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EM 2016: Spieltag 14 – Achtelfinale

EM-2016-Spieltag14A

Spieltag 14 der Europameisterschaft in Frankreich 2016
Achtelfinale

SCHWEIZ : POLEN 1:1  4:5 i. E.
WALES : NORDIRLAND 1:0
KROATIEN : PORTUGAL 0:1 n. V.

Gähn. Die ersten drei Achtelfinalpartien waren eine äußerst müde Angelegenheit. Fulminante Fußballspiele sehen anders aus. Der vermeintliche Kracher am Abend zwischen Kroatien und Portugal erwies sich als einschläfernder Flop. In den ganzen 120 Minuten gab es sage und schreibe zwei Schüsse, die aufs Tor gingen: in der 116. Minute köpft Peresic an die Stange, im Gegenzug köpft Quaresma ins leere Tor. Mit anderen Worten, 115 Minuten lang wurde nicht Fußball gespielt, sondern Rasenschach betrieben. Obwohl es anfänglich so aussah, als würde Kroatien eine Entscheidung im Spiel suchen, als könne Portugal dem kroatischen Kombinationsspiel nichts entgegensetzen, wurde man bald eines Besseren belehrt. Kroatien agierte vorsichtig und war stets bemüht, weder Ronaldo noch Nani die Räume zu geben. Der Respekt vor Ronaldo war scheinbar zu groß – nach den beiden Toren gegen Ungarn natürlich verständlich. Unverständlich, warum es die Kroaten nicht trotzdem probierten. War es, weil Trainer Fernando Santos den Portugiesen das Defensivspiel beibrachte? Die kroatischen Taktgeber – Modric und Rakitic – wurden jedenfalls vorbildlich aus dem Spiel genommen! Santos, wir dürfen es nicht vergessen, war 4 Jahre lang Trainer der griechischen Nationalmannschaft – dort perfektioniert bekanntlich jeder Trainer seine Baumeisterkunst im Beton anrühren. Im Viertelfinale bekommen es die Portugiesen mit Polen zu tun, die sich gegen die Schweiz im Elfmeterschießen durchsetzen konnten. Auch in diesem Spiel versuchte jede Mannschaft mit kontrollierten Vorstößen ihr Glück. Die Polen waren über lange Strecken die bestimmendere Mannschaft, aber die Schweiz zeigte, dass sie dagegenhalten konnte. Der Ausgleichstreffer Minuten vor dem Schlusspfiff von Xherdan Shaqiri war aus der Rubrik Traumtor. Mit anderen Worten: glücklich. Gottlob sind die biederen Schweizer aus dem Rennen. Mit Schaudern erinnert man sich an ihr mittelalterliches Abwehrbollwerk in den WM-Spielen von 2014 – es hätte nicht viel gefehlt und der spätere Vizeweltmeister Argentinien wäre an der eidgenössischen Zerstörungsarbeit zerschellt. In den letzten 10 Jahren hat sich abgezeichnet, dass eine geordnete Defensivleistung gegen spielstärkere Mannschaften das Maß aller Dinge, wenigstens in einem Turnier, sein kann. Griechenland hat es bei der EM 2004 als erste Mannschaft vorgezeigt, wie man mit einer Betonmauer und glücklichen Toren aus Standardsituationen Europameister werden kann. Die Holländer der WM 2014 haben die Sache sogar noch auf die Spitze getrieben, in dem sie Härte und allerlei untergriffige Tricks dem Zerstörungswerk hinzufügten. Zurück ins Jahr 2016: Ich hoffe inständig, dass in den restlichen Achtelfinalpartien Fußball gespielt wird. Schließlich ist es ja die Fußball- und nicht die Schach-Europameisterschaft, oder?

 

 

EM 2016: Spieltag 10 – Entscheidung Gruppe A

EM-2016-Spieltag10

Spieltag 10 der Europameisterschaft in Frankreich 2016
Entscheidung Gruppe A

SCHWEIZ : FRANKREICH 0:0

Die Zusammenfassung der Begegnung zeigte, dass Frankreich über 90 Minuten die spielbestimmendere Mannschaft war. Zwei Stangenschüsse – davon ein Volley-Hammer von Payet und ein aus dem Fußgelenk geschüttelter Kracher von Pogba – und die eine oder andere gute Abwehr von Torhüter Sommer unterstreichen die französische Dominanz. Frankreich sicherte sich mit diesem Unentschieden den ersten Platz der Gruppe A, gefolgt von der Schweizer Nationalmannschaft auf Platz 2, die im Achtelfinale auf den Zweiten der Gruppe C stößt – so es keine irische oder ukrainische Überraschung gibt, dürfte die Schweiz gegen Polen bzw. Deutschland ihr Spielglück versuchen.

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RUMÄNIEN : ALBANIEN 0:1

Hui, das war ja ein ordentlicher Schlagabtausch. Beide Mannschaften, die in den bisherigen zwei Gruppenspielen mit einer starken Defensivleistung glänzten, mussten diesmal alles auf eine Karte setzen – nur ein Sieg würde den möglichen Aufstieg bedeuten. Waren es anfänglich die Rumänen, die das Spiel kontrollierten, kamen die Albaner immer besser in Schwung. Überhaupt traten die albanischen Spieler selbstbewusster und motivierter auf als ihre rumänischen Gegenspieler. Bewundernswert, wie beide Mannschaften dagegen hielten, wie beide Mannschaften den Weg zum Tor suchten – freilich ohne die Abwehr gänzlich zu entblößen. Die erste Riesenchance vergab der Albaner Ermir Lenjani – wie er es schaffte, aus wenigen Metern den Ball nicht ins, sondern über das leere Tor zu schießen, bleibt ein großes Rätsel. Aber wenn so viel auf dem Spiel steht, mag es nicht verwunderlich sein, wenn  Nerven und Beine flattern. Auf der Gegenseite war es nicht besser. Schlimmer noch, Goalie Ciprian Tatarusanu, der in der italienischen Serie A das Tor des AC Florenz hütet, schätzte eine Flanke Minuten vor dem Pausenpfiff falsch ein und Sadiku köpfte an ihm vorbei ins lange Eck. Die Albaner waren völlig aus dem Häuschen. Der Führungstreffer ließ sie nun befreit aufspielen, ja, sie zeigten sogar die eine oder andere Lässigkeit im Zusammenspiel. Vor allem aber ärgerten sie die Rumänen mit einer überaus disziplinierten Abwehrleistung und mit schnell vorgetragenen Gegenangriffen. Die rumänische Mannschaft konnte in der zweiten Halbzeit nur selten für längere Zeit den nötigen Druck erzeugen – immer wieder verschafften sich die nicht müde werdenden Albaner mit kontrolliertem Angriffsspiel Luft. Aber eine Viertelstunde vor Schluss hätte es dann doch beinahe im Tor der Albaner geklingelt – Andone konnte sich mit einem schönen Dribbling in eine gute Schussposition bringen und hämmerte den Ball an die Latte. Ja, wäre den Rumänen hier der Ausgleich gelungen, das Spiel hätte jeden Tatort an Spannung in die Tasche gesteckt. Nach dieser vergebenen Torchance merkte man, dass die Rumänen nicht mehr an einen Sieg glaubten – auch wenn sie bis zum Schlusspfiff tapfer kämpften.

Die albanische Mannschaft ist ein kleines Fußballwunder. Die Favoriten Frankreich und Schweiz taten sich schwer gegen die disziplinierte Defensivleistung der Albaner – neben Island und Rumänien gehörte sie zum Besten, was diese Europameisterschaft zu bieten hat. Neben Disziplin und Ordnung ist Technik und Zusammenspiel der albanischen Spieler hervorzuheben – alles in allem eine ausgewogene Mannschaft, deren einzige Schwäche die miserable Chancenauswertung ist. Ob am Ende die drei Punkte für den Aufstieg ins Achtelfinale reichen werden, wird sich zeigen. Ich würde es jedenfalls der Mannschaft von Trainer Giovanni De Biasi wünschen, so aufopfernd sie gespielt und dagegengehalten haben.

 

 

EM 2016: Spieltag 6

EM-2016-Spieltag6

Spieltag 6 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

RUSSLAND : SLOWAKEI 1:2

Vielleicht sollten die russischen Spieler ein Schusstraining bei Marek Hamšík absolieren. Während sein erster Schuss knapp neben das Tor strich, schlug sein zweiter ein wie ne Granate. Obwohl seine Schussposition an der linken Straufraumbegrenzungslinie gar nicht sonderlich ideal war, hämmerte er den Ball ins lange Kreuzeck. Muss man gesehen haben. Herrliche Schusstechnik. Etwa eine Viertelstunde früher setzte er Mitspieler Weiss mit einem langen Ball perfekt in Szene. Dass sich dabei die beiden russischen Innenverteidiger wie Schülerligabuben anstellten, zeigt einmal mehr, dass auch Fußballprofis nie gänzlich erwachsen werden. Weiss zirkelte jedenfalls den Ball ins lange Tormanneck. Führungstreffer. Gegen den Spielverlauf. Zwar übten sich die Russen im Verstolpern von Offensivaktionen und Torchancen, trotzdem hatten sie bis dahin mehr vom Spiel. Aber Ballbesitz kauft keinen Europameistertitel – die spanische Ausnahme bestätigt natürlich diese Regel.

In der zweiten Halbzeit – mit zwei Toren im Hintertreffen – versuchten die Russen noch mehr Offensivdrang zu entwickeln. Aber so oft sie auch in den Strafraum an den Ball kamen, irgendwie wirkte der Abschluss stümperhaft. Zwar wirkte die slowakische Abwehr zuweilen nicht gerade sattelfest, aber vor diesen Russen mussten sie sich nicht fürchten. Erst als Glushakov 10 Minuten vor Schluss doch noch der Anschlusstreffer gelang – nicht mit dem Fuß, versteht sich, sondern mit Köpfchen – gerieten die Slowaken ordentlich durcheinander. Mit angezogener Handbremse versuchten sie die Zeit runter zu spielen – ein Konzept, das bereits bei den Engländern ziemlich in die Hose ging. Dass es diesmal doch nicht mehr für den russischen Ausgleich reichte, dürfte am Ende dem schusstechnischen Unvermögen der Sbornaja zu verdanken sein. Ich gehen jetzt mal davon aus, dass sie einfach einen schlechten Tag hatten und im nächsten Spiel, gegen Wales, können sie beweisen, was in ihren Füßen steckt.

Die Slowaken überließen von Beginn an den Russen den Platz und warteten geduldig auf ihre Konterchance. Wie man sieht, ein durchaus praktikables Rezept, vorausgesetzt, man hat einen Hamšík in den eigenen Reihen. Im Großen und Ganzen haben die Slowaken nicht sonderlich überzeugt. Dass sie in der Lage sind, schnelle und flüssige Kombinationen zu spielen, haben sie hin und wieder aufblitzen lassen. Aber zumeist begnügten sie sich mit schnellen Vorstößen, ohne dabei ihr defensives Mittelfeld zu entblößen. Man darf gespannt sein, ob die Engländer in der Lage sein werden, dieses effiziente Konterspiel zu unterbinden. Spannung garantiert.

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RUMÄNIEN : SCHWEIZ 1:1

Den erhofften Schlagabtausch gab es dann doch nicht. Weil beide Mannschaften mit einem Unentschieden ganz gut leben konnten. Dabei hätte eigentlich der VFL Kosovo respektive die Eidgenossen in den ersten zwanzig Minuten alles klar machen können, aber Haris Seferovic vergab recht leichtfertig zwei Großchancen. Ein dummes Textilfoul im Strafraum – Übeltäter der sonst so erfahrene Stephan Lichtsteiner – führte zum Elfmeter und dem überraschenden Führungstreffer für die Rumänen. Alles in allem gefallen mir unsere westlichen Nachbarn recht gut – auch wenn noch nicht alles rund läuft, merkt man doch, dass die Mannschaft ein taktisches Konzept umsetzt. Zusätzlich haben sie auch noch versierte Techniker in ihren Reihen, die durchaus für eine spektakuläre Einzelleistung gut sind (siehe den seitlichen Scherenschlag von Xherdan Shaqiri: damit hätte er Schweizer Fußballgeschichte schreiben können, aber der Ball ging dann doch in die zweite Etage) und konditionell dürften sie keine Probleme haben.

So wie es aussieht, haben die Schweizer nun gute Chancen das Achtelfinale zu erreichen. Freilich, noch ist nichts in Stein gemeißelt, heißt der letzte Gegner doch Frankreich und bei diesem Namen werden in den Schweizer Köpfen mit Sicherheit unangenehme Erinnerungen wachgerufen. Eine erneut hohe Niederlage können sich die Schweizer jedenfalls nicht leisten, falls sie mit einem zweiten Platz liebäugeln, spielen doch die Rumänen ihr Finalspiel gegen Außenseiter Albanien. Spannend bleibt es allemal und das ist ja das Wichtigste, nicht wahr?

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FRANKREICH : ALBANIEN 2:0

Die Franzosen sind die neuen Türken der EM 2008. Auch diesmal konnten sie am letzten Drücker, also in den letzten Minuten der Spielzeit, den Sieg fixieren. Eine Stunde lang war es ein Spiel auf Augenhöhe. Wer hätte das gedacht? Ja, die Albaner kämpften beherzt gegen den recht ideenlos wirkenden Favoriten. Erst die Einwechselung von Pogba und Griezmann in der zweiten Hälfte brachte die Wende gegen immer müder werdende Albaner. Deren laufintensives Spielsystem zerrte an Lungen und Beinen. Aber man muss diese albanische Mannschaft gesehen haben, wie sie rackerte, wie sie lief, wie sie sich die eine oder andere Chance erspielte. Bewundernswert! Der italienische Trainer Gianni de Biasi wusste genau, mit welchem Konzept man spielstarke Teams Paroli bieten würde können. Gegen die Schweizer hatte es knapp nicht gereicht – weil der Ausschluss von Kapitän Lorik Cana durch ein dummes Handspiel nach 37 Minuten alle Pläne zunichte machte – und trotzdem, mit einem Spieler weniger, heizten sie den Schweizern immer wieder gehörig ein. Vielleicht, wer weiß, wäre Trainerfuchs de Biasi genau der Richtige für unser Nationalteam, das oftmals ohne Plan und System agiert. Ist es, weil sich einzelne freigeistige Spieler nicht an taktische Vorgaben halten wollen? Darüber wird an anderer Stelle noch zu schreiben sein. Albanien ist jedenfalls für mich eine ausgesprochen positive Überraschung bei dieser EM und erinnert mich bereits ein wenig an die vom bosnischen Trainer Vahid Halihodzic gecoachte algerische Mannschaft der WM 2014, die seinerzeit der Löw-Truppe die Stirn bieten konnte. Übrigens schrieb ich damals, dass der französische Verband Deschamps feuern und an seiner Stelle Halilhodzic engagieren sollte. Gehört hat mich leider – zum Glück? – niemand.

Die Franzosen haben sich mit dem Sieg nun einen Platz im Achtelfinale gesichert. Das nächste Spiel gegen die Schweiz könnte somit zu einem Trainingsspiel werden. Aber wie oft hat man bei Turnieren gesehen, dass jene Mannschaften, die zuvor ein unwichtiges Match herunterspielten und dabei Schlüsselspieler schonten, nicht mehr in den Realitätsmodus schalten konnten, weil die Spannkraft verloren gegangen ist? Bis jetzt haben die Franzosen jedenfalls zwei glückliche Arbeitssiege gegen defensiv ausgerichtete Teams auf ihrem Konto verbuchen können. Noch weiß aber niemand, ob die Equipe Tricolore auch gegen spielstarke und erfahrene Teams bestehen wird können. Erinnern wir uns an die WM 2012, als bereits so mancher Zuschauer die Franzosen als Geheimtipp auf den Lippen hatte, spielten sie doch in der Gruppenphase einen formidablen Fußball. Im Besonderen beeindruckten die fünf Tore gegen die Eidgenossen. Aber das deutsche Nationalteam zeigte den Franzosen im Viertelfinale die Grenzen auf – sang- und klanglos, ohne jemals wirklich ins Spiel zu kommen, mussten sie sich geschlagen geben. Ist die Mannschaft von Didier Deschamps nun reifer, abgeklärter, spielstärker? Ehrlich gesagt, als ein funktionierendes Team sehe ich sie noch immer nicht. Primär ist es die Qualität der einzelnen Spieler, die je nach Tagesverfassung im Alleingang Spiele entscheiden können. Ob es reicht, ein Turnier zu gewinnen, bezweifle ich. Aber noch haben Les Bleus zumindest zwei Spiele Zeit, um als Mannschaft zusammenzuwachsen. On y va.