Fußballnationen eliminierte und sich nun daran macht, ausgerechnet Gastgeber Frankreich ein Bein zu stellen. Die Niederlage der Engländer hat enorme Wellen geschlagen. Trainer Roy Hodgson (Jahresgage: 5 Millionen Euro) nahm freiwillig den Hut – er wusste, dass man in der Heimat sowieso seinen Kopf gefordert hätte – und schert sich deshalb nicht mehr um die Sintflut, die er mitverschuldet hatte. Auf der gestrigen Pressekonferenz murrte er gleich zu Beginn ins Mikrofon: »I don’t really know, what I am doing here.« Am Ende dieser verkorksten Europameisterschaft müssen nun die englischen Nationalspieler die Krot fressen und sich mit dem wütenden Medienmob auseinandersetzen, der nicht gerade dafür bekannt ist, blamable Niederlagen – seien sie sportlich, seien sie politisch – zu verzeihen. Die englischen Fans wiederum pendeln zwischen phlegmatischem Schulterzucken und cholerischer Zerstörungswut. Während die einen es längst aufgegeben haben, vor einem Turnier Hoffnung auf ein gutes Ergebnis zu hegen, wetzen die anderen nach dem Ausscheiden die Messer und fordern einen radikalen Einschnitt in allen Bereichen des geldgierigen und seelenlosen Kommerzfußballs. Nur wenige Engländer können sich damit abfinden, dass das Geburtsland des Fußballs, mit der teuersten Liga in der Geschichte des Sports, auf nationaler Ebene nur noch eine Randfigur darstellt. Die Erinnerungen an den Weltmeistertitel von 1966 verblassen mit jeder weiteren fußballerischen Enttäuschung und werden doch immer und immer wieder aus dem hintersten Winkel des gesellschaftlichen Bewusstseins geholt, abgestaubt und auf ein verklärend sentimentales Podest gestellt. Die Parallelen zu Österreich sind unverkennbar. Auch wir zehren von der Erinnerung an das Wunderteam der 1930er Jahre, das für kurze Zeit die Fußballwelt auf den Kopf stellen und die Masse begeistern konnte. Der Einzelne sehnt sich bekanntlich, in der Gruppe oder Sippe oder Nation aufzugehen und Großes zu leisten und Sport, wenn man so will, ist die Fortsetzung des nationalen Kräftevergleichs mit fairen und friedlichen Mitteln. Gut möglich, dass die Sittenwächter deshalb bestrebt sind, dem Fußball das nationalistische auszutreiben. Der Erfolg der homogenen isländischen Mannschaft ist natürlich für die Prediger des multikulturellen und entwurzelten Einheitsmenschengebräu ein Schlag ins Gesicht. Sollte das kleine Island auch noch gegen die französische Kolonialmannschaft gewinnen, würden die politischen Folgen unabsehbar sein – jedenfalls für Island. So könnte der Druck der europäischen Gemeinschaft auf die isländische Regierung erhöht werden, mehr Asylsuchende im Land und in der Nationalmannschaft aufzunehmen. Im letzten Jahr wurden 159 der 171 Asylanträge abgelehnt.

Wales? Wird unter die belgischen Räder kommen. Eine Überraschung halte ich für ausgeschlossen. Könnte ich mich irren? Natürlich. Gegen welche starken Gegner hat Wales gleich noch mal gespielt? Russland? Haha. Slowakei? Haha. Nordirland? Haha. England? Hahaha. Sie sehen, die Waliser wissen noch nicht mal, was im Viertelfinale auf sie zukommen wird, wenn sie meinen, sie hätten bisher überzeugenden Fußball gespielt. Hahaha.

Polen? Hm. Gegen Deutschland, den amtierender Weltmeister, haben sie eine taktisch und kämpferisch überzeugende Partie abgeliefert. Gegen die Schweiz – ein zäher Brocken – haben sie sich schlussendlich im Elfmeterschießen durchgesetzt und Nervenstärke bewiesen. Sie werden Portugal sicherlich fordern – gewinnen werden sie nicht.

Frankreich? Ich sehen dunkle Wolken am Horizont auftauchen. Die erste Hälfte gegen Irland hat gezeigt, dass die Equipe von Trainer Deschamps mit einfachen, freilich kräfteraubenden Mitteln, unter Druck gesetzt und damit aus dem Spiel genommen werden kann. So wird wohl am Ende das Nervenkostüm der Franzosen über Sieg oder Niederlage entscheiden – und wenn wir eines wissen, dann gibt es bei ihnen nur Extreme. Läuft es gut, walzen sie jeden Gegner nieder. Läuft jedoch nichts zusammen, bricht die Mannschaft auseinander und reibt sich in Schuldzuweisungen auf. Siehe Weltmeisterschaft 2002, als Frankreich als amtierender Weltmeister sang-, klang- und torlos in der Gruppenphase ausschied. Oder Europameisterschaft 2008. Oder Weltmeisterschaft 2010 und der Aufstand der rebellischen Spieler gegen Trainer Domenech – das scheint lange her zu sein und doch finden sich noch drei Spieler im jetzigen Kader, die diese Blamage miterleben mussten. Kurz und gut, eine Niederlage gegen Island ist für die Grande Nation unvorstellbar. Ah, mon Dieu, man möchte sich erst gar nicht vorstellen, was der Mob alles kurz und klein schlagen wird, wenn Frankreich gegen Island ausscheidet.

Belgien? Sollten sie gegen Bale & Co wirklich straucheln? Ist es vorstellbar? Zugegeben, gegen sattelfeste Schweden, die recht konventionell zu Werke gingen, taten sie sich schwer, ein Tor aus dem Spiel zu machen – so musste ein Tausendguldenschuss die Entscheidung herbeiführen. Die belgische Mannschaft zählt mit Sicherheit zu den besten, wenn der Gegner Räume lässt und in der Defensive ungeordnet steht – sollten die Belgier demnach in einem Spiel in Führung gehen, hat die gegnerische Mannschaft so gut wie verloren – siehe Irland, siehe Ungarn. Auf der anderen Seite, wie bereits erwähnt, haben die Belgier große Probleme ihr Offensivspiel gegen eine geordnete und disziplinierte Defensive ins Laufen zu bringen – siehe Italien, siehe Schweden. Sollte es also Gareth Bale ein weiteres Mal mittels einer Einzelaktion gelingen, die Waliser in Führung zu bringen, ist eine Überraschung durchaus möglich. Vorstellbar ist es freilich nicht.

Portugal? Wenn die Mannschaft weiterhin so trocken und lustlos – aber diszipliniert und ergebnisorientiert – ihre Spiele abspult wie gegen Kroatien, dann ist der Finaleinzug sicher.Technisch und spielerisch zählten die Portugiesen zum Besten, was der Fußball zu bieten hatte, aber Disziplin und Defensivbemühungen führten ein Schattendasein im von vielen Egos getriebenen Offensivspiel. Mit Trainer Santos hat sich das geändert. Nun sind sich Ronaldo & Co nicht zu schade, die einschläferndste Partie dieser EM abzuliefern, um ein starkes Kroatien aus dem Bewerb zu werfen. Sollte das Halbfinale Portugal : Belgien heißen – was recht wahrscheinlich ist – wird Schlafwagenfußball eine neue Dimension erreichen. Warum ich nicht an einen Schlagabtausch glaube? Sehen Sie sich die beiden Superpärchen beider Mannschaften an: Ronaldo & Nani – Hazard & De Bruyne! Jeder dieser vier Spieler, so man ihm Platz und Raum gewährt, kann ein Match entscheiden. Ungarn hat versucht, das Spiel offen zu halten (Danke, dafür!), und geriet unter die Räder. Kroatien hat es gegen Portugal gar nicht erst versucht – obwohl es das Spielermaterial dazu gehabt hätte. Der Respekt vor Ronaldo & Co war wohl doch zu groß. Kurz und gut: Mit Portugal und Ronaldo ist diesmal zu rechnen. Punktum.

Deutschland? Ist bisher noch nicht ernsthaft gefordert worden. Freilich, das Spiel gegen Polen hat gezeigt, dass auch der amtierende Weltmeister unter Druck gesetzt und zu Fehlern gezwungen werden kann. Müller, Götze und Özil sind noch nicht in Form, Kimmich und Mustafi müssen sich beweisen und der rekonvaleszente Schweinsteiger scheint mehr Maskottchen als spielerische Stütze zu sein. Trotzdem ist Deutschland ein Anwärter auf den Finaleinzug – taktische Ausrichtung, Disziplin und Kämpferherz sowie die Qualität einzelner Spieler stellen jeden Gegner vor größte Probleme. Auf den spitzfindigen Punkt gebracht: Die Angst in den Köpfen der gegnerischen Spieler und Trainer ist der zwölfte Mann der deutschen Mannschaft. Bestes Beispiel dafür ist die Selbstaufgabe der Slowaken bereits nach Anpfiff des Achtelfinalspiels gegen Deutschland. Die Frage aller Fragen lautet demnach: Wer hat (keine) Angst vor the national Meister?

Italien? Die wundersame Heilung eines Todgeweihten. Längst abgeschrieben, hat die italienische Mannschaft in den letzten Spielen gezeigt, was in ihr steckt – und das ist eine ganze Menge. Mit ihren Siegen gegen Belgien, Spanien und Schweden haben sie ein lautes Ausrufezeichen gesetzt, das auch Löw und seine Spieler nicht überhören konnten. Ausgerechnet Italien!, wird sich der deutsche Fan denken und all die schmerzlichen Niederlagen, die sich längst im kollektiven Bewusstsein eingebrannt haben, ziehen wie ein Film vor dem geistigen Auge vorüber. Ausgerechnet Italien hat bei dieser EM mit Antonio Conte einen Trainerfuchs auf der Bank sitzen, der sein deutsches Gegenüber locker in die Tasche steckt – nicht nur, dass Conte besser gekleidet ist und sich in der Öffentlichkeit zu benehmen weiß, auch ist er Ausdruck gelebter Fußballleidenschaft. Seine taktischen Vorgaben gegen die beiden Schwergewichte Belgien und Spanien waren nicht nur erfolgreich, sie beeindruckten auf ganzer Linie. Können die Italiener ihren Erfolgslauf fortsetzen, auch gegen den amtierenden Weltmeister? Definitiv. Die Azurris müssen nur achtgeben, nicht übermotiviert zu Werke zu gehen und zu viel zu wollen. Bezüglich der Taktikvorgabe gehe ich davon aus, dass Conte ähnlich verfahren wird, wie im Match gegen Spanien: Da die Deutschen ihre Stärke ebenfalls im Ballbesitz-Kombinationsspiel haben, müssen die Passwege zugestellt, die ballführenden Spieler unter Druck gesetzt und bei Ballgewinn schnell in das Offensivspiel umgeschaltet werden. Diese Taktikvorgabe ist freilich kräfteraubend und fordert ein Höchstmaß an Konzentration – gegen Spanien reichten die Kräfte für etwa 70 Minuten und deshalb verwundert es nicht, dass in der letzten Viertelstunde des Spiels die Spanier zu den größten Torchancen kamen. In Sachen Kondition haben die Deutschen deshalb einen klaren Vorteil – während sie gegen die Slowaken eine Form von beweglichem Stehfußball praktizierten, mussten sich die Italiener gegen die Spanier die Hacken ablaufen. Ein Sieg gegen Deutschland, so viel ist mal sicher, wäre für ganz Italien der Anfang eines SommermärchensCredi alle fiabe e vivrai fiabe, trovando quella scritta solo per te.

EM 2016: Spieltag 14 – Achtelfinale

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Spieltag 14 der Europameisterschaft in Frankreich 2016
Achtelfinale

SCHWEIZ : POLEN 1:1  4:5 i. E.
WALES : NORDIRLAND 1:0
KROATIEN : PORTUGAL 0:1 n. V.

Gähn. Die ersten drei Achtelfinalpartien waren eine äußerst müde Angelegenheit. Fulminante Fußballspiele sehen anders aus. Der vermeintliche Kracher am Abend zwischen Kroatien und Portugal erwies sich als einschläfernder Flop. In den ganzen 120 Minuten gab es sage und schreibe zwei Schüsse, die aufs Tor gingen: in der 116. Minute köpft Peresic an die Stange, im Gegenzug köpft Quaresma ins leere Tor. Mit anderen Worten, 115 Minuten lang wurde nicht Fußball gespielt, sondern Rasenschach betrieben. Obwohl es anfänglich so aussah, als würde Kroatien eine Entscheidung im Spiel suchen, als könne Portugal dem kroatischen Kombinationsspiel nichts entgegensetzen, wurde man bald eines Besseren belehrt. Kroatien agierte vorsichtig und war stets bemüht, weder Ronaldo noch Nani die Räume zu geben. Der Respekt vor Ronaldo war scheinbar zu groß – nach den beiden Toren gegen Ungarn natürlich verständlich. Unverständlich, warum es die Kroaten nicht trotzdem probierten. War es, weil Trainer Fernando Santos den Portugiesen das Defensivspiel beibrachte? Die kroatischen Taktgeber – Modric und Rakitic – wurden jedenfalls vorbildlich aus dem Spiel genommen! Santos, wir dürfen es nicht vergessen, war 4 Jahre lang Trainer der griechischen Nationalmannschaft – dort perfektioniert bekanntlich jeder Trainer seine Baumeisterkunst im Beton anrühren. Im Viertelfinale bekommen es die Portugiesen mit Polen zu tun, die sich gegen die Schweiz im Elfmeterschießen durchsetzen konnten. Auch in diesem Spiel versuchte jede Mannschaft mit kontrollierten Vorstößen ihr Glück. Die Polen waren über lange Strecken die bestimmendere Mannschaft, aber die Schweiz zeigte, dass sie dagegenhalten konnte. Der Ausgleichstreffer Minuten vor dem Schlusspfiff von Xherdan Shaqiri war aus der Rubrik Traumtor. Mit anderen Worten: glücklich. Gottlob sind die biederen Schweizer aus dem Rennen. Mit Schaudern erinnert man sich an ihr mittelalterliches Abwehrbollwerk in den WM-Spielen von 2014 – es hätte nicht viel gefehlt und der spätere Vizeweltmeister Argentinien wäre an der eidgenössischen Zerstörungsarbeit zerschellt. In den letzten 10 Jahren hat sich abgezeichnet, dass eine geordnete Defensivleistung gegen spielstärkere Mannschaften das Maß aller Dinge, wenigstens in einem Turnier, sein kann. Griechenland hat es bei der EM 2004 als erste Mannschaft vorgezeigt, wie man mit einer Betonmauer und glücklichen Toren aus Standardsituationen Europameister werden kann. Die Holländer der WM 2014 haben die Sache sogar noch auf die Spitze getrieben, in dem sie Härte und allerlei untergriffige Tricks dem Zerstörungswerk hinzufügten. Zurück ins Jahr 2016: Ich hoffe inständig, dass in den restlichen Achtelfinalpartien Fußball gespielt wird. Schließlich ist es ja die Fußball- und nicht die Schach-Europameisterschaft, oder?