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Aleksandr Puškin und sein politisch völlig unkorrekter Reisebericht, anno 1829

Puskin_Arzrum_CoverErst kürzlich wieder in das schmale Büchlein Die Reise nach Arzrum während des Feldzugs im Jahre 1829 vom russischen Dichter Aleksandr Puškin geblättert. Es ist ein nüchtern, sachlich und präzis gehaltener Reisebericht, der dem Leser auch verschiedene Völker näherzubringen versteht. Aus heutiger Sicht dürfte die eine oder andere Passage politisch nicht korrekt sein – und man kann sich gut vorstellen, wie der Mainstream über die Berichte eines modernen Puškins erzürnt wäre. Deshalb tut es gut, hin und wieder einen vorsichtigen Blick in alte Bücher und Aufzeichnungen zu tun.

Sehen Sie, würde man den Kindern und Jugendlichen und Erwachsenen im Westen im kritischen Denken unterweisen, würde man Ihnen nicht sagen, was Sie worüber zu denken haben, diese political-correctness-Wut der Sittenwächter wäre erst gar nicht nötig. So muss man gefährliche (für wen?) Publikationen unterdrücken oder, wenn dies nicht möglich ist, neu auflegen und mit einem kritischen Anmerkungstext versehen. All das ist für mich Beweis genug, dass die Aufklärung („Bediene dich deines eigenen Verstandes“) nur ein Werkzeug elitärer Machtmenschen war, um den religiösen Glauben der breiten Masse zu untergraben und die bestehende gesellschaftliche Ordnung auf den Kopf zu stellen. Und als schließlich und endlich Kirche und Königshäuser gegen eine neue Herrschaftsform abgelöst wurden, die „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ versprach, hörte die Aufklärung auf Aufklärung zu sein.

Puškin wurde 1825 auf sein Gut verbannt, da er von den russischen Behörden überführt wurde, zwei atheistische Zeilen in einem Brief verfasst zu haben. Der moderne, aufgeklärte Mensch schüttelt ob dieses religiösen Eifers, ob dieser willkürlichen Bestrafung, den Kopf und doch würde es einem Bürger um Vieles schlimmer gehen, würde er heute den historischen Status Quo in Frage stellen und die positiven Seiten eines längst untergegangenen Reiches herausstreichen. Der religiöse Fanatismus, der Atheisten und Andersgläubige verfolgt und verheizt, besteht noch immer fort, nur dass die neu geschaffene Religion nichts mit dem überlieferten Glauben zu tun hat. Kurz und gut: Kant und Voltaire hätten in unserer Generation viel zu tun, um die zweite Aufklärung voranzutreiben.

Die Tscherkessen hassen uns (Russen). Wir haben sie von ihren fetten Weiden verdrängt; ihre Aule (Dörfer) sind zerstört, ganze Stämme vernichtet. Sie ziehen sich Stunde um Stunde tiefer in die Berge zurück und verüben von dort ihre Überfälle. Die Freundschaft der „friedlichen“ Tscherkessen ist wenig verläßlich: immer sind sie bereit, ihren gewalttätigen Stammesgenossen zu Hilfe zu eilen. Der Geist ihrer wilden Ritterlichkeit ist spürbar gesunken. Nur selten greifen sie Kosaken an, die ihnen an Zahl ebenbürtig sind, Infanteriesoldaten nie, und ergreifen die Flucht, sobald sie eine Kanone sehen. Dafür lassen sie keine Gelegenheit aus, eine schwache oder schutzlose Abteilung anzugreifen. Die hiesige Gegend schwirrt nur so vor Gerüchten von ihren Greueltaten. Es gibt kaum eine Möglichkeit, sie zu befrieden, es sei denn, man entwaffnet sie, wie man die Krimtataren entwaffnet hat, was überaus schwierig durchzuführen ist in Folge der unter ihnen herrschenden Erbstreitigkeiten und der Blutrache. Dolch und Säbel sind Teile ihres Körpers, und der Säugling beginnt sie zu berherrschen, noch ehe er sein erstes Wort stammelt. Mord ist bei ihnen – nur eine Körperbewegung. Ihre Gefangenen halten sie fest in der Hoffnung auf Loskauf, behandeln sie aber mit entsetzlicher Unmenschlichkeit, zwingen sie, ihre Kräfte übersteigend zu arbeiten, geben ihnen rohen Teig zu essen, schlagen sie, wann es ihnen paßt, und stellen als Wachen ihre kleinen Bengel auf, die das Recht haben, sie für ein bloßes Wort mit ihren Kindersäbeln zu massakrieren. Unlängst hat man einen friedlichen Tscherkessen gefangen, der auf einen Soldaten geschossen hatte. Er rechtfertigte sich damit, sein Gewehr sei zu lange geladen gewesen. Was macht man mit so einem Volk? […] Der Kaukasus wartet auf christliche Missionare. Doch unsere Faulheit hat es leichter, statt des lebendigen Wortes tote Buchstaben auszugießen und stumme Bücher an Menschen zu schicken, die weder lesen noch schreiben können.

Aleksandr Puškin
Die Reise nach Arzrum während des Feldzuges im Jahre 1829
Friedenauer Presse, Berlin 1998, S. 24f.

Das schmale Büchlein ist übrigens eine exzellent gemacht Broschüre – hier sieht man, welchen Mehrwert Literatur haben kann, so sich Kompetenz und Sorgfalt die Hand reichen und der Herausgeber bereit ist, einen besonderen Augenzeugenbericht der Vergangenheit in die Gegenwart zu holen, ohne Wenn und Aber. Kudos.

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Über das Stranden und Scheitern

AufstandDerDinge
(c) Insel Verlag, Frankfurt 1973

Die Welt gewöhnt sich an alles. Durch den Meister-Trick, den Geschichte sich ausgedacht hat, durch den Kniff, das Gedächtnis bei jeder Geburt neu beginnen zu lassen, erreicht sie: Die Welt gewöhnt sich an alles. [S.15]

Am Sonntag, auf einem großen Pfarrflohmarkt, mehrere ältere Bücher erstanden. Eines davon heißt Aufstand der Dinge: Byzantinische Aufzeichnungen und ist von einem gewissen (und mir unbekannten) Erhart Kästner, das er 1973, knapp vor seinem Tode, publizierte. Der Autor beschreibt darin seine Reisen und Aufenthalte in Griechenland und Istanbul – reale Ausflüge gesellen sich zu gedanklichen. Es ist der Rückblick eines gealterten Mannes, der erkennen muss, wie ihm die Welt entgleitet: „Welt immer fortgerissen, geraubt, verschleppt und versteckt und gestohlen. Mundus rapidus.“

Die Sprache Kästner ist keine leichte. Man merkt seinen mächtigen Erfahrungsschatz, seine gutbürgerliche Bildung und das Wissen um eine antike Vergangenheit. In manch einem der Sätze, so wirkt es jedenfalls auf mich, fühlt man die Melancholie des Loslassens. Es ist immer nur Rückblick, niemals Rückkehr.

In diesem Buch war es, als ich die ursprüngliche Bedeutung von „scheitern“ erfuhr und dass es mit „stranden“ in Beziehung stand. Denn, ein Segelschiff konnte einstmals „stranden“, also auf Grund laufen, oder an einer Klippe „scheitern“, das heißt, in seine (Holz)Scheite zerfallen. Faszinierend, nicht? Überhaupt bemerke ich meinen Drang, der einen oder anderen Wortbedeutung bzw. Wortherkunft nachzuspüren. Hat es mit dem Alter zu tun? Will man auch im Wort die reine Wahrheit suchen und finden?

Da fällt mir ein, dass ich am Sonntag nicht nur dieses Buch erstand, sondern auch in einer „Qualitätszeitung“ blätterte. Abscheu und Ekel vermischten sich mit Verständnislosigkeit und Fatalismus. Deshalb versuche ich für gewöhnlich all diesen „unabhängigen“ und „freien“ Presseprodukten fern zu bleiben. Sie vergiften jeden Gedanken.

Die Welt gewöhnt sich an alles. Hätten die Türken, woran doch nur eine Haares Breite gefehlt hat, auch den Sankt Stephans Dom in eine Moschee umgewandelt: die Welt hätte es auch hingenommen. Nach Zeit und Weile würden die Reisenden mit denselben ungenauen Gefühlen, mit denen sie jetzt die Kirche der Hagia Sophia begehen, die Moschee Sankt Stephan betrachten. [S. 15]