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Die freie WC-Wahl und der Literaturbetrieb

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In den USA – immer die Vorreiter, wenn es um die ›Liberalisierung‹ konventioneller Lebensanschauungen geht – möchte die Regierung die »freie WC-Wahl« einführen. Amerikanische Schulen und Unis, so heißt es auf orf.at, müssen Transgender-Schüler die Toiletten nutzen lassen, die »ihrer geschlechtlichen Identität entsprechen«

Ich meine, wer denkt sich so etwas aus? Vor ein paar Jahren hätte man diese Idee noch als einen gelungenen Aprilscherz verstanden. Heutzutage kann man die absurdesten Vorschläge einbringen – so lange es um den Schutz sogenannter Minderheiten geht. Aber wer bestimmt, ob eine Gruppe zu einer schützenswerten Minderheit gehört?

Nehmen Sie mich, zum Beispiel. Ich gehöre zu den aufopfernden Autorenverlegern, die sich mühselig durchs Leben schlagen müssen, um ihre Literatür an Mann und Frau bringen zu können. Darf ich nun mit meinen Leidensgenossen eine Gruppe bilden und wir uns als diskriminierend betrachten? Gegenüber all den Verlagsschreiberlingen, die fürstlich honoriert und von der Presse bejubelt werden? Sie werden sagen, ich würde nicht gut genug sein, für den professionellen Literatürbetrieb, aber das verbitte ich mir. Das ist diskriminierend! Sie haben meine Werke nicht gelesen, aber Inhalt und Qualität stehen hier sowieso nicht zur Debatte. Vielmehr geht es um mein Innenleben, meine geschundene Seele. Tagein, tagaus werde ich von den Publikationen in den großen Verlagshäusern erniedrigt. Jede Rezension großer und kleiner Verlagsautoren stößt mir den Dolch in die Brust. Verzweiflung. Die Gemeinschaft muss endlich einsehen, dieser unmenschliche Herabwürdigung einen Riegel vorzuschieben. Förderungen im Literatürbetrieb werden nur Verlagsautoren zuteil. Diskriminierung! Einladungen für Leseauftritte im öffentlichen Raum werden vorrangig an Verlagsautoren ausgesprochen. Diskriminierung! Der Bachmannpreis, der Nobelpreis, all diese Literaturpreise – und stipendien, sie sind ein Hort allerhöchster Diskriminierung gegenüber uns Autorenverlegern, die doch nichts anderes wollen, als akzeptiert zu werden. Warum können die einen auf die anderen herabsehen? Wir wollen doch nur auf gleicher Stufe mit Verlagsautoren stehen. Verlangen wir da zu viel?

Warum gibt es keine Humanisten, die sich der unmenschlichen Sache annehmen? Warum wurden noch keine Vereine gegründet, die diese unsägliche Diskriminierung in die Wohnzimmer der Bürger trägt? Warum gibt es keine Lobby für uns? Ist es den Politikern egal, wie eine Minderheit in unserem liberalen Land behandelt wird? Als unwert (der Publikation) werden unsere (Literatur)Kinder in den Verlagshäusern deklariert und der Schredderisierung preisgegeben. Erinnert es nicht an dunkle Zeiten? Als die einen von den anderen aussortiert wurden? Wehret den Anfängen! Heute werden wir als Hobbyschreiberlinge verächtlich gemacht, heute spricht man uns das Recht zur Verlagspublikation ab. Wenn wir nicht alle politischen Hebel in Bewegung setzen, werden erneut die Flammen der Unvernunft über uns zusammenschlagen. Dann sind auch Verlagsautoren nicht mehr sicher.

Was kann getan werden, um unserem Leiden ein Ende zu setzen, fragen Sie? Nun, man könnte Verlagen gesetzlich vorschreiben, dass sie einen bestimmten Prozentsatz ihres Publikationsprogrammes mit Autorenverlegern zu befüllen haben. Die Medienkonzerne sollen mittels Quote dazu verpflichtet werden, Bücher von Autorenverleger zu besprechen, ohne dabei die Qualität zu werten. Literatürförderungen und -stipendien, genauso wie Leseauftritte, müssen allen Autoren offen stehen. In Kaffeehäuser sollen Autorenverleger die freie Platzwahl haben dürfen. Verlagsautoren dürfen auf ihren Ankündigungen keinerlei Hinweis mehr darauf machen, dass Sie Verlagsautor sind. Es soll eine Gleichbehandlungskommission eingeführt werden, die die Rechte der Autorenverleger wahrt und gegebenenfalls Streitigkeiten schlichtet.

Dass das öffentlich-rechtliche TV genauso wie die Presse in Österreich noch nicht auf diese Diskriminierung hingewiesen haben, zeigt einmal mehr, dass es noch viel zu tun gibt, nicht nur in diesem Land, sondern weltweit.

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Buch- und Verlagsbranche, anno 2011 oder Die Schlange ohne Hörner

Man soll die Schlange nicht gering achten, weil sie keine Hörner hat,
man kann nie wissen, ob aus ihr nicht einmal ein Drache wird.

chinesische Weisheit

Es war viele viele Jahre her. In einer Zeit, als es in der Ostmark gerade einmal zwei (öffentlich-rechtliche) TV-Kanäle gab, da guckte man mit großen gierigen Kulleraugen über den großen Teich und hörte von unzähligen US-Fernsehkanälen. Das war schon allerhand. Und dann, dann kam Telekabel nach Wien und ein paar Häuserblöcke kamen in den Genuss von sechs oder sieben deutschsprachigen Sendern. Eine Revolution. Jedenfalls, an der Schwelle zum Jugendlichen, wurde ich hin und wieder bei Familie B. eingeladen, die mehrere ausländische Sender empfangen konnten. Gierig starrten wir auf die vielen Serien, die wir bis dato nicht kannten. Und eine davon war eine chinesische TV-Serie „Die Rebellen vom Liang Shan Po“ – für damalige Verhältnisse ziemlich blutig und heftig (da wollte man doch tatsächlich einem Rebellen den Kopf absägen!). Jedenfalls, im Vorspann der Serie gab es eine kleine Einführung in die Geschichte Chinas und wie eine kleine Gruppe von Rebellen eine Revolution auslöste. Und aus dem Off hörte man jenes Zitat, das ich diesem Blog-Beitrag vorangestellt habe.

Petra van Cronenburg – Autorin, Journalistin, Übersetzerin und Bloggerin – beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit dem Umbruch im Verlagswesen. Es mag sicherlich damit zusammenhängen, dass sie eines ihrer Bücher, das in einem Verlag publiziert wurde (Korrektur: es hätte veröffentlicht werden sollen, aber der Verlag macht vorher ne Bauchlandung), nun selber veröffentlichen möchte. Sie holte sich die Rechte zurück und arbeitete fieberhaft am Buch, das bald im Print-on-demand erhältlich sein wird. Auf ihrem Blog beschreibt sie sehr detailliert, wie sie ihren Dienstleister gefunden hat und worauf man dabei achten muss. Petra van Cronenburg, wenn man so will, muss niemanden etwas beweisen. Und das ist gut so. Selbstverlegern weht ein rauer Wind entgegen. Warum? Weil jeder sein Buch veröffentlichen kann, wenn er ein paar Scheine dafür locker macht. Die Filterfunktion des (kommerziellen) Publikum-Verlages, in der Fachsprache Gateway, ist einzig in der Lage, Qualität von Schund zu trennen. So heißt es. So sagt man. Aber stimmt das noch?

Die Zeiten ändern sich. Wer es merkt, wer es bereits bemerkt hat, tut gut daran, seine Einstellung dahingehend anzupassen. Ein Paradigmen-Wechsel, wie es Alan Rinzler, ein erfahrener Verlags-Mensch, in seinem Beitrag durchklingen lässt. Natürlich ist Rinzler kein Scharlatan, der einem das Blaue vom Himmel verspricht. Mitnichten. Er spricht von neuen Möglichkeiten. Und sagt, dass es keinen besseren Zeitpunkt gibt, zu schreiben, als heute. Wunderbar.

Zurück zu unserem eingangs erwähnten Zitat. Der Kaiser von China und seine Minister und Beamte belächelten anfänglich den kleinen Bauernaufstand. Nur eine Hand voll dahergelaufene Nichtsnutze, die Unruhe stifteten. Warum sollte ein Kaiser von China, der vom Himmel gesandt ist, vor gewöhnlichen Menschen Ehrfurcht haben? Eben. Geht ja gar nicht. Aber die kleine Gruppe an Rebellen, die den Regierungstruppen zähen Widerstand leistete, wurde von der Bevölkerung heimlich befördert. Es sprach sich wie ein Lauffeuer herum, dass es jemand wagte, gegen den Kaiser aufzubegehren. Und je länger dieser ungleiche Kampf dauerte, umso mehr Bauern und unzufriedene Bürger schlossen sich den Rebellen an. In der Tat, aus der kleinen, lächerlichen Schlange erwuchs ein Drache, der zu guter Letzt den Kaiser hinwegfegte (hübsch gesagt, nicht?).

Gut, gut, wollen wir die Kirche im Dorf und die Rebellen in China belassen. Meine Analogie sollte aber trotzdem verständlich sein, nicht? Auf der einen Seite diese beinahe göttliche Macht der Publikumsverlage, auf der anderen Seite eine kleine Gruppe von Unzufriedenen, die ihren Unmut nicht mehr verstecken. Gewiss, viele von ihnen sind rachsüchtig, weil Enttäuschung und verletzter Stolz an ihrer Seele knabbert, aber dann gibt es auch noch andere, nämlich jene, die aus freien Stücken das Rebellentum gewählt haben. Vielleicht haben sie sogar als Beamte im Kaiserreich gedient. Oh. Da bin ich wohl schon wieder in meine Analogie geraten. Sowas aber auch.

Dass es innerhalb der Rebellentruppe nicht gerade zimperlich zu Werke geht, muss ich nicht gesondert erzählen, oder? Jeder Umsturz bringt ein Macht-Vakuum hervor, das gefüllt werden muss. Und viele fühlen sich berufen, es auszufüllen. Tja. Revolten und Revolutionen sind kein Spaß. Wirklich nicht. Viele werden auf der Strecke bleiben. Viele werden zurückgelassen werden. Ist das gut? Ist das schlecht? Sagen wir: es ist absolut, weil niemand diese Bewegung aufhalten kann.

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Und das nächste Mal erzähle ich dann, wie die Rebellen in unterschiedliche Fraktionen zerfallen, die sich misstrauisch beäugen, während der Kaiser von China und seine Beamten Kniffe und Tricks anwenden, um Zeit zu gewinnen und um die Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen.

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