Schlagwort-Archive: rumänien

EM 2016: Spieltag 10 – Entscheidung Gruppe A

EM-2016-Spieltag10

Spieltag 10 der Europameisterschaft in Frankreich 2016
Entscheidung Gruppe A

SCHWEIZ : FRANKREICH 0:0

Die Zusammenfassung der Begegnung zeigte, dass Frankreich über 90 Minuten die spielbestimmendere Mannschaft war. Zwei Stangenschüsse – davon ein Volley-Hammer von Payet und ein aus dem Fußgelenk geschüttelter Kracher von Pogba – und die eine oder andere gute Abwehr von Torhüter Sommer unterstreichen die französische Dominanz. Frankreich sicherte sich mit diesem Unentschieden den ersten Platz der Gruppe A, gefolgt von der Schweizer Nationalmannschaft auf Platz 2, die im Achtelfinale auf den Zweiten der Gruppe C stößt – so es keine irische oder ukrainische Überraschung gibt, dürfte die Schweiz gegen Polen bzw. Deutschland ihr Spielglück versuchen.

.

RUMÄNIEN : ALBANIEN 0:1

Hui, das war ja ein ordentlicher Schlagabtausch. Beide Mannschaften, die in den bisherigen zwei Gruppenspielen mit einer starken Defensivleistung glänzten, mussten diesmal alles auf eine Karte setzen – nur ein Sieg würde den möglichen Aufstieg bedeuten. Waren es anfänglich die Rumänen, die das Spiel kontrollierten, kamen die Albaner immer besser in Schwung. Überhaupt traten die albanischen Spieler selbstbewusster und motivierter auf als ihre rumänischen Gegenspieler. Bewundernswert, wie beide Mannschaften dagegen hielten, wie beide Mannschaften den Weg zum Tor suchten – freilich ohne die Abwehr gänzlich zu entblößen. Die erste Riesenchance vergab der Albaner Ermir Lenjani – wie er es schaffte, aus wenigen Metern den Ball nicht ins, sondern über das leere Tor zu schießen, bleibt ein großes Rätsel. Aber wenn so viel auf dem Spiel steht, mag es nicht verwunderlich sein, wenn  Nerven und Beine flattern. Auf der Gegenseite war es nicht besser. Schlimmer noch, Goalie Ciprian Tatarusanu, der in der italienischen Serie A das Tor des AC Florenz hütet, schätzte eine Flanke Minuten vor dem Pausenpfiff falsch ein und Sadiku köpfte an ihm vorbei ins lange Eck. Die Albaner waren völlig aus dem Häuschen. Der Führungstreffer ließ sie nun befreit aufspielen, ja, sie zeigten sogar die eine oder andere Lässigkeit im Zusammenspiel. Vor allem aber ärgerten sie die Rumänen mit einer überaus disziplinierten Abwehrleistung und mit schnell vorgetragenen Gegenangriffen. Die rumänische Mannschaft konnte in der zweiten Halbzeit nur selten für längere Zeit den nötigen Druck erzeugen – immer wieder verschafften sich die nicht müde werdenden Albaner mit kontrolliertem Angriffsspiel Luft. Aber eine Viertelstunde vor Schluss hätte es dann doch beinahe im Tor der Albaner geklingelt – Andone konnte sich mit einem schönen Dribbling in eine gute Schussposition bringen und hämmerte den Ball an die Latte. Ja, wäre den Rumänen hier der Ausgleich gelungen, das Spiel hätte jeden Tatort an Spannung in die Tasche gesteckt. Nach dieser vergebenen Torchance merkte man, dass die Rumänen nicht mehr an einen Sieg glaubten – auch wenn sie bis zum Schlusspfiff tapfer kämpften.

Die albanische Mannschaft ist ein kleines Fußballwunder. Die Favoriten Frankreich und Schweiz taten sich schwer gegen die disziplinierte Defensivleistung der Albaner – neben Island und Rumänien gehörte sie zum Besten, was diese Europameisterschaft zu bieten hat. Neben Disziplin und Ordnung ist Technik und Zusammenspiel der albanischen Spieler hervorzuheben – alles in allem eine ausgewogene Mannschaft, deren einzige Schwäche die miserable Chancenauswertung ist. Ob am Ende die drei Punkte für den Aufstieg ins Achtelfinale reichen werden, wird sich zeigen. Ich würde es jedenfalls der Mannschaft von Trainer Giovanni De Biasi wünschen, so aufopfernd sie gespielt und dagegengehalten haben.

 

 

EM 2016: Spieltag 6

EM-2016-Spieltag6

Spieltag 6 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

RUSSLAND : SLOWAKEI 1:2

Vielleicht sollten die russischen Spieler ein Schusstraining bei Marek Hamšík absolieren. Während sein erster Schuss knapp neben das Tor strich, schlug sein zweiter ein wie ne Granate. Obwohl seine Schussposition an der linken Straufraumbegrenzungslinie gar nicht sonderlich ideal war, hämmerte er den Ball ins lange Kreuzeck. Muss man gesehen haben. Herrliche Schusstechnik. Etwa eine Viertelstunde früher setzte er Mitspieler Weiss mit einem langen Ball perfekt in Szene. Dass sich dabei die beiden russischen Innenverteidiger wie Schülerligabuben anstellten, zeigt einmal mehr, dass auch Fußballprofis nie gänzlich erwachsen werden. Weiss zirkelte jedenfalls den Ball ins lange Tormanneck. Führungstreffer. Gegen den Spielverlauf. Zwar übten sich die Russen im Verstolpern von Offensivaktionen und Torchancen, trotzdem hatten sie bis dahin mehr vom Spiel. Aber Ballbesitz kauft keinen Europameistertitel – die spanische Ausnahme bestätigt natürlich diese Regel.

In der zweiten Halbzeit – mit zwei Toren im Hintertreffen – versuchten die Russen noch mehr Offensivdrang zu entwickeln. Aber so oft sie auch in den Strafraum an den Ball kamen, irgendwie wirkte der Abschluss stümperhaft. Zwar wirkte die slowakische Abwehr zuweilen nicht gerade sattelfest, aber vor diesen Russen mussten sie sich nicht fürchten. Erst als Glushakov 10 Minuten vor Schluss doch noch der Anschlusstreffer gelang – nicht mit dem Fuß, versteht sich, sondern mit Köpfchen – gerieten die Slowaken ordentlich durcheinander. Mit angezogener Handbremse versuchten sie die Zeit runter zu spielen – ein Konzept, das bereits bei den Engländern ziemlich in die Hose ging. Dass es diesmal doch nicht mehr für den russischen Ausgleich reichte, dürfte am Ende dem schusstechnischen Unvermögen der Sbornaja zu verdanken sein. Ich gehen jetzt mal davon aus, dass sie einfach einen schlechten Tag hatten und im nächsten Spiel, gegen Wales, können sie beweisen, was in ihren Füßen steckt.

Die Slowaken überließen von Beginn an den Russen den Platz und warteten geduldig auf ihre Konterchance. Wie man sieht, ein durchaus praktikables Rezept, vorausgesetzt, man hat einen Hamšík in den eigenen Reihen. Im Großen und Ganzen haben die Slowaken nicht sonderlich überzeugt. Dass sie in der Lage sind, schnelle und flüssige Kombinationen zu spielen, haben sie hin und wieder aufblitzen lassen. Aber zumeist begnügten sie sich mit schnellen Vorstößen, ohne dabei ihr defensives Mittelfeld zu entblößen. Man darf gespannt sein, ob die Engländer in der Lage sein werden, dieses effiziente Konterspiel zu unterbinden. Spannung garantiert.

.

RUMÄNIEN : SCHWEIZ 1:1

Den erhofften Schlagabtausch gab es dann doch nicht. Weil beide Mannschaften mit einem Unentschieden ganz gut leben konnten. Dabei hätte eigentlich der VFL Kosovo respektive die Eidgenossen in den ersten zwanzig Minuten alles klar machen können, aber Haris Seferovic vergab recht leichtfertig zwei Großchancen. Ein dummes Textilfoul im Strafraum – Übeltäter der sonst so erfahrene Stephan Lichtsteiner – führte zum Elfmeter und dem überraschenden Führungstreffer für die Rumänen. Alles in allem gefallen mir unsere westlichen Nachbarn recht gut – auch wenn noch nicht alles rund läuft, merkt man doch, dass die Mannschaft ein taktisches Konzept umsetzt. Zusätzlich haben sie auch noch versierte Techniker in ihren Reihen, die durchaus für eine spektakuläre Einzelleistung gut sind (siehe den seitlichen Scherenschlag von Xherdan Shaqiri: damit hätte er Schweizer Fußballgeschichte schreiben können, aber der Ball ging dann doch in die zweite Etage) und konditionell dürften sie keine Probleme haben.

So wie es aussieht, haben die Schweizer nun gute Chancen das Achtelfinale zu erreichen. Freilich, noch ist nichts in Stein gemeißelt, heißt der letzte Gegner doch Frankreich und bei diesem Namen werden in den Schweizer Köpfen mit Sicherheit unangenehme Erinnerungen wachgerufen. Eine erneut hohe Niederlage können sich die Schweizer jedenfalls nicht leisten, falls sie mit einem zweiten Platz liebäugeln, spielen doch die Rumänen ihr Finalspiel gegen Außenseiter Albanien. Spannend bleibt es allemal und das ist ja das Wichtigste, nicht wahr?

.

FRANKREICH : ALBANIEN 2:0

Die Franzosen sind die neuen Türken der EM 2008. Auch diesmal konnten sie am letzten Drücker, also in den letzten Minuten der Spielzeit, den Sieg fixieren. Eine Stunde lang war es ein Spiel auf Augenhöhe. Wer hätte das gedacht? Ja, die Albaner kämpften beherzt gegen den recht ideenlos wirkenden Favoriten. Erst die Einwechselung von Pogba und Griezmann in der zweiten Hälfte brachte die Wende gegen immer müder werdende Albaner. Deren laufintensives Spielsystem zerrte an Lungen und Beinen. Aber man muss diese albanische Mannschaft gesehen haben, wie sie rackerte, wie sie lief, wie sie sich die eine oder andere Chance erspielte. Bewundernswert! Der italienische Trainer Gianni de Biasi wusste genau, mit welchem Konzept man spielstarke Teams Paroli bieten würde können. Gegen die Schweizer hatte es knapp nicht gereicht – weil der Ausschluss von Kapitän Lorik Cana durch ein dummes Handspiel nach 37 Minuten alle Pläne zunichte machte – und trotzdem, mit einem Spieler weniger, heizten sie den Schweizern immer wieder gehörig ein. Vielleicht, wer weiß, wäre Trainerfuchs de Biasi genau der Richtige für unser Nationalteam, das oftmals ohne Plan und System agiert. Ist es, weil sich einzelne freigeistige Spieler nicht an taktische Vorgaben halten wollen? Darüber wird an anderer Stelle noch zu schreiben sein. Albanien ist jedenfalls für mich eine ausgesprochen positive Überraschung bei dieser EM und erinnert mich bereits ein wenig an die vom bosnischen Trainer Vahid Halihodzic gecoachte algerische Mannschaft der WM 2014, die seinerzeit der Löw-Truppe die Stirn bieten konnte. Übrigens schrieb ich damals, dass der französische Verband Deschamps feuern und an seiner Stelle Halilhodzic engagieren sollte. Gehört hat mich leider – zum Glück? – niemand.

Die Franzosen haben sich mit dem Sieg nun einen Platz im Achtelfinale gesichert. Das nächste Spiel gegen die Schweiz könnte somit zu einem Trainingsspiel werden. Aber wie oft hat man bei Turnieren gesehen, dass jene Mannschaften, die zuvor ein unwichtiges Match herunterspielten und dabei Schlüsselspieler schonten, nicht mehr in den Realitätsmodus schalten konnten, weil die Spannkraft verloren gegangen ist? Bis jetzt haben die Franzosen jedenfalls zwei glückliche Arbeitssiege gegen defensiv ausgerichtete Teams auf ihrem Konto verbuchen können. Noch weiß aber niemand, ob die Equipe Tricolore auch gegen spielstarke und erfahrene Teams bestehen wird können. Erinnern wir uns an die WM 2012, als bereits so mancher Zuschauer die Franzosen als Geheimtipp auf den Lippen hatte, spielten sie doch in der Gruppenphase einen formidablen Fußball. Im Besonderen beeindruckten die fünf Tore gegen die Eidgenossen. Aber das deutsche Nationalteam zeigte den Franzosen im Viertelfinale die Grenzen auf – sang- und klanglos, ohne jemals wirklich ins Spiel zu kommen, mussten sie sich geschlagen geben. Ist die Mannschaft von Didier Deschamps nun reifer, abgeklärter, spielstärker? Ehrlich gesagt, als ein funktionierendes Team sehe ich sie noch immer nicht. Primär ist es die Qualität der einzelnen Spieler, die je nach Tagesverfassung im Alleingang Spiele entscheiden können. Ob es reicht, ein Turnier zu gewinnen, bezweifle ich. Aber noch haben Les Bleus zumindest zwei Spiele Zeit, um als Mannschaft zusammenzuwachsen. On y va.

 

EM 2016: Spieltag 1

EM-2016-Spieltag1

Spieltag 1 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

FRANKREICH : RUMÄNIEN 2:1

Das war sie also, die Eröffnung der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich. Man fragt sich ja klammheimlich, was wohl ein Georges Clemenceau (1841-1929) über die denkwürdige Zeremonie gesagt hätte. Einst schrieb der französische Politiker, dass Amerika, »die Entwicklung von der Barbarei zur Dekadenz ohne Umweg über die Kultur« mache. Anno 2016 können wir festhalten, dass Frankreich die Kultur links liegen lässt und geradeaus in die dekadente Barbarei, vielleicht auch barbarischen Dekadenz läuft. Ich schätze, das Enfant terrible der schreibenden Zunft Louis-Ferdinand Céline (1894-1961) hätte die passenden Worte für die Entwicklung Frankreichs (und damit der westlichen Kulturnationen) gefunden. Dank der benutzerfreundlichen Hetzparagraphen, die in all den aufgeklärten Staaten wie giftige Pilze aus dem Boden schießen, würde er heutzutage natürlich längst mit unzähligen Strafverfahren zum Schweigen gebracht worden sein. Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen, dass es die französische demokratische Republik ist, nicht das Ancien Régime eines Ludwig XV. oder die präsidiale Diktatur eines Charles de Gaulle, die einen Voltaire in die Bastille werfen und dort verfaulen lassen würde. Gewiss, Voltaire kochte sein freimaurerischen Süppchen, das nicht er, sondern andere in späterer Folge auslöffeln mussten. Behalten Sie immer im Hinterkopf, dass in der Historie nichts ist, wie Sie es gelernt, gelesen oder gehört haben.

Kehren wir nun zum runden Leder zurück. Frankreich eröffnete also die Ballzauberei mit dem Spiel gegen Rumänien. Bereits nach wenigen Minuten war es auch für jeden Hobbytrainer augenscheinlich, dass es nur eine Mannschaft war, die mit Routine und Sicherheit am Rasen agierte: die Rumänen konnten die Qualifikation ohne Niederlage und nur mit zwei Gegentreffern abschließen. Während also die rumänische Elf unbeeindruckt ihr spielerisch-taktisches Konzept mustergültig umsetzte, haderte die französische mit sich und der Ausgangssituation und fand deshalb nie wirklich zu ihrem Spiel. Man stelle sich nur mal vor, was in den Köpfen gedacht, in den Bäuchen gefühlt worden wäre, hätte nach vier Minuten Bogdan Stancu den Ball aus wenigen Metern an Torhüter Lloris vorbeigeschoben. Es ist natürlich müßig darüber zu spekulieren – Lloris wehrte ab (besser: er stand goldrichtig) und die französischen Fans – nahe einem Herzinfarkt – konnten erleichtert ausatmen.

Und so wogte das Spiel hin und her. Chancen hüben wie drüben. Vielleicht zollten die Rumänen dem Hausherrn zu viel Respekt, hätten noch mehr Druck, noch konsequenter die Offensive suchen müssen. Andererseits, die Qualität der französischen Spieler, die fanatische Kulisse im Hintergrund und ein Schiedsrichter, der nichts falsch machen wollte, ließen dann doch die rumänischen Nerven flattern. Ein Unentschieden wäre alles in allem gerecht gewesen, ja, ich hätte es den Rumänen vergönnt, weil sie beherzt mitspielten und sich nicht ängstlich versteckten. Aber das Schicksal hatte andere Pläne und  wenige Minuten vor Schluss zog Dimitri Payet an der Strafraumgrenze ab und haute den Ball unhaltbar ins Kreuzeck. Für einen Fußballgourmet hätte ich mir natürlich den Führungstreffer fünfzehn oder zwanzig Minuten vor dem Ende gewünscht – weil die Rumänen dann mehr Zeit gehabt hätten, mit Mann und Maus zu stürmen und das Unentschieden zu erzwingen. Schlagabtausch in Reinkultur, das ist es, was ich sehen will. Gibt es leider viel zu selten. Sicherheit – im Leben wie am Rasen – steht hoch im Kurs.

Im nächsten Spiel bekommen es die Franzosen mit Albanien zu tun. In den beiden freundschaftlichen Qualifikationsspielen hat Albanien mit einem Sieg und einem Unentschieden gegen die Grande Nation aufgezeigt, dass sie keine Geschenke verteilt. Ein unangenehmer Gegner, natürlich.

Die Männer von Trainer Didier Deschamps, um eine abgedroschene Phrase zu verwenden, werden sich wohl steigern müssen. Was mir an Frankreich fehlt, ist die Geschlossenheit, die Kompaktheit. Ich sehe nicht eine Mannschaft, ich sehe zehn Akteure auf dem Rasen.

Für die Rumänen geht es im nächsten Spiel gegen die Schweiz. Auf dem Papier klingt diese Begegnung nach dem lauen Sommerkick zweier abgebrühter Routiniers – man erinnere sich an die Eidgenossen bei der WM 2014, deren Ziel es war, das Spiel des Gegners zu zerstören. Unansehnlich, aber effektiv. Auch im Fußball heiligt der Zweck längst die Mittel. Vorbei die Zeit, als jeder Fußballfreund auf die italienische Betonmischmaschine verächtlich herabblickte. Und doch, irgendwie, ich weiß nicht recht, spüre ich instinktiv, dass wir ein großes Spiel zu erwarten haben. Vermutlich ist der Wunsch der Alimente zahlende Papa dieses Gedankens. Aber träumen wird man ja noch dürfen, non?

Für den Fall, dass Sie wissen möchten, was denn die Franzosen im Stadion so inbrünstig schmettern, bitte sehr, hier die 3. Strophe der Marseillaise:

Was! Ausländisches Gesindel
würde über unsere Heime gebieten!
Was! Diese Söldnerscharen würden
Unsere stolzen Krieger niedermachen! (zweimal)
Großer Gott! Mit Ketten an den Händen
würden sich unsere Häupter dem Joch beugen.
Niederträchtige Despoten würden
Über unser Schicksal bestimmen!

Zu den Waffen, Bürger!
Schließt die Reihen,
Vorwärts, marschieren wir!
Das unreine Blut
tränke unserer Äcker Furchen!

EM: Spieltag 3 – Gruppe C

Dienstag, 17. Juni 2008

Spieltag 3 – Gruppe C: erstens kommt es anders und …

Gruppe C, in Zürich (20:45): Italien – Frankreich 2:0

Also doch die Italiener. Nicht weil sie besser (natürlich waren sie besser), sondern weil Frankreich um so vieles schlechter gespielt hat. Die „Grande Nation“ kickt wie Österreich vor einem Jahr (und das heißt was): grottenschlecht. Das Unglück nahm seinen Lauf, als sich der beste, der motivierteste der Franzosen verletzte: Ribery! Nach bereits 8 Minuten. Wie aufgezogen läuft er Zambrotta hinterher, grätscht seitlich nach dem Ball, trifft aber nur die Beine des Italieners. Unglücklich für ihn. Weil er sich dabei selbst verletzt. „Verdacht auf Unterschenkelbruch“ ist überall zu hören und zu lesen. Auch jetzt ist nicht zu eruieren, wie schwer die Verletzung tatsächlich ausgefallen ist. Ein Drama. Für die Franzosen. Für die Bayern. Für den Fußball. [aktuell dürfte es sich „nur“ um eine schwere Verstauchung im linken Knöchel handeln]

Aber die Fußballshow muss weitergehen. Und so ist es nur bezeichnend, dass die ehemalige Beton-Abwehr der Franzosen auseinanderbröckelt. Überaltert. Thuram nach zwei Spielen kein Thema mehr. Abidal, der gegen Luca Toni im Strafraum sehr ungeschickt von hinten attackiert, wird gleich mal mit Rot vom Feld geschickt. Den Elfmeter verwandelt Pirlo nach Vastic-Manier: unhaltbar.

Damit war das Spiel entschieden. Müde Franzosen fanden nie ins Spiel. Benzema, der gehypte Stürmer (franz. Torschützenkönig und Spieler des Jahres), war noch am auffälligsten. Henry? Einst die Lichtgestalt Frankreichs nur noch ein Abklatsch vergangener Tage. Wäre er doch nur bei Arsenal geblieben, er würde heute am Zenith stehen, statt dessen sitzt er zu meist bei Barcelona auf der Ersatzbank – oder muss Etoo die Bälle servieren (schlag nach bei Klose). Enttäuschend.

Wir Österreicher dürfen uns also berechtigte Hoffnungen machen, dass am 6. September, wenn wir Frankreich im Happel-Stadion zum Auftakt der WM-Qualifikation begrüßen dürfen („Bonjour“), eine verunsicherte, im Umbruch begriffene französische Nationalmannschaft auflaufen wird. Freilich mit einem neuen Trainer. Mit neuen Gesichtern. Also, wenn wir jetzt nicht die Gunst der Stunde ausnutzen, wann dann?

Und die Italiener? Das böse Erwachen kommt noch. Ein wenig später. Aber es kommt. Weil sie in den drei Spielen nie überzeugt haben. Ein Weltmeister, der gegen Rumänien eigentlich schon so gut wie weg war, muss besser, muss überzeugender spielen. Wenn ihre einzige Antwort ein Luca Toni ist, dann ist das aber mehr als dürftig. Ersetzt kann er nicht werden. Was ist eigentlich mit dem Cassano los? Der war mal ein heißer Tipp für einen Spitzenfußballer. Gestern war nichts von ihm zu sehen. Überhaupt nichts. Jetzt geht es im Viertelfinale gegen Spanien. Hmm?! Sollte also Luca Toni das erste Tor machen, dann sehen wir mit größter Wahrscheinlichkeit die italienischen „Bauarbeiter“ den Beton anrühren. Davor hab ich ein bisserl Angst: dass die Italiener das Griechische Spiel bei der EM2004 studiert haben: unattraktivst spielen und knapp gewinnen. Denn mit spielerischen Qualitäten können sie keinen Gegner bezwingen. Schon gar nicht die Spanier. Schon gar nicht ohne Pirlo (gelbgesperrt). Aber wer weiß, wer weiß, denn erstens kommt es anders …*

Gruppe C, in Bern (20:45): Niederlande – Rumänien 2:0

Die „B-Mannschaft“ der Holländer macht ein gutes Spiel. Die Rumänen? Enttäuschend. Weil sie in Ehrfurcht vergehen. Verständlich, wenn ein Robben (Real Madrid), ein van Persie (Arsenal London) und ein Jan Huntelaar (Ajax Amsterdam – Torschützenkönig) auflaufen und die Lust am Spielen eindrücklichst demonstrieren. Aber die Rumänen, sie haben auch ihre Chancen. Wenigstens in der ersten Hälfte. Mit ein wenig Glück (die Holländer haben einfach einen Lauf – fragt sich nur, wie lange?) hätte Holland zum ersten Mal in Rückstand geraten können. Dann, wie so oft, wäre es vielleicht ein anderes Spiel geworden. Naja. Die Rumänen hätten vermutlich gleich im ersten Spiel gegen Frankreich so druckvoll spielen müssen wie gegen die Italiener. Aber im Nachhinein ist es natürlich müßig, über das „damals“ zu befinden. Wir sehen ja die Rumänen dann in Wien. Zur WM-Qualifikation. Das wird hart.

*) noch verteufle ich die Italiener nicht, Maureen. Noch nicht 😉

EM: Spieltag 2 – Gruppe C

Freitag, 13. Juni 2008

Spieltag 2 – Gruppe C: die Fußballwelt steht Kopf

Gruppe C, in Zürich (18:00): Italien – Rumänien 1:1

Der Abgesang des italienischen Fußballs. Es tut mir Leid, Maureen, aber falls die Italiener – wider erwarten – weiterkommen, dann muss etwas passieren. Vor zwei Jahren, zur WM, hatte die Erfahrung zwei Mannschaften ins Finale bugsiert, die heute mit dem europäischen Spitzenfußball nicht mehr mithalten können. Vermutlich hätte man schon vor zwei Jahren beginnen sollen, frisches Blut mit den Routiniers zu mischen. Jetzt tut man es zwanghaft, aus der Not heraus. Ein Jammer.

Die Italiener haben sich gesteigert, sind motiviert gestartet. Aber diese Rumänen, sie sind für mich noch immer so schwer einschätzbar. Bis auf Mutu, Chivu, Contra und Lobont kennt man die anderen so gut wie gar nicht. Aber jeder steht seinen Mann. Gegen die Italiener verstecken sie sich nicht, kommen zu großen Chancen und hätten beinah gewonnen, hätte Mutu nicht den Elfer „verschossen“, bzw. Buffon diesen gehalten. Schlapperlot.

Ja, die Italiener konnten die Rumänen nicht zwingend einschnüren, nicht oft unter Druck setzen. Manchmal. Selten. Gefährlicher waren die Rumänen. Und ihr Kurzpass-Spiel blitzte manchmal gefährlich holländisch auf. Ja, diese Rumänen dürfen wir bitteschön nicht abschreiben. Jetzt spielen sie gegen die B-Mannschaft der überragenden Niederländer. Und die Italiener? Die müssen zum „Endspiel“ gegen die Franzosen. Egal, wer in dieser Partie gewinnt, verdient hat es keiner von beiden.

Gruppe C, in Bern (20:45): Niederlande – Frankreich 4:1

45 Sekunden! 45 Sekunden konnten sich die Franzosen über den wichtigen Anschlusstreffer von Henry freuen. 20 Minuten vor Schluss. Plötzlich stand es 2:1. Erfreulich. Weil ich immer die Emotion suche, in einem Fußballspiel. Ich freute mich auf ein Offensiv-Spektakel der Franzosen. Aber 45 Sekunden später schoss Robben aus unmöglichen Winkel ein Wundertor. Das war’s. 3:1. Snejder schoss knapp vor Ende auch noch ein Wundertor. Ziemlich viel „Wunder“ bei den Holländer. Wunderlich.

Die Franzosen? Ein Jammer. Sie sind nur noch Schatten längst vergangener (glorreicher) Tage. Ihr Fußball (und das der Italiener) entstammt dem vorigen Jahrhundert: langsam, behäbig, ideenlos, durchschaubar. Eigentlich gehört Domench ausgepeitscht, dass er einen torgefährlichen Trézeguet zu Hause ließ und dafür einen unerfahrenen jungen Gomis, der nicht mal ansatzweise Gefahr erzeugen kann (seine Haarpracht ist allerdings top!), mitgenommen hat. Makelele und Toulalan, die Abräumer im Mittelfeld, sind technisch auf Gattuso-Niveau, also keine Ballverteiler, keine Spielemacher. Für die Franzosen (und Italiener, Griechen) wäre es wohl das Beste, sie scheiden allesamt aus. Dann werfen sie die Trainer raus und fangen (hoffentlich) von vorne an.

Die Holländer? Da läuft alles am Schnürchen. Sie spielen perfekten Fußball. Hut ab. Respekt. Aber erinnern wir uns: die Österreicher haben ihnen vor nicht allzulanger Zeit 3 Tore gemacht. Warum? Weil van der Saar nicht im Tor stand. Das ist ihr erster Schwachpunkt. Holland ohne van der Saar würde nicht weit kommen. Der zweite Schwachpunkt: ihre körperliche Unterlegenheit. So lange sie ihr schnelles Kurzpass-Spiel praktizieren, so lange sie ihre Schnelligkeit und Wendigkeit ausspielen können, gibt es nichts gegen die Holländer zu gewinnen. Aber wenn man sie zwickt, kratzt, beißt, spuckt, nah am Mann steht (= extremes Pressing), dann werden sie Fehler machen, dann kann man sie unter Druck setzen. Man sehe sich Portugal : Holland von der WM 2006 an. Sicherlich eines der emotionellsten Spiele aller Zeiten. Am Ende gewinnt Portugal. Nicht weil die Mannschaft besser war, sondern weil sie konsequenteres Pressing betrieben hat.

Das will heißen: die Holländer sind Top-Favorit für den EM-Titel, dummerweise werden sie wohl im Halbfinale auf Spanien treffen. Und die haben auch gerade einen Lauf.