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Die absolute Geschmacklosigkeit unserer Zeit

Die Josefstadt, anno 2015
Die Josefstadt, anno 2015

Da, wo ein Wäldchen war, da wo ein Garten aufblühte im Frühjahr und in seinen schönsten Farben zur herbstlichen Verwelkung gekommen war, wuchern jetzt die Betongeschwüre unserer Zeit, die auf Landschaft, überhaupt auf Natur, keinerlei Rücksicht mehr nimmt, und die nur von der politisch motivierten Geldgier beherrscht ist, von der gemein-proletarischen Betonhysterie, dachte ich auf dem Ohrensessel.

Holzfällen: Eine Erregung
Thomas Bernhard
Suhrkamp, Frankfurt 1984, S. 151

Falls Sie nur noch mit Blick auf Ihr Smart-Phone durch die Straßen und Gassen Wiens gehen, werden Ihnen die Hässlichkeiten und Abscheulichkeiten vermutlich nicht auffallen. Manchmal wünschte ich mir auch so ein Ei-Fon, nur um nicht gezwungen zu sein, das Geschmiere an den Wänden zu sehen. Es ist eine Beleidigung. Für Geschmack, Ästhetik und Sauberkeit. Vor wenigen Tagen besuchte ich das Volkskundemuseum in der Laudongasse – übrigens das Museum gewährt das Jahr über noch freien Eintritt, dank eines großzügigen Sponsors. Dort können Sie Alltagsgegenstände aus alter Zeit bewundern. Geflochtene Überschuhe, enorme Einbaum-Truhen, geschmiedete Schlösser, geschnitzte Werkzeuge und so weiter und so fort. Ich kann Ihnen versprechen, egal welches „Trumm“ Sie auch mit den Augen in die Hand nehmen, kein einziges ist hässlich, kitschig, abgschmackt, dilettantisch, unnötig. Man ist förmlich erschlagen, von der Kunstfertigkeit – Betonung liegt dabei auf Kunst, denn auf Fertigkeit. Und da ist es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen gefallen, dass die Industrialisierung die Menschheit zum Stumpfsinn förmlich gezwungen hat. Ein Tischler, ein Zimmermann, ein Schmied, ein Küfer oder Fassbinder, ein Steinmetz und wie sie alle hießen und geheißen haben, sie waren nicht nur Kreative, sie waren vor allem Ästheten und Perfektionisten. Das Unglaubliche bei all dem ist aber der Umstand, dass das Leben damals kein Zuckerschlecken war. Und trotzdem verschönerten Sie die Truhen, die Kästen, die Schlüssel-Schlösser. Nicht nur, weil sie es selbst so wollten, sondern weil es die Auftraggeber wünschten. Mit anderen Worten, so primitiv, so ungebildet die – vor allem – ländliche Bevölkerung gewesen sein soll, so musste jeder Einzelne ein Verständnis für das Schöne, für das Ästhetische gehabt haben. Das ist beeindruckend. Aber es ist auch wieder verständlich, weil all die jungen Menschen, die in solch einer Gesellschaft aufgewachsen sind, von den schönen Dingen umgeben waren. Für sie musste es selbstverständlich sein, mit einem Türklopfer zu klopfen, der vom Dorfschmied kunstvoll geschmiedet worden war. Und der Lehrling wurde vom Meister im Schönen unterrichtet. Es war, so pathetisch es klingen mag, die gute alte Zeit.

Und heute? Wächst die Generation in einer ästhetik- und stillosen Zeit auf. Da sie förmlich die Hässlichkeit leben, ist es für sie ganz vernünftig, ganz normal, es dahin zu einer Meisterleistung zu bringen. Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, muss es sehen. Und wir sehen es auch. Zucken aber nur mit der Schulter. Wir akzeptieren das Unakzeptable. Während in den Medien – social und mainstream – Probleme gewälzt werden, die keine sind, Fragen aufgeworfen werden, die überflüssiger nicht sein können, lässt man die Hässlichkeit gewähren. Wir verschönern unser facebook-Profil, knipsen und instagramen und photoshoppen und pinten die tollsten Pics – weil wir ein Verlangen nach dem Schönen haben – und sind nicht in der Lage, das Hässliche auf der Straße zu verurteilen, anzugreifen, zu ändern.

Deshalb ist es eine äußerst menschliche, natürliche Regung, Menschen abzuweisen, die das Hässliche, das Schmutzige, das Unehrliche in sich tragen. Wenn Sie also das nächste Mal eine junge Menschengruppe sehen, die ihren Müll – sei es mit Vorsatz oder nicht – vor Ihnen auf den Gehsteig werfen, dann sagen Sie nichts, sondern heben das Wegeworfene auf und bringen es dorthin, wo es hingehört: in die Mülltonne. Während man und frau in meiner Kindheit diese „frechen Bengel und Gören“ mit den Worten „Machst du des Z’haus a?“ an den Ohren gezogen hätten, ist das heute nicht mehr erlaubt. So bleibt nur noch demütiger Widerstand und wütendes Anschreiben.