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16 Fußnoten in 14 Stunden

Zu guter Letzt noch dieser Blog-Post. Dann ist Schluss für heut. Rund 14 Stunden bin ich an den Fußnoten für Con$piracy gesessen und habe versucht, damit meine Ansichten abzudichten, will heißen, sie wasserdicht zu machen. Denn die größte Gefahr, die ein unbekannter Autor machen kann, der unbequeme Themen behandelt, ist, dass er seine – für Außenstehende sehr seltsam klingende –  Überlegungen ins Blaue abfeuert. Also braucht es eine Reihe von Persönlichkeiten, sei es in Politik oder Wissenschaft oder in den Medien, die als getreue Zeugen aufgerufen werden können. Aber leicht ist es wahrlich nicht, diese Zeugen zu finden.

Heute konnte ich folgende Zeugen in den Zeugenstand rufen:

Robin Cook, ehem. britischer Außenminister.
General Leonid Ivashov, ehem. Generalstabschef der Russischen Föderation.
James H. Billington, Fire in the Minds of Men: Origins of the Revolutionary Faith, 1999.
Flavius Josephus, antiker Historiker.
›Innsbrucker Zeitung‹ vom 6. November 1809.
Biophysiker / Biokynetiker Prof. Heinz von Foerster.
Mother Jones Artikel in der Ausgabe Sept./Okt. 2011.
Miklós Kun, Stalin: An Unknown Portrait, 2003.
AlterNet Artikel vom 9.10.2011.
Berliner Zeitung vom 29.02.2000.
bedingt »niveauvoll« Quelle in USA.
ABC News vom 16.02.2012.
US Außenministerium vom 19.01.2010.
Transkript der US-Kongressanhörung 27.01.2010.
Open Salon vom 3.2.2010.

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Ja, auf den ersten Blick fragt man sich, wie man an diesen Fußnoten mehr als einen halben Tag sitzen kann. Tja. Wenn man wüsste, wo diese zu finden sind, dann wäre alles um so viel einfacher. Aber manchmal braucht es viel Zeit, Gehirnschmalz und Glück, dass man die richtige Stelle in einem Konvolut unwesentlicher Daten findet. Eine Niederlage musste ich leider hinnehmen: Das Transkript einer US-Gerichtsverhandlung konnte ich beim besten Willen nicht ermitteln. Vielleicht ist es auch gar nicht online einsehbar, geht es doch um die »Staatssicherheit« der USA. Apropos. Im Moment lese ich John Mosiers »The Eastern Front, 1941 – 1945« und gleich zu Beginn eröffnet der US-Historiker das Buch mit dem Kapitel »Pseudo-Reality and the Soviet Union«. Ich denke, jeder, der sich mit den großen Ereignissen im 20. Jahrhundert beschäftigt, sollte sich das Kapitel zu aller erst zu Gemüte führen. Dann wird einem vielleicht mit einem Schlag klar, dass nichts ist wie es scheint – jedenfalls dann, wenn die Obrigkeit Mittel und Wege findet, Lüge in Wahrheit umzuformen. Oder wie es ein geflügelte Phrase in der Sowjet-Ära auf den Punkt bringt: »Er lügt wie ein Augenzeuge.« More to come!

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Tiret²: Musenküsse und das Fließen der Worte

WORK in PROGRESS:
“Das Erwachen des Bürgers Brouillé” (Tiret²)
[v0.35 – 25.09.2008 – 80 % – 125 Seiten – 362.000 Zeichen]

Über sechs Jahre widme ich dem Schreiben. Es kam einiges dabei heraus. „Azadeh“, diese Fin-de-Siècle-Theaternovelle, mit der alles begann (und an der immer noch mein Herz daran hängt), dann, gleichzeitig zwei Versuche gestartet: einerseits wollte ich etwas Neues „erschaffen“, nämlich einen Tagebuchroman, realistisch, konsequent, aber auch ermüdend, mit einem E-Mail-Verkehr zwischen Mann und Frau (was heute ja nichts mehr Neues darstellt, aber vor fünf Jahren …) und diese absurde Sience-Fiction-Komödie, die zuerst Fingerübung, als ernstgemeintes Buch war, und drei Jahre später als „Probeballon“ mir den Kosmos der selbstverlegenden Schriftstellerei auftat (und mich sukzessive ins literarische Abseits manövrierte – weil ich nun die geschäftlichen und verlegerischen Maßnahmen selbst in die Hand nehmen musste/durfte).

Dann, vor zwei Jahren, die Idee zu Tiret. Lange, beinah ein Jahr, habe ich nach dem richtigen Weg gesucht. Reise nach Paris. Inspiration wohin man trat. Ideen sprudelten. Musenküsse fehlten. Trotzdem setzte ich mich zum Schreibtisch, trotzdem handwerkte ich am ersten Band, der sich anfänglich nur schleppte, aber mit der Zeit, machte es Freude, seltene Dialogkunststücke und (wenige) Erzählpassagen aufs Papier zu bringen. Es war nicht der große Wurf, aber es gelang eine, für mich, zufriedenstellende Weite. Dann die Frage nach dem zweiten Band. Die Idee, im Vorhinein bereits einen Titel anzukündigen, ohne zu wissen, ob er passte oder nicht, sollte den notwendigen Funken schlagen, der die Inspirationskette zündete.

Wie lange arbeite ich nun an Tiret² (Brouillé)? Die Zeit vergeht wie im Fluge, denke ich mir, muss mich aber daran erinnern, dass es nicht immer so war und ist. Der Anfang, die ersten Seiten sind eine Qual. Jede Zeile muss ich mir abringen. Ich verzettle mich an Kleinigkeiten, weil ich nicht weiß, wohin ich zielen soll. Kein Konzept. Nur eine vage Ahnung. Hilfskonstrukte werden eingeflochten, um daraus Handlung zu weben („Goldtransport“), aber zumeist verlaufen diese im Sand und sind dann mehr Bein am Klotz als hilfreich. Die Dialoge! Über diesen Anker rette ich mich die ersten vierzig Seiten (entspricht etwa 80 Taschenbuchseiten) hinweg. Da wird viel geplaudert und geredet. Zumeist bin ich bestürzt, über den geringen Inhalt und die Banalitäten (tatsächlich wäre dies näher an der Wahrheit, als die ausgefeilten, hingetricksten Gespräche, die dann zu einem Punkt hinführen), aber sie helfen mir, den Faden nicht zu verlieren. Immer die Angst, es könnte plötzlich aufhören. So geschah es ja auch mit dem ersten Tiret, da waren die ersten zwanzig Seiten so gut wie ohne Dialoge ausgekommen, versuchte ich mich am Erzählen und scheiterte kläglich. Erst als ich (unbeabsichtigt) zwei Anregungen aufnahm, konnte es mit Tiret losgehen: das eine waren die Namen der Guillotinierten, die ich mir in der Conciergerie auf kleine Zetteln und Tickets notierte und mir dachte, dass man ihnen einen Erwähnung schulde – und wenn mein Buch (das damals ja noch nicht geschrieben war) der größte Schrott werden würde, so könnte ich wenigstens sagen, dass ich Gutes getan habe; die andere Anregung war das Buddy-Thema aus dem Kino, als ich dem gelehrten und steifen Mickiewicz, eigentlich ein Anti-Held, einen smarten, ironisch-zynischen, aber älteren Glamour-Held entgegen setzte, die sich gegenseitig kommentierten. Daraus entwickelte sich der von Peter Bosch zitierte (sehr schmeichelhaft) „Screwball-Comedy“-Stil.

Ich mühte mich also mit Tiret² über die ersten vierzig Seiten. Jede weitere Seite wurde nicht weniger leicht erkämpft. Aber mit jeder Seite, kam ich einem möglichen roten Faden näher. Ich definierte nun konkrete Zielvorgaben, wusste schon, wohin ein Kapitel hinsteuern soll (aber nicht, was sich darin tut). Das ist Balsam, wenn ich am Morgen, nach Frühstück und Kaffee, das „Blatt Papier einspanne“ (ich nutze übrigens ein kleines Programm, das die Tastaturanschläge als Schreibmaschine wiedergibt) und fortsetzen oder neu beginnen kann, mit einem Kapitel, ohne, dass ich auf eine Eingebung warten muss. Wonne!, wenn sich dann das eine Kapitel in das andere fügt. Bei „Azadeh“ wurde es freilich auf die Spitze getrieben, bei Tiret im Ansatz verwendet, und nun, bei Tiret² kann ich auf Bestehendem aufbauen, kann auf bereits existierende und geschriebene (und gelesene) Passagen und Charaktere verweisen (bei genauerer Betrachtung, gibt es gar nicht so viele Charaktere, die weitererzählbar sind) und, ganz wichtig, habe ich mich von der Mickiewicz-Kamera gelöst und wechsle nun Einstellungen und Schauplätze wie es mir passt. Dadurch kann ich natürlich Spannung erzeugen und weide es köstlich aus. Ich bin damit näher am Thriller, als an einem historischen Roman, wobei es natürlich nicht alle Kapitel betrifft, betreffen kann (zu viel des Guten, tötet jedes Interesse); ich changiere, ich montiere, ich jongliere. Ich bin nun wieder mehr Regisseur, denn Romancier, obwohl ich auch daran die letzten Tage Gefallen gefunden habe (hierzu ist mir erst die letzten Tage der Knopf aufgegangen und während ich anfänglich keine Ahnung hatte, worüber der Erzähler erzählen soll, fließt es jetzt wie von selbst). Freilich, ich sagte es schon mal, hat es damit zu tun, dass ich nun dem Finale zusteuere (und noch immer relativ weit davon entfernt bin, was so viel heißt, wie: die Bühne ist mal da, die Charaktere auch, jetzt heißt, sich zu fragen, wer wann wie wo zu Schaden kommt und wer nicht; zwischenzeitlich, das ist ja das tolle, an einer sogenannten Inspirationskette, ist mir natürlich wieder eine Geschichte in der Geschichte eingefallen, die ihren Platz braucht – und damit ist natürlich wiederum Inspiration für weitere Einfälle gegeben usw. und so fort). Je näher es dem Ende kommt, umso mehr kann ich mit Theatralik und Dramatik würzen. Doch der Witz, der Humor, er will mir nicht abhanden kommen. Das Lachen vermischt sich mit dem Frosch im Hals. Weil das Sterben auch lustig sein kann, irgendwie. Drei Charaktere sind mir ans Herz gewachsen, die zuvor nur am Rande geduldet wurden. Und nun? Nun rühren sie mich, weil sie hilflos in jene Grube fallen, die sie selbst gegraben haben. Vermutlich, ich kann es schon erahnen, sind diese drei Kerles, näher am Leben, als alle anderen: sie erzählen davon, dass es vielleicht etwas Böses geben kann, aber immer kommt es auch mit etwas Gutem daher. Und wenn es nur das ist, dass sie uns zum Lachen bringen. Und kann man jemanden ernstlich grollen, der einen zum Lachen bringt? Ich jedenfalls nicht.

Eigentlich wollte ich mit diesem Eintrag nur sagen, dass ein Schriftsteller, der die Sache ernst nimmt, ein armer sozialer Tropf ist. Ich sehe es an mir. Wenn ich im Schreiben bin, dann versuche ich, jede Ablenkung zu vermeiden (die Mailbox, die man vor zwei Tagen besprochen hat, habe ich immer noch nicht abgehört), ich blende, so weit es überhaupt möglich ist, alle störenden Geräusche aus. Das tut gut, birgt natürlich die Gefahr, seltsam zu werden. Man meidet das persönliche Gespräch, wenn zu befürchten ist, dass es zu anstrengend wird oder unangenehme Nachwirkungen hat. Das Schreiben geht vor. Oder besser: das Nicht-Abgelenkt-Werden.

Ich schreibe diese Zeilen auch deshalb, damit ich mich später, wenn ich nüchtern und sachlich im „Überarbeitungsmodus“ bin und manche Zeilen schon hundert Mal gelesen und korrigiert habe (und sie gefällt mir noch immer nicht und ich bin säuerlich und ärgerlich und unzufrieden), wenn ich im hoffnungsfrohen „Feedback-Einholungs-Zirkus“ bin und zerknirscht feststellen muss, dass vieles weder verstanden noch als amüsant empfunden wird, wo ich mich halb krumm lachte oder diese Wendung genial fand, wenn die Tage und Wochen vergehen, und noch immer keine Rückmeldung kommt, und wenn ich im „Typo-Layout-Modus“ bin, und mich mit Fuß- und Endnoten herumplage, und wenn ich im „Verleger-Modus“ bin, wo ich mir anhören muss, warum ich das mache und wovon ich lebe und wann ich wieder arbeiten gehe und dass mir keiner das Buch abnehmen möchte, nicht mal geschenkt, und dass gute Freunde nicht mal wissen, was ich die ganze Zeit über mache und dass all die Sorgen und Ängste und Wünsche zentnerschwer auf meinen Schultern lasten, dann,

ja, dann werde ich diesen Eintrag hier lesen und mich zurück erinnern, an diese Tage, als Piotr in der Feste von Penly, dem Fährmann ein Kupferstück aushändigte. Beinah hätte ich es ihm nicht gestattet, beinah hätte ich es ihm wieder einstecken lassen, aber jetzt, wo er diese Kupferstück (keinen Wert, keinen Glanz) dem Fährmann gegeben hat, wird er, vielleicht, das Glück (oder ist’s ein Unglück?) haben, weiter, im Tiretschen Universum herumzugeistern. Aber das Schicksal ist noch nicht geschrieben. Bald wird es geschrieben werden. Für ihn und für alle anderen. Deshalb bin ich, was ich sein möchte.: Ein Schriftsteller, der zu Beethovens 9. das Finale schreibt und dabei mitdirigiert. Und wenn der Schlusspunkt gesetzt, ich mich endlich (und leider) zurücklehne, dann weiß ich, dass alles so sein muss. Und nicht anders. Viele Jahre, für ein paar Wochen tiefster Schaffenskraft.

Ich trinke auf dich, meine kleine Azadeh!