richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

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Las Vegas Amoklauf: Nichts ist, wie es aus dem TV scheint

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update: siehe Ende des Beitrags

Wieder einmal ein mass shooting in den USA. Amoklauf! Diesmal ist es ein glücksspielsüchtiger verschuldeter (?) Millionär, der mit halbautomatischen Sturmgewehren aus den beiden (eingeschlagenen) sturmsicheren Fenstern eines Hotels in Las Vegas wild um sich geschossen haben soll. Ausgerechnet Las Vegas. Diese Stadt gehört zu den am meisten überwachten Städten der Welt. Das mag jetzt nicht sonderlich verwundern, lagern in den Casinos und Hotels Millionenbeträge. Weiters sollten wir nicht außer Acht lassen, dass gambling, das Glücksspiel, immer schon die zwielichtigsten aller Zeitgenossen angezogen hatte und weiterhin anzieht. Hier ist viel Geld zu verdienen und noch mehr Geld zu waschen. Völlig legal, versteht sich. Den Betreibern der Casinos und Hotels geht es deshalb vor allem darum, eine bunte Idylle rund um Spieleinsätze und Glücksfaktoren zu schaffen. Jeder Versuch, diese Idylle zu stören, wird bereits im Ansatz zu verhindern versucht: sei es mit einer Vielzahl an Sicherheitsleuten in zivil und in Uniform, sei es mit Überwachungskameras, die an jeder Ecke und an jeder Decke installiert sind sowie einer Reihe von behördlichen Agenturen, die in der Stadt ihr investigatives ‚Unwesen‘ treiben.

Warum sollte also der (angebliche) Amokschütze Stephen Paddock, der die Stadt und die Casinos so gut kannte, ausgerechnet dort seinen Amoklauf planen? Und geplant muss er ihn haben. Oder ist es jetzt üblich mit rund zwei Dutzend Sturmgewehren und Munition für eine ganze Kompanie herumzureisen und diese in seinem Hotelzimmer heimlich (?) zu deponieren? Das Zimmermädchen dürfte jedenfalls nicht über die Gewehre gestolpert oder auf die Munitionskisten gefallen sein.

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Das Trauma eines Anschlags oder Die merkwürdige Gefühllosigkeit des Betrachters

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Seltsam, dass mir gestern Abend wieder einmal dieses unangenehme Thema zu Herzen ging. Hin und wieder – zu meist nach einem weiteren Anschlag in Europa oder den Vereinigten Staaten – bemerke ich, wie Medienkonsumenten publizierte Bilder und Videoclips des Ereignisses für bare Münzen nehmen. Sie sind der festen Überzeugung, etwas Authentisches, Echtes, Reales gesehen und gehört zu haben. Woher Sie den Unterschied kennen, zwischen Echtem und Unechtem, bleibt schleierhaft. Niemand, der für gewöhnlich solch traumatische Szenen mit eigenen Augen gesehen, mit seinem eigenen Körper erspürt hat. Würde man ihnen Ausschnitte aus dem Film Blair Witch Project zeigen, würden sie überhaupt erkennen können, dass es sich bei den gezeigten Bildern nur um die low budget Produktion eines Filmstudios handelte?

Der kritiklose Bürger akzeptiert das ihm Gesagte, das ihm Gezeigte. Er hinterfragt nicht. Er nimmt es at face value, weist skeptische Einwände zurück und schlägt Widersprüche in den Wind. Woher kommt diese Leichtgläubigkeit? Erinnert all das nicht an Hans Christian Andersens Märchen Des Kaisers neue Kleider? Wenn ›alle‹ das prachtvolle Kleid des Kaisers sehen, dann muss es doch existent sein, nicht wahr? Oder möchten Sie am Ende behaupten, der Kaiser würde sich tatsächlich nackt dem Volke zeigen? Diese Verschwörungstheorie ist grotesk, geradezu lächerlich. Wir sind demnach in einer Epoche angelangt, in dem die Mehrzahl der Bürger der westlichen Gesellschaft nicht mehr zwischen Echtem und Unechtem unterscheiden wollen. Zukünftige Generationen werden deshalb in eine Welt geboren, die sich – medial betrachtet – künstlich anfühlt. Junge Menschen werden keinen Unterschied mehr machen können, zwischen verordneten und erlebten Gefühlsausbrüchen. Diese Bilder, wird ihnen eindringlich gesagt, sollen Trauer und Mitleid auslösen – und jene Entsetzen und Angst. Mit jeder medialen Berichterstattung über ein weiteres ›traumatisches‹ Ereignis werden die jungen Menschen konditioniert, sozusagen wie der Pawlowsche Hund, abgerichtet. Auf ein bestimmtes in Szene gesetztes filmisches Konstrukt hin – für gewöhnlich sind die Bilder verwackelt, unscharf und von kurzer Dauer – soll der Bürger jeglichen kritischen Gedanken fallen lassen und den Behörden uneingeschränkte Machtbefugnisse zugestehen; nebenbei darf er in Trauer und Agonie die Opfer beweinen, sich mit ihnen solidarisieren, aber niemals dürfe er auch nur daran denken, über den medial-behördlichen Tellerrand zu sehen.

Noch hat der aufgeklärte skeptische Bürger die Möglichkeit, sich mit der Faktenlage vergangener und gegenwärtiger Events vertraut zu machen. Im Web kann jeder eine Vielzahl an Zeugenaussagen finden – seien sie Opfer, seien sie Helfer, seien sie zufällige Bystanders – mal mit, mal ohne Kamera. Man ist erstaunt, was man da zu hören – und vor allem nicht zu hören – bekommt. Beispielsweise sei an dieser Stelle das einstündige Interview einer jungen und hübschen Australierin erwähnt, die im Pariser Bataclan Event mit einer AK 47 in den Allerwertesten geschossen wurde. Eine Woche war gerade einmal vergangen, da sitzt sie bereits strahlend im Studio und lächelt verschämt über ihre Verwundung. Wahrlich, könnte man zur Ansicht gelangen, vielleicht sollte jeder solch eine traumatische Prüfung am eigenen Leib erfahren, um gestärkt und optimistisch in die Zukunft blicken zu können.

Wenn wir uns mit echtem Leid, echten Verwundungen, echten Menschen, echten Kämpfen, echten Kugeln, echten Todesfällen, echten Verlusten auseinandersetzen, bekommen wir einen ganz anderen Eindruck. Gefühle können weder die Beteiligten noch die Unbeteiligten aus dem Nichts erschaffen. Der Mensch erkennt im Gesicht, in der Haltung, in der Aura seines Gegenübers wahre Trauer, wahren Schmerz, wahres Leid, wahren Schock. Noch sind wir nicht gänzlich abgestumpft, noch sind wir empathisch genug, um zwischen Schauspielerei und echtem Leben zu unterscheiden. Aber je öfter wir der Schauspielerei im echten Leben ausgesetzt sind, umso öfter verschwimmen auch für uns die Grenzen. Deshalb ist es wichtig, wirklich wichtig, dass wir uns mit dem Authentischen befassen – so unangenehm und abstoßend es auch sein mag. Es führt kein Weg vorbei, leider. Weil Behörden und Medien alles daransetzen, und ich meine wirklich alles, um Sie und mich in einer Illusionsblase gefangen zu halten. Ein gutes Gegenmittel gegen diese Einlullung ist beispielsweise die gut gestaltete interaktive Webseite über das Attentat auf dem Oktoberfest von 1980 des Bayrischen Rundfunks. Leider sind einige der Videos nicht mehr abspielbar, trotzdem geben all die Clips, Bilder, Interviews und Dokumente einen guten Eindruck, was geschieht, wenn das Unvorstellbare blutige, sehr blutige Realität wird. Die Folgen sind Chaos, Ungläubigkeit, Wahnsinn, Schock, Apathie, Verzweiflung, Hysterie, Scham, Angst, Furcht, Leere, Schmerz, Hilflosigkeit, Stress, Ungewissheit, Ahnungslosigkeit, Ratlosigkeit, Ruhelosigkeit, Sinnestaumel, Gehörsturz, Taubheitsgefühle in Glieder und Seele, Kopflosigkeit und vieles mehr. Mit Sicherheit ist allen Beteiligten – seien sie Opfer oder Zeugen – das so einschneidende Erlebnis im Gesicht, in den Augen, in der Haltung abzulesen; wir spüren es (noch) instinktiv.

Gut. Kommen wir nun zum Punkt. Ich zitiere hier Stimmen, die wissen, was es heißt, wenn Menschen in einen blutigen Konflikt geraten und wie es ihnen dabei ergangen ist.

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»Es gibt kein Ding wie ›sich an den Kampf gewöhnen‹ … Jeder Moment eines Kampfes verursacht eine so große Belastung, dass Männer – in Relation von Intensität und Dauer – zusammenbrechen. Psychische Verletzungen sind im Kriegsfall genauso unvermeidlich wie Schuss- und Splitterwunden …« [meine Übersetzung:] There is no such things as ‚getting used to combat‘ … Each moment of combat imposes a strain so great that men will break down in direct relation to the intensity and duration of their exposure … psychiatric casualities are as inevitable as gunshot and shrapnel wounds in warfare … S. 329, The Face of Battle, John Keegan

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» … ist fünf Minuten einer Schlacht verrichten die Organe im Körper des Soldaten die Arbeit von 24 Stunden. Bean, Australiens offizieller Historiker, beobachtete dass ›die Überlebenden, auch noch nach einem Tag Ruhe, ausgesehen haben, als würden sie in der Hölle gewesen sein. So gut wie ohne Ausnahme sah jeder Mann ausgezehrt und todmüde aus und wirkte so benommen, dass man meinte, die Männer würden schlafwandeln und ihre Augen waren glasig und leer. … Sie waren wie Jungs, die nach einer langen Krankheit ihr Bett verließen.« [meine Übersetzung:] … in five minutes of battle, the physical organs performed the work of twenty-four hours. Bean, Australia’s official historian, observed that »the survivors, even after a day’s rest, looked like men who had been in hell. Almost without exception, each man look drawn and haggard  and so dazed that the men appeared  to be walking in a dream and their eyes looked glassy and starey. … They were like boys emerging from a long illness« S. 186f., Death’s Men: Soldiers of the Great War, Denis Winter

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»Ich liege wie versteinert. Jeder Pulsschlag schwemmt eine neue Welle Todesangst in meine vom Übermaß gereizten Sinne. Ich habe einmal Dantes ›Divina Commedia‹ gelesen. Wie konnte er das Grauen der tiefsten Hölle beschreiben, wenn er dies hier nie erlebte?! [S. 45f.] Dem Bordmechaniker muß das zerschossene Bein heute doch amputiert werden. Er war die ganze Nacht vor Schmerzen nicht mehr recht bei Sinnen und wollte immerzu aufstehen. Sie haben ihn eben aus dem Operationssaal wieder hergebracht. Er liegt mit offenen Augen in dem Bett drüben an der Wand und spricht kein Wort. Ich spüre, wie er sich innerlich quält. Ich würde ihm gern helfen, aber welche Trostworte nützen in einer solchen Lage? [S.35]  Drüben an der Wand liegt einer mit einem schweren Bauchschuß. Er stirbt langsam und ich muß immer wieder zu ihm hinschauen. Mit großen, angsterfüllten Augen schaut er immerzu in der Runde umher, fassungslos. Er kann nicht begreifen, daß er nun sterben soll. Sein stummer Blick scheint uns alle zu fragen, was seine Schuld wohl sei, daß es gerade mit ihm jetzt zu Ende geht. Er ist zu einem lebenden Skelett abgemagert; aber was die Schwester ihm auch zu essen reicht, er würgt und bricht es wieder heraus. Einmal sehe ich, wie er die Hand der Schwester ergreift und fest umklammert hält. Mit seinem todtraurigen Blick fleht er sie wortlos an, ihm doch zu helfen, daß er nicht sterben müsse. Aber es gibt ja keine Hilfe mehr.« S. 47f., Besiegt und Befreit, Gert Naumann

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»Im Kasemattblock verursacht der Durchschlag einen gewaltigen Luftstoß, der die Türen aufreißt und alles durcheinanderwirbelt. Da gleichzeitig die Lampen verlöschen, entsteht eine heillose Verwirrung. Flüche, Schreie, Hilferufe gellen durch die Finsternis, Taschenlampen zucken auf, jemand schreit fortwährend: „Sanität! Sanität!“ Tragbahren werden vorbeigeschleppt, die ratlos Umherstehenden kommen erst zur Besinnung, als einer den Einfall hat, die Alarmglocke zu läuten. Der Drill ist so groß, daß dieses Signal das Chaos überwindet … Nun flammt das Licht wieder auf. Aus dem Verbindungstunnel zum Batteriegang quillt schwarzer Rauch, auf dem Boden liegen ohnmächtig gewordene Kameraden. Trappelnde, schleifende Schritte sind zu hören, Sanitäter mit Rauchmasken kommen aus dem verqualmten Loch. Was sie auf ihren Bahren daherschleppen, sind formlose, verbrannte Massen. Als letzten bringen sie einen, dem Kopf und Rumpf völlig plattgequetscht sind. Sie sagen, es sei Valentiner … Während dieser schrecklichen Minuten sitze ich auf den Stufen der Eisentreppe, die zur Flankierbatterie führt. Dorthin hat es mich geworfen. Es ist schwierig, sich später über den Hergang solcher Geschehnisse genaue Rechenschaft abzulegen. Der betäubende Schlag, die Finsternis, das Durcheinander erfolgten zu rasch, um tiefer ins Bewußtsein zu dringen.« S. 86f., Sperrfort Rocca Alta, Luis Trenker

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»Und während wir für gewöhnlich hören konnten, wenn eine Granate angeflogen kam und wir in Deckung gingen, gab es bei einem Gewehrschuss keine Vorwarnung. Und obwohl wir mit der Zeit lernten, dass wir uns vor einer Gewehrkugel nicht zu ducken bräuchten, weil, wenn man den Schuss einmal gehört hatte, musste die Kugel einen bereits verfehlt haben, so machte uns Gewehrfeuer weit nervöser.« [meine Übersetzung:] And whereas we could usually hear a shell approaching, and take some sort of cover, the rifle-bullet gave no warning. So, though we learned not to duck a rifle-bullet because, once heard, it must have missed, it gave us a worse feeling of danger. S. 83, Goodbye to All That, Robert Graves.

Die Presse und die alternativen Medien: Hasch mich, in bin ein Lügner

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Ich beschäftige mich nun seit rund fünf Jahren mit der Wahrheit. Besser gesagt, ich versuche die falsche Spreu vom wahren Weizen zu trennen. Manchmal ist es einfach, manchmal ist es schwierig und dann wieder, dann ist es schier unmöglich, aber eines steht fest: Nichts, aber auch gar nichts, ist so, wie es überliefert oder berichtet wurde und wird. Auf der anderen Seite bewahrheitet sich dann das Paradoxon: Je mehr du weißt, desto weniger weißt du.

Sehen Sie, der gewöhnliche Mensch hat ein tief sitzendes Verlangen nach Informationen und Neuigkeiten, ja, er möchte wissen, was um ihn herum geschieht. Diese neu gewonnenen Informationsbruchstücke setzt er nun in einen Kontext zu seinem angehäuften Wissen und Erfahrungsschatz. Er beginnt, jede Nachricht mit seinem gegenwärtig bestehenden Weltbild abzugleichen und in eine der vielen Schubladen einzuordnen. Ja, der gewöhnliche Mensch ist einfach gestrickt – geht auch gar nicht anders, weil, früher einmal, also, sehr viel früher, Jäger und Sammler ihr Überleben in der Wildnis nicht durch philosophische Wertediskussionen erhöhen konnten. Das Gehirn unserer Vorfahren war nicht dazu da, zwischen Boulevard und Qualitätspresse zu unterscheiden, sondern um simple Schlüsse zu ziehen. Heutzutage ist es nicht anders. Falls Sie mir nicht glauben, dann empfehle ich einen nächtlichen Ausflug in die tiefste Wildnis. Das reinigt Körper und Geist, sozusagen.

Die Pressefreiheit, sagte einst der Mitherausgeber der FAZ Paul Sethe im Jahr 1965, ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten. Daran hat sich nichts geändert. Der Staat – also Sie und ich und noch ein paar andere Bürger – scheint seltsamerweise kein Interesse daran zu haben, die Presse zu demokratisieren, ganz im Gegenteil. Da jedermann und jedefrau einen Blog (ohne finanziellen Aufwand) betreiben und Artikel schreiben kann, wird diese „Presse-Arbeit“ nicht als solche angesehen. Für das Verwaltungsgericht in Deutschland fallen nur Verlage unter das Presserecht, die ihre Neuigkeiten auf Papier drucken lassen. Weil, da könnte ja jeder kommen …

In letzter Zeit musste ich feststellen, dass man auch durch alternative Medien – seien diese Blogger, Webzines, News-Portale oder Foren – auf eine falsche Fährte geschickt werden kann. Das muss jetzt nicht mit Absicht geschehen, ist aber andererseits nicht auszuschließen. Generell habe ich für alternative Medien die folgende Prüfroutine in meinem Oberstübchen verankert:

Je populärer ein alternatives Medium ist, desto eher ist davon auszugehen, dass es (früher oder später) von den Sittenwächtern unterwandert wird und dass die Betreiber manipuliert, erpresst oder korrumpiert werden.

Je „unglaublicher“ der (rasche) Aufstieg eines alternativen Mediums (bzw. Medien-Stars) ist, desto wahrscheinlicher ist die Sache als „kontrollierte Opposition“ einzustufen (beispielsweise Wikileaks und Julian Assange – oder Edward Snowden und Glen Greenwald).

Ein alternatives Medium, das erfolgreich eine spezielle Nische besetzt, wird alles daransetzen, seine sensationshungrige Klientel zu befriedigen – Widersprüche werden ignoriert oder emotional diskreditiert.

Je populärer ein alternatives Forum ist, desto wahrscheinlicher werden Sittenwächter in Diskussionen störend eingreifen, um eine vernünftige Diskussion zu verhindern.

Je weiter lechts und rinks ein alternatives Medium steht, desto wahrscheinlicher ist diese als „kontrollierte Opposition“ einzustufen, um durchaus sinnvolle Fragestellungen zu diskreditieren.

Nur ein toter Whistleblower ist ein echter Whistleblower (beispielsweise Aaron Swartz oder Dr. David Kelly oder Garry Webb oder James Traficant oder Roberto Calvi).

Ein alternativer Blogger, der nicht anonym veröffentlicht, wird sich nur solcher Themen annehmen, die keine Gefahr für seine Existenz darstellen. Eventuell müssen für die Sittenwächter unliebsame Wahrheiten zwischen den Zeilen versteckt werden.

Ein alternativer Blogger, der anonym veröffentlicht, wird sich nur solcher Themen annehmen, die keine Gefahr für seine Existenz darstellen – da er sich niemals vor Entdeckung sicher sein kann.

Absolut niemand ist gegen Manipulation gefeit.

Jeder Mensch wehrt sich, sein bestehendes Weltbild hinterfragen bzw. auf den Kopf stellen zu müssen – auch und im Besonderen Journalisten und Wahrheitssucher.

[meine Übersetzung:] Beinahe unbewusst zeichnete er mit seinem Finger im Staub des Tisches: 2 + 2 = 5
„Sie können nicht in dein Innerstes dringen“, hatte sie gesagt.
Aber sie konnten in dein Innerstes dringen.

Almost unconsciously he traced with his finger in the dust on the table: 2+2=5
‚They can’t get inside you,‘ she had said.
But they could get inside you.

Nineteen Eighty-Four, George Orwell

Was uns die TV-Serie Wayward Pines über die Welt verrät

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Haben Sie bereits von der US-TV-Serie Wayward Pines gehört? Kein geringerer als M. Night Shyamalan zeichnete für die erste Staffel (10 Episoden) verantwortlich. Ja, das ist jener Filmemacher, der vor vielen Jahren mit Filmen wie The Sixth Sense, Unbreakable und The Village für Furore sorgte. Tja, aber  der Hype hielt nicht lange an und die Flops sind heute bereits Legende (The Last Airbender, After Earth).

Wie dem auch sei, wer sich für ein unheimliches Katz-und-Maus-Spiel in einer amerikanischen Kleinstadt interessiert, in der nichts ist wie es scheint und der Protagonist (Matt Dillon) anfänglich genauso im Dunkel tappt wie der Zuseher, der ist mit der TV-Serie bestens bedient. Freilich, ein Meisterwerk darf man sich bei alledem nicht erwarten, aber die Spannung reicht, um hängen zu bleiben. Nur gegen Ende schlägt die Serie über die üblichen Genre-Klischee-Stränge und enttäuscht.

Nichtsdestotrotz würde ich die TV-Serie empfehlen. Aber schalten Sie dabei Ihr Gehirn nicht aus, nein, vielmehr verstehen Sie das Ganze als eine Parabel auf die Zeit des Kalten Krieges und des (gegenwärtig andauernden)  War on Terror. Stellen Sie sich nur mal vor, die Filmemacher und die Produzenten und das Studio hätten Eier in der Hose gehabt, die Serie hätte ein Meilenstein in der Geschichte der Mainstream-TV-Literatur werden können. Aber da niemand die Hand beißt, die ihn füttert, bleibt es Ihnen und mir überlassen, die Parabel in allen Details weiterzuspinnen.

Falls Sie nun angebissen haben, dann gucken Sie sich die Serie an und kommen dann an diese Stelle wieder zurück – denn nun beginnen die Spoiler. Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.

Will man den Plot auf den Punkt bringen, dann ist es, dass ein (größenwahnsinniger / menschenfreundlicher ?) Wissenschaftler gesunde Menschen in der Gegenwart auswählt, diese entführt und in einen Tiefschlaf versetzt, um sie tausende Jahre später für ein neues Zivilisationsprojekt heranziehen zu können, da die Menschheit und die Zivilisation, so wie wir sie kennen – dank Umweltverschmutzung und Krankheiten -, aufgehört hat, zu existieren.

Der Wissenschaftler und sein Team sorgen in der Abgeschiedenheit Iowas dafür, dass eine Kleinstadt namens Wayward Pines, umgeben von Bergen und Zäunen, zur letzten Insel der Zivilisation im Jahr 4028 wird. Es steht viel auf dem Spiel, weshalb der Wissenschaftler und seine Helfer danach trachten, die Bewohner zu täuschen, zu beobachten und eventuelle Verfehlungen gegenüber der Gemeinschaft streng zu ahnden. Zusätzlich werden die jüngsten Bewohner in der Schule indoktriniert und darauf vorbereitet, in den kommenden Jahren eine Führungsrolle einzunehmen. Gäbe es da nicht eine Untergrundbewegung, die mittels Anschlägen die „Wahrheit“ ans Licht bringen und flüchten möchte, wäre die Kleinstadt tatsächlich der friedliche Himmel auf Erden.

Nun, in der Serie wird einem bald klar gemacht, dass es eine tatsächliche Gefahr außerhalb der Stadt gibt und die Zivilisation aufgehört hat zu existieren. Aber nehmen wir nur mal an, dem ist nicht so. Mit anderen Worten, wir befinden uns noch immer in der Gegenwart und das Ganze ist nichts anderes als ein behördliches Geheimprojekt (Black Ops). Die Aufgabe der „Kontrolleure“ würde nun darin liegen, den Einwohnern die Illusion einer großen Gefahr, die vor der Stadt lauert, zu verdeutlichen (Ja, das erinnert natürlich an The Village). Dabei könnte sogar der Wissenschaftler selbst ein Getäuschter sein.

Jedenfalls, wenn die Bürger an die Illusion einer Gefahr vor der Stadt glauben, werden sie bereit sein, alles zu tun, um diese „Gefahr“ abzuwenden. So funktioniert Massenbeeinflussung. Damals wie heute. Gestern waren es Kommunisten, die die Welt unterjochen wollten, heute sind es Terroristen, die die westliche Zivilisation in ein blutiges Chaos stürzen möchten und übermorgen sind es Gestaltwandler, die danach trachten, die Menschheit auszurotten. Der Phantasie sind bei alledem keine Grenzen gesetzt – den für gewöhnlich vertauensseligen Menschen muss nur ordentlich Angst eingejagt werden, der Rest ist ein Kinderspiel.

Und jetzt spinnen wir die Sache weiter. Also, die ganze Angelegenheit ist ein behördliches „Forschungsprojekt“ in der Größenordnung des Manhattan-Projekts*. Die Filme-Macher hätten nun Schicht für Schicht die Befehls-Struktur freilegen können, hätten zeigen können, wie geheime (und illegale) Operationen geplant, ausgeführt und geleugnet werden, hätten andeuten können, mit welchen Werkzeugen die Verantwortlichen arbeiten, um beteiligte Leute, die Bescheid wissen („in the know„) bei Stange zu halten: Manipulation, Erpressung, Militärbefehl, Bestechung, Drohung, Schmierkampagne, Mord, usw.

Bei wichtigen geheimen Projekten legen die Verantwortlichen zu mindest drei „Wahrheits“-Schichten fest. Die erste Schicht ist die offizielle Version. Nehmen wir die Ereignisse von 9/11 als Beispiel. Hier ist die erste Wahrheit jene, dass 19 muslimische Selbstmordattentäter vier Flugzeuge entführten und damit in Gebäude flogen bzw. fliegen wollten, um diese zum Einsturz zu bringen. Mit dieser „Wahrheit“ werden nun die Menschen – ob klein, ob groß – tagein tagaus von den Mainstream-Medien gefüttert, sozusagen konditioniert.

Nun gibt es aber Personen, die Fakten kennen, die der offiziellen Version widersprechen. Beispielsweise, dass zwei, der vier „entführten“ Flugzeuge gar nicht erst in der Luft waren. Oder dass alle vier Passagierflugzeuge in den Datenbanken der Fluglinien noch für eine ganze Weile als „aktiv“ gekennzeichnet waren. Oder dass die (Mobil)Telefonanrufe der Passagiere bzw. der Flugbegleiterinnen zu jener Zeit technisch nicht möglich gewesen sind oder dass die Flugzeuge noch keine Telefone im Rücken der Sitze hatten. Mit anderen Worten, die Manager, Direktoren und höheren Bereichsleiter der beiden Fluglinien, die Zugriff zu den relevanten Informationen hatten, wissen, dass die offizielle Version so nicht stimmen kann. Ähnliches trifft auch für die Verantwortlichen in den TV-Stationen zu, die bereit waren, die Flugzeuge in die „Live“-Bilder einzufügen und Anweisung zu geben, was von wem gesagt werden durfte und was nicht.

All diesen Leuten „in the know“ (dazu zählen auch Politiker und Abgeordnete) muss die Behörde also „die Wahrheit“ erzählt haben, die in Wirklichkeit nur eine zweite „offizielle Version“ ist. Beispielsweise könnte man ihnen gesagt haben, dass die Angriffe mit Marschflugkörper erfolgten, die von einem „entführten“ U-Boot, das an der Atlantikküste aufgetaucht ist, abgeschossen wurden.

Was auch immer an diesem Tag geschehen bzw. nicht geschehen ist, auch nach 14 Jahren tappt der Bürger im Dunkel. Während der Gutgläubige all die Widersprüche zur offiziellen Version in den Wind schlägt, wird der Skeptiker das unangenehme Gefühl nicht mehr los, von Politikern, Behörden und Medienhäusern getäuscht worden zu sein. Aber noch unangenehmer für ihn ist die Befürchtung, dass es diese behördlich-mediale Täuschung seit vielen, sehr vielen Jahren gibt. Ja, nichts ist, wie es scheint, in Wayward Pines

update: Die bisher letzte [große Krisen- und Verschwörungsepoche] habe mit den Anschlägen auf Amerika vom 11. September 2001 begonnen. In manchen Kreisen – nicht nur bei Rechtsradikalen – ist wider alle Fakten die Idee sehr populär, die USA (respektive „die Juden“) hätten den Angriff vom 11. September selbst inszeniert.

Wo dunkle Mächte wirken
Süddeutsche Zeitung, 1. Jänner 2016

*) ehrlich gesagt, ich frage mich, was in der „Forscherstadt“ Los Alamos wirklich vor sich gegangen ist

House of Cards: Die 11 größten Hollywood-Klischees der Serie

House of Cards ist eine vom amerikanischen Internet-Streamingdienst Netflix produzierte TV-Serie, die sich um den von Kevin Spacey gespielten Kongress-Abgeordneten Francis Underwood dreht. So authentisch und anders sich die Serie auch anfühlt und so viel Applaus sie auch erhält, am Ende bleibt sie doch ein Kind Hollywoods. Mit anderen Worten, House of Cards badet in Hollywood-Klischees. Grund genug, sich die 11 größten genauer anzusehen.

 

11) Verschwörungen sind überschaubar

House of Cards und Hollywood vermitteln den Eindruck, dass es Verschwörungen nur im shakespearschen Sinne gibt: Hier ein Caesar, dort ein Brutus, der sich gegen den Mächtigen verschwört, um ihn zu beerben. Über all die Einfädler, Strippenzieher, Hintermänner hüllt man sich – damals wie heute – in gefälliges Schweigen. Der Zuschauer soll im Glauben gelassen werden, dass die blutige Tat eines Brutus oder der Verrat eines Judas nur dem Ehrgeiz bzw. der Gier eines Mannes geschuldet ist. Simple as that. Tatsächlich aber sind Kräfte am Werk, für die Brutus oder Judas nur ein kleines Rädchen im großen Getriebe sind. Die Männer und Frauen an der Spitze, so mächtig sie für den gutgläubigen Bürger auch scheinen, sind immer ersetzbar, immer austauschbar. Damals wie heute heißt es nicht umsonst: Wer zahlt, schafft an.

Als Francis Underwood das Garagentor schließt und damit seinen ersten Mord begeht, ist der Tiefpunkt der ersten Staffel erreicht. Aus dramaturgischer Sicht ist es vielleicht ein notwendiges Spannungselement, aber die Ernsthaftigkeit bleibt dabei auf der Strecke. Mag es denn tatsächlich vorstellbar sein, dass ein erfahrener Politiker, ein alter Hase wie Underwood, sich zu solch einer Tat hinreißen lässt? Innerhalb weniger Tage hätte man ihn mit diesem Verbrechen konfrontiert respektive erpresst. Er würde sich nie sicher sein können, nicht doch noch erwischt zu werden – vor allem dann, wenn er nicht bereit ist, zu kooperieren. Und ja, das perfekte Verbrechen gibt es nicht.

Ein vorgetäuschter Selbstmord? Klingt nach Hollywood, kommt aber im wahren Leben öfter vor als Sie sich vorstellen wollen. Es gibt Beispiele, in unserer Wirklichkeit, von Leuten, die suicided, sozusagen geselbstmordet, wurden. Bestes Beispiel ist der vermeintliche Selbstmord eines gewissen Roberto ‚Bankier Gottes‘ Calvi, der 1982 nach London flüchtete und drohte, über illegale Machenschaften der italienischen Hausbank des Vatikans erzählen zu wollen. Wenig später baumelte seine Leiche von einer britischen Brücke. Erst durch die Ermittlungen eines Privatdetektivs, beauftragt von der Familie des Ermordeten, wurde der Fall neu aufgerollt. Es brauchte zwanzig Jahre bis ein Londoner Gericht zur Erkenntnis gelangte, dass es sich um einen Auftragsmord handelte. Zwar konnte die Staatsanwaltschaft vier Beteiligte ausforschen, aber die Täter, Hintermänner und Auftraggeber wurden nie gefasst. Siehe Artikel im Guardian.

Einen Mord zu begehen, ist eine Sache. Ihn als Selbstmord darzustellen und die Faktenlage zu verdrehen, eine ganz andere. Es braucht diesbezüglich Einfluss bei der Polizei, dem FBI, bei der Staatsanwaltschaft, beim Justizministerium, bei Lokalpolitikern und bei der Presse. Nur dann ist gewährleistet, dass ein Selbstmord auch einer bleibt.

Dass Underwood gleich zu Beginn der ersten Staffel seinen zweiten Mord begeht, ist dann ja wohl die Spitze der Lächerlichkeit. Zugegeben, es gibt Gerüchte, wonach Lyndon B. Johnson in Morden verwickelt gewesen sein soll. LBJ war ein schlimmer, kaltblütiger Finger und ein äußerst gut vernetzter Machtmensch aus Texas. Vielleicht hat er sogar Gefallen darin gefunden, Menschen Leiden zu sehen, wer weiß. Aber die Verbrechen, so es welche gab, ließ er in seinem „Garten“, in seinem Machtbereich verüben, in Texas. Dass JFK in Dallas sein Ende fand, ist natürlich reiner Zufall.

 

10) Die Medien sind unabhängig

House of Cards und Hollywood vermitteln den Eindruck, dass Medienkonzerne keine profitorientierten Unternehmen wären, die nur ihren Aktionären bzw. elitären Eigentümern verantwortlich sind. Wahrheit und Gerechtigkeit haben in Medienkonzernen noch nie eine Rolle gespielt – auch wenn PR-Abteilungen und Kinofilme uns vom Gegenteil überzeugen möchten. In der ersten Staffel führen die Drehbuchschreiber die Herausgeberin des (fiktiven) Washington Herald ein: eine ältere Dame, die resolut über Inhalt und Mitarbeiter der Zeitung entscheidet. Man könnte meinen, bei ihr ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Aber auch eine Zeitungsverlegerin muss sich nach der Decke strecken und sie würde niemals die Hand beißen, die sie füttert. Sie ist genauso ein kleines Rädchen im großen Getriebe – auch wenn es so nicht dargestellt wird. Vermutlich dachten die Macher der Serie an die Washington Post Herausgeberin Katherine ‚the Great‘ Graham, die ihren Ehemann 1963 beerbte und ihn um 38 Jahre überleben sollte. Dass sich ihr Ehemann scheiden lassen wollte, möchte ich der Vollständigkeit halber erwähnen. Wenig später verübte er, ja, Sie ahnen es, Selbstmord. Katherine Graham ließ sich übrigens von Henry Kissinger ins Kino ausführen – jener Henry Kissinger, der einmal meinte, dass Macht das ultimative Aphrodisiakum sei.

Des Weiteren ist darauf hinzuweisen, dass die Medienkonzentration in letzter Zeit ungesunde Ausmaße angenommen hat. Gab es beispielsweise zu Beginn der 1980er Jahre in den USA noch fünfzig TV-Anstalten, die sich den Markt teilten, so sind es gegenwärtig gerade einmal sechs. Im Printbereich sieht es nicht besser aus – immer mehr Zeitungen und Magazine fusionieren oder werden vom Markt genommen. Der wirtschaftliche Druck verstärkt die Abhängigkeit von Kooperationspartnern und Geldgebern.

Und dann ist da natürlich noch der Gründungsmythos von Medien-Imperien. Ist es wirklich glaubhaft, dass ein Tellerwäscher, mit Nichts in der Tasche, innerhalb kurzer Zeit, die einflussreichsten Medienhäuser erwirbt? Die Biographien der Medien-Tycoons Maxwell, Ican oder Murdoch verschweigen die besonderen Beziehungen – die Beziehungen zur Geld- und Geheimdienst-Elite. Geheimdienst? Ja, Sie haben richtig gehört.

 

9) Journalisten wollen die Wahrheit herausfinden

House of Cards und Hollywood vermitteln den Eindruck, dass es in den großen Medienhäuser investigative Journalisten gibt, die auf eigene Faust und gegen alle Widerstände einer guten Story nachjagen. Sie wollen mit allen Mitteln die Wahrheit ans Licht bringen, die Schuldigen überführen und der Gerechtigkeit genüge tun. Es ist der oft besungene Watergate-Mythos, der dem gutgläubigen Bürger zeigen soll, dass auch zwei kleine, unbedeutende Journalisten den (vermeintlich) mächtigsten Manne im Staate herausfordern und ihn zu Fall bringen können. Ist die Feder nicht mächtiger als jedes Schwert? Nope. Die Realität – damals wie heute – ist keine David-gegen-Goliath-Klischee-Show. Wer sich mit den Ereignissen in den 1970ern rund um den Einbruch in das Watergate-Gebäude befasst, dürfte bald bemerken, dass die Journalisten keinen Skandal aufdeckten, sondern vielmehr Komplicen eines coup d’États, eines Staatsstreiches, waren. Nehmen wir Bob Woodward, einer der beiden „Aufdecker-Journalisten“ im Watergate-Skandal. Der Yale-Absolvent und Verbindungsoffizier im Nachrichtendienst der Marine wird 1970 bei der Washington Post vorstellig. Obwohl er keinerlei journalistische Erfahrung hat (in seinen eigenen Worten: „zero“), stellt ihn der Chefredakteur Harry Rosenfeld als Reporter an. Was glauben Sie, wie viele junge und ambitionierte und erfahrene Schreiberlinge damals davon träumten, bei der Washington Post, einer der renommiertesten  Zeitungen des Landes, anzuheuern?

Falls Sie wissen möchten, wie es einem echten investigativen Journalisten ergeht, der an einer großen Sache dran ist und der Obrigkeit ans Bein pinkelt, dann sehen Sie sich den Film Kill the Messenger an. Sie werden erfahren, wie ein unbequemer Reporter mittels Schmutzkampagne diskreditiert, wie er bedroht und unter Anklage gestellt wird und wie man ihm seine Lebensgrundlage entzieht. Was hat Gary Webb so Fürchterliches herausgefunden? Dass amerikanische Behörden und die CIA Drogen in die USA schmuggeln ließen. Ja, nichts ist, wie es scheint.

Die echten Wahrheitssucher werden ins gesellschaftliche Abseits gestellt und so lange unter Druck gesetzt, bis sie daran zerbrechen. Selbstmord ist die logische Folge – ob beauftragt oder nicht, sei mal dahingestellt. Deshalb ist der Lackmus-Test für Whistleblower sehr einfach: ist er tot bzw. wurde er mundtot gemacht, dürfte er richtig gelegen sein (siehe Gary Webb, Aaron Swartz, Sean Hoare, Michael Hastings oder David Kelly). Alle anderen spielen nur ein Spiel und gaukeln Ihnen eine Wahrheit vor, die keine ist.

 

8) Politiker sind unabhängig

House of Cards und Hollywood vermitteln den Eindruck, dass Politiker und deren Stab von äußeren Einflüssen weitestgehend unabhängig sind. Die Grabenkämpfe erfolgen primär im Kapitol oder Weißen Haus, bei Abstimmungen und bei Meetings. Man könnte meinen, der amerikanische Präsident hätte weitreichenden Einfluss und würde seine Entscheidung aus innerer Überzeugung treffen. Wenn er elitäre Schlüsselspieler ins Weiße Haus holt – eine Andeutung ist im Selfmademan-Milliardär Tusk zu sehen -, dann nur, um deren Ratschläge zu hören. Doch wenn man sich kurz vor Augen führt, wie teuer ein Wahlkampf ist – egal auf welcher Ebene – dann muss man skeptisch werden. Woher nehmen die zukünftigen Abgeordneten das Geld? Woher kommt die mediale Unterstützung?

Vergessen wir eines niemals: Ein junger Politiker mag ambitioniert und wortgewandt sein, vielleicht ist er charmant und hübsch anzusehen, aber Geld und Beziehungen hat er nicht, kann er nicht haben. Bestes Beispiel dafür ist Jimmy Carter, der von David Rockefeller protegiert und zum Präsidenten gemacht wurde. Dabei spielte der Thinktank Rat für auswärtige Angelegenheiten (Council on Foreign Relations) und die damals neu gegründete Trilaterale Kommission (Trilaterale Commission) eine zentrale Rolle. Sieht man sich beispielsweise die erste Regierungsmannschaft von Barack Obama an, bemerkt man, dass jeder von ihnen Mitglied im Rat für auswärtige Angelegenheiten ist. Hier geht es nicht um eine Weltverschwörung, hier geht es schlicht und einfach um ein elitäres Netzwerk. Und wir sollten doch wissen, dass eine Hand die andere wäscht.

Apropos. Erinnern Sie sich vielleicht noch an die 40-minütige Rede, die der israelische Premierminister vor dem US-Kongress am 3. März 2015 hielt? Während der Rede applaudierten die amerikanischen Abgeordneten 39 Mal – ganze 23 Mal waren sie sogar dermaßen hingerissen, dass sie dem Politiker eines fremden Landes stehende Ovationen darbrachten. Könnte die ausufernde Begeisterung der unabhängigen Politiker vielleicht damit zusammenhängen, dass die pro-israelische Lobby-Gruppe American Israel Public Affairs Committee (AIPAC) zu den finanzstärksten und einflussreichsten in Washington gehört und gerne das Füllhorn über kooperative Abgeordnete ausschüttet? Fred Reed brachte es süffisant auf den springenden Punkt: „If Israel nuked Chicago, Congress would approve.“

 

7) Lobbyisten sind nur eine Randnotiz

House of Cards und Hollywood vermitteln den Eindruck, es gäbe in Washington nur wenige Lobbyisten; tatsächlich sieht es aber so aus, dass offiziell auf jeden Abgeordneten rund 20 Lobbyisten kommen. Ein einflussreicher Politiker wie er von Underwood dargestellt wird, würde von Konzern-Geiern umschwärmt und jeder Wunsch würde ihm von den Augen abgelesen werden. Wer sich für die offizielle Seite dieser erlaubten politischen Einflussnahme interessiert, kann sich bei opensecrets.org einen Überblick über wer, was, wie viel verschaffen. Bedenken Sie aber, dass die Auflistungen nur auf offiziell gemeldete Daten basieren. Informelle Versprechen – beispielsweise die Zusicherung eines Aufsichtsratsposten nach der aktiven Polit-Karriere (revolving door/Drehtüreffekt) oder der Zugang zu einem elitären Zirkel – spielen mit Sicherheit eine Rolle im Abstimmungsverhalten der Abgeordneten.

Hören wir, was der ehemalige Senator Gary Hart vor kurzem darüber zu sagen hatte:

Am schlimmsten von alledem ist der Umstand, dass das Heer an Lobbyisten, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts relativ klein war, nun zu einem riesigen Bataillon aus Anwaltskanzleien und Lobby-Agenturen angewachsen ist. Und diese gigantische, wenn nicht sogar reptilienartige Industrie holt nun ehemalige House– und Senats-Abgeordnete sowie deren Stabsmitarbeiter mit an Bord. Und sie werden dabei alle fabelhaft reich. // Worst of all, the army of lobbyists that started relatively small in the mid-twentieth century has now grown to big battalions of law firms and lobbying firms of the right, left, and an amalgam of both. And that gargantuan, if not reptilian, industry now takes on board former members of the House and the Senate and their personal and committee staffs. And they are all getting fabulously rich. [Time / meine Übersetzung]

 

6) Es gibt nur ein schwarzes Schaf  in der Familie

House of Cards und Hollywood vermitteln den Eindruck, dass es nur bad apples sind, die von einem gesunden Baum fallen. Tatsächlich ist längst der ganze Baum verrottet. In den Worten des ehemaligen Senators Gary Hart „the American Republic is massively corrupt“ (Time). Paul C. Roberts schreibt „Amerika ähnelt den letzten Tagen Roms, als verschiedene Fraktionen darum kämpften, ihre Marionette auf den Thron zu setzen“ // America is like the last days of Rome when contenting factions fought to put their puppet on the throne“ (blog).

Sehen Sie, es ist ganz einfach. Würde der Baum gesund sein, würde ein Ereignis wie die Ermordung John F. Kennedys oder der Anschlag von 9/11 bis zum letzten Punkt recherchiert und die Ergebnisse bekannt gemacht werden. Statt dessen wurden (und werden) Ermittlungen von verschiedenen Behörden verzögert, Unterlagen vernichtet, Zeugen beeinflusst, Tatorte bereinigt, Kritiker als Verschwörungstheoretiker bezeichnet, wichtige Fragen ignoriert, Dokumente aus Gründen der Staatssicherheit weggesperrt und Untersuchungskommissionen eingesetzt, die am Ende völlig wertlose Berichte veröffentlichten. Gäbe es tatsächlich nur ein paar faule Äpfel, dann hätten früher oder später die gesunden Äpfel in Politik und Medien begonnen, unangenehmen Fragen zu stellen – immer und immer wieder. Aber das ist nicht geschehen. Damals wie heute stimmt der Mainstream in den Chor der Behörden ein.

 

5) Nur ein einziger Mann fürs Grobe

House of Cards und Hollywood vermitteln den Eindruck, dass ein machiavellischer Strippenzieher wie Underwood nur einen einzigen Mann fürs Grobe hat. Doug Stamper erledigt jeden Job – mag er auch noch so durchtrieben oder illegal sein. Er ist für die Drehbuchschreiber die Eierlegendewollmilchsau. Aus dramaturgischer Sicht macht es Sinn, nur einen Mann die viele Schmutzarbeit machen zu lassen. In der Wirklichkeit, in der ich und Sie leben, würde Stamper Zugriff auf eine Vielzahl junger und motivierter Stampers haben. Er würde koordinieren, er würde telefonieren (pre-paid-Mobilkarte), er würde sich aber niemals in eine prekäre Situation begeben, die ihn – und damit Underwood – belasten könnten. Warum sollte er sich für ein kurzes vertrauliches Gespräch mit dem Polizeichef mitten in der Nacht in einer dunklen Ecke der Stadt treffen? Oder eine Ex-Prostituierte in seinem Auto mitnehmen? Ist das nicht alles äußerst verdächtig? Im Übrigen weiß der Polizeichef selbst, was zu tun ist. Und falls nicht, wird er seinen Vorgesetzten um Rat fragen.

Politik und Verbrechen sind – wie Polizei und Militär – organisiert. Nur die kleinen Fische, die Anfänger, die Hobby-Akteure, werden erwischt. Oder man lässt die Handlanger, die Knechte und Mägde, die ihre Schuldigkeit getan haben, über die Klinge springen. Warum glauben Sie, hat man Al Capone nur wegen Steuerbetrugs belangen können? Weil es die Organisation verstand, Spuren zu verwischen. Und Sie können sicher sein, dass Al Capone nur deshalb „erwischt“ wurde, weil es Kräfte im Hintergrund so wollten. Bandenkrieg auf hohem Niveau, wenn man so will. Übrigens, ein gerne übersehenes Detail Hollywoods ist der Umstand, dass die Mafia keine rein italienische Angelegenheit war. Vielmehr war es eine jüdisch-italienische. Nick Tosches schreibt in der Vanity Fair Ausgabe vom April 1997 unter dem Titel The Man Who Kept The Secrets:

„Hollywood war größtenteils die Schöpfung osteuropäischer jüdischer Immigranten und deren Söhne. Das organisierte Verbrechen des 20. Jahrhunderts in Amerika war primär ein jüdisch-italienisches Bündnis, der die ethnische Reinheit der wahren sizilianischen Mafia fehlte, aber dessen Mitglieder das selbe Verständnis hatten. In Amerika waren Unterwelt und Mafia eins, und es war das organisierte Verbrechen, das den Mythos des großen amerikanischen Schmelztiegels wahr werden ließ. Organisiertes Verbrechen in Amerika war Demokratie in Reinkultur.“ [meine Übersetzung] // „Hollywood was largely the invention of Eastern European Jewish immigrants and their sons. Twentieth-century organized crime in America was a primarily Jewish-Italian coalition that shared the sensibilities but lacked the ethnic purity of the true Sicilian Mafia. In America, Unterwelt and Mafia were one, and it was in organized crime that the myth of the great American melting pot became reality. Organized crime in America was democracy in action.“

 

4) Selfmademan-Milliardäre sind von Politikern abhängig

House of Cards und Hollywood vermitteln den Eindruck, dass einflussreiche Milliardäre von Politikern abhängig sind. Der Charakter Raymond Tusk taucht zum ersten Mal in der vorletzten Folge auf. Er wird als älterer, bescheidener, aber ehrgeiziger Selfmademan-Milliardär gezeichnet, der mit dem Präsidenten befreundet ist. Vermutlich dachten die Schreiberlinge an Richard Nixon und Bezos, vielleicht auch an Jimmy Carter und Rockefeller. Der Punkt ist, die Bezos und Rockefellers sind es, die die Politiker machen, nicht umgekehrt. Dabei geht es aber nicht um den einen oder anderen Familiennamen, sondern primär um jene Mächte, die im Hintergrund die Fäden ziehen.

House of Cards und Hollywood überschütten den Zuseher förmlich mit der Gewissheit, dass in Washington alles nach Plan der Gründerväter läuft – und es keine Schattenregierung gibt. Präsident Nixon sah es anders:

„Wir haben hier eine Schattenregierung [countergovernment] und wir müssen sie bekämpfen. Mir ist verdammt noch mal egal, wie es gemacht wird.“

Es ist, als würde man eine TV-Serie über einen Biobauernhof machen und so tun, als wäre dieser die Regel, nicht die Ausnahme in einem System der industriellen Landwirtschaft. So lange der Zuseher daran glaubt, wird er die Intrigen des Stallknechts und die Bosheiten des alten Bauers zwar nicht für bare Münzen, aber sie doch für möglich halten. Die Biobauernhof-Serie – genauso wie House of Cards – würde das Weltbild des Zusehers niemals in Frage stellen. Deshalb wird Raymond Tusk als Selfmademan dargestellt, bescheiden und weltmännisch, ehrgeizig, aber nicht sonderlich gefährlich. Man stelle sich vor, man hätte Tusk durch den Sprößling einer aristokratischen Familie ersetzt, deren Wurzeln zu den ersten Gründerväter zurückgehen. Das bestehende Netzwerk dieser Familie, sei es verwandtschaftlich, sei es freundschaftlich, sei es unternehmerisch – neben dem immensen Vermögen, würde Ihnen vermutlich Ihr Weltbild rauben. Vor hundert Jahren zählten beispielsweise die Mellons, McCormicks, Morgans, Archbolds, Rogers, Bedfords, Cutlers, Flaglers, Pratts, Benjamins neben den bekannten Rockefellers, Du Ponts, Vanderbilts und Fords zu den reichsten Familien der USA. Seltsam, dass man von den einen viel, von den anderen nichts hört, meinen Sie nicht auch?

 

3) Politiker sind ehrgeizig, aber kein Psychos

House of Cards und Hollywood zeichnen Politiker für gewöhnlich in allen Charakter-Schattierungen. Da gibt es die Unterwürfigen, die Schwachen, die Starken, die Impulsiven, die Ehrgeizigen, die Skrupellosen, die Mitläufer und so weiter. Aber eine Spezies Mensch blenden sie mit Absicht aus: die des Psychopathen. Kriminalpsychologe Prof. Robert Hare klärt uns auf:

„Ein Psychopath ist eine Person, der Einfühlungsvermögen und Gewissen fehlt, jene Qualitäten, die uns leiten, wenn wir zwischen gut und böse, moralisch und unmoralisch wählen. Die meisten von uns sind konditioniert, Gutes zu tun. Psychopathen hingegen nicht. Ihr Einfluss auf die Gesellschaft ist enorm, obwohl Psychopathen gerade einmal ein Prozent der Bevölkerung ausmachen.“

Underwood ist scheinbar der einzige Politiker, der skrupellos seine Karten spielt, um an sein Ziel zu gelangen. Dabei schreckt er auch nicht vor Mord, Erpressung und Drohgebärden zurück. Dass es gerade Psychopathen sind, die ganz nach oben kommen, liegt auf der Hand. Möchten Sie verstehen, wie Spitzenpolitiker ticken, dann empfehle ich Ihnen, die aufgezeichneten Gespräche von Richard Nixon anzuhören. Als Präsident ordnete er an, die Amtsräume im Weißen Haus heimlich zu verwanzen und die Gespräche, seien sie mündlich oder telefonisch, aufzuzeichnen. Hier eine Kostprobe von Präsident Richard Nixon:

„Washington is full of Jews. … Most Jews are disloyal. Bob, generally speaking, you can’t trust the bastards. They turn on you. Am I wrong or right?“, fragt Nixon seinen damaligen Stabschef Bob Haldeman im Sommer 1972; zit. n. Richard Reeves, President Nixon, Simon & Schuster, New York 2001, S. 343

Hier ein Gespräch zwischen Nixon, Kissinger und dem Pressesprecher Ziegler im April 1972:

nixon: »Wie viele haben wir in Laos getötet?«
ziegler: »Vielleicht zehntausend – fünfzehn…?«
kissinger: »In der laotischen Sache haben wir etwa zehn, fünfzehn…
getötet.«
nixon: »Schaut mal, diesen Angriff, den wir im Norden [Vietnams]
vorhaben … auf Kraftwerke, was da auch immer noch übrig ist, Ölraffinerien, Werften … Und ich denke, wir sollten die Deiche [Dämme] bombadieren. Würden dabei Menschen ertrinken?«
kissinger: »Etwa zweihundertausend Menschen.«
nixon: »Nein, nein, nein … da benutze ich besser die Atombombe.
Hast du das verstanden, Henry?«
kissinger: »Das, denke ich, würde dann doch zu viel sein.«
nixon: »Die Atombombe, bekümmert dich das? Ich möchte doch nur, dass du im großen Stil denkst, Henry, Herrgott noch mal! Die einzige Stelle, an der wir unterschiedlicher Meinung sind, hat mit der Bombardierung zu tun. Du bist so gottverdammt besorgt um die Zivilisten und mich scheren die einen Dreck. Die sind mir egal.«
kissinger: »Ich bin um die Zivilisten [deshalb] besorgt, weil ich nicht
möchte, dass sich die Welt gegen dich als Schlächter mobilisiert.«

 

2) Der Geheimdienst spielt keine Rolle

House of Cards und Hollywood vermitteln den Eindruck, dass der Geheimdienstapparat in der Politik nur eine untergeordnete Rolle spielt. In der ersten Staffel der Serie wurde der Name CIA kein einziges Mal erwähnt – und doch sind es die verschiedenen Nachrichtendienste, die im Hintergrund sensible Daten und Informationen ermitteln und aufbereiten. Das ist die eine, die offizielle Seite. Die inoffizielle Seite ist hässlich, schmutzig und nicht kontrollierbar, da der größte Teil der Arbeit im Geheimen abläuft. Staatssicherheit, wenn Sie verstehen? Es mag nicht verwundern, dass John F. Kennedy von diesem Moloch CIA genug hatte und den damaligen Chef Allen Dulles feuerte. Die Ironie ist, dass wenige Jahre später genau dieser Mann in die Warren-Kommission berufen wurde, um den Mord an JFK aufzuklären.

Der amerikanische Geheimdienstapparat ist ein Fass ohne Boden: Im Jahr 2008 gab es offiziell 1.271 staatliche Organisationen und 1.931 private Unternehmungen, die an über 10.000 Orten an Programmen arbeiteten, die in Verbindung mit Terrorismusbekämpfung, Staatssicherheit und Nachrichtenbeschaffung standen. Man schätzt, dass etwa 854.000 Personen eine top-secret-Sicherheitsfreigabe besitzen, mit der sie Zugang zu Millionen von geheimen Akten und Projektunterlagen
haben. [allein 2011 wurden von US-Behörden in Summe 92.064.862 Dokumente als geheim
eingestuft, davon 26.058.678 als topsecret]. Die »zivilen« Geheimdienste der USA (wie zum Beispiel CIA oder NSA) erhielten im Fiskaljahr 2010 offiziell ein Budget von etwa 52 Milliarden Dollar und die militärischen Nachrichtendienste 27 Milliarden Dollar. [Zum Vergleich: Das Bruttoinlandsprodukt Kroatiens liegt bei etwa 60 Milliarden Dollar]

Der Einfluss des Geheimdienstapparats – lokal genauso wie global – ist enorm. Die CIA ist in Drogen- und Waffengeschäften involviert, fördert(e) moderne Kunst, schleust(e) Journalisten und Reporter in Medienhäuser ein (Mockingbird), forschte an einer Bewusstseinskontrolle (mind control – MK Ultra), kooperiert(e) mit dubiosen Finanzinstitutionen (BCCI), führt(e) Staatsstreiche durch (PB Success, Ajax), heuert(e) Spitzel, Attentäter und Terroristen an (Osama bin Laden), infiltriert(e) alle Bereiche der Gesellschaft, sei es in der Wirtschaft, sei es in der Politik und vieles, vieles mehr.

Sehen Sie, die NSA scannt täglich Milliarden von E-Mails, Telefongesprächen und Web-Transaktionen. Natürlich interessiert sich niemand für Sie, niemand für mich. Aber stellen Sie sich doch nur mal vor, eine (geheime) Abteilung greift alle Transaktionen der US-Politiker und ihrer Kontakte ab, ordnet und speichert sie. Aus all den Informationen kann ein Dossier erstellt und Interessierten zur Verfügung gestellt werden. Wer somit Zugang zu diesen Dossiers hat, hat die Macht. So einfach ist das. In der Realität, in der Sie und ich leben, würden Underwoods schmutzige Geheimnisse längst fein säuberlich dokumentiert sein. Doch wer sind jene Leute, die auf diese Daten Zugriff haben?

 

1) Wer Macht hat, steht in der ersten Reihe

House of Cards und Hollywood vermitteln den Eindruck, dass mächtige Menschen im Rampenlicht stehen müssen, um zu wirken. Die Hintermänner in Polit-Thrillern wiederum werden am Ende des Films immer entlarvt und erhalten die gerechte Strafe. Das ist natürlich Unsinn. Macht liegt in der Anonymität. Politiker oder Forbes-Reiche haben deshalb niemals Macht. Sie können in kürzester Zeit diskreditiert, belangt und somit entmachtet werden. Zum Abschluss hören wir uns den Politiker und Unternehmersohn Walther Ratenau an, der 1909 einen Brief an die österreichische Tageszeitung Freie Presse schrieb:

»Geehrte Herren! Sie fragen nach meiner Ansicht über Art und Wert unseres geschäftlichen Nachwuchses. Ich will gern versuchen, Ihnen zu antworten, denn die Frage scheint mir wichtig und der Erwägung bedürftig; […] Auf dem unpersönlichsten, demokratischsten Arbeitsfelde, dem der wirtschaftlichen Führung, wo jedes törichte Wort kompromitieren, jeder Mißerfolg stürzen kann, wo das souveräne Publikum einer Aktionärsversammlung satzungsgemäß über Ernennung und Absetzung entscheidet, hat im Laufe eines Menschenalters sich eine Oligarchie gebildet, so geschlossen wie die des alten Venedig. Dreihundert Männer, von denen jeder jeden kennt, leiten die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents und suchen sich Nachfolger aus ihrer Umgebung. Die seltsamen Ursachen dieser seltsamen Erscheinung, die in das Dunkel der künftigen sozialen Entwicklung einen Schimmer  wirft, stehen hier nicht zur Erwägung. Hier soll zunächst die Frage beantwortet werden, um wen es sich handelt: es handelt sich um den Nachwuchs städtischer Herkunft, normaler Bildung, bürgerlichen Standes, kurz, um die zweite oder dritte Generation der Erwerbenden und Leitenden.«

Zwei Jahre später erinnerte sich der mit Rathenau befreundete Schriftsteller Frank Wedekind an den zuvor genannten Artikel und stellte die Frage in den Raum, ob man nicht einen „Almanach der  Dreihundert“ veröffentlichen könne. Rathenau antwortet ihm in einem Brief:

»Mein lieber und sehr verehrter Herr Wedekind! Ihre geistvolle Anregung hat mich aufs Lebhafteste interessiert. Aber lassen Sie mich vertraulich Ihnen sagen: mein Ausspruch war eine Art Indiskretion. Die wirklichen ›300‹ haben die Gewohnheit und Vorsicht, ihre Macht abzuleugnen. Wenn Sie sie aufrufen, so werden sie Ihnen sagen: wir wissen von nichts; wir sind Kaufleute wie alle anderen. Dagegen werden nicht 300, sondern 3 000 Kommerzienräte sich melden, [die] mit Strümpfen oder Kunstbutter wirken und sagen: wir sind es. Die Macht liegt in der Anonymität; ich kenne unter den Bekanntesten – nicht unter den Bedeutendsten – einen, den überhaupt niemand zu sehen bekommt, außer seinem Barbier. Ich kenne einen, der fast arm ist und die gewaltigsten Unternehmungen beherrscht. Ich kenne einen, der vielleicht der Reichste ist, und dessen Vermögen seinen Kindern gehört, die er haßt. Einer arbeitet für das Vermögen der Jesuiten, ein anderer ist Agent der Kurie. Einer als Beauftragter einer ausländischen Vereinigung ist mit einem Besitz von 280 Millionen Konsols der größte Gläubiger des preußischen Staates. Alles dies vertraulich. Aber sie sehen, diesen Menschen ist auf gewöhnlichen Wegen nicht leicht beizukommen. Und den gewöhnlichen Weg dieses Appells lehnen sie ab.«