richard k. breuer

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Schlagwort-Archiv: selbstständiges Denken

Ein offener Brief an Studierende: Think for yourself!

Princeton_Think

Am 29. August d. J. stellten die drei amerikanischen Elite-Universitäten – Princeton, Harvard und Yale – einen offenen Brief online. Er richtet sich vorrangig an neue Studenten, aber auch an Hochschullehrer und an gewöhnliche, der Wahrheit verpflichtende Bürger. Ich habe mir erlaubt, den Brief nach bestem Gewissen zu übersetzen und hier abzudrucken, da ich denke, dass der Inhalt gerade in unserer von Massenmedien so beeinflussten Epoche von größter Bedeutung ist. Immanuel Kant, Väterchen der Aufklärung und Befürworter des selbstständigen Denkens – „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, hätte sicherlich diesen Brief mitunterzeichnet.

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Wir sind Gelehrte und Professoren in Princeton, Harvard und Yale und möchten ein paar Gedanken und Ratschläge an jene Studenten weitergeben, die sich gerade frisch zu den Universitäten aufmachen. Unser Ratschlag kann auf drei Wörter zusammengefasst werden:

Think for yourself.

Nun, das mag jetzt freilich einfach klingen. Aber du wirst herausfinden – falls du es nicht schon in der Mittelschule erfahren hast – dass selbstständiges Denken eine Herausforderung sein kann. Es verlangt von dir Selbstdisziplin und – gerade in diesen Tagen – Mut.

Im gegenwärtigen politischen Klima ist es angenehm und einfach seine Ansichten und Einstellungen an der Meinung, die am Campus oder im akademischen Umfeld vorherrscht, auszurichten. Jeder Student – oder Hochschullehrer – ist heutzutage der Gefahr ausgesetzt, in die Klauen des Konformismus zu geraten und dem Druck der Gruppe nachzugeben.

Auf vielen Fachhochschulen und Universitäten hält „die Tyrannei der öffentlichen Meinung“ (John Stuart Mills) die Studenten nicht nur davon ab, vorherrschende Ansichten bezüglich moralischer, politischer und ähnlichen Fragen zu widersprechen. Sie führt dazu, dass Studenten davon ausgehen, dass die vorherrschenden Ansichten so offenkundig korrekt sind, dass nur ein engstirniger Mensch (bigot) oder Spinner diese in Frage stellen kann.

Und da niemand gerne als engstirnig oder dumm gelten möchte, ist der einfachere und angenehmere Weg, um voranzukommen, sich der Orthodoxie, die am Campus vorherrscht, anzuschließen.

Don’t do that. Think for yourself.

Selbstständig zu denken bedeutet, vorherrschende Ideen in Frage zu stellen, sogar dann, wenn andere darauf beharren, dass diese Ideen als unstrittig zu gelten haben. Es bedeutet, entscheiden zu können, was richtig und was falsch ist, freilich nicht in dem man sich den gängigen Meinungen anschließt, sondern vielmehr, in dem man sich die Mühe macht, die stärksten Argumente, die eine Frage aufwirft, ehrlich abzuwägen – das inkludiert auch Argumente für eine Sache, die andere verunglimpfen und brandmarken und gegen eine Sache, die andere einer kritischen Überprüfung entziehen wollen.

Die Liebe zur Wahrheit und das tiefe Verlangen danach sollte dich motivieren, selbstständig zu denken. Der zentrale Punkt einer universitären Ausbildung ist die Suche nach der Wahrheit. Um zeitlebens ein Wahrheitssucher zu bleiben, müssen spezielle Fertigkeiten erlernt und ganz bestimmte Eigenschaften erlangt werden. Weltoffenheit, kritisches Denken und Debattieren sind wesentlich für die Wahrheitsfindung. Mehr noch, sie sind unser Gegengift gegen den Starrsinn.

Im Wörterbuch von Merriam-Webster wird das Wort ‚bigot‚ als eine Person definiert, „die stur oder intolerant zu ihren eigenen Meinungen und Vorurteilen steht“. Die einzigen Leute, die aufgeschlossene Untersuchungen und ernsthafte Debatten fürchten müssen, sind die wahren engstirnige Menschen (‚bigots‚). Dazu zählen auch jene am Campus oder in der Gesellschaft, die die Vorherrschaft ihrer Meinung dadurch zu schützen versuchen, in dem sie behaupten, dass das Infragestellen dieser Meinung selbst engstirnig [absurd, lächerlich, kindisch, lachhaft, gefährlich, nationalsozialistisch, stalinistisch, terroristisch, verschwörungstheoretisch, gesetzlich verboten usw.]  sei.

Deshalb lass dich nicht von der öffentlichen Meinung tyrannisieren. Verharre nicht in der Echokammer [in der nur die immergleichen Meinungen und Ansichten zu hören sind]. Ob du am Ende eine Ansicht ablehnst oder akzeptierst, entscheide wo du stehst, in dem du die Argumente für die in Frage kommenden Standpunkte kritisch abwägst.

Think for yourself.

Viel Glück an der Universität.

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