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Der Preis eines E-Books, geadelte Piraten und trotzige Verlage

Natürlich hat jeder Hersteller eines Produkts das gute Recht, einen beliebigen Preis festzusetzen. Der Markt, so heißt es, würde schon dafür sorgen, dass der fairste Preis ermittelt und verlangt wird. Tja. Das war wohl zu einer Zeit, als noch niemand wusste, dass es mal digitale Produkte geben würde, die prinzipiell unendlich vervielfältigbar sind, ohne dass es zu weiteren Herstellungskosten kommt. De facto bedeutet dies, dass  jedes digitale Produkt, sei es E-Book, sei es ein MP3-Musikstück oder ein MPEG-Film oder ein JPG-Foto, immer und zu jeder Zeit verfügbar sein müsste. Es kann demnach keinen Engpass in der Produktion geben. Wenn man den Sachverhalt weiterspinnt, kommt man zum Schluss, dass jedes digitale Produkt ein unendliches Überangebot darstellt und somit der marktkonforme Preis eigentlich gegen 0,- streben müsste.

Ja, das müsste er, gäbe es da nicht eine Besonderheit zu berücksichtigen: das Urheberrecht. Dadurch wird Text, Musik, Bild und Film geschützt. Aber wenn man es sich so überlegt, dann ist das Erstaunliche, dass der Urheber sein geistiges Erzeugnis nur einem Verwerter vertraglich überantwortet, der wiederum dieses Erzeugnis gegen Geld verkaufen kann. Gut. Das war schon immer so. Aber wäre es nicht vorstellbar, dass der Urheber mehreren Verwertern das Recht einräumt, sein geistiges Erzeugnis zu verkaufen? Dann würde vielleicht ein Buch, ein Musik-Album von zwei oder drei Verlagen angeboten werden, die  in direkter Konkurrenz treten müssten und erst dann wäre ein fairer Wettbewerb gegeben. Aber im gegenwärtigen System gibt es keine Konkurrenz und damit haben wir es mit einer Monopolstellung zu tun, was in einem kapitalistischen System verhindert werden muss. Ich denke, das steht schon in der Bibel. Yep.

Gut. Wollen wir uns zum springenden Kern begeben. Immer öfter fällt mir auf der US-Seite von amazon auf, dass die kindle-E-Books ein wenig teurer als die gedruckten Taschenbücher sind. Seltsam nicht? Aber aus Unternehmersicht natürlich verständlich: die auf Lager liegenden Bücher verschlingt Kosten, das eingesetzte Schuld-Kapital verursacht natürlich Zinsen  – Woher kommt es eigentlich, dass jemand Zinsen verlangen darf? Jedes Buch, das nicht verkauft wird, ist ein Verlust. Würde also der Kunde ein E-Book dem Taschenbuch vorziehen, so würde es bedeuten, dass im Kaufpreis des E-Books auch die Kosten für das nicht verkaufte Taschenbuch eingerechnet werden müssten. Das ist natürlich Theorie. Dachte ich bis heute.

Finde den Fehler!

Im Web bin ich gestern auf ein Buch gestoßen, das mich zu interessieren begann: Ein populäres Sachbuch, wie es nur die Amerikaner schreiben können. Also klickte ich mich auf amazon.com ein. Huh. Was musste ich feststellen? Der vom Verlag festgelegte Ladenpreis für das digitiale E-Book orientierte sich am Hardcover-Preis und beträgt schlappe $ 27,- während das Taschenbuch auf $ 18,- kommt. Zwar ist amazon so freundlich, den Preis des Verlages zu reduzieren (der Verlag erhält trotzdem den Rabatt vom veranschlagten Listenpreis), interessanterweise ist die Reduktion für das Hard-Cover größer als für das E-Book. So kostet nun das Hardcover $ 17,82 während das E-Book $ 21,06 und das Taschenbuch $ 12,24 zu Buche stehen.

Wie auch immer man zur Preispolitik der großen Publikumsverlage stehen möchte, es zeigt eine verbohrte Haltung, die man vielleicht auch als Trotz deuten kann: „Ihr wollt E-Books? Okay, meinetwegen, die sollt ihr haben. Aber dafür zahlt ihr ordentlich! Und jetzt trollt euch!“

Kein Wunder also, wenn sich die kritischen Stimmen der kindle-Benutzer mehren. Sie kauften sich den E-Reader im Glauben, die digitalen Bücher wären günstiger als die gedruckten. Tja. Sieht nicht so aus. Und jetzt kommen die Indie-Autoren, die ihre E-Books um 99 Cent anbieten. Etabliertere Autoren vielleicht um ein paar Dollar mehr. Gut möglich, dass Verlage alsbald feststellen müssen, dass ihnen die profitable Monopolstellung auf Dauer nicht mehr helfen wird. Zum Einen gibt es kostengünstigste Alternativen durch die vorher genannten Indie-Autoren und Kleinverlage  (primär gilt es natürlich im belletristischen Bereich, nicht unbedingt im Fach/Sachbuch-Bereich), zum anderen gibt es das E-Book vielleicht um billig Geld, da draußen irgendwo. Billig Geld? Umsonst. Dass nennt man dann Piraterie. Ja, das ist hässlich. Aber es gab mal eine Zeit, da wurden Piraten von der Krone geadelt – oder gehängt. Somit muss es einen Unterschiede gegeben haben, zwischen den Gehängten und den Geadelten, nicht wahr? Ach ja, je nach dem, welches Handelsschiff aufgebracht und versenkt wurde. Hm. Ein Glück, dass wir jetzt in aufgeklärten Zeiten leben.