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Die dunklen Lebensgeschichten und die Essenz des Lebens

Gestern ergab es sich, dass mir meine Mutter Familiengeschichten erzählte, die von Tragödien und Verirrungen handelten. Dieser Rückblick, sentimental durchzogen, melancholisch geprägt, ließ mich nachdenklich werden. Worin besteht die Essenz des Lebens, besser die Essenz seiner eigenen Lebensgeschichte? Und ist nicht jede Lebensgeschichte wiederum eng mit den dunklen Lebensgeschichten anderer Menschen, die einem sehr nahe stehen oder nahe gestanden sind, verschränkt?

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Wenn sich die Götter über einen lustig machen und sich ins Fäustchen lachen

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Die Götter im Olymp haben sichtlich ihren Spaß mit mir.

Ab in die Druckerei, Erik!

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Zwischen Idee und Buch liegen brotlose Welten. Das rettende Ufer zu erreichen ist nur wenigen vergönnt.

Die Idee zur autobiographischen fiktion kam irgendwann im April des Jahres 2002. Heute, dreizehn Jahre später, ging das Manuskript in Druck. Gut Ding braucht Weile, sozusagen. Und ein Schriftsteller, der keine Ausdauer im Gepäck hat, hat seine Berufung sowieso verfehlt und sollte fortan sein schreibendes Leben nur noch als Autor zubringen dürfen. Recht so!

Grillparzers Unzufriedenheit …

Stuhl_2014

Du hast dir einen bequemen Armstuhl machen lassen, fast zu bequem. Erinnere dich, daß du die ›Ahnfrau‹ auf einem elenden Rohrstuhl geschrieben, dessen geflochtener Sitz eingedrückt war, den du daher mit einem Brett bedecktest und dieses mit einer Decke um nicht gar so hart zu sitzen. Du warst damals der unbekannteste der Menschen, ohne Mittel, ohne Aussicht, ohne Freude, ohne Hoffnung – jetzt bekannt, berühmt fast. – Deine Unzufriedenheit ist Verbrechen.

Franz Grillparzer (1791-1872)
Tagebuch, 1820

Ein Geburtstagsständchen für Arthur Schnitzler

»Ich werde 8 – 1/2 9 im Griensteidl sein, eventuell vorher bei Richard anläuten.
Bitte verständigen Sie ihn, ich habe keine Zeit dazu.«
Hugo
2. Juni 1896
[Nachricht von Hugo von Hofmannsthal an Arthur Schnitzler]

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»Griensteidl ist nun einmal der Sammelpunkt von Leuten, die ihre Fähigkeiten zersplittern wollen, und man darf sich über die Unfruchtbarkeit von Talenten nicht wundern, welche so dicht an einem Kaffeehaustisch beisammen sitzen, dass sie einander gegenseitig an der Entfaltung hindern.«
Die demolirte Literatur
Karl Kraus
[Wien: A. Bauer, 1899, Seite 285. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource]

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Da sitze ich also im »altehrwürdigen« Café Griensteidl (link) und begehe im ehemaligen Stammcafé Arthur Schnitzlers seinen 150. Geburtstag. Ich stoße also mit einem vortrefflichen Verlängerten und einer letscherten Kaisersemmel auf das Geburtstagskind an. Ja, das sind die Momente, wo man zufrieden mit sich und seiner brotlosen Dichterei ist – weil es einem die Möglichkeit bietet, schon am Vormittag eine Geburtstagsfeier auszurichten. Freilich, Gäste erwarte ich keine. Das ist recht angenehm. Und für ein kleines Frühstück reichen die Münzen in der Tasche noch allemal.

Das ehemalige Stammcafé von Schnitzler und dem Kreis Jung-Wien, das Griensteidl, ist bereits im Jahre 1897 »demoliert« worden, wie damals der Abbruch eines Hauses hieß. Der Verlust des altehrwürdigen Cafés wurde zwar von den Stammgästen beweint, aber an Alternativen von Kaffeehäusern mangelte es im damaligen Wien freilich nicht – und so versammelte sich kurzerhand die Literatenschar im Café Central. Mehrere Jahrzehnte später sollte das Griensteidl wieder ins moderne Leben gerufen werden, natürlich mit der obligaten Alt-Wiener-Kaffeehaus-Inneneinrichtung: dunkles Holz, roter Samt.

Das Kaffeehaus war in Wien schon immer eine Institution, in der gearbeitet, gelebt, geschmachtet und geohrfeigt wurde. Heutzutage, wie man weiß, ist das traditionelle Kaffeehaus in Gefahr auszusterben. Die äußere Hülle bleibt zwar bestehen, aber innerlich verwandelt sich der gemütliche Schlendrian zu einer unternehmerischen Kleingeistigkeit. Gut zu sehen im Café Museum, das den Gast mit dunklem Holz und rotem Samt empfängt, aber die Preise jeden Künstler und Dichter in die Flucht schlägt, es sei denn, er weiß eine Mäzenatin oder einen Mäzen an seiner Seite. Ein Bestseller würde auch gute Dienste leisten. Freilich, in der guten alten Zeit – wann immer diese auch gewesen sein mag – da hatten die brotlosen Dichter wirklichen Hunger, wirkliche Sorgen. Dank des Wirtschaftswunders und der Sozialpartnerschaft muss heutzutage niemand mehr hungern. Die Sorgen hingegen, die sind auch nicht weniger geworden, wenn man so will. Ein hypochondrisch veranlagter und verdrießlicher Mensch, wie es Arthur Schnitzler war, hätte vermutlich heutzutage auch keine rechte Freude am Leben. Na, vielleicht freut er sich ja, wenn wir ihn ein weiteres Mal kurz hochleben lassen und ein Glaserl auf ihn trinken. Aber dann ist Schluss. Dann wird wieder gearbeitet. Am neuen Stück, am alten Text.