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Die Wiederholungsprüfungen des Lebens

Als ich heute Morgen im Café mein Frühstück (Mokka mit Schlagobersgupf) zu mir nahm, hörte ich vom Nebentisch eine Dame sagen, dass sie auf ihren Enkel warte, der eine Wiederholungsprüfung zu machen hat. Das Wort „Wiederholungsprüfung“ hat in meinem Kopf eine gehörige Lawine an Erinnerungen zu Tal und ans Licht befördert. Freilich keine angenehmen.

Wie lange mag das jetzt her sein? Vor über 30 Jahren musste ich mich dieser Prüfung (und weitere sollten im Verlauf der Schulzeit folgen) stellen. So viel hängt davon ab. Wie kann eine Gesellschaft solch eine Folter erlauben und gutheißen? Noch dazu trifft es junge Menschen, unsicher, was die Welt (und das Berufsleben) im Köcher für sie hat. Grausam, dieses ernste Spiel mit unreifen Seelen.

Freilich, die Schule ist nur Teil eines Räderwerks, das tut, wie es (einstmals) konstruiert wurde (analog einer Fabrik). Möchte man also eine Änderung vornehmen, dann geht das nur über die Gesellschaft selbst. Eine Unmöglichkeit, ich weiß.

Auf dem Nachhauseweg dachte ich an all die Prüfungen, die einem das Leben abverlangt. „Der Sinn des Lebens ist es, stärker zu sein“, hatte Wolfgang Ambros einst gesungen. Damals, als ich es Mitte der 1980er Jahre zum ersten Mal hörte, verstand ich nur Bohne, trotzdem merkte ich mir diese Zeile. Vielleicht, sagte ich mir, offenbart sich mir einmal der Sinn des Lebens.

Und dann? „Dann schreib ich ein Buch darüber und werde ein berühmter Schriftsteller.“ Ach, wie herrlich schillern all unsere Jugendträume gleich einer Seifenblase, die zum Himmel schwebt.

Schule in Not? Gesellschaft am Abgrund!

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Eine Volksschule in Meidling, anno 1975. Ich stehe übrigens rechts außen.

Haben Sie in den letzten Tagen auch gelesen, dass die öffentlichen Schulen – vor allem in Wien – Not leiden? Ausgegangen ist der Sturm im schulischen Wasserglas durch das Interview der „mutigen“ Schuldirektorin W., die eine Neue Mittelschule in Wien Margareten leitet. Im Gespräch wurde darauf hingewiesen, dass der Anteil an Kindern mit nicht deutscher Muttersprache bei 98 Prozent liege. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass Kinder mit deutscher Muttersprache an dieser Schule in der absoluten Minderheit sind und man fragt sich still und heimlich, wie es diesen dort so ergehen mag. Wir wissen noch gut aus unserer Schulzeit, dass andersartige und fremde Kinder immer gerne gehänselt und ausgelacht wurden. Ja, Kinder und Jugendliche – egal woher sie auch kommen – können ziemlich bösartig sein – vor allem, wenn sie in Gruppen auftreten und sich beweisen möchten.

Nun, zurück zur Ausgangslage. Eine Schuldirektorin wird also vom Stadtschulrat offiziell ausgewählt, um dem KURIER ein Interview zu geben. Das Gesagte lässt die Wogen hochgehen. So heißt es. Ehrlich gesagt, ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass eine Direktorin, das heißt eine Karrieristin, mit voller Absicht aus der Reihe tanzt und jene Stellen verärgert, die für ihr berufliches Wohlergehen sorgen. Genauso unwahrscheinlich ist es, dass die Chefredakteure und Ressortleiter im KURIER mit voller Absicht der Gemeinde Wien – ein finanzkräftiges Netzwerk – ans Bein pinkeln. Für mich liegt es auf der Hand, dass das Thema mit Absicht von allen Beteiligten „hochgekocht“ wurde. Warum? Diesbezüglich kann ich nur spekulieren, aber ich gehe davon aus, dass die Zustände in manchen Wiener Schulen so verheerend sind, dass den Verantwortlichen nichts anderes mehr übrig blieb, als die Notbremse zu ziehen. Beachten Sie bitte, dass es keiner prophetischen Gabe bedurfte, um diese Probleme schon frühzeitig zu erkennen – aber wie so oft, wenn es um unangenehme Themen geht, haben die damaligen Verantwortlichen politische Kosmetik betrieben und die Sachlage schön geredet. Auf den springenden Punkt gebracht: Man hat den Deckel draufgehalten, den Lehrern einen Maulkorb verpasst und die Presse angehalten, die Leichen im Keller zu übersehen.

Der interessanteste Artikel zu diesem Thema erschien am Sonntag unter dem Titel Schule in Not: Heer von Absolventen ohne Aussichten und ist eine nüchterne Bestandsaufnahme des Zustands im öffentlichen Bildungsbereich. Darin zitiert man bereits in den ersten Zeilen des Artikels den Generalsekretär vom Österreichischen Gewerbeverein: „Die heutige Schul-Mittelstufe ruiniert als unkoordinierte Baustelle die Zukunftschancen Tausender Schüler.“ Somit ist der Schuldige ausgemacht: die Schule! Aber ist das wirklich der Fall?

„Jedes Jahr beenden Tausende österreichische Schüler ihre Schulpflicht, obwohl sie nicht fit für das weitere Erwerbsleben sind. Viele beherrschen die deutsche Sprache nicht oder kaum, sie können nicht lesen, nicht schreiben, nicht rechnen.“

Verstehen Sie den obigen Absatz? Soweit ich weiß, gibt es in den Schulen Zeugnisse. Wird darin nicht festgehalten, inwieweit der Schüler den Lernstoff beherrscht und ob er reif für den nächsten Jahrgang ist? Wofür gibt es überhaupt noch Tests, Schularbeiten und mündliche Prüfungen, wenn Zensuren/Noten keine Aussagekraft mehr haben? Ein Schüler, der nach 8 Pflichtschuljahren noch immer nicht lesen und schreiben kann, hätte eigentlich schon längst in eine spezielle Einrichtung gehört, die sich lernschwacher Kinder annimmt, oder etwa nicht? Zu meiner Zeit hieß diese Einrichtung „Sonderschule„. Gibt’s heute freilich nicht mehr, ich weiß. So muss man davon ausgehen, dass die Lehrer dienstvorschriftlich dazu angehalten werden, die Schüler in jedem Fall aufsteigen zu lassen. Anders ist das Ergebnis nicht zu erklären.

Nun könnte man meinen, Kinder mit Migrationshintergrund seien das Problem. Aber sieht man sich beispielsweise jene Schule an, die den größten Ausländeranteil in Wien aufweist, so stellt man fest, dass dort 95 % der Absolventen entweder an die Universität gehen oder eine Fachhochschule besuchen. Gewiss, die Vienna International School ist eine Privatschule und die Eltern müssen gut bei Kasse sein, um ihre Kinder dort unterzubringen: die jährliche Gebühr beträgt zwischen € 14.000 und € 18.000. Keine Kleinigkeit, nicht?

Wenn es also laut einer Studie rund 130.000 Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren gibt, die „in ihrem Leben in höchstem Maß gefährdet sind, ihr Leben nicht ohne Sozialleistungen bestreiten zu können“, dann würde es doch am Ende der Gesellschaft billiger kommen, hätte man diesen Jugendlichen ein Stipendium für die besten Privatschulen gegeben. Es wäre sozusagen eine Investition in die Zukunft gewesen. Oder würden Sie mir nun entgegenhalten, dass diese Kinder auch an der Privatschule versagt hätten? Wenn dem so wäre, dann, ja, dann würden Schulreformen überhaupt keinen Sinn mehr machen und die Probleme würden ganz woanders liegen. Aber wo?

Ich hätte bereits in den 1980ern eine Hand voll Kinder mit Migrationshintergrund ein Stipendium für die Vienna International School gewährt und ihre schulischen Erfolge bzw. Misserfolge penibelst aufgezeichnet. Man hätte dann sehen können, warum ein Kind scheitert. Denn eines geht aus all diesen gut gemeinten Artikeln in der freien Presse nicht hervor: Inwiefern das familär-kulturelle Umfeld des Kindes Einfluss auf seine schulische Leistung und geistige Entwicklung nimmt. Kurz und gut, ich gehe davon aus, dass man festgestellt hätte, dass auch die besten Privatschulen nichts helfen, wenn das Kind in einen familiär-kulturellen Sumpf versinkt. Diesen Sumpf „trocken zu legen“ ist freilich ein unschönes, sozusagen un-liberales Thema – und es steht zu befürchten, dass viele gute Menschen vor dieser Trockenlegung zurückschrecken und viel eher dazu bereit sind, die größten Teile der noch intakten Gebiete unter Wasser zu setzen. Egalité!, schreien sie einem entgegen und finden es völlig in Ordnung, wenn die „konservativ-intolerante“ Gesellschaft langsam den Boden unter den Füßen verliert und ins Bodenlose stürzt. Wenn man die Kleinen nicht groß machen kann, dann müssen die Großen eben kleiner gemacht werden.

„Wie immer schüchtert eine kleine, aber aktive Minorität, sofern sie Mut zeigt und mit Terror nicht spart, eine große, aber lässige Majorität ein“, schreibt Stefan Zweig in Castellio gegen Calvin.

Das Problem mit der kindlichen Kreativität und dem sozialen Verhalten der Bürger – zwölf Tage vor Weihnachten

Ich saß mit der kleinen L. und ihren Eltern bei Tisch. Sie malte in einem Buch recht bunt einen Weihnachtsmann aus. Plötzlich hob die kleine L. den Kopf und fragte: »Gibt es den Weihnachtsmann wirklich?«

Interessant, dachte ich mir, dass dieses kleine Mädchen bereits einen Unterschied macht, zwischen wirklich und unwirklich, zwischen echt und unecht. Es beeindruckt mich immer wieder, wie Kinder die verquersten Schlüsse ziehen, mit Warum-Fragen die Erwachsenen in den Wahnsinn treiben und trotzig darauf bestehen, dass sie recht haben. Irgendwann, vermutlich mit dem Kindergarten und der Volksschule beginnend, werden den Kindern die kreativen Gedankengänge ausgetrieben und sie zu biederen, braven und bequemen jungen Bürgern geformt. Hinterfrage das Bestehende nicht. Hinterfrage die Obrigkeit nicht. Gib eine Ruhe. Quäle nicht jene, die wissen, was für dich das Beste ist. Was du sonst anstellst, ist uns egal – so lange du in erster Linie durch Konsum deine Individualität auslebst. Wenn der junge Bürger dann zum ersten Mal zur Wahlurne schreiten darf, ist sein Hirn nur noch Matsch und beliebigst manipulierbar.

Natürlich klingt das wieder für viele aufrechte Bürger und nachdenkliche Eltern nach der üblichen Schwarzmalerei. Gut. Zugegeben, es gibt Lichtblicke da und dort. Es gibt Ausnahmen der Regel. Und nein, ich habe keine Kinder. Aber ein starkes Indiz wäre da Sir Ken Robinson, der sich eingehend mit der Kinder-Schule-Kreativitäts-Problematik beschäftigt – am besten man hört sich seinen TED-Vortrag an. Er ist witzig und lehrreich und es gibt Untertitel und ein Transcript in deutsch.

Diese Beispiele zeigen, dass Kinder bereit sind, etwas zu riskieren. Wenn sie es nicht wissen, probieren sie es einfach. Nicht wahr? Sie haben keine Angst, etwas falsch zu machen. Ich will damit nicht sagen, dass etwas falsch zu machen bedeutet, kreativ zu sein. Wir wissen aber, dass wer nicht bereit ist einen Fehler zu machen nie etwas wirklich Originelles schaffen wird. Wenn man nicht bereit ist, Fehler zu machen. Und wenn sie erst erwachsen sind, haben die meisten Kinder diese Fähigkeit verloren. Sie haben Angst, Fehler zu machen. Und, nebenbei, wir machen das in Firmen genau so. Wir stigmatisieren Fehler. Wir haben heute nationale Bildungssysteme in denen Fehler das Schlimmste sind, was man machen kann. Und das Ergebnis ist, dass wir den Menschen ihre kreativen Fähigkeiten weg-unterrichten. Picasso hat mal gesagt: Alle Kinder werden als Künstler geboren. Das Problem ist ein Künstler zu bleiben während man aufwächst. Ich bin nun überzeugt, dass wir nicht in die Kreativität hinein wachsen sondern aus ihr heraus. Oder wir werden vielmehr heraus-unterrichtet. Warum also ist das so?

TED Feb 2006: Ken Robinson says schools kill creativity (link)

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Ein zweites Indiz ist in einem Artikel des britischen Psychologen Theodore Dalrymple (sein Schriftsteller-Name) im Wall Street Journal zu finden. Dalrymple beschreibt darin die Auswüchse jugendlicher »Scheißegal«-Mentalität in  Großbritannien und wie das soziale Umfeld bzw. die Umwelt leidet. Auch ich habe mir schon oft Gedanken gemacht, dass Schmutz und Abfall auf den Straßen ein Zeichen von antisozialem Verhalten sind. Ich glaube mich zu erinnern, dass es vor dreißig Jahren noch undenkbar gewesen wäre, dass ein junger Halbstarker eine Zeitung im hohen Bogen von sich geworfen hätte. Hätte er es getan, die Wahrscheinlichkeit wäre groß gewesen, dass ihn jemand an den Ohren gezogen und gezischt hätte, er solle das aufheben, sonst setzt es was. Ich möchte keine Diskussion über das Ziehen von Grenzen für Kinder und Jugendliche lostreten, ich möchte nur auf den Fakt hinweisen, dass es eine breite Masse an Kinder und Jugendlichen gibt, die sich, pardon, einen Scheißdreck um ihre Umwelt kümmern. Vermutlich wäre mir als Kind die Umwelt auch piepegal gewesen, aber ich wusste, was ich tun durfte und was nicht. Freilich, das hinderte mich nicht daran, mit meinem Freund einen älteren Herren eine Weile zu piesacken oder ein paar Münzen aus der Familienschatulle zu stibitzen.

Vor wenigen Tagen, an einer überfüllten Busstation in Nottingham, begann ein dicker Junge, der um die 13 alt Jahre war, einen Freund mit Essen zu bewerfen. Einiges hätte mich beinahe getroffen und landete am Boden, direkt vor mir, und machte Müll.

»Entschuldige«, sagte ich zu dem Jungen, »könntest du das aufheben?«

»Halte das verdammte Maul! [Shut the f*** up!]«, schnauzte er mit einem wirklich hasserfüllten Gesicht zurück.

Aus den Mündern von den Kleinsten und Säuglingen, in England, kommen Obszönitäten. Keiner an der Busstation traute sich etwas zu sagen, noch weniger, etwas zu tun. Mehr noch, die Engländer sind ein Volk, das weder innere noch äußere Zurückhaltung kennt. Sie werden aggressiv, wenn nicht sogar gewalttätig, in dem Moment, in dem ihnen Einhalt geboten wird, und sogar dann, wenn es nur um Trivialitäten geht. Und jene, die weder aggressiv noch gewalttätig sind, können in keinem Fall sicher sein, dass das Gesetz auf ihrer Seit ist, falls es zu einer Reiberei kommt. Es ist demnach besser, oder einfacher, für sie, erst gar nichts zu bemerken, auch wenn es bedeutet, in ständiger Angst zu leben.

Theodore Dalrymple: The Ugly Brutishness of Modern Britain [link]
A demotic egalitariansim, allied with multiculturalism, has rendered civility passé.
[meine Übersetzung]

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Als drittes Indiz sehe ich den erbärmlichen Zustand kreativer Menschen in einem freien Markt, der ihnen jede besonders motivierende Entfaltungsmöglichkeit nimmt und sie in ein brutales Hamsterrad zwingt. Ein gutes Beispiel ist der Beitrag einer freien ORF-Mitarbeiterin, die völlig kaputt und ausgebrannt ist, weil sie für ihre kreative Radio-Tätigkeit nur einen Hungerlohn erhält – im Vergleich dazu würde eine Anstellung bei einer österreichischen Diskonter-Kette (25 Stunden) einträglicher sein. Auf diese Weise wird jedem Jugendlichen klar vor Augen geführt, dass es gar keinen Sinn macht, überhaupt kreativ und wissenshungrig zu bleiben, weil es am Ende doch nicht fürs Leben reichen wird. Besser er mutiert zu einem Konsum-Zombie und tut, was von anderen verlangt wird.

Ich möchte einfach nur arbeiten, denn ich liebe diesen Job. Ich will nichts werden, ich habe keine Ambitionen auf irgendeine Position. Nichts würde mich unglücklicher machen als ein fantastisch bezahlter Verwaltungsposten, der bedeute»n würde, dass ich weg wäre von den Menschen, von den direkten Gesprächen mit Betroffenen, vom journalistischen Tagesgeschäft. Da unterscheide ich mich nicht von meinen Mitstreitern und zahlreichen Mitstreiterinnen. Aber ich kann nicht mehr. Ich bin müde. Sehr müde. Ich kann die Floskeln und die leeren Versprechungen nicht mehr hören. Ebenso wenig wie die Vorwürfe der Verantwortlichen, die uns erst wahr- und ernst genommen haben durch die mediale Berichterstattung, wir würden das Unternehmen schädigen durch unseren öffentlichen Protest. Ich glaube, Sie werden nirgends hingebungsvollere und idealistischere ORF MitarbeiterInnen finden als unter den Freien Ö1- FM4- und TV-Kultur MitarbeiterInnen. Niemand von uns will den ORF schlecht machen. Aber es ist schwierig, ein Unternehmen zu loben, das einen nicht wertschätzt, obwohl man wertvolle Arbeit leistet. Auf Kosten der eigenen Gesundheit, des Privatlebens und der Existenz.

Barbara Kaumfann: Protestmüde [link]

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Im Moment arbeite ich wie ein Berserker an Con$piracy. Plötzlich beginnen die Teile, die zuvor ein wenig unzusammenhängend in der Luft hingen, ineinanderzugreifen. Ein gutes Zeichen, bedeutet es doch, dass ich am richtigen Weg bin. Aber zwei Drittel der Überarbeitung liegen noch vor mir. Warum ich mir das antue? Weil ich glaube, dass jeder das Recht hat, zu wissen, was in der Welt vor sich geht. Das Buch ist freilich nicht der Stein der Weisen. Will es auch gar nicht sein. Ich möchte dem Interessierten einfach nur neugierig und gleichzeitig skeptisch machen. Der Bürger muss sich wieder seiner Möglichkeiten bewusst werden. Er muss sich bewusst werden, dass er selbst Teil einer Gemeinschaft ist. Es gab Zeiten, viele viele Jahre ist es her, da hat der Bürger in einer Stadt an den Regeln und Gesetzen mitbestimmt. Das hatte freilich seinen Preis. Wurde die Stadt angegriffen, musste er zu den Waffen greifen und diese verteidigen. Aber seien wir ehrlich: Würden wir nicht alle liebend gerne etwas verteidigen, das uns am Herzen liegt?

Das Erwachen der Leidenschaftlichkeit oder Bildung 2.0

Man sollte die Hoffnung nie aufgeben. Hin und wieder begegnen einem die wunderbarsten Überlegungen, ausgesprochen von Menschen, die sich dem Mainstream widersetzen. Das mag mitunter nicht ungefährlich sein, im Besonderen, wenn es Menschen sind, die im Rampenlicht stehen, sei es in Universitäten, sei es auf Bühnen. Der lange Arm eines – nach außen hin – konservativen Establishments (tatsächlich ist es progressiv, geht es doch den Elitisten vorrangig darum, ihren Einflussbereich auf Kosten der Bürger zu vergrößern), ja, der lange Arm des Establishments reicht weit und macht keine Geschenke. Sagen wir es einmal so.

In der vom ZDF ausgestrahlten TV-Sendung »Precht« spricht Philosoph und Feschak Richard David Precht mit dem Hirnforscher Gerald Hüther über den »Skandal Schule«. Sie gehen der Frage nach, ob lernen dumm macht und streifen dabei so manch gefährliches Terrain. Zwischen den Zeilen kann man sogar Revolutionäres heraushören, so man es möchte. Kurz gesagt, das rund 40-minütige Gespräch ist ein Juwel in der Mainstream-Medien-Landschaft. Dass als Sendeplatz ein nächtlicher Sonntag (23h25) ausgewählt wurde, spricht wohl dafür, dass die TV-Leitung die Brisanz erkannt haben dürfte. Nicht anders der ORF, der konsum- und gesellschaftskritische Dokumentarfilme wie Spurlocks »Supersize me« ebenfalls in die sonntäglichen Nachtstunden verlegt. Aus den müden Augen aus dem Sinn, sozusagen. Über die Fehler der gegenwärtigen Schulbildung machte sich auch Sir Ken Robinson seine amüsanten Gedanken: youtube. Wer sich die ZDF-Sendung ansehen möchte, den verweise ich auf youtube, dort sollte sie zu finden sein, inklusiv einer Vielzahl an Kommentaren, in denen es heißt, es hätte sich schon vieles zum Besseren geändert. Ach, ach.

Da ich gerade Noam Chomsky Medien-Kritik lese, kann man getrost festhalten, dass in einer Demokratie medial genauso gelogen und gebogen wird, wie in einem totalitären System. Der Unterschied mag nur die Art und Weise sein, wie Druck auf die Mitglieder der Gesellschaft ausgeübt wird. Während in einem totalitären System der Einzelne Angst vor dem Polizisten auf der Straße hat, ist es in einem pseudo-demokratischen System die Angst vor dem Polizisten im Kopf. Dahingehend verweise ich auf die Gesprächsrunde mit Prof. Richard Wolff und Prof. David Harvey in der Charlie Rose Show. Die beiden Wissenschaftler erzählen frank und frei, dass in den US-Universitäten eine »Orthodoxie« herrscht, die gewisse Meinungen und Überlegungen nicht erlaubt – im Besonderen, wenn es um das Infragestellen des herrschenden Wirtschaftssystems geht. So viel dazu.

Herbstlicher August und sommerliche Erinnerungen

Die Mitte des Augustes macht den jungen Menschen nicht sonderlich froh. Die Aussicht, in bälde wieder die Schulbank zu drücken, drückt unweigerlich auf die Stimmung und das Gemüt. Jedenfalls galt es für den Schreiber dieser Zeilen, dem es nicht um die Ferien, sondern um die Absenz von Schule ging. Mit Erstaunen stelle ich immer wieder fest, dass es auch Kinder gegeben hat, die sich auf den Schulanfang freuten. Zu diesen gehörte ich jedenfalls nicht. Definitiv nicht. Schule, das ist Zwang, Autorität und Unfreiheit. Damals, als kleiner Junge, konnte ich es freilich noch nicht so benennen. Ich brachte es – mehr insgeheim – auf den Punkt, dass ich nicht recht wollte. Aber weil das keine hinreichende Begründung war, beugte ich mich dem gesellschaftlichen Druck und der Maxime „Jeder muss!“

Über Schule zu schreiben, als Erwachsener, ist so eine Sache und man setzt sich recht leicht in die Nesseln. (es sei denn, man heißt Goscinny). Wir dürfen nicht vergessen, dass es da draußen und in meiner näheren Umgebung eine Vielzahl an Kinder gibt, die vermutlich genausowenig Lust haben, sich einem Diktat zu unterwerfen, wie ich es damals hatte. Würde ich mich darüber laut und bunt auslassen, würde es nur Öl ins kindliche Feuer gießen (»Schau, Papa, er wollte auch nicht in die Schule gehen!«). Überhaupt, sich in schulische Belange einzumischen führt zu nichts. Zu viele Köche, die da seit Jahr und Tag darangehen, den Brei zu verderben. Ich bin jedenfalls der festen Überzeugung, dass eine Bildungseinrichtung vollends versagt, wenn Absolventen mit unkritischen Gedanken zu einer Gratiszeitung greifen, weil sie sich darin informiert wähnen. Aber wollen wir die Kirche im Dorf lassen und froh sein, dass wir jedermann lesen und schreiben und rechnen beibringen. Vielleicht holprig, aber immerhin.

E. liest gerade mein, zum dritten Mal überarbeitetes Con$piracy und merkte schon nach einem Drittel an, dass die Informationsflut ungebremst auf den Leser niedergehe. Gerade kommt mir der Gedanke, ob ich den Über-Infodumping-Kapiteln eine leicht verständliche persönliche Abhandlung gegenüberstellen soll. Somit wäre gewährleistet, dass sich der Leser ein wenig erholen kann. Hm. Andererseits, warum es dem Leser leicht machen?

Gestern mit S. über allerlei verschwörungstheoretische Machenschaften geplaudert. S., der sich schon vor geraumer Zeit informiert hatte, meinte, dass er »desillusioniert« sei. Später relativierte er die Aussage und sagte, dass er dann doch eine optimistische Grundhaltung hätte. Während des Gesprächs wurde mir wieder bewusst, wie sehr sich der Mensch an Strohhalme klammert. Ich schätze, dass ich nicht anders bin. Wir sehen die Faktenlage, wir sehen die vergangenen Ereignisse, wir sehen, was sich Menschen in den tausenden von Jahren alles angetan haben – und trotzdem wollen wir glauben, dass eine noch junge zivilisatorische Moderne gütige Engeln hervorgebracht und nur hie und da schwarze Schafe ausgespuckt hätte. Wer sich mit offenen Augen die Historie besieht, wer sich die Mühe macht, hinter den Vorhang des Mainstream-Gedankengutes zu blicken, der muss unweigerlich zur Kenntnis gelangen, dass die Welt verloren ist. Das Wenige, das dann noch für den Einzelnen übrig bleibt, ist, in Voltaires Worten, »den eigenen Garten zu bestellen.« Freilich, der gute Voltaire wusste damals noch nicht, dass Tschernobyl und Fukushima und der Saure Regen und die Umweltverschmutzung und dieser globale Temperatur-Hokuspokus einen geruhsamen Gärtner ziemlich unruhig werden lässt.

Zu guter Letzt noch der bescheidene Hinweis, dass ich ein Buch lese, dass sich mit der Frage auseinandersetzt, ob das Tagebuch einer 14-jährigen authentisch sei oder in späterer Folge von Erwachsenen verändert wurde. Seltsamerweise scheint es unter Strafe verboten zu sein, darüber öffentlich nachzudenken. Ich erwähne es nur deshalb, falls Sie meinen, wir lebten in den besten aller Welten. Da fällt mir gerade ein, dass es die sommerliche Fadesse war, die mich als kleiner Junge zum Schreiben brachte. Ich war damals etwa 13 oder 14 Jahre jung und fabrizierte die tollsten phantastischen Geschichten um vier Jungs, die allerlei Abenteuer zu bestehen hatten. Natürlich hieß einer von ihnen »Richard«. Ich schätze, dieser Charakter hatte große Ähnlichkeiten mit mir. Später ließ ich dann die weiteren Texte, mit Bleistift hingekritzelt, folgerichtig in der ersten Person ablaufen. Das machte es viel einfacher, sich in diese Abenteuerei zu phantasieren. Hach, schöner heißer öder Juli.