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EM 2016: Spieltag 5

EM-2016-Spieltag5

Spieltag 5 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

ÖSTERREICH : UNGARN 0:2

Was sagt man dazu? Der Favorit verliert gegen den Underdog ziemlich klar. Was mag in dem Spiel der Österreicher nur falsch gelaufen sein? Besser, man fragt sich: Was ist dem Team eigentlich in den 90 Minuten gelungen? War es am Ende einfach ein Zeichen der Fußballgötter, die die Anmaßung und Überheblichkeit österreichischer Fans und Funktionäre und Presseleute strafen wollten? Es sieht ganz so aus.

Dabei hatte alles wie im Märchen begonnen. Fulminanter Start der Österreicher. Es war noch nicht mal eine Minute gespielt, da knallt David Alaba den Ball an die Stange. Gut, sagte sich der Zuseher, das ist ein Ausrufezeichen und es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis wir den ungarischen Betonmischern ein Tor machen. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Weil sich die Ungarn mit Kampfkraft und Disziplin gegen die erste Angriffswelle der Österreicher stemmten. Weil sich ausgerechnet Junuzovic unglücklich verletzte und später ausgetauscht werden musste. Weil Alaba die Spielmacherrolle nicht mal im Ansatz ausfüllen konnte. Weil sich der sonst so ruhige Dragovic von der Nervosität der restlichen Spieler hat anstecken lassen. Weil Harnik – wie schon in den letzten Spielen – die fehlende Spielpraxis nicht kompensieren konnte. Weil  die Einwechselspieler Sabitzer, Okotie und Schöpf mehr Verschwächung denn Verstärkung waren. Weil die österreichischen Spieler wieder in den längst überwunden geglaubten aufgeschreckten Hühnerhaufenmodus schalteten. Weil niemand in der Mannschaft diesen Hühnerhaufen hätte beruhigen können (Ach, warum hatte man Stranzl nicht auf Händen und Knien gebeten, doch noch für die EM aufzulaufen?). Weil das unglückliche Foul von Dragovic nicht nur zu seinem Ausschluss, sondern auch noch zur Aberkennung des Ausgleichs von Hinteregger führte. Weil Arnautovic laufend in die ungarische Beißzange genommen wurde und er so seine Technik nicht auf den Rasen bringen konnte. Weil die Ungarn mit gesunder Härte den Österreichern die Schneid abkauften. Weil der tiefe Boden jedes schnelle Spiel bremste und das bereits ungenaue Zuspiel der Österreicher noch ungenauer machte.

Kurz und gut: Nichts, aber auch gar nichts lief gestern für die Österreicher und alles für die Ungarn. Okay, Baumgartlinger, wie sonst auch immer, rackerte sich die Stollen ab und versuchte wenigstens, dagegen zu halten. Auch war es nicht die Schuld von Dragovic, dass er die zweite gelbe Karte sah – eher hatte hier der schwache Schiedsrichter überreagiert.

That’s football. You’re riding high in April the qualification, shot down in EURO 2016, sozusagen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns Tor- und Punktelos von der EM verabschieden, ist nach der gestrigen starken Vorstellung sowohl der Portugiesen als auch der Isländer ziemlich hoch. Es sei denn, es gäbe bis Samstag eine wundersame Leistungssteigerung gepaart mit mentaler Entschlossenheit. Im Fußball, wie wir wissen, ist alles möglich und die Hoffnung stirbt zuletzt. Freilich, Glück muss man schon haben. Und mit all dem Pech (gut, zuweilen war es auch Unvermögen), das den Spielern förmlich auf ihren Schussstiefeln klebte, könnte man glatt eine ganze WM-Qualifikation verlieren.

Vielleicht hätte die Mannschaft nach der Verletzung von Spielmacher und Taktgeber Junuzovic in der 16. Minute einen Gang zurückschalten und aus einer gesicherten Defensivposition heraus den Ungarn mit Nadelstichen weh tun sollen. Weil, je länger die Nullnummer gestanden wäre, desto ballsicherer und damit torgefährlicher wären die Österreicher geworden. Vielleicht war es am Ende der fixe Glaube, man könne mit der hopp-oder-dropp-Brechstange ein spielschwächeres Team auseinandernehmen, der die Niederlage heraufbeschwor. Weil all die bisherigen Spiele dieser EM das genaue Gegenteil gezeigt haben: Für die favorisierten spielstärkeren Teams brauchte es vor allem Geduld, Ausdauer, Disziplin und das Quäntchen Glück, um drei Punkte aus einem Match mitzunehmen.

Wenn man eines positiv herausstreichen kann, dann ist es, dass Geheimfavorit Belgien ebenfalls im ersten Spiel mit 0:2 unterlag. Und wenn man den Belgiern noch den Aufstieg zutraut, warum nicht auch den Österreichern? But I know I’m gonna change that tune. When I’m back on top, back on top in June, sozusagen.

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PORTUGAL : ISLAND 1:1

Was sagt man dazu? Der Favorit erreicht gegen den Underdog nur ein Unentschieden. Dabei hätten die Torchancen der Portugiesen gereicht, zwei oder drei Spiele zu gewinnen. Auf der anderen Seite muss man den Isländern zugutehalten, dass sie sich nicht versteckt und ihre Torgefährlichkeit das eine oder andere Mal unter Beweis gestellt haben. Gegen Portugal ein Tor zu erzielen ist bitteschön keine Kleinigkeit. Respekt. Die Portugiesen wiederum konnten ihre Leistung als Mannschaft abrufen und haben gezeigt, dass sie sich gegen eine körperlich äußert robuste Mannschaft mit einstudiertem Defensivkonzept nicht die Spielfreude nehmen lassen. Auch wenn sich das 1:1 wie eine Niederlage für Ronaldo & Co anfühlen muss, so dürfen wir nicht vergessen, dass die nächsten Gegner Österreich und Ungarn heißen – Stolpersteine sind die beiden Mannschaften für die Portugiesen keine.

Island hat mich positiv überrascht. Andererseits durfte man schon einiges von ihnen erwarten, ließen sie doch in der EM-Qualifikation die Türken und Niederländer hinter sich und erreichten den zweiten Platz, knapp hinter Tschechien. Was mir besonders an den Isländern gefallen hat, war das Selbstvertrauen und die Körpersprache, die sie gegen Favorit Portugal an den Tag legten. Man merkte, dass hier eine eingeschworene Truppe am Platz stand und jeder Spieler genau wusste, was er zu tun hatte. Aus österreichischer Sicht einfach nur beneidenswert.

EM 2016: Spieltag 3

EM-2016-Spieltag3

Spieltag 3 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

TÜRKEI : KROATIEN 0:1

Von Beginn an zeigten die Kroaten, dass sie gewillt waren, das Spiel gegen die Türken zu machen. Aber es brauchte eine Weile, bis die Nervosität aus den Köpfen und Beinen der Spieler vertrieben werden konnte. Die kroatische Mannschaft presste, drückte, rackerte, gab keinen Ball verloren; die Türkei wirkte eingeschüchtert und ratlos. Srna, einer der besten Außenverteidiger, legte seine Rolle wie gewohnt offensiv an – beinahe könnte man glauben, er hätte die Position eines Flügelstürmers eingenommen. Von seiner rechten Seite kamen oftmals die hohen Flanken in den Strafraum. Überhaupt schien es das Rezept der Kroaten zu sein: Flügellauf, hohe Flanke hinein und hoffen, einen guten Kopfball anbringen zu können. Aber die Abwehr der Türken klärte mit Köpfen und Füßen. Minuten vor dem Halbzeitpfiff war es dann eine missglückte Klärung eines Türken, die Modric zwanzig Meter vor dem Tor zu einem brachialer Volleyschuss einlud. Und weil Torhüter Volkan Babacan wie ein Bahnschranken umfiel – man vergleiche die gestrige Überreaktion des russischen Torhüters Akinfeev, der einen ähnlichen Hammer von Rooney entschärfen konnte – hieß es 1:0 für Kroatien.

In der zweiten Halbzeit machten die Kroaten weiterhin das offensive Spiel, dachten nicht daran, sich zurückzuziehen und die Defensive zu verstärken. Zugegeben, die Türken strahlten kaum Gefahr aus – obwohl, hin und wieder blitzte ein gelungenes Kombinationsspiel auf, aber vor dem Strafraum war zumeist Endstation. Auf der anderen Seite hatten die Kroaten auch noch drei Lattenschüsse und mehrere gute bis sehr gute Chancen, den Sack zuzumachen. Der Sieg der Kroaten war sicherlich verdient, darüber wird wohl niemand zweifeln. Die einzig offene Frage ist die: Sind die Kroaten so gut gewesen oder die Türken so schwach? Vermutlich liegt die Antwort irgendwo dazwischen.

Ob die Taktik der Kroaten – hohe Flanke in den Strafraum und hoffen – auch in den nächsten beiden Spielen gegen Spanien und Tschechien funktioniert, wird sich weisen. Aber die Mannschaft hat das spielerische Potenzial, mit Direktspiel, Dribblings und Lochpässen jeden Gegner in Bedrängnis zu bringen. Einsatz und Wille sind jedenfalls bei den Kroaten reichlich vorhanden – summa summarum ist mit den Kroaten bei dieser EM zu rechnen – so lange sich nicht einer der Schlüsselspieler verletzt. Die Ersatzspieler haben nämlich bei weitem nicht die Qualität der Stammspieler.

Die Türken haben wenig gezeigt und nicht überzeugt. Bezeichnend, dass Superstar Arda Turan vorzeitig ausgewechselt wurde und Trainer Fatih Terim zwanzig Minuten vor Schluss sogar die junge Hoffnung Emre Mor ins Feuer schickte. Man möchte es nicht glauben, aber diese Einwechselung löste tatsächlich einen Ruck in der türkischen Mannschaft aus. Ist es ein Zeichen für die kommende Aufstellung? Wie dem auch sei, fest steht, wenn sich Fatih Terims Spieler nicht steigern können, werden sie die Gruppenphase nicht überstehen. Aber wenn ich eines gelernt habe, dann ist es, dass man die Türken nie abschreiben sollte.

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POLEN : NORDIRLAND 1:0

Gähn. Also, das war ja wohl ein lauer Sommerkick. Jedenfalls bis zum Führungstreffer der Polen in der 51. Minute. Bis dahin versuchten die Nordiren nur bloß kein Tor zu bekommen. An eines zu schießen, nein, daran dachten sie nicht. Ich fragte mich ja klammheimlich, wie es die Nordiren überhaupt zur EM schafften und siehe da, sie gewannen (!) die Gruppe F und ließen Mannschaften wie Rumänien, Ungarn und Griechenland hinter sich. Mit anderen Worten: die nordirische Mannschaft dürfte sehr wohl wissen, wie man Tore schießt. Ob sie es in den nächsten beiden Spielen zeigen werden, wird man sehen. Spielerisch darf man jedenfalls nicht viel von ihnen erwarten und über den Einsatz allein wird es mit Sicherheit nicht gehen. Die Polen wiederum versuchten von Anfang an die Entscheidung herbeizuführen – gar nicht einfach, da die Nordiren mit Mann und Maus die Räume dicht machten und sich gegen die Angriffe stemmten. Wirklich gefordert waren die Polen eigentlich nie. Deshalb wird erst die nächste Partie gegen Deutschland zeigen, was in ihnen steckt. Dass sie in der Lage sind, die Deutschen zu schlagen, wissen wir seit der EM-Qualifikation.

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DEUTSCHLAND : UKRAINE 2:0

Respekt. Die deutsche Nationalelf zeigte gegen die Ukraine einmal mehr, warum sie zum Favoritenkreis gezählt werden muss. Mit dem Selbstvertrauen eines amtierenden Weltmeisters ließen die deutschen Spieler den Ball zirkulieren und setzten die Ukraine in ihrer eigenen Hälfte unter Druck – ohne dabei Angst zu haben, in einen Konter zu laufen. Ein klein wenig erinnerte ihre riskante Spielweise an die legendäre Begegnung bei der WM 2014 gegen Algerien – damals wie gestern standen die Deutschen sehr hoch, versammelten sich beinahe zur Gänze in der gegnerischen Hälfte und zogen ihr Offensivspiel auf. Aber während Algerien mit äußerst gefährlichen Konterangriffen die Deutschen an den Rand einer Niederlage bringen konnte, war die Ukraine dann doch zu eingeschüchtert, zu verhalten und wirkte zuweilen wie die Maus vor der Katze. Gut möglich, dass der recht frühe Führungstreffer in der 20. Minute – nicht aus dem Spiel heraus, sondern durch eine Standardsituation – die ukrainische Mannschaft aus dem Konzept brachte. Mit dem 1:0 im Rücken konnten die Deutschen natürlich noch befreiter, noch sicherer auftreten, während die Ukrainer Mühe hatten, den Laden zusammenzuhalten.

Nun mache man aber nicht den Fehler, zu glauben, es wäre für die deutsche Elf ein Spaziergang gewesen. Mitnichten! Die erste Chance hatte die Ukraine – der Volleyschuss wurde von Torhüter Neuer – wie so oft ein Fels in der Brandung – abgewehrt. Und nach dreißig Minuten leckten die Ukrainer Blut und setzten die deutsche Hintermannschaft das eine oder andere Mal sichtlich unter Druck. Hier liegt dann wohl der Hase im Pfeffer. So überragend die Deutschen in der Offensive und bei Ballbesitz agierten, die Defensive zeigte Nerven, übte sich im Schwimmen und konnte den Gegner im Strafraum kaum bändigen. So kam die Ukraine beinahe zu ihrem Tor – aber eine spektakuläre Rettungsaktion von Boateng auf der Linie, eine Abseitsstellung sowie ein toller Reflex von Neuer verhinderten den Ausgleich. Dass der EishockeyBodycheck von Neuer gegen Selesnjow im Strafraum nicht geahndet wurde, nun, müssen wir wohl als eine glückliche Fügung für die Löw-Truppe abhaken.

Oberflächlich betrachtet könnte man bereits zur Feststellung gelangen, dass die Deutschen bereits Europameister sind. Bedenkt man, dass beispielsweise Müller, Götze oder Özil nur eine unterdurchschnittliche Form an den Tag legten, dass Draxler, Höwedes und Hector nicht sonderlich in Erscheinung traten, dann kann man sich vorstellen, was die deutsche Elf mit einem fitten Hummels in der Abwehr, mit einem fitten Schweinsteiger im Mittelfeld und mit einem torgefährlichen Gomez im Sturm zu leisten im Stande wäre. Vorausgesetzt Neuer, Boateng, Kroos und Khedira halten die gezeigte Topform.

Die kommende Begegnung mit Polen wird Aufschluss geben, wie stark die deutsche Elf tatsächlich ist – die Ukraine, das sollten wir nicht vergessen, hatte sich eigentlich nur mit Müh und Weh qualifiziert. Trotzdem ertappe ich mich auch jetzt wieder, bereits darüber nachzudenken, welcher Gegner den Deutschen überhaupt Paroli bieten würde können. Nicht auf spielerischem Niveau, versteht sich, sondern im selbstbewussten Auftreten. Frankreich und England scheiden hier schon mal aus. Bleiben nur die üblichen Verdächtigen: Spanien und Italien. There is nothing new under the sun.

Ach ja, eines noch. Könnte der DFB Joachim Löw nicht einen Herren von Knigge zur Seite stellen, der darauf acht gibt, dass sich der Trainer nicht vor aller Welt blamiert?

 

 

WM2014: Resümee der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien – Teil 1

WM2014_Gedankliches_1Die Weltmeisterschaft 2014 ist endgültige Geschichte. Wie bereits bei den letzten großen Fußballturnieren – EM 2008, WM 2010 und EM 2012 – versuche ich mich auch diesmal an ein Resümee. Einfach ist es freilich nicht, muss man doch so viele Eindrücke und Überlegungen auf den springenden Punkt bringen. Gesehen, die Fußballspiele, habe ich sie alle. Im Gedächtnis hängen geblieben sind natürlich immer nur Ausschnitte.

Gleich vorweg: Viele Tore in einem Fußballturnier machen es nicht automatisch zu einem guten oder gar „dem besten“. Es gibt Nullnummern, die begeistern, knappe Siege mit nur einem Tor, die dramatischer nicht sein können. Deutschlands Gruppenspiel gegen Portugal (4:0) hat mich nicht sonderlich mitgerissen, während Deutschlands Achtelfinalspiel gegen Algerien (0:0) mich förmlich vom Hocker haute. Und das ist es, um was es mir vor allem geht: Dramatik. Ein Fußballspiel kann uns etwas über Sieg und Niederlage am Rasen und im Leben erzählen, wie man gegen das Schicksal und die Aussichtslosigkeit ankämpft, wie man seinen Mann steht und seine Würde behält oder verliert. Das Spiel, wenn man so will, wird zum Spiegelbild des Lebens. Kein Wunder also, dass sportliche Wettkämpfe die zivilisierte Menschheit seit jeher in den Bann gezogen haben und weiterhin ziehen werden. Fein, fein. Da bei Großereignissen viel Ehr, aber noch mehr Geld im Spiel ist, liegt es auf der Hand, dass Korruption und Manipulation nie gänzlich ausgeschlossen werden können, aber das ist eine andere Geschichte, die ich hier nicht erzählen möchte.

Die deutsche Mannschaft unter Trainer Joachim Löw ist Fußballweltmeister 2014. Ist Deutschland verdient Weltmeister geworden? Ja, ich denke schon. Die Gründe für den Erfolg sind gar nicht so sehr in den WM-Spielen selbst zu finden, als  vielmehr in der nun Früchte tragenden Nachwuchsarbeit, die um 2000 generalstabsmäßig in Deutschland implementiert wurde. Wenn man weiß, welche Meister die Deutschen beim Organisieren sind, könnte den anderen großen Fußballverbänden bald schwarz-rot-gold vor Augen werden. Ein Blick auf die Talente, die dieses System nun beinahe monatlich anspült, ist beachtlich und die deutschen Vereine, die bei den Fans groß angeschrieben sind, zeigen eins ums andere, wie man schlagkräftige Teams aus jungen talentierten Spielern macht. Bestes Beispiel dafür ist sicherlich der BVB Dortmund, der in der Saison 2010/11 überraschend mit jungen und unbekannten Spielern den Meistertitel holte. Neben der Nachwuchsarbeit ist es wohl der europäische Spitzenverein Bayern München, der maßgeblich am Erfolg der Nationalmannschaft beteiligt ist, sind doch sieben Bayern-Spieler im Kader der Nationalelf: Neuer, Boateng, Lahm, Schweinsteiger, Kroos, Götze, Müller. Podolski und Klose sind Ex-Bayern-Spieler. Es ist deshalb kein Wunder, dass die deutsche Nationalelf während der WM so gut harmonierte und etwaige Tiefschläge gut wegsteckte. Weiters konnten sich die Bayern-Spiele seit April auf die Weltmeisterschaft vorbereiten, da bereits zu diesem frühen Zeitpunkt der Verein als Meister feststand. Im Gegensatz dazu mussten die Spieler von Barcelona und Real Madrid bis zur letzten Minute in Meisterschaft bzw. Championsleague an ihre Grenzen gehen. Das mag auch der Grund sein, warum ein Lionel Messi, Christiano Ronaldo oder die spanische Mittelfeldachse mit Xavi, Alonso, Iniesta müde und ausgelaugt wirkten, während die Bayern-Spieler, wie Robben, Müller oder Lahm, unglaubliche Laufleistungen an den Tag und auf den Rasen legten.

Ob Deutschland wegen oder trotz Joachim Löw den Weltmeistertitel holen konnte, ist für mich nicht eindeutig zu beantworten. Fakt ist, dass er vor allem dann goldrichtig die Formation umstellte, wenn er durch äußere Ereignisse dazu gezwungen wurde. Für mich steht außer Frage, dass es die Bayern-Spieler waren, die maßgeblichen Anteil am Erfolg hatten. Real Madrid Spieler Özil (müde) und der Schalker Höwedes (überfordert), die beide auf der linken Seite eingesetzt wurden, fanden nie wirklich ins Spiel – vielleicht ließ man sie auch nicht mitspielen. In jeder Sandkiste gibt es bekanntlich eine Hackordnung – und es ist der Trainer, der dies einigermaßen auszugleichen hat („Toni, jetzt gib doch dem Mesut auch mal das Schauferl!“). Ob Löw dafür die Autorität besitzt, wage ich zu bezweifeln. Eher sieht es für mich aus, dass er von den Ereignissen mitgerissen wird und er nur vorgibt, was sich längst abgezeichnet hat. Andererseits, der Erfolg gibt jedem Trainer recht und es werden die nächsten Herausforderungen zeigen, ob er diesen gewachsen ist.

Argentinien Anfänglich hat mich die argentinische Elf verärgert, weil sie unansehnliche Spiele ablieferte und es vorrangig Lionel Messi war, der durch Einzelaktionen die Entscheidung in den jeweiligen Gruppenspielen und im Achtelfinale herbeiführte. Aber das Halbfinale gegen die Niederlande und das Finale besänftigten mich dann doch wieder, weil man merkte, dass sie sich steigerten und – vor allem im Defensivbereich – Herz zeigten. Auch darf man nicht vergessen, dass alle Gegner Beton anrührten und versuchten, Messi aus dem Spiel zu nehmen. So gesehen war das Finale wohl das einzige Spiel der argentinischen Nationalmannschaft mit einem offensiv eingestellten Gegner. Es hätte nicht viel gefehlt und Argentinien wäre Weltmeister geworden – aber Higuain, Messi und Palacio ließen jeweils einen Sitzer aus. Und hätte der Schiedsrichter Neuers Sprungattacke gegen Higuain nicht mit Ausschluss und Elfmeter ahnden müssen? Darüber herrscht in Fachkreisen, wie so oft, Uneinigkeit – je nach dem, ob man Argentinien oder Deutschland als Weltmeister haben wollte. Man fragt sich auch, wie Argentinien gespielt hätte, wären die Offensivkräfte – und vor allem Messi – fit und in Form gewesen. Ich weiß, eine müßige Frage. Wie dem auch sei, man muss dem Team für die Leistung Respekt zollen.

Niederlande Als die Niederländer vor vier Jahren, im WM-Finale gegen Spanien, das Fußballspiel zu einem Kampfsport erhoben, war ich ziemlich säuerlich auf die Oranjes zu sprechen. Aber es war nicht nur das Finalspiel, sondern vor allem die Art und Weise, wie sich die niederländische Elf in das Endspiel förmlich schummelte. Bei dieser WM, Gott sei’s gedankt, versuchte sie wieder Fußball zu spielen – auch wenn mir die Taktik von van Gaal nicht sonderlich gefiel: Beton anrühren, warten und hoffen, dass Robben (oder van Persie oder Sneijder) ein Tor macht. Holländischer Offensivfußball war gestern, Effizienz und Risikolosigkeit ist heute. Robben gehört unbestritten zu den herausragendsten Spielern des Turniers. Würde er auch noch die Schwalbentänze und dieses theatralische Gehabe nach einem Foul sein lassen, er würde zu den Größten zählen. Die holländische Nationalelf wird sich bald mit der Frage auseinandersetzen müssen, wie es in Zukunft nach Robben, van Persie und Sneijder weitergehen wird. Der Nachwuchs wird im Land freilich gehegt und gepflegt – aber der Pool, aus dem gefischt werden kann, ist nun mal nicht groß – und wie hoch sind die Chancen einen neuen Cruyff, Bergkamp, van Basten, Kluivert, Robben oder van Persie zu finden? Eben.

Brasilien Ach du Schande. Die Mannschaft von Trainer Scolari ist eines der größten Mysterien dieser Weltmeisterschaft. Die Demütigung vor eigenem Publikum, das erste Mal gegen Deutschland (7:1), das zweite Mal gegen die Niederlande (3:0), ist nicht zu begreifen. Zuvor schaltete die Elf mit Chile und Kolumbien zwei der spielstärksten Mannschaften aus, rangen in der Gruppenphase Kroatien (zugegeben, nur mit Schiedsrichterhilfe) nieder und hätte gegen Mexiko beinahe gewonnen. Jenes Mexiko, welches im Achtelfinale  der Niederlande größte Schwierigkeiten bereitete. Ist das Implodieren der Seleção im Halbfinale und im kleinen Finale nur mit dem Ausfall von Neymar zu erklären? War Neymar dieser eine wichtige Schlussstein, der – unter Spannung und Last – eine Konstruktion zusammenhält? Ließen sich Chile und Kolumbien zu sehr vom Rundherum blenden? Waren sie zu eingeschüchtert, um ihr Spiel zu spielen? Gewiss, im Viertelfinale legten die Brasilianer eine härtere Gangart ein und versuchten auf diese Weise das Kombinationsspiel der Kolumbianer zu zerstören. Aber reicht das alleine aus, um zu gewinnen, bei einer Weltmeisterschaft? Die Zertrümmerung der Brasilianer durch die deutsche Elf hat diese Weltmeisterschaft ad absurdum geführt. Es scheint, als könnte eine, pardon, Wirtshausmannschaft mit einem Superstar wie Neymar bis ins Halbfinale einer Weltmeisterschaft vordringen. Wie kann das sein? Vielleicht ist die Antwort einfach jene, dass Fußball zu aller erst im Kopf entschieden wird. So lange die Spieler der Seleção an ihre „Unverwundbarkeit“ glaubten, konnten sie die anderen täuschen und Spiele für sich entscheiden. Aber als sich dieser Glaube mit dem Ausfall von Neymar und dem zweiten schnellen Gegentreffer der Deutschen in Luft auflöste, gab es nichts mehr, was sie retten hätte können. Kurz und gut, Trainer Scolari hatte versagt. Er hätte den (richtigen) Spielern nicht nur den Glauben vermitteln sollen, sondern auch ein geeignetes Spielkonzept. Wie es beispielsweise Fred oder Jô in die Formation schafften, bleibt ein Rätsel. Genauso die Weigerung von Scolari, die beiden brasilianische Spieler des spanischen Meisters Athletico Madrid einzuladen (Miranda, Filipe). Jetzt, mit neuem Trainer, braucht es einen radikalen Neuanfang. Wir dürfen gespannt sein, wie sich in naher Zukunft die neue Seleção präsentieren wird.

Fortsetzung folgt …

 

Was wäre wenn?

Mit ein wenig Phantasie könnte man sich eine Weltmeisterschaft vor Augen führen, die wirklich und wahrhaftig sensationell gewesen wäre. Natürlich ist diese Auswahl rein subjektiv und jeder ist eingeladen, seine eigene Traum-WM in Gedanken zu skizzieren:

Schweiz : Ecuador (2:1) Beim Stand von 1:1 verstolpert Ecuador nicht die große Konterchance, sondern nutzt diese eiskalt aus. Resultat: Ecuador, nicht die Schweiz, steigt ins Achtelfinale auf.

Griechenland : Elfenbeinküste (2:1) In der letzten Minute, beim Stand von 1:1, getraut sich der Schiedsrichter keinen Elfmeter für Griechenland zu geben. Resultat: Elfenbeinküste, nicht Griechenland, steigt ins Achtelfinale auf.

Achtelfinale Brasilien : Chile (1:1  3:2 n. E.) Der Schuss des chilenen Pinillas in der 120. Minute geht nicht an die Latte, sondern ins Tor! Resultat: Chile, nicht Brasilien, steigt ins Viertelfinale auf.

Achtelfinale Niederlande : Mexiko (2:1) Der Schiedsrichter pfeift nicht Elfmeter für die Niederlande, sondern lässt weiterspielen. Resultat: Verlängerung mit einem unwahrscheinlichen, aber möglichen Sieg Mexikos und dem damit verbundenen Aufstieg ins Viertelfinale.

Achtelfinale Deutschland : Algerien (2:1 n. V.) Der algerische Stürmer Slimani lässt in der 9. Minute Torhüter Neuer durch einen angetäuschten Schuss ins Leere fahren. Resultat: Führungstreffer für Algerien, ein für längere Zeit verunsicherter Neuer und der Aufstieg Algeriens ins Viertelfinale. Man stelle sich vor, eine euphorisches Algerien trifft auf Rivale Frankreich. Dieses französische Derby würde die Grande Nation in einen Ausnahmezustand versetzen. Großes Kino!

Achtelfinale Belgien : USA (2:1 n. V.) Der amerikanische Stürmer Wondolowski schießt nicht der letzten Minute der regulären Spielzeit alleinstehend den Ball übers, sondern ins Tor. Resultat: Die USA, nicht Belgien, steigen ins Viertelfinale auf.

Finale Deutschland : Argentinien (1:0 n. V.) Torhüter Neuer wird nach der Sprungattacke gegen Higuain ausgeschlossen und Messi verwandelt den für das Foul ausgesprochenen Elfmeter in der abgeklärt kaltschnäuzigen Manier Zidanes. Resultat: Argentinien wird Weltmeister, Neuer der Buhmann der deutschen Nation und Messi der Liebling der Massen.

5 Jahre später – des Eigenverlegers rückblickende Vorschau

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das Ouevre des Herrn B.

Am 29. Februar 2008 war es, ein Schaltjahr, wie man am Datum gut erkennen kann, als ich mein erstes Eigenverlagsbuch mit ISBN/VLB offiziell der Öffentlichkeit im Wiener MQ präsentierte. Ein kurzer Videoclip zeigt das Davor und Danach, mit einer Kostprobe der szenischen Lesung. Es war eine durchaus gelungene Veranstaltung – immerhin war es ein kleiner, unbekannter Eigenverleger, der da mit seinem »vanity«-Buchprojekt seine Eitelkeit befriedigen und es der Welt da draußen zeigen wollte.

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Fünf Jahre später hat sich die Verlagswelt durch das elektronische Buch ein klein wenig verändert. So gut wie jeder ist nun in der Lage, seine Schreibe zu publizieren. War das nicht der Traum aller Philosophen des 17. und 18. Jahrhunderts? Zu lesen und gelesen zu werden. Überall und immerdar? Als ich mit der Tiret-Saga begann, wusste ich noch nicht, wohin mich die historische Reise der Französischen Revolution bringen sollte, aber ich wusste bereits damals, instinktiv, dass diese Revolution ein weltgeschichtliches Schlüsselerlebnis war. Freilich, damals war ich im Mainstream-Historismus gefangen. Ich spekulierte vielleicht hie und da über eine alternative Interpretation, aber im Großen und Ganzen akzeptierte ich die überlieferte Geschichtsschreibung. Fünf Jahre später habe ich mich zu einem skeptischen Verschwörungstheoretiker geschrieben. Die Revolution von 1789 hatte in mir eine Saat aufgehen lassen. Gegenwärtig überarbeite ich mein rund 600 Seiten großes Sachbuch Con$piracy und stelle dabei immer wieder fest, wie wenig Sie und meine Wenigkeit, über das Gestern wissen. Ja, wir leben in einer Illusionsblase. Vielleicht ist das auch die einzige Möglichkeit, um nicht gänzlich verrückt oder fatalistisch zu werden. Gottlob gehöre ich einem Wienertum an, das sich nicht unterkriegen lässt. Immerhin hat die Stadt zwei Mal die Türken vor den Stadttoren aufgehalten (gut, vielleicht war es einmal der frühzeitige Wintereinbruch und das andere Mal das polnisch-deutsche Entsatzheer) und sowohl der Pest, als auch der sowjetischen Besatzung und dem amerikanischen Bombardment standgehalten. Sie dürfen gerne wählen, welches das geringere Übel ist. Sie sehen, die Menschheit hatte und hat immer die Wahl. Sozusagen.

Literarische und gestalterische Früchte in 9 Jahren (3)

literarische Früchte - angesetzt und tlw. geerntet in 9 Jahre

Zu guter Letzt dürfen in einem Rückblick die Früchte des langwierigen Tuns nicht fehlen. Oft hat man ja den Eindruck, man hätte den ganzen langen lieben Tag nur vor sich hingeträumt und in die Luftschlösser gestarrt. Deshalb ist es immer wieder notwendig, das Geleistete aus dem Archiv zu holen und auf die Bühne zu stellen. Wenigstens für einen Blog-Beitrag, der sich mit dem literarischen, verlegerischen und gestalterischen Gestern beschäftigt. Wer die letzten beiden Einträge zum selbigen Thema verpasst hat, bitte sehr: Teil 1 und Teil 2

Weiterlesen?