richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

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Das vergangene literarische Schaffen des Herrn B.

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Nur nicht stehen bleiben!

Dreizehnundein Jahr ist es nun her. Damals küsste mich die Muse und beschenkte mich mit der Idee eines Entwicklungsromanes, der im Wiener Fin de Siècle die Höhen und Tiefen des suchenden Herzens ausloten sollte. Von da an ging es mit den Musenküssen stetig weiter. Um hierbei nicht den Überblick zu verlieren, habe ich nun relevantes Geschreibsel auf eine Zeitachse gelegt und mit Informationstext sowie Abbildungen versehen. So kann man auf einen Blick erfassen, was meine Wenigkeit über die Jahre geleistet hat. Ist es viel? Ist es wenig? Es kommt halt darauf an. Ein Jahr ist viel Zeit, gewiss, aber ein Jahr ist auch wieder schnell um. Penly beendet nun die Tiret-Saga, der Kreis innerhalb eines großen Bogens schließt sich.

Ab in die Druckerei, Erik!

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Zwischen Idee und Buch liegen brotlose Welten. Das rettende Ufer zu erreichen ist nur wenigen vergönnt.

Die Idee zur autobiographischen fiktion kam irgendwann im April des Jahres 2002. Heute, dreizehn Jahre später, ging das Manuskript in Druck. Gut Ding braucht Weile, sozusagen. Und ein Schriftsteller, der keine Ausdauer im Gepäck hat, hat seine Berufung sowieso verfehlt und sollte fortan sein schreibendes Leben nur noch als Autor zubringen dürfen. Recht so!

Die Dysphorie im Elfenbeinturm

Scribble_M2015Nope. Auch ich kannte das Wort Dysphorie nicht. Gestern kam es mir unter die Augen. Heimito von Doderer verwendete es in einer seiner Gedankenskizzen. Gemäß Duden bedeutet es Störung des emotionalen Erlebens [ohne Krankheitswert]; ängstlich-bedrückte, traurige, mit Gereiztheit einhergehende Stimmungslage und ist – wenn man so möchte – das Gegenteil der Euphorie.

Das nächste Buchprojekt neigt sich dem Ende zu. Zwölf lange Jahre lag das Manuskript mal in der rechten, mal in der linken Schublade. Dann und wann abgestaubt, dann und wann zufrieden genickt, dann und wann peinlich berührt und immer wieder Sätze geändert, gestrichen, geändert, gestrichen. Und nun ist der Punkt erreicht, der Punkt gesetzt. Abgehakt. Beinahe.

Ich habe mich seit Jahren mit dieser inneren Leere befasst, die den ErSchaffenden am Ende des Gestaltungsprozesses einholt und überholt. Es ist, als würde der Kreative, der Künstler, der Handwerker aus seinem wohligen Traum gerissen, fortgerissen. In eine Welt, die im Duden als Realität, als wirkliche Wirklichkeit vermerkt ist. Und nun? Der Elfenbeinturmbewohner hat die Stätte der Geborgenheit zu verlassen. Hinaus! Schnell! Sofort!

Es ist Aprilwetter, da draußen. Die Sonne pendelt zwischen wohlig warm und giftig heiß. So ist das. So und nicht anders.

Wenn ich über ein besonders schwieriges Thema zu schreiben habe …

Bertrand Russell schreibt in seinem 1930 veröffentlichten Büchlein Eroberung des Glücks, dass die beste Methode, möchte man über ein besonders schwieriges Thema schreiben, darin bestünde, dass man »Stunden oder auch Tage lang intensiv – so intensiv wie man überhaupt kann – darüber nachdenkt und nach Ablauf dieser Zeit sozusagen dem Unterbewusstsein den Befehl gebe, die Arbeit im Stillen fortzusetzen.« »Nach einigen Monaten«, so Russell, »kehre man bewußt zu seinem Gegenstand zurück und wird feststellen, dass die Arbeitet geleistet ist.«

Yep. Ich denke, dass Russell die einzig richtige Methode beschreibt, will man ein komplexes Thema bei den Hörner packen oder einfach nur seiner wahren Kreativität freien Lauf lassen. Das Unterbewusste ist beinahe unerschöpflich, nimmt es doch jedes Wort, jede Geste, jedes Bild auf und verknüpft es mit anderen, vergangenen und längst abgelegten Info-Bits. Diese Verknüpfungen sind nicht erklärbar, wir können sie nur aus unserem Kopf schütteln, besser: sie werden aus unserem Kopf geschüttelt. Der Autor, wenn er alles richtig macht, ist nur noch der Stenograph seines Unterbewusstseins.

Ich erzähle es deshalb, weil ich seit März meinem Unterbewusstsein den Befehl gegeben habe, im Stillen die Arbeit an Con$piracy fortzusetzen. Eigentlich, ich will ehrlich sein, verlor ich Faden und Begeisterung. Ich musste befürchten, das Konvolut an Fakt und Fiktion als gescheitertes Experiment in meinem Lebenslauf aufzunehmen. Doch letzte Woche, als ich daran ging, die ersten einführenden Kapiteln zu glätten – mehr aus einer sachbüchlichen Notwendigkeit, denn aus innerem Antrieb – meldete sich das Unterbewusstsein und bedrängte mich, endlich ernst zu machen. Ich lehnte mich nur kurz zurück, dann krempelte ich die Ärmel hoch (bei tropischen Temperaturen!) und wütete wie ein Berserker in den Kapitel-Strukturen. Ich hätte mit diesem Wüten vielleicht schon vor einem Jahr beginnen sollen, aber – wie ich immer zu sagen pflege – man kann ES nicht erzwingen. Ich war mir freilich bereits damals im Klaren, dass dieses Kapitelwirrwarr früher oder später aufgelöst und in eine zufriedenstellende neue Ordnung gezwungen werden müsste. Aber die Aussicht, sich mit beinahe 600 Seiten, unzähligen Sub-Kapiteln, 1000 Fußnoten und neuen Zwischentexten herumzuschlagen, behagte mir nicht sonderlich. Also tat ich … nichts und feilte stattdessen an Sätzen und Beistrichen und fügte noch die eine oder andere Fußnote ein.

Ja, Con$piracy ist – im besten Sinne zu verstehen – a pain in the ass. Ich würde gerne über all die Zusammenhänge bloggen, die ich bis dato herausgefunden zu haben glaube, ich möchte auf Webseiten verweisen, die sich weder Mainstream noch Wahnsinn hingeben und ich will Bücher beim Namen nennen dürfen, die mir aufrichtig scheinen. Aber ich muss all das zurückstellen, weil die Gefahr besteht, dass ich mich zu weit aus dem Fenster lehne oder einen Stein ins Rollen bringe, den ich nicht mehr aufzuhalten im Stande bin. Ist das Sachbuch in einer ersten lesbaren Version fertig gedruckt, um Interessierte daran mitarbeiten zu lassen, dann ist vielleicht die Zeit gekommen, um zu tun, was getan werden muss.

Papa Hemingway und die Sinnlosigkeit mancher Sätze

Ein Anfang, kein Ende

Im Dezember 1934 schreibt Ernest Hemingway im Magazin Esquire über die Schriftstellerei *) und was damit so einhergeht. Man solle sich darauf vorbereiten, heißt es, dass die Arbeit keinen Beifall finden wird, und wenn man eine Sache zum ersten Male hingeschrieben hätte, würde es einen gutgehen. Aber, so Hemingway weiter, man müsse das Geschriebene wieder und wieder durchgehen und überarbeiten und manche Sätze würden einem sinnlos vorkommen, nachdem man sie gelesen hätte. Ja, der gute Hemingway war ein Handwerker, keine Primaballerina – er wusste es und ließ es auch andere wissen. Wie dem auch sei, der Vollständigkeit halber möchte ich an dieser Stelle – wie so oft – festhalten, dass ich die Überarbeitung zum Sachbuch Con$piracy abgeschlossen habe. Der Text hat sich nun bei 586 Seiten eingependelt – ob dieses Konvolut überhaupt zu bändigen ist, mit einer Fülle an Querverweisen und Übersetzungen, sowie 927 Fußnoten, bleibt dahingestellt. Gut möglich, dass es nie zu einer offiziellen Publikation kommen wird. Was bleibt, ist die private Kleinauflage für interessierte und mitarbeitende Leser und die Gewissheit, wenigstens einen Kieselstein ins Rollen gebracht zu haben. Das mag wenig sein, aber bedenken wir, dass immer nur eines zum anderen führt.

Nun gilt es, das überarbeitete Werk erneut zu lesen. Von der ersten bis zur letzten Seite. Ein kleiner Widerwille macht sich in mir breit. Dabei geht es gar nicht so sehr um all diese Sätze, die einem nun »sinnlos vorkommen« oder nicht funktionieren, sondern es ist diese Angst, dass sich ganze Passagen an anderer Stelle wiederholen oder dass längere Abhandlungen in einem gedanklichen Wirrwarr geschrieben wurden. Einzelne Sätze können geschliffen oder geändert, aber ineinander verwobene Gedankengänge nur schwerlich auf- bzw. herausgelöst werden. Ich bemerke immer wieder, dass ich es mir nicht leicht mache. Hätte ich nicht ein feines kleines Sachbuch schreiben können? Zu einem bestimmten Thema, mit einer exakt festgelegten Struktur? Stattdessen ging ich naiv und mich unverwundbar fühlend an die schreibende Front. Genauso hat sich dann das erste Ergebnis gelesen – es war der Versuch eines Dilettanten. Banal der Ansatz, platt die Gedanken. Es waren schlussendlich die von mir aufgeworfenen Fragen, in denen ich das Potenzial des Textes erkannte. Gewiss, ich wollte zu viel. Von Anfang an. Später, als ich es merkte, konnte ich nicht mehr zurück. Zu sehr war ich davon besessen, die Wahrheit – oder wenigstens eine Wahrheit – zu finden. Am Ende der Reise wird einem schließlich bewusst, dass es die Wahrheit (oder den sagenumwobenen Piratenschatz) gar nicht gab, nie gegeben hat. Der Schatz – und die Wahrheit – sie versteckten sich in der Reise selbst. In einem Hollywoodfilm mag solch ein Ende unbefriedigend sein – im wahren Leben jedoch, da gibt es kein klassisches Happy Ending. Weil der Moment und die Wahrheit nicht eingefroren werden können. Sie sind zu einem Zeitpunkt richtig, zu einem anderen falsch.

Hier die vorläufigen Kapitelüberschriften [per 8.3.2013]:

  • Vier Hypothesen
  • Ein Vorwort für die 99,99 Prozent
  • Eine längere Einführung
  • Der manipulierende Mainstream
  • Demokratie auf Abwegen
  • Die Herrschaft Mammons
  • Nur der militärisch-industrielle Komplex
  • Der Terror in der Badewanne
  • Fakt und Fiktion
  • Ein persönlicher Epilog, 2013

*) Ernest Hemingway, 49 Depeschen, Rowohlt 1969, ‚Ein alter Fuchs schreibt‘, S. 157