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Trump vs. Clinton – Die zweite Debatte

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update: transcript der Debatte von der New York Times

update: die Realitätsverweigerung der BBC

Nach der Debatte ist vor der Debatte. Im ersten Schlagabtausch war Donald Trump nicht auf seiner rhetorischen Höhe. Irgendwie schien er gesundheitlich angeschlagen, vielleicht war er auch einfach nur seiner Sache zu sicher. Hillary Clinton war wiederum perfekt vorbereitet und spulte eine einstudierte Phrase nach der anderen ab. Eine Politikerin mit Leib und Seele eben, die keine Skrupel hat, eine private und eine öffentliche Position gegenüber Wall Street einzunehmen und politisch zu vertreten. Hier sind interessante Ausschnitte aus ihren unveröffentlichten Reden, die von Wikileaks publiziert wurden.

In meinem Blog-Beitrag über die erste Debatte habe ich klar gemacht, dass es eine kleine Elite ist, die den Präsidenten der Vereinigten Staaten „wählt“, nicht das Volk. Donald Trump ist erfrischend anders, da politisch völlig unkorrekt, weshalb er immer wieder in kleinere und größere Fettnäpfchen stolpert. Er ist kein Politiker wie seine Gegnerin (die bereits als Studentin politisch aktiv war), sondern vielmehr ein Lebemann mit Geld, schlechten wie guten Visionen (und Manieren) und einer Vergangenheit, die ihn immer wieder einholt. Man könnte sagen, Trump ist menschlich, Clinton politisch. So oder so werden beide im Oval Office nach der Pfeife anderer tanzen.

Ich plädiere noch immer dafür, Donald Trump zu wählen. Er ist kritisierbar, angreifbar und absetzbar – man hat das Gefühl, immer wieder ein Auge auf seine Handlungen und Entscheidungen werfen zu müssen -, während Hillary Clinton durch den Frauen- und politischen Erfahrungsbonus nur schwerlich angreif- und kritisierbar ist. Mit ihrer Rhetorik kann sie politisch korrekten Gegnern das Heft ohne Probleme aus der Hand nehmen.

Die heutige zweite Debatte – Beginn: 3 Uhr früh – hätte eigentlich das Ende für Donald Trumps Präsidentschaftswahlkampf bedeuten sollen – so dachten Experten und Medien. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Hillary Clinton, wieder perfekt vorbereitet, teilte gleich zu Beginn ordentlich aus – das an die Öffentlichkeit gelangte „Sex Tape“ ließ Trump einknicken. Er, der große Donald, entschuldigte sich für seinen Sager, den er vor einigen Jahren tätigte. Während man(n) heutzutage für locker room banter (Stammtischgeschwätz) über Frauen bzw. das weibliche Geschlecht ziemlich in die Bredouille geraten kann, lösen Anordnungen für Mord und Totschlag und Bombardierungen nur ein Achselzucken aus. Es sei denn, es dreht sich um das „Assad Regime“ und die „russischen Aggressionen“, die eine humanitäre Katastrophe in Aleppo ausgelöst haben sollen. Hillary Clinton, ehemalige Außenministerin, weiß genau, wer dafür verantwortlich zu machen ist. Natürlich nicht das Pentagon bzw.die CIA und deren Versuche, Assad zu stürzen. Es ist immer die selbe dramatische Tragödie in mehreren Akten, die aufgeführt wird: Zuerst gibt das Weiße Haus heimlich grünes Licht für einen Staatsstreich, bewaffnet, finanziert, trainiert, indoktriniert „Rebellen“ und löst gleichzeitig eine internationale Medienkampagne gegen den amtierenden, aber unerwünschten Präsidenten aus. Die nahe Vergangenheit ist reich an Beispielen: von Chile bis Guatemala, von Libyen bis Ägypten. Die Ukraine sollte man freilich auch nicht vergessen.

Wahre Politiker wissen, wie man in der Öffentlichkeit aufzutreten hat, um ans Ziel zu kommen. Richard Nixon ist vermutlich eines der besten Beispiele dafür, A zu sagen und B zu tun. Er brachte es unter anderem zuwege, vier Jahre lang Kambodscha in aller Heimlichkeit durch das US-Militär bombardieren zu lassen. Das war freilich illegal, aber das bekümmerte niemand im Weißen Haus. In einem Gespräch zwischen Nixon und seinem Berater Henry Kissinger im April 1972 kann man gut erkennen, wie der Hase in der hohen Politik läuft. Um Zivilisten, um Wähler, um Bürger, um das gemeine Volk schert(e) sich kein Politiker.

Nixon: »Die Atombombe, bekümmert dich das? Ich möchte doch nur, dass du im großen Stil denkst, Henry, Herrgott noch mal! Die einzige Stelle, an der wir unterschiedlicher Meinung sind, hat mit der Bombardierung zu tun. Du bist so gottverdammt besorgt um die Zivilisten und mich scheren die einen Dreck. Die sind mir egal.« // „The nuclear bomb, does that bother you? I just want you to think big, Henry, for chrissakes. The only place where you and I disagree is with regard to the bombing. You’re so goddamned concerned about civilians, and I don’t give a damn. I don’t care.“

Da Trump nicht zum Politiker geboren ist, verwickelt er sich in Widersprüche und Blödsinnigkeiten. Er kann die Schieflage nicht mit einstudierten Phrasen unter den Teppich kehren. Das ist gut so. Auf diese Weise wird dem gewöhnlichen Weltbürger endlich mal klar, was denn da im Hintergrund tatsächlich so vor sich geht, was da so gespielt wird. Wenn Sie meinen, Trump ist nicht wählbar, dann haben Sie natürlich recht. Wenn Sie meinen, Hillary Clinton ist wählbar, dann liegen Sie leider falsch.

Wenn es nach Trump ginge, sollte seine Gegnerin längst im Gefängnis sein. Dreck am Stecken hat sie (und viele andere ehemalige Politiker) sicherlich genug. Es erinnert zuweilen an den damaligen Vizepräsident Lyndon B. Johnson, der beinahe seines Amtes enthoben und vor Gericht gestellt worden wäre, hätte es da nicht diese unsäglichen Schüsse in Dallas gegeben, damals im November 1963, die ihn zum neuen Präsidenten und damit unangreifbar machten.

Kurz und gut, eine Präsidentin Hillary Clinton würde am gegenwärtigen Status quo nichts ändern. Geopolitische Spielereien – ja, bewaffnen wir mal die Kurden – mit unabsehbaren Langzeitfolgen (Orwell, here we come)  wären an der Tagesordnung. Es wird hinter der Kamera weitere zynische „We came, we saw, he died“-Lacher geben, während vor der Kamera Demokratie und Freiheit in den blumigsten Farben gepriesen werden. Sollte Präsident Trump eine ähnliche geopolitische Strategie wählen, man würde die Scheinheiligkeit (Hypocrisy) ohne Schwierigkeiten erkennen und kritisieren und damit vielleicht verhindern können.

Das mag der große Unterschied zwischen den beiden Anwärtern sein: Der eine ist ein tölpelhaft daherkommender Wolf, der Schwierigkeiten hat, dem Polit- und Medien-Rudel zu folgen und die andere ist ein politisch erfahrener Wolf im Schafspelz, der weiß, wie man die Herde lenkt. Faites vos jeux.

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Es ist jetzt 7 Uhr. Zeit fürs Bett. Auf Politico findet man übrigens die 7 unschönsten Attacken während der Debatte. Mein Favorit ist diese:

„Es ist wirklich gut, dass jemand mit dem Temperament von Donald Trump nicht die Gesetze in unserem Land macht“, entgegnete Clinton auf Trumps Versprechen, er würde als Präsident Anklage gegen sie erheben.

„Weil Sie sonst im Gefängnis sitzen würden“, gibt Trump zurück.

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EUROVision Song Contest 2015: FINALE #ESC

Ja, die Sache mit dem Copyright
Ja, ja, die Sache mit dem Copyright.

update: So haben Juroren und Publikum abgestimmt! LINK

Yep. Die Pop-Überflieger ABBA wussten es bereits in den 1980ern: The Winner takes it all. Ihr Landsmann Måns Zelmerlöw gewann für Schweden das große Finale des europäischen Gesangswettbewerbs. Ziemlich klar auch noch dazu. Nur der russische und der italienische Beitrag konnten anfänglich dagegen halten. Aber am Ende setzt sich nun mal Qualität durch. Wirklich? Nope. Natürlich nicht. Das war ein Witz. Wenn Sie ernsthaft an dieses Märchen glauben, gehen Sie womöglich mit Lipizzaner-Scheuklappen durch die Welt da draußen. Jede Massenveranstaltung – Betonung liegt dabei auf Masse – wird von den Veranstaltern auf den Millimeter geplant. Überraschungen gibt es nur dann, wenn die Macher im Hintergrund eine solche zulassen wollen. Falls Sie mir nicht glauben, schlagen Sie nach bei Sigmund Freuds Neffe Edward Bernays und lesen Sie in seinem in den USA im Jahre 1928 erschienenem Werk Propaganda, wie wichtig es für die Elite ist, die Masse zu lenken und zu führen.

»Unsere muss eine Herrschafts-Demokratie sein, administriert von der gebildeten Minderheit, die weiß, wie man die Massen kontrolliert und führt«.

Mit anderen Worten, die europäische Song-Contest-Veranstaltung ist nichts anderes als gut gemachte Massen-Manipulation. Denn egal, ob Sie sich für den Event interessierten oder nicht – Sie hatten keine Chance, nicht nicht an dieses Ereignis erinnert zu werden. Längst ist der Mainstream-Medien-Apparat übermächtig und gibt vor, worüber wir zu reden und nachzudenken haben.

Zurück zum Singsang-Biz. Der österreichische und der deutsche Beitrag gingen ohne Punkte nach Hause. Hm. Derweil fackelten wir Ösis sogar das Klavier auf der Bühne ab. Der brennende Dornenbusch rund um einen Jünger Jesu lockte keinen Zuschauer hinterm Smartphone hervor. Ja, nicht einmal die erzkatholischen Italiener oder Polen oder Iren (okay, seit gestern müssen Sie diese von der Liste streichen) beschenkten uns für diese Darbietung mit einem Pünktchen. Enttäuschend. Einziger Trost, wie so oft, ist das geteilte Leid mit Deutschland. Das war bekanntlich vor vielen Jahrzehnten nicht anders, wenn ich mich recht erinnere. Kann mich aber auch täuschen.

Musikalisch fand ich den Beitrag von Zypern äußerst gelungen. Sehr sympathische Old-School-Trällerei. Der Mann hat – in meinen Ohren – eine formidable Stimme. Im Gegensatz dazu haben mich die zwei drei kleinen Italiener nicht gerade von der Couch geworfen. Macht nix, die Tenöre haben ihre Fangemeinde und das ist ja bekanntlich alles, was zählt, im Musik-Biz, nicht? Der Beitrag von Slowenien hat mir übrigens auch gefallen, Kopfhörer hin oder her. Und die ungarische Gesangstruppe erinnerte seltsamerweise mehr an Irland als an Ungarn.

Zu guter Letzt stellt sich mir die Frage, woher die Buchmacher wussten, dass es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Schweden und Russland geben würde. Ist mir schleierhaft. Zugegeben, die beiden Gesangsstücke sind nicht schlecht, aber sind sie um so vieles besser als all die anderen? Ja, wie verflixt noch mal können Journalisten und Buchmacher überhaupt den musikalischen Geschmack Europas auf die letzte Note kennen? Ist mir ein großes Rätsel. Gestern wusste ich noch nicht mal, wo Aserbaidschan liegt oder dass Georgien guten Wein produziert oder dass die geographische Grenze Europas nicht klar definiert ist und ziemlich weit nach Osten reicht. Früher einmal, lange ist es wohl her, lernte ich, dass die eine Hälfte von Istanbul in Europa, die andere in Asien liegt. Am Bosporus schieden sich nicht nur die Geister, sondern auch die Kontinente. Erst mit der Zerbröckelung der UdSSR in den 1990ern wurden die Grenzen neu gezogen – man reiche mir ein Lineal!

Also. Haben Sie eine Erklärung, wie die Wettquoten und Favoriten für diesen Wettbewerb zustande kamen? Und ist es nicht ein wenig schockierend, zu erfahren, dass Italien, Belgien, Polen und Australien dem späteren Siegerlied die maximalen Punkte gab? [Hier die Liste] Ich meine, ist es vorstellbar, dass Polen und Australier, Belgier und Italiener den gleichen Musikgeschmack haben?

Dass die Punktevergabe irgendwie mit den nachbarschaftlichen Beziehungen zu tun haben soll, hört man ja immer wieder. Die Indizien sprechen eine klare Sprache, dass dem tatsächlich so ist (okay, sehen wir mal von der Ösi-Piefke-Hassliebe ab). Mit anderen Worten, die Leutchen, die zum Telefon gegriffen haben – vermutlich aber auch die Jury-Mitglieder – stimmten aus persönlich-geographischen Gründen, nicht unbedingt aus musikalischen. Somit bleibt am Ende des Tages nur der Gedanke, dass die Qualität des Gesangsmaterials so gut wie wurst ist. Anders gefragt: Hätte Zypern das schwedische Lied im Programm gehabt, hätte man sie gewinnen lassen?

P.S.: Wie mir gerade aufgefallen ist, haben einige Länder aus finanziellen Gründen am Song-Contest 2015 nicht teilgenommen, beispielsweise Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Andorra oder Luxemburg (Bankenkrise?). Wir sehen: Am Ende regiert immer noch das Geld, nicht die Musik. Kurz: Wer zahlt, schafft an, darf singen.