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8. Mai 1945 – Das besiegte Deutschland

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Der größte Teil der Geschichtsforschung ist ein Ratespiel, der Rest eine vorgefasste Meinung.

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Am 8. Mai 1945 kapitulierte die deutsche Wehrmacht in »bedingungsloser Übergabe«. Schon vorher hatte sich ihr Oberster Befehlshaber, das deutsche Staatsoberhaupt, selber den Tod gegeben. Im August legten die Vertreter der Großmächte, der russische Ministerpräsident Stalin, der britische Premierminister Attlee und der amerikanische Präsident Truman, in Potsdam die Einzelheiten der Ausführung des Abkommens von Jalta fest. Deutschland sollte entwaffnet bleiben. Als Grenze der Austreibung wurde die Oder-Neißer-Linie festgelegt. Doch wurde vereinbart, daß Endgültige über die polnische Westgrenze erst ein Friedensvertrag festlegen könne. Schon vorher waren in den östlichen Gebieten, im Sudetenland, in Prag und auf dem Balkan Tausende und aber Tausende Deutscher ermordet worden. Auf den Straßen und in den Häusern spielten sich furchtbare Greuel ab, die selbst die nationalsozialistischen Grausamkeiten übertrafen. Hunderttausende wurden dann durch Hunger ermordet, wieder Hunderttausende, eine niemals genau festgestellte Zahl, wurden in den nächsten Monaten bei der Austreibung die Opfer von Hunger, Krankheit und Kälte.

entnommen:
Paul Sethe, Schicksalsstunden der Weltgeschichte, Gustav Lübbe Verlag, 1977, S. 369f.

Wo eigentlich geht’s hier zur Wahrheit?

WahrheitKreis

‚Und selten zuvor fragten sich so viele Menschen verunsichert: Wo eigentlich geht’s hier zur Wahrheit?‘, heißt es in einem Kommentar in der FAZ. Der Autor macht sich Sorgen, dass sich das Internet in den »vergangenen Jahren zu einer gewaltigen Empörungsmaschine, einer Gerüchteschleuder, zu einem Propagandavehikel für jede noch so obskure Theorie« entwickelt hat. [Artikel] Aha.

Kurz und gut, es dünkt mir, der gute Mann möchte die Wahrheit auf seiner bzw. auf Seiten des Mainstreams wissen. Das ist freilich nicht möglich. Weil es DIE Wahrheit nicht geben kann. Philosophisch gesprochen. Politisch sieht die Sache anders aus, weil jene, die an den Hebeln der Macht sitzen, ob im Vorder- oder Hintergrund sei mal dahingestellt, DIE Wahrheit einerseits definieren und andererseits gesetzlich verankern können. Darin liegt die Crux, darin liegt die Gefahr. Der Autor in der FAZ sieht das freilich anders. Er macht sich vielmehr Sorgen, dass ‚Zehntausende‘ glauben könnten, dass die Mondlandungen inszeniert seien. Aber er dürfte kein Problem darin sehen, dass eine Obrigkeit in der Lage ist, mit Waffengewalt eine Sichtweise, eine Erklärung, eine Geschichtsauffassung als richtig, als wahr festzulegen, der Bevölkerung aufzuzwingen und jeden Kritiker ins Gefängnis zu werfen. Soll das die »bürgerliche Freiheit« sein? Ist es am Ende so, dass die »Presse- und Meinungsfreiheit« nicht für jeden Bürger gilt, sondern nur noch für kapitalintensive Institutionen mit behördlicher Legitimation?

Ich habe [dort] über unabhängige Presse gesprochen und die These vertreten, daß der Dämon des Geldverdienens nicht nur den bürgerlichen Idealismus im allgemeinen, sondern auch die Wahrheitsliebe der Presse zu zerstören begonnen habe und sie schließlich völlig zerstören werde.

Paul Sethe (1901-1967)
Mitherausgeber der FAZ
in einem Brief, Februar 1957

 

Übrigens, wie die letzten Tage in Paris gezeigt haben, ist es für die Obrigkeit ein Leichtes, die Masse nicht nur in Bewegung zu setzen, sondern diese auch für politische Zwecke zu benutzen.

»In der Vergangenheit versprachen Politiker eine bessere Welt zu schaffen. Um dies zu erreichen schlugen sie verschiedene Wege ein, aber ihre Macht und Autorität kam von optimistischen Visionen, die sie ihrem Volk anboten. Diese Träume sind gescheitert und heutzutage hat das Volk den Glauben an Ideologien verloren. Mehr noch, Politiker werden nur noch als Manager des öffentlichen Lebens gesehen. Doch nun haben sie eine neue Rolle entdeckt, die ihre Macht und Autorität wieder herstellt. Anstatt Träume anzubieten versprechen Politiker uns nun zu beschützen: vor Alpträumen. Sie sagen, dass sie uns vor den furchtbaren Gefahren, die wir weder sehen noch verstehen können, retten werden. Und die größte Gefahr von allen ist internationaler Terrorismus, ein machtvolles und dunkles Netzwerk mit Schläfern in Ländern auf der ganzen Welt, eine Bedrohung, die durch einen Krieg [gegen den Terrorismus] bekämpft werden muss. Aber der größte Teil dieser Bedrohung ist eine Fantasie, die von Politikern übertrieben und verfälscht worden ist. Es ist eine dunkle Illusion, die weder von Regierungen und ihren Geheimdiensten, noch vom internationalen Medienapparat hinterfragt wird. […] In einem Zeitalter, in dem alle großen Visionen ihre Glaubwürdigkeit verloren haben, ist die Angst vor einem phantomhaften Schreckgespenst alles, was den Politikern noch bleibt, um ihre Macht zu erhalten.«

Adam Curtis
The Power of Nightmares: The Rise of the Politics of Fear
BBC-Dokumentarfilm, 2004
[meine Übersetzung]

 

P.S.: Ich würde jedem Demonstranten raten, auf der Hut zu sein. Gewiss, der Einzelne lässt sich nicht vereinnahmen oder vor einen politischen Karren spannen, aber die Masse sehr wohl. Kurz und gut: Nach einer Kundgebung bleiben nur Fotos in den Medien übrig, die Bildunterschrift erledigen andere.

Wenn der Mainstream mit der Propaganda oder Ich möchte mein altes Deutschland zurück

Yep. Immer feste druff!

Schlapperlot. Durch einen glücklichen Zufall auf das Buch Deutschland von Sinnen des türkisch-deutschen Schriftstellers Akif Pirinçci gestoßen. Es soll, so liest man, große Wellen im Feuilleton geschlagen haben. Negative, versteht sich. Kein Wunder, prangert der Autor die Gutmenschenphilosophie – a.k.a Political Correctness – mit harschen Worten an. Hola. Nein, gelesen habe ich es noch nicht. Kurzerhand bestellt. Und gleich das Nachfolgewerk Attacke auf den Mainstream dazu. Das zweite Buch interessiert mich freilich mehr, weil hier der interessierte Leser erfahren dürfte, wie der Mainstream auf das erste Buch reagierte und welche Keulen gegen den Autor geschwungen wurden. Ich gehe davon aus, dass es die üblichen gewesen sind, die mit »Anti« am Wortanfang beginnen oder mit »phob« am Ende enden. Ich denke, da ist für jeden Gutmenschen etwas dabei, um so richtig auf Linie gebracht zu werden. Und tobende Gutmenschen machen prinzipiell keine Gefangenen. Das hört man immer wieder. Wie dem auch sei, ich werde mir die beiden Bücher demnächst vorknöpfen und darüber befinden.

P.S.: Wenn Sie wissen möchte, wie mich der Zufall zu diesem Buch geführt hat, nun, dann ist es so, dass ich das Interview eines gewissen Nonnenmacher (ist der Name eigentlich pc?) gelesen habe, der die Vorwürfe von »Medienbranche-Insider-Verräter-Verschwörungstheoretiker« Ulfkotte, dass der Mainstream korrupt sei und Lügen verbreitet, mit den Worten „lächerlich und abstrus“ entkräften wollte. Ja, netter Versuch. In diesem Interview wurde auch auf eine weitere Auseinandersetzung von Niggemeier verwiesen. Und in diesem langen und breiten »es ist alles ganz anders«-Artikel, erfahre ich, dass »der Türke Akif Pirinçci« in einem ZDF-Interview gesagt haben soll: »Mit dem Arschloch sieht man besser«.  Da der Link zur Mediathek angegeben war, musste ich mir das rund 6-minütige Interview natürlich ansehen und habe es nicht bereut. Respekt! Der Mann, dachte ich mir, getraut sich ja allerhand zu sagen. Wahrlich, starker Tobak, was er da so von sich gegeben hat. »Ich möchte mein altes Deutschland wieder haben«, wiederholt er, das türkische Gastarbeiterkind der 1960er- und 70er Jahre, der sich als Deutscher wahrnimmt und nichts von dieser, oft in den Medien erwähnten, kulturellen Zerrissenheit wissen wollte.

P.S.S.: Weil ich weiß, was ich weiß, möchte ich an dieser Stelle nur zwei Anmerkungen machen. Dass der Mainstream tut, was eine Elite vorschreibt, klingt wie eine Verschwörungstheorie, scheint aber, wenn man dem ehemaligen FAZ-Mitherausgeber Paul Sethe (1965) und dem Bezirksstaatsanwalt von New Orleans Jim Garrison (1967) Glauben schenken möchte, einen wahren Kern zu haben. Und schließlich ist ein türkisch-deutscher Schriftsteller nicht der erste gewesen, der auf die Gefahren der Political Correctness hingewiesen hat, das hat vor ihm schon ein gewisser John Charles Carter gemacht. Well, well.