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WM 2018: Resümee der Fußballweltmeisterschaft in Russland

Das war sie also, die Fußballweltmeisterschaft 2018 in Russland. Wie bereits bei den letzten großen Fußballturnieren – EM 2008, WM 2010, EM 2012, WM 2014 und EM 2016 – versuche ich mich auch diesmal an ein Resümee. Einfach ist das freilich nicht, gehören doch so viele Eindrücke und Überlegungen auf den springenden Punkt gebracht. Gesehen, die Fußballspiele, habe ich sie diesmal nicht alle. Kam mir doch die Reise nach Moskau und Nischni-Novogorod dazwischen. Dafür durfte ich zwei Begegnungen (Costa-Rica : Schweiz und Kroatien : Dänemark) livehaftig im Stadion miterleben. Berauschend! Elektrisierend! Beeindruckend! Hier der gefällige FIFA-Zusammenschnitt

Stadion_Nischni_2018
Der perfekte Sonnenuntergang bei der Weltmeisterschaft in Nischni-Novgorod, aufgenommen von Sitz 23, Reihe 34, Block C221, Level 4 – am 27. Juni 2018.

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WM2014: Resümee der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien – Teil 2

Spielplan der WM 2014
Mein zerwurschtelter Spielplan

Zweiter und letzter Teil meines Resümees über die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien, die vor wenigen Tagen endete und bereits eine gefühlte Ewigkeit zurückliegt. Im Gedächtnis sind nur noch vage, zusammenhanglose Bilder vorhanden. Erinnerungsfetzen, die zwischen Faktischem und Gefühltem pendeln, dominieren in späterer Folge die Diskussionen rund um diese eine Weltmeisterschaft, als Deutschland drauf und dran war, den Fußball zu dominieren und Brasilien drauf und dran war, eine lächerliche Fußnote zu werden. Dieses Turnier lebte anfänglich von den Überraschungen – positiven wie negativen – aber nach den Achtelfinalspielen war Schluss mit lustig und die üblichen Verdächtigen setzten sich wieder einmal durch. Nichts Neues unter der Fußballsonne, wenn man so will. Leider. Als neutraler Beobachter bin ich immer auf der Suche nach einem Stück Geschichte, das ich miterleben darf und das für eine Weile im kollektiven Gedächtnis seine Runden dreht. Ja, ich wünschte mir – wie so viele andere – das Besondere, das Außergewöhnliche. Zugegeben, davon gab es reichlich, bei dieser WM, aber der letzte Pass, wenn man so will, der kam freilich nicht an. Schad drum.

Für mehrere Wochen war wieder einmal großes Kino auf kleinen Bildschirmen angesagt. Seltsam, wie man in dieses Ereignis hineingezogen wird und sich darin gemütlich einrichtet. Man hatte seinen Spielplan immer griffbereit bei der Hand, trug Ergebnisse ein, kritzelte mögliche KO-Gegner an die Seite und freute sich auf das nächste Spiel, das garantiert in die Fußballgeschichte eingehen würde. Glaubte man. Glaubte ich. Diese Hoffnung ließ mich auch ein 3-Uhr-früh-Spiel verfolgen – mit müden Augen. Überhaupt, diese Mitternachtsspiele, die einem viel Substanz kosteten und trotzdem bäumte man sich (auf der Couch bereits gefährlich dösend) auf – oder ließ das Geschehen im Halbschlaf vorüberziehen. Oftmals war der Schlusspfiff nicht nur für die Spieler und Trainer eine Erlösung. Hier und heute, ja, da denkt man bereits mit verklärten Augen zurück, an diese Abende, als alles für ein Fußballfest angerichtet war. Man freute sich, gemeinsam, mit vielen Hunderten von Millionen Menschen auf das Kommende. Der nüchterne Alltag, das lästige Problem, die dunkle Zukunft, all das wurde für ein paar Stunden vergessen. Schöne, heile Fußballwelt.

 

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Kommen wir zu den Überraschungsmannschaften der Weltmeisterschaft 2014:

Chile Mir gefielen die Südamerikaner bereits 2010 und ich ging damals davon aus, dass sie 2014 einen Sprung nach vorne machen würden. Und das taten sie auch. In einem „Finalspiel“ – für Spanien ging es um alles oder nichts – schickten sie den damals amtierenden Welt- und Europameister nach Hause. Das war eine herausragende Leistung. Im Achtelfinalspiel gegen Brasilien spielten sie über eine Stunde lang gut mit, aber danach ließen wohl die Kräfte nach. Zwar konnten die Chilenen das Unentschieden bis zum Ende der Verlängerung halten, aber im Elfmeterschießen verloren sie dann die Nerven und das Spiel. Schade. Rückblickend betrachtet ist es ein Rätsel, warum sich Chile nicht gegen Brasilien durchsetzen konnte. War es einzig Neymar, der den brasilianischen Laden zusammenhielt? Waren die Chilenen eingeschüchtert? Ich hätte es ihnen gerne vergönnt, den Aufstieg ins Viertelfinale, aber ich glaubte zu bemerken, dass sie (noch) nicht die Klasse und Kondition hatten, um ganz vorne mitzuspielen.

Kolumbien  Die sympathischen Kolumbianer fielen durch einen erfrischenden Kombinationsfußball auf und spielten sich in die Herzen der Fans. Den Ausfalls ihres Superstars Falcao konnten sie überraschend gut wegstecken. Maßgeblichen Anteil am Erfolg der kolumbianischen Mannschaft hatte der junge James Rodriguez, der mit sechs Treffern Torschützenkönig des Turniers wurde. Sein Treffer gegen Uruguay (mit der Brust angenommen und volley abgezogen) gehört mit Sicherheit zu den schönsten dieser WM. Im Gegensatz zu Chile oder Costa Rica hatten sie eine Gruppe mit leichteren Gegnern erwischt. Auch der Achtelfinalgegner Uruguay schien keine ernsthafte Hürde darzustellen. Doch im Viertelfinale kam es mit Brasilien zum südamerikanischen Schlager, der weniger mit spielerischen Höhepunkten glänzte als mit Härteeinlagen auf beiden Seiten. Leidtragende waren in beiden Fällen die Spielmacher Rodriguez und Neymar, die ordentlich abgeklopft wurden. Trauriger Höhepunkt dieser unfairen Taktik war das rücksichtslose Tackling gegen Neymar, der mit einer Rückenverletzung vom Feld getragen werden musste. Ob die Brasilianer nur ernteten, was sie in der ersten Halbzeit säten, ist ein strittiger Punkt. Die Begegnung war von Beginn an zerfahren und keine Mannschaft wollte die andere ins Spiel kommen lassen – Brasilien würde ich hier nicht die Alleinschuld geben. Stimmt es, was man so hört, dann sollen südamerikanische Spiele generell härter und rauer geführt werden. Vielleicht hätte der Schiedsrichter gleich von Anfang an rigoroser gegen kleine Mätzchen und taktische Fouls vorgehen müssen. Tja. Wie so oft bei dieser WM, war es der Unparteiische, der die Partie und damit die Spieler nie in den Griff bekam. Wie dem auch sei, die kolumbianische Mannschaft machte einen guten Eindruck und es wäre interessant gewesen, wie sie sich gegen einen starken europäischen Kontrahenten geschlagen hätte. Gegen die beiden Betonmischmaschinen Griechenland (3:0) und Uruguay (2:0) fand Kolumbien jedenfalls ein überzeugendes Mittel. Respekt.

Algerien Für mich die mit Abstand größte positive Überraschung des Turniers. Weil die Mannschaft gegen den späteren Weltmeister Deutschland eine beeindruckende Show ablieferte und nur knapp mit 2:1 verlor. Diszipliniert, technisch und spielerisch sehr stark, körperlich äußerst robust, lauffreudig und bereit, den Extra-Meter zu gehen, brachten sie die Löw-Truppe an den Rand einer Niederlage. Dass es nicht reichte, ist einerseits Teamtorhüter Manuel Neuer zu verdanken, der eine grandiose (aber riskante) Partie spielte, andererseits die mangelnde Kaltblütigkeit der Algerier vor dem gegnerischen Tor. Erst in der Verlängerung, als Kräfte und Konzentration merklich nachließen, mussten die Nordafrikaner die beiden Treffer hinnehmen. Die souveränste Leistung eines Teams in einer Halbzeit gelang im Spiel gegen Südkorea. Wie die Algerier die Asiaten unter Druck setzten und dabei drei Tore erzielten, muss man einfach gesehen haben. Trainer Vahid Halilhodzic zählt für mich zu einem der besten Trainer dieser WM. Mal schauen ob er seine gute Leistung auf türkischer Klubebene mit Trabzonspor bestätigen kann.

Costa Rica Wer hätte noch vor der WM gedacht, dass der Außenseiter der „Todesgruppe“ mit Italien, Uruguay und England auch nur den Funken einer Chance hätte? Niemand! An ihrer soliden Defensive (nur 2 Gegentreffer in fünf Spielen) mit dem überragenden (Neo-Real Madrid) Torhüter Keylor Navas zerbrachen nicht nur Italien, Uruguay, Italien und Griechenland, sondern auch die Niederlande, die sich nach einer Nullnummer erst im Elfmeterschießen durchsetzen konnten. Apropos. Der holländische Trainer van Gaal wechselte für das Elfmeterschießen den Ersatztorhüter Tim Krul ein, der dann tatsächlich zwei Elfmeter parieren konnte. Dass dieser die Elfmeterschützen Costa Ricas mit kleinen Mätzchen aus der Fassung zu bringen versuchte, trübt in meinen Augen das Bild des niederländischen Sieges. Hatte das der amtierende Vize-Weltmeister wirklich notwendig? Oder war die Angst vor Costa Rica, die im Achtelfinale gegen Griechenland alle fünf Elfmeter staubtrocken verwandelten, dermaßen groß? Wie dem auch sei, die Niederlande waren das bessere Team, sie hatten mehrere Stangenschüsse und ließen so manchen Sitzer sträflich aus. Costa Rica wurde im Viertelfinale die Grenzen aufgezeigt. Aber das Beispiel Costa Rica zeigt, zu welchen Leistungen ein Underdog fähig ist. Ja, für viele war das kleine Land das Salz in der WM-Suppe. Köstlich!

USA Ei, Trainer Klinsmann hat aus durchschnittlichen und in Europa unbekannten Spielern eine formidable Fußballmannschaft geformt, die es bis ins Achtelfinale schafften und dort gegen Belgien eines der denkwürdigsten Spiele ablieferten. US-Torhüter Tim Howard hatte in dieser Begegnung mehr Bälle zu halten als jeder andere Torhüter in einem Achtelfinale, ever! Es ist bewundernswert, dass die US-Mannschaft gerade gegen Belgien, dem Geheimfavorit der WM, eine offensive Spielweise an den Tag legen wollte. Ein Schlagabtausch hätte es wohl werden sollen, aber dazu waren die US-Boys nicht spielstark genug. Der Versuch der US-Mannschaft sich gegen die rollenden Angriffe der Belgier zu stemmen, war großes Kino! Muss man gesehen haben. An Dramatik war das Spiel kaum zu überbieten. Auch wenn die Klinsmann/Herzog-Truppe unterlegen war, so hatte sie doch den (glücklichen) Sieg auf dem Fuß. Schade, schade. Mir gefällt diese so unbekümmerte Spielfreude der US-Amerikaner – ja, sie haben das Fußballerherz am rechten Fleck und auch wenn sie (noch) nicht die spielerischen Qualitäten haben, ihr Bereitschaft, alles zu geben, ist überzeugend. Es wird meiner Meinung nicht mehr lange dauern, bis eine effiziente und schlagkräftige US-Fußballtruppe jeder Mannschaft aus Europa oder Südamerika die Stirn bieten kann.

Spanien Tja. Wer hätte gedacht, dass der Welt- und Europameister bereits in der Gruppenphase ausscheiden würde? Das erste Spiel gegen die Niederlande war eine Hinrichtung, die keinen Zweifel ließ, dass die glorreiche Zeit des vernationalten Barca-Ensembles vorbei war. Die spanischen Spieler wirkten müde und unkonzentriert – vielleicht war es der kräfteraubende Liga-Dreikampf zwischen Barcelona, Real Madrid und Athletico Madrid, der bis zum letzten Spiel andauerte. Dass Trainer-Urgestein Del Bosque auf Athletico-Stürmer Diego Costa setzte, der ein Fremdkörper in der Mannschaft war, konnte bereits als Zeichen gewertet werden, dass er dem althergebrachten Spielsystem nicht mehr vertraute. Dass er im Tor auf Legende Iker Casillas setzte, der in der abgelaufenen Saison bei seinem Verein Real Madrid nicht mehr die erste Wahl war, darf als  eine noble, wenngleich riskante Geste gewertet werden. Die Patzer, die sich Casillas im ersten Spiel leistete, passten freilich zum schwachen Auftritt der ganzen Mannschaft. Die spanischen Funktionäre werden – wohl oder übel – die goldene Generation verabschieden und eine neue Nationalmannschaft auf die Füße stellen müssen. Am Spielermaterial sollte es nicht scheitern. Die spanische Vormachtstellung im Weltfußball ist jedenfalls mal dahin.

Frankreich Der fulminante Auftaktsieg – ohne den zu Hause gebliebenen Ribbery – gegen die Schweiz (5:2) kam überraschend – erfreute aber Fans und Analytiker. Schon glaubte man, dass die Franzosen endlich zu ihrer alten Stärke zurückfinden würden. Aber im angekündigten Achtelfinal-„Schlager“ gegen Deutschland zeigte sich, dass die Mannschaft von Trainer Deschamps noch nicht die Qualität und das Gefüge besitzt, um Weltspitze zu sein. Doch man sollte nicht gar zu kritisch mit den Franzosen sein, ist doch die gezeigte Leistung eine löbliche Steigerung gegenüber der blamablen Vorstellung während der letzten Weltmeisterschaft. Ich denke, die Grande Nation ist auf dem besten Wege.

Italien Mamma mia! Italien ist am Sand. Zwar konnte die Squadra Azzurra ihr Auftaktspiel gegen eine schwache englische Mannschaft gewinnen, aber dann war Schluss. Gegen Außenseiter Costa Rica 0:1 verloren. Das Schicksalsspiel gegen Uruguay – mit Beißer Suarez – ebenfalls mit 0:1 verloren. Finito. Heimreise. Nach 2010 bereits das zweite Aus in einer WM-Gruppenphase. Unverständlich. Weil es nicht an der Qualität der Spieler liegen kann, die in Top-Clubs auf höchstem Niveau ihre Brötchen verdienen. Sieht man sich die drei Spiele der italienischen Nationalmannschaft an, so fehlt den Spielern eindeutig das Feuer, die Leidenschaft, sicherlich auch Mut und Selbstvertrauen. So war der „gezähmte Widerspenstige“ Balotelli nur noch ein Schatten seiner einstigen Durchschlagskraft. Während sich die Franzosen in dieser WM aus dem Sumpf ziehen konnten, stecken die Italiener mehr denn je drin. Quo vadis, Italien?

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Meine Elf der WM 2014

Keylor Navas (Costa Rica)

 Lahm (D), Mascherano (ARG), Garay (ARG), Blind (NL)

Schweinsteiger (D), James Rodriguez (COL), Müller (D)

Neymar (BRA), Messi (ARG), Robben (NL)

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die dramatischsten Spiele der WM 2014

Griechenland : Elfenbeinküste 2:1

Deutschland : Ghana 2:2

Belgien : USA 2:1 n. V.

Deutschland : Algerien 2:1 n. V.

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die denkwürdigsten Spiele der WM 2014:

Brasilien : Deutschland 7:1

Spanien : Niederlande 1:5

Schweiz : Frankreich 2:5

Südkorea : Algerien 2:4

WM2014: Resümee der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien – Teil 1

WM2014_Gedankliches_1Die Weltmeisterschaft 2014 ist endgültige Geschichte. Wie bereits bei den letzten großen Fußballturnieren – EM 2008, WM 2010 und EM 2012 – versuche ich mich auch diesmal an ein Resümee. Einfach ist es freilich nicht, muss man doch so viele Eindrücke und Überlegungen auf den springenden Punkt bringen. Gesehen, die Fußballspiele, habe ich sie alle. Im Gedächtnis hängen geblieben sind natürlich immer nur Ausschnitte.

Gleich vorweg: Viele Tore in einem Fußballturnier machen es nicht automatisch zu einem guten oder gar „dem besten“. Es gibt Nullnummern, die begeistern, knappe Siege mit nur einem Tor, die dramatischer nicht sein können. Deutschlands Gruppenspiel gegen Portugal (4:0) hat mich nicht sonderlich mitgerissen, während Deutschlands Achtelfinalspiel gegen Algerien (0:0) mich förmlich vom Hocker haute. Und das ist es, um was es mir vor allem geht: Dramatik. Ein Fußballspiel kann uns etwas über Sieg und Niederlage am Rasen und im Leben erzählen, wie man gegen das Schicksal und die Aussichtslosigkeit ankämpft, wie man seinen Mann steht und seine Würde behält oder verliert. Das Spiel, wenn man so will, wird zum Spiegelbild des Lebens. Kein Wunder also, dass sportliche Wettkämpfe die zivilisierte Menschheit seit jeher in den Bann gezogen haben und weiterhin ziehen werden. Fein, fein. Da bei Großereignissen viel Ehr, aber noch mehr Geld im Spiel ist, liegt es auf der Hand, dass Korruption und Manipulation nie gänzlich ausgeschlossen werden können, aber das ist eine andere Geschichte, die ich hier nicht erzählen möchte.

Die deutsche Mannschaft unter Trainer Joachim Löw ist Fußballweltmeister 2014. Ist Deutschland verdient Weltmeister geworden? Ja, ich denke schon. Die Gründe für den Erfolg sind gar nicht so sehr in den WM-Spielen selbst zu finden, als  vielmehr in der nun Früchte tragenden Nachwuchsarbeit, die um 2000 generalstabsmäßig in Deutschland implementiert wurde. Wenn man weiß, welche Meister die Deutschen beim Organisieren sind, könnte den anderen großen Fußballverbänden bald schwarz-rot-gold vor Augen werden. Ein Blick auf die Talente, die dieses System nun beinahe monatlich anspült, ist beachtlich und die deutschen Vereine, die bei den Fans groß angeschrieben sind, zeigen eins ums andere, wie man schlagkräftige Teams aus jungen talentierten Spielern macht. Bestes Beispiel dafür ist sicherlich der BVB Dortmund, der in der Saison 2010/11 überraschend mit jungen und unbekannten Spielern den Meistertitel holte. Neben der Nachwuchsarbeit ist es wohl der europäische Spitzenverein Bayern München, der maßgeblich am Erfolg der Nationalmannschaft beteiligt ist, sind doch sieben Bayern-Spieler im Kader der Nationalelf: Neuer, Boateng, Lahm, Schweinsteiger, Kroos, Götze, Müller. Podolski und Klose sind Ex-Bayern-Spieler. Es ist deshalb kein Wunder, dass die deutsche Nationalelf während der WM so gut harmonierte und etwaige Tiefschläge gut wegsteckte. Weiters konnten sich die Bayern-Spiele seit April auf die Weltmeisterschaft vorbereiten, da bereits zu diesem frühen Zeitpunkt der Verein als Meister feststand. Im Gegensatz dazu mussten die Spieler von Barcelona und Real Madrid bis zur letzten Minute in Meisterschaft bzw. Championsleague an ihre Grenzen gehen. Das mag auch der Grund sein, warum ein Lionel Messi, Christiano Ronaldo oder die spanische Mittelfeldachse mit Xavi, Alonso, Iniesta müde und ausgelaugt wirkten, während die Bayern-Spieler, wie Robben, Müller oder Lahm, unglaubliche Laufleistungen an den Tag und auf den Rasen legten.

Ob Deutschland wegen oder trotz Joachim Löw den Weltmeistertitel holen konnte, ist für mich nicht eindeutig zu beantworten. Fakt ist, dass er vor allem dann goldrichtig die Formation umstellte, wenn er durch äußere Ereignisse dazu gezwungen wurde. Für mich steht außer Frage, dass es die Bayern-Spieler waren, die maßgeblichen Anteil am Erfolg hatten. Real Madrid Spieler Özil (müde) und der Schalker Höwedes (überfordert), die beide auf der linken Seite eingesetzt wurden, fanden nie wirklich ins Spiel – vielleicht ließ man sie auch nicht mitspielen. In jeder Sandkiste gibt es bekanntlich eine Hackordnung – und es ist der Trainer, der dies einigermaßen auszugleichen hat („Toni, jetzt gib doch dem Mesut auch mal das Schauferl!“). Ob Löw dafür die Autorität besitzt, wage ich zu bezweifeln. Eher sieht es für mich aus, dass er von den Ereignissen mitgerissen wird und er nur vorgibt, was sich längst abgezeichnet hat. Andererseits, der Erfolg gibt jedem Trainer recht und es werden die nächsten Herausforderungen zeigen, ob er diesen gewachsen ist.

Argentinien Anfänglich hat mich die argentinische Elf verärgert, weil sie unansehnliche Spiele ablieferte und es vorrangig Lionel Messi war, der durch Einzelaktionen die Entscheidung in den jeweiligen Gruppenspielen und im Achtelfinale herbeiführte. Aber das Halbfinale gegen die Niederlande und das Finale besänftigten mich dann doch wieder, weil man merkte, dass sie sich steigerten und – vor allem im Defensivbereich – Herz zeigten. Auch darf man nicht vergessen, dass alle Gegner Beton anrührten und versuchten, Messi aus dem Spiel zu nehmen. So gesehen war das Finale wohl das einzige Spiel der argentinischen Nationalmannschaft mit einem offensiv eingestellten Gegner. Es hätte nicht viel gefehlt und Argentinien wäre Weltmeister geworden – aber Higuain, Messi und Palacio ließen jeweils einen Sitzer aus. Und hätte der Schiedsrichter Neuers Sprungattacke gegen Higuain nicht mit Ausschluss und Elfmeter ahnden müssen? Darüber herrscht in Fachkreisen, wie so oft, Uneinigkeit – je nach dem, ob man Argentinien oder Deutschland als Weltmeister haben wollte. Man fragt sich auch, wie Argentinien gespielt hätte, wären die Offensivkräfte – und vor allem Messi – fit und in Form gewesen. Ich weiß, eine müßige Frage. Wie dem auch sei, man muss dem Team für die Leistung Respekt zollen.

Niederlande Als die Niederländer vor vier Jahren, im WM-Finale gegen Spanien, das Fußballspiel zu einem Kampfsport erhoben, war ich ziemlich säuerlich auf die Oranjes zu sprechen. Aber es war nicht nur das Finalspiel, sondern vor allem die Art und Weise, wie sich die niederländische Elf in das Endspiel förmlich schummelte. Bei dieser WM, Gott sei’s gedankt, versuchte sie wieder Fußball zu spielen – auch wenn mir die Taktik von van Gaal nicht sonderlich gefiel: Beton anrühren, warten und hoffen, dass Robben (oder van Persie oder Sneijder) ein Tor macht. Holländischer Offensivfußball war gestern, Effizienz und Risikolosigkeit ist heute. Robben gehört unbestritten zu den herausragendsten Spielern des Turniers. Würde er auch noch die Schwalbentänze und dieses theatralische Gehabe nach einem Foul sein lassen, er würde zu den Größten zählen. Die holländische Nationalelf wird sich bald mit der Frage auseinandersetzen müssen, wie es in Zukunft nach Robben, van Persie und Sneijder weitergehen wird. Der Nachwuchs wird im Land freilich gehegt und gepflegt – aber der Pool, aus dem gefischt werden kann, ist nun mal nicht groß – und wie hoch sind die Chancen einen neuen Cruyff, Bergkamp, van Basten, Kluivert, Robben oder van Persie zu finden? Eben.

Brasilien Ach du Schande. Die Mannschaft von Trainer Scolari ist eines der größten Mysterien dieser Weltmeisterschaft. Die Demütigung vor eigenem Publikum, das erste Mal gegen Deutschland (7:1), das zweite Mal gegen die Niederlande (3:0), ist nicht zu begreifen. Zuvor schaltete die Elf mit Chile und Kolumbien zwei der spielstärksten Mannschaften aus, rangen in der Gruppenphase Kroatien (zugegeben, nur mit Schiedsrichterhilfe) nieder und hätte gegen Mexiko beinahe gewonnen. Jenes Mexiko, welches im Achtelfinale  der Niederlande größte Schwierigkeiten bereitete. Ist das Implodieren der Seleção im Halbfinale und im kleinen Finale nur mit dem Ausfall von Neymar zu erklären? War Neymar dieser eine wichtige Schlussstein, der – unter Spannung und Last – eine Konstruktion zusammenhält? Ließen sich Chile und Kolumbien zu sehr vom Rundherum blenden? Waren sie zu eingeschüchtert, um ihr Spiel zu spielen? Gewiss, im Viertelfinale legten die Brasilianer eine härtere Gangart ein und versuchten auf diese Weise das Kombinationsspiel der Kolumbianer zu zerstören. Aber reicht das alleine aus, um zu gewinnen, bei einer Weltmeisterschaft? Die Zertrümmerung der Brasilianer durch die deutsche Elf hat diese Weltmeisterschaft ad absurdum geführt. Es scheint, als könnte eine, pardon, Wirtshausmannschaft mit einem Superstar wie Neymar bis ins Halbfinale einer Weltmeisterschaft vordringen. Wie kann das sein? Vielleicht ist die Antwort einfach jene, dass Fußball zu aller erst im Kopf entschieden wird. So lange die Spieler der Seleção an ihre „Unverwundbarkeit“ glaubten, konnten sie die anderen täuschen und Spiele für sich entscheiden. Aber als sich dieser Glaube mit dem Ausfall von Neymar und dem zweiten schnellen Gegentreffer der Deutschen in Luft auflöste, gab es nichts mehr, was sie retten hätte können. Kurz und gut, Trainer Scolari hatte versagt. Er hätte den (richtigen) Spielern nicht nur den Glauben vermitteln sollen, sondern auch ein geeignetes Spielkonzept. Wie es beispielsweise Fred oder Jô in die Formation schafften, bleibt ein Rätsel. Genauso die Weigerung von Scolari, die beiden brasilianische Spieler des spanischen Meisters Athletico Madrid einzuladen (Miranda, Filipe). Jetzt, mit neuem Trainer, braucht es einen radikalen Neuanfang. Wir dürfen gespannt sein, wie sich in naher Zukunft die neue Seleção präsentieren wird.

Fortsetzung folgt …

 

Was wäre wenn?

Mit ein wenig Phantasie könnte man sich eine Weltmeisterschaft vor Augen führen, die wirklich und wahrhaftig sensationell gewesen wäre. Natürlich ist diese Auswahl rein subjektiv und jeder ist eingeladen, seine eigene Traum-WM in Gedanken zu skizzieren:

Schweiz : Ecuador (2:1) Beim Stand von 1:1 verstolpert Ecuador nicht die große Konterchance, sondern nutzt diese eiskalt aus. Resultat: Ecuador, nicht die Schweiz, steigt ins Achtelfinale auf.

Griechenland : Elfenbeinküste (2:1) In der letzten Minute, beim Stand von 1:1, getraut sich der Schiedsrichter keinen Elfmeter für Griechenland zu geben. Resultat: Elfenbeinküste, nicht Griechenland, steigt ins Achtelfinale auf.

Achtelfinale Brasilien : Chile (1:1  3:2 n. E.) Der Schuss des chilenen Pinillas in der 120. Minute geht nicht an die Latte, sondern ins Tor! Resultat: Chile, nicht Brasilien, steigt ins Viertelfinale auf.

Achtelfinale Niederlande : Mexiko (2:1) Der Schiedsrichter pfeift nicht Elfmeter für die Niederlande, sondern lässt weiterspielen. Resultat: Verlängerung mit einem unwahrscheinlichen, aber möglichen Sieg Mexikos und dem damit verbundenen Aufstieg ins Viertelfinale.

Achtelfinale Deutschland : Algerien (2:1 n. V.) Der algerische Stürmer Slimani lässt in der 9. Minute Torhüter Neuer durch einen angetäuschten Schuss ins Leere fahren. Resultat: Führungstreffer für Algerien, ein für längere Zeit verunsicherter Neuer und der Aufstieg Algeriens ins Viertelfinale. Man stelle sich vor, eine euphorisches Algerien trifft auf Rivale Frankreich. Dieses französische Derby würde die Grande Nation in einen Ausnahmezustand versetzen. Großes Kino!

Achtelfinale Belgien : USA (2:1 n. V.) Der amerikanische Stürmer Wondolowski schießt nicht der letzten Minute der regulären Spielzeit alleinstehend den Ball übers, sondern ins Tor. Resultat: Die USA, nicht Belgien, steigen ins Viertelfinale auf.

Finale Deutschland : Argentinien (1:0 n. V.) Torhüter Neuer wird nach der Sprungattacke gegen Higuain ausgeschlossen und Messi verwandelt den für das Foul ausgesprochenen Elfmeter in der abgeklärt kaltschnäuzigen Manier Zidanes. Resultat: Argentinien wird Weltmeister, Neuer der Buhmann der deutschen Nation und Messi der Liebling der Massen.

Google+ eine Woche später …

Screenshot Google+ Circles
bekanntschaftliche Einkreisungen

Vor einer Woche startete ich mit dem neuen Sozialen Netzwerk mit dem klingenden Namen Google+ [sprich: googelplass]. Der erste Tag war ziemlich aufregend. Ich habe hier darüber gebloggt. Und nun, 7 Tage später, gibt es ein weiteres Resümee.

Google+ erinnert mich dann doch an ein aufgepepptes Twitter. Jeder darf mit jedem, wenn er oder sie oder es das möchte. Primär ist alles erlaubt. Naja, fast alles. Aber während facebook ordentlich auf die Bremse steigt, wenn es darum geht, mit  jemanden ins Gespräch zu kommen, den man nicht persönlich kennt, gibt Google+ ordentlich Gas. Wie in meinem vorigen Blog-Post beschrieben, geht Google davon aus, dass die Internet-Gemeinde aus friedlichen, lieblichen und freundlichen Menschen besteht, die sich alle mögen. Hm. Naja. Wenn es nur so wäre. Am Ende bleiben wir ja doch nur Menschen, mit all unseren Stärken und Schwächen. Apropos: scheinbar dürfte die Google+-Polizei auf der Suche nach Profilen sein, die nur eines im Sinn haben: Kontakte zu knüpfen um dann ihre Kontakte zuzuspamen. Zumeist handelt es sich dabei um Social Media Experten oder selbstständige Einzelunternehmer oder Medien-Agenturen. Indie-Autorenverleger würden da natürlich auch reinfallen, aber wie ich heute auf dem wunderbaren Kramuri-Blog von Gottfried Hufnagel lesen durfte, ist die Marktschreierei nicht mein Ding. Also wird die Polizei bei mir hoffentlich nicht anklopfen. Ja, es gibt im Netz genügend Einzelkämpfer, deren einziges Ziel es ist, Kontakte über Kontakte anzuhäufen, um so in den aberwitzigsten Rankings vorne dabei zu sein. Das kann sich durchaus finanziell lohnen. Spätestens dann, wenn ein Unternehmen auf den Social Media Zug aufspringen will und sich einen »erfahrenen Experten« angelt.

Außerdem habe ich eine inoffizielle Statistik entdeckt, die besagt, dass gegenwärtig die Männer in Google+ krass in der Mehrheit sind (etwa 7:3 oder 8:2 ist das Verhältnis Männer zu Frauen). Das gefällt mir natürlich gar nicht. Weil Männer einerseits nicht sonderlich gut kommunizieren können und andererseits Bücher und Literatur nur vom Hörensagen kennen. Freilich, Ausnahmen bestätigen immer noch die Regel. Ich schätze, das Männer-Frauen-Verhältnis wird sich in Zukunft natürlich angleichen. Es sei denn, Google+ bleibt die Spielwiese der Nerds und Geeks.

Ansonsten ist das neue Netzwerk ein schlankes System, das vorwiegend auf Kommunikation abzielt. Ein wenig nervig sind die vielen animierten GIFs, die ihre Runde in Google+ machen. Das war schon zu Beginn des Webzeitalters ärgerlich. Außerdem werden Bilder, die gepostet werden, beinahe formatfüllend präsentiert. Muss auch nicht sein. Oder: weniger/kleiner wäre da viel mehr.

Ein Netzwerk ist ja sowieso nur die Hülle oder – besser: ein Kaffeehaus. Wichtiger ist, wer sich darin wie oft herumtreibt. Das Problem ist ja, dass die Leutchen, die in Google+ sind auch ihr virtuelles Unwesen in facebook und twitter treiben. Manchmal stolpert man so über die gleichen Bilder oder Beiträge oder Kommentare. Ist ein wenig, so, als hätte man ein permanentes Déjà-vu. Freilich, es mag auch daran liegen, dass man sich immer mit den gleichen Leuten umgibt. Wobei, das ist dann wirklich mal ein großes Plus bei Google+: die Hemmschwelle mit jemanden in Kontakt zu treten ist viel geringer als bei facebook. Dummerweise gibt es noch nicht viele Hemmschwellen zu übertreten. Also, für mich jedenfalls nicht. Aber schön, wenn man sich mit den Mitarbeitern des Google+ – Teams verknüpft. So erhält man alle Infos aus erster Hand und glaubt sich in einer großen Familie. In facebook ist mir noch nie ein Mitarbeiter aufgefallen. Aber auch wenn, da ich ihn nicht persönlich kenne, würde er sich mit mir auch nicht verknüpfen wollen.

By the way: gestern startete ja der Bachmannpreis-Wettbewerb in Klagenfurt. 3Sat überträgt im TV und im Web live. Da macht es natürlich Sinn, auf Twitter mit dem Hashtag #tddl den Event mitzuverfolgen. Ist schon recht spaßig, wenn die Leutchen ablästern oder ihren Senf zum Gehörten oder Gesehenen abgeben. Literaturkritik ist das freilich nicht, eher die Komödie davon. Das gilt natürlich auch für die Jury vor Ort. Ich werfe diese Anmerkung deshalb ein, weil ich damit die Stärke von Twitter noch einmal aufs Tablett bringen möchte. Ich kommuniziere nicht unbedingt mit von mir ausgewählten Leuten, sondern ich trete in eine Gesprächsrunde zu einem genau festgelegten Thema (durch den Hashtag kann ich das Thema eingrenzen). In der Kaffeehausanalogie setze ich mich zu einem Tisch und nehme an der Diskussion teil. Bei facebook oder Google+ bleibe ich zumeist an meinem Tisch sitzen und lade andere ein, Platz zu nehmen.

Ich habe übrigens meine Webseite mit dem +1 ausgestattet. Damit kann nun jeder, der ein Google-Profil hat, meine Webseite „liken“. Das wiederum schlägt sich in der Search Engine von Google nieder. Wer mir also eine Freude machen möchte, der möge doch auf www.1668.cc auf den +1 klicken. Bezeichnend ist, dass ich in facebook um Klicks betteln musste, weil man (nur meine?) Postings in Google+ nicht sonderlich wahrnimmt.

Resümee: Google+ ist im gegenwärtigen Zustand ein simples Kommunikationstool, das die Privatsphären-Einstellung intuitiver und übersichtlicher als facebook gestaltet. Gut möglich, dass dadurch viele Netzwerk-Verweigerer und Technik-Muffel bekehrt werden und Social Media eine Chance geben. Fakt ist aber, dass es primär nur Platz für ein privates Social Media Kaffeehaus gibt (schlag nach bei myspace). Über kurz oder lang wird es definitiv zu einem Showdown zwischen facebook und Google kommen müssen. In der Haut der Google-Verantwortlichen will ich nicht stecken. Sie haben nämlich genau einen Schuss im Pistolenlauf. Wenn sie den ersten Schuss danebensetzen ist es vorbei. Im Internet gibt es keine zweite Chance.

EM: Resumee der Gruppenspiele

Heute beginnt also das erste Viertelfinalspiel. Zeit, die Gruppenspiele durchzudenken.

Die WM 2006 in Deutschland hat kaum attraktiven Offensiv-Fußball geboten (am besten zeigt es sich daran, dass mir die Deutsche Mannschaft gut gefallen hat – aber seit wann spielt eine deutsche Mannschaft attraktiv?), aber man konnte schon erahnen, wie das Spielsystem der Zukunft aussehen wird: der wichtigste Spieler am Feld ist nicht mehr der Stürmer, der Spielmacher, sondern der Außenverteidiger. Vor Jahren wäre es wohl nicht denkbar gewesen, dass ein Philipp Lahm als Verteidiger ein Dribbling an den gegnerischen Strafraum macht, sich ein Herz nimmt und den Ball ins Kreuzeck schlenzt. Und war es nicht Grosso, der italienische Flügelverteidiger, der die Deutschen in der Verlängerung aus allen Träumen schoss?

Holland hat mit van Bronckhorst einen Flügelverteidiger der Extraklasse. Gegen Italien wehrt er noch den Ball auf der Torlinie ab, schaltet sich in den Konter ein, sprintet etwa 80 Meter, bekommt den Ball, flankt ihn quer übers Feld zu Kuyt, der legt auf für Snejder und dieser wiederum knallt den Ball volley ins Netz. Die Russen machen es nicht anders. Die Außenverteidiger Zhirkov und Anyukov spielen die behäbige schwedische Abwehr schwindlig oder überlaufen sie. Sind die Schweden im Ballbesitz, stehen die beiden wie von Zauberhand wieder auf ihrem angestammten Platz und machen den Raum eng bzw. attackieren den gegnerischen Flügelspieler vor dem eigenen Strafraum. Beinah könnte man meinen, die Russen oder Holländer hätten immer zwei oder drei Spieler mehr am Feld („bitte durchzählen“), derweil ist es „nur“ Laufbereitschaft und Spielverständnis, gepaart mit einer sehr guten Kondition.

Aber nicht nur die Außenverteidiger können und sollen sich in den Angriff einschalten. Auch von so manchem Innenverteidiger kann eine Torgefahr ausgehen. Der Portugiese Pepe hat gegen die Türkei sein Tor gemacht. Puyol dribbelt bei der WM durchs halbe Feld und legt mustergültig für Torres auf. Vermutlich ist die Zeit der Abwehr-Dinosaurier bald Geschichte. Deutschland spielt ja mit zwei Basketballern in der Defensive, die normalerweise gegen jedes schnelle Dribbling auf verlorenen Posten stehen müssten. Die Kroaten haben es vorgezeigt. Die Portugiesen werden es wohl nachmachen. So lange sich die Abwehr um den eigenen Strafraum zusammenzieht, mit den (defensiveren) Mittelfeldspielern den Raum für den Gegner eng macht, braucht es „nur“ ein gutes Stellungsspiel, Robustheit und ein gutes Auge. Damit hat Deutschland, Italien, Frankreich bis jetzt gut leben können. Aber wehe, man gerät in Rückstand, muss plötzlich das Spiel machen. Dann merkt man die Anfälligkeit dieser Dinosaurier. Ähnlich erging es ja Griechenland. Bei der EM 2004 haben sie nie das Spiel machen müssen, weil sie (bis auf einmal) immer in Führung gingen und hinten dicht machten. Vier Jahre später kommen sie in Rückstand und plötzlich ist ihr Defensiv-Bollwerk für ihr Offensiv-Spiel nur noch ein Klotz am Bein.

Früher musste ein Verteidiger kein Techniker sein. Ein Raubein war gerade gut genug. Kondition brauchte er auch nicht. Wofür auch? Er blieb immer am Strafraum, knallte konsequent die Bälle oder die Gegenspieler weg. Pasta. Italien war berüchtigt für ihre Beton-Abwehr. Heute haben sie Probleme, gute Abwehrspieler zu rekrutieren, was wiederum zeigt, wie hoch die Anforderungen geworden sind (und wie sie diese Veränderung verschlafen haben – genauso wie Frankreich).

Im Vereinsfußball spielt Arsenal London ein holländisches System (4-2-3-1) und das gar nicht mal schlecht, wenn man bedenkt, wie jung (und unerfahren) diese Mannschaft im internationalen Geschäft ist. Was ihnen zur europäischen Spitze fehlt ist ein Spitzenstürmer, der die Dinge reinmacht. Wahrlich ein Jammer, dass Henry nach Spanien gegangen ist. Im Übrigen würde ich sagen, dass ManU und Chelsea ein ähnliches Spielsystem haben (deshalb muss ein Shevchenko zu meist auf der Bank sitzen, weil es nur Platz für einen Strafraumstürmer gibt und den Job macht Drogba wohl besser).

Es sieht also danach aus, dass immer weniger Strafraumstürmer gebraucht werden (aber wenn sie zum Einsatz kommen, hängt sehr viel an ihnen), dafür geht die Anforderung an die Verteidiger, sich in die Offensive einzuschalten und an die Mittelfeldspieler, auch den Torabschluss zu suchen, wie man bei Robben, van der Vaart, Snejder, Arshavin, Ballack, Podolski, Srna, Ronaldo usw. gut gesehen hat.

Sieht so aus, als würden viele Stürmer umlernen müssen (das Arbeitsamt bietet noch keine Umschulungen an, soweit ich weiß). Ja, wenn Luca Toni im Nationalteam weiterhin alle Torchancen vernebelt, dann wird er sich bald neben Materazzi einfinden. Ein paar Tätowierungen bräuchte er aber noch.