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WM 2018: Tag #7 – Der Sieg des Minimalismus

Portugal : Marokko 1:0
Uruguay : Saudi Arabien 1:0
Iran : Spanien 0:1

Gedanken zu den Spielen.

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Barcelona im August 2017: The show must go on and on and on …

dav

Eigentlich wollte ich mich so gar nicht mit den Ereignissen in Barcelona beschäftigen. Wieder Terrorismus. Wieder ein Fahrzeug. Wieder Menschenmengen. Wieder unzählige Opfer. Wieder Trauerkundgebungen. Wieder das Schüren emotionaler Gefühle. Wieder das politische Ausschlachten an allen Fronten.

Same shit, different smell, wenn es mir erlaubt ist, so salopp die englische Sprache zu verwenden. Schön langsam ist eine eingespielte Routine zu bemerken. Die Behörden und die Medien laufen wie eine geölte Maschine. Die kleineren und größeren Zahnräder greifen scheinbar mühelos ineinander und bewegen die unglaubwürdigsten Storys vorwärts. Wer sich anmaßt, auf Lücken und Widersprüche der offiziellen Verlautbarung, auf seltsam unecht wirkendes Bildmaterial und absurden, aber fotogenen Rettungsmaßnahmen hinzuweisen, wird mit der „Opfer-Keule“ grün und blau geschlagen. Es ist, als würde von einem Moment auf den anderen der Verstand des gewöhnlichen Bürgers aussetzen. Mehr noch, der Medienkonsument zeigt längst Anzeichen einer Pawlowschen Konditionierung. Gut, würde ich nicht wissen, was ich weiß, ich wäre nicht anders. Deshalb ist die Frage aller Fragen, wie man den Einzelnen wieder zum Gebrauch seines Verstandes bewegen kann. Gibt es eine Möglichkeit, diese Konditionierung – oder ist’s gar ne Hypnose? – aufzulösen? Wo sind nur die unschuldigen Kinder, die rufen, dass der Kaiser keine Kleider trägt?

„In der großen Stadt, in welcher der Kaiser wohnte, ging es sehr munter her. An jedem Tage kamen viele Fremde an, und eines Tages kamen auch zwei Betrüger, die gaben sich für Weber aus und sagten, daß sie das schönste Zeug, was man sich denken könne, zu weben verständen. Die Farben und das Muster seien nicht allein ungewöhnlich schön, sondern die Kleider, die von dem Zeuge genäht wurden, sollten die wunderbare Eigenschaft besitzen, daß sie für jeden Menschen unsichtbar seien, der nicht für sein Amt tauge oder der unverzeihlich dumm sei.“ [Märchen]

Die große Ironie bei alledem ist, dass die breite Masse der festen Meinung ist, sie würde die Wahrheit in Händen halten, dabei wiederholt sie nur, was sie in den Medien gelesen, gehört und gesehen hat. Beweise hat sie freilich keine. Beweise gibt es auch keine. Gewiss, jedem steht frei, zu behaupten, dass die Behörden schlagende Beweise hätten. Aber dann läuft es auf eines hinaus – immer läuft es darauf hinaus: Vertrauen Sie der Obrigkeit?

Und bitte, kommen Sie jetzt nicht mit der Gegenfrage: „Aber warum sollte man das tun?“ Auf diese Frage kann es keine Antwort geben. Weil Sie und ich und der ganze Rest keine Ahnung hat, welche Agenda* im Hintergrund abläuft. Deshalb sollten wir uns mit dem Motiv auch gar nicht weiter beschäftigen. Bleiben wir beim Faktischen, beim Widerlegbaren, beim Überprüfbaren. Versuchen wir Zusammenhänge zu erkennen. Verbinden wir das eine mit dem anderen. Verwerfen wir simple Antworten. Stellen wir unbequeme Fragen. Seien wir hartnäckig und ausdauernd. Lassen wir uns nicht ins Bockhorn jagen, lassen wir uns kein X für ein O vormachen. Mag es auch heute keine zufriedenstellende Antwort geben, morgen kann sich bereits eine Tür öffnen.

Aber vor allem, seien wir wachsam gegen jegliche Form der Zensur bzw. Einschränkung der Rede- und Meinungsfreiheit. Kaiser Joseph II. war seiner Zeit weit voraus, als er 1781 die Zensur weitgehend auflöste:

„Soll man gegen alles, was unsittliche Auftritte und ungereimte Zotten enthält, aus welchen keine Gelehrsamkeit, keine Aufklärung jemals entstehen kann, strenge, gegen alle übrige Werke aber, wo Gelehrsamkeit, Kenntnisse und ordentliche Sätze sich vorfinden, um so nachsichtiger sein, als erstere nur vom grossen Haufen, und von schwachen Köpfen gelesen, letztere hingegen schon bereiteten Gemüthern, und
in ihren Sätzen standhafteren Seelen unter die Hände kommen.“ [Zensurordnung]

Leider dankten es ihm weder die Bürger noch die Schreiberlinge, aber das ist eine andere Geschichte.

….

*) update September 2017: „In Spanien gilt Terrorstufe vier, aber 70 Prozent der Polizeieinheiten von Madrid sind in Katalonien auf der Suche nach Wahlurnen“, schreibt eine Aktivistin: ‚Wie in einer Diktatur‘

EM 2016: Finale – POR : FRA

EM-2016-Finale

Gedanken zum Finale der Europameisterschaft in Frankreich 2016

PORTUGAL : FRANKREICH 1:0 n. V.

Kurios. Nach 13 Minuten humpelte Ronaldo nach einer ungestümen Attacke von Payet den Rasen hinauf und hinunter. Der Geist war willig, aber das geschundene Fleisch schwach – eine viertel Stunde später ließ sich der wohl beste portugiesische Spieler mit Tränen in den Augen vom Feld tragen. Armer Ronaldo, dachten die einen. Guter Payet, die anderen. Ja, Christiano polarisiert die Fans – damals wie heute.

Das Finalspiel selbst war, wie zu erwarten, eine laue, öde Partie. Die Portugiesen wollten nicht, die Franzosen trauten sich nicht. Die Nervosität der Spieler – hüben wie drüben – war ihnen im Gesicht abzulesen. Viel stand auf dem Spiel. Natürlich. Das haben Finalspiele so an sich, hier geht es um das große Ganze. Der zweite Platz ist genauso gut wie der letzte. Nur der Sieg zählt. Wir wissen es. Die Spieler dito. Deshalb beginnt und endet der Kampf im Kopf der Spieler. Wer mental die Oberhand behält, trägt gewöhnlich den Pokal nach Hause – kein Wunder also, dass es an diesem Sonntag in die Verlängerung ging und alles nach einem Elfmeterschießen aussah. Doch zehn Minuten vor dem Ende der Verlängerung nimmt sich der eingewechselte Eder ein Herz und zieht zwanzig Meter vor dem Tor ab. Der scharfe Schuss passte genau in die Ecke. Torhüter Lloris – und damit auch seine Mannschaft – war geschlagen. Dabei hätte Gignac – der für den farblosen Giroud kam – in der Nachspielzeit der regulären Spielzeit die Entscheidung herbeispitzeln können – aber die Stange hielt die Portugiesen – wie bereits gegen Kroatien – auch diesmal im Spiel.

Wie gesagt, über das Spiel selbst muss man nicht viele Worte verlieren. Es war kein Fußballspiel, vielmehr ein nervöses Abtasten. Dabei hätten die Franzosen nach ihrem überraschenden Sieg gegen den amtierenden Weltmeister Deutschland und mit dem Heimvorteil im Rücken allen Grund gehabt, mit Verve und élan vitale das Tor zu suchen. Statt dessen versagten Nerven und Beine der sonst so überragenden Spieler des Turniers: Payet, Pogba, Giroud, Griezman.

Man stelle sich vor, die Equipe Tricolore hätte gewonnen und würde in einem Atemzug mit den beiden außergewöhnlichen Siegermannschaften der EM 1984 und der EM 1998 genannt werden. Mon Dieu! Das hätte die besondere Aura der goldenen Generation von Platini & Co sowie Zidane & Co verpuffen lassen. Die Medien und Fans hätten Vergleiche mit der glorreichen Vergangenheit gezogen. Non! Seien wir demnach froh, dass es soweit nicht gekommen ist. Es mag schlimm genug sein, dass eine durchschnittliche portugiesische Mannschaft jenen Pokal nach Hause mitnehmen durfte, der eigentlich der goldenen Generation der EM 2004 gebührt hätte. Figo, Deco, Rui Costa, Maniche, Nuno Gomes, Boswinga usw., sie waren famose Fußballer und hatten das gewisse Etwas. Gerade dieses gewisse Etwas ist dem europäischen Fußball in den letzten Jahren abhanden gekommen. Vielleicht wird die Weltmeisterschaft 2018 das Ende der europäischen Vorherrschaft am grünen Rasen einläuten. Bereits bei der WM 2014 in Brasilien ließen die Newcomer Kolumbien, Chile und Costa Rica aufhorchen, wurde Dauerbrenner Mexiko nur durch ein umstrittenes Robben-Foul aus dem Achtelfinale gekickt, spielte die französische B-Elf der Algerier den späteren Weltmeister schwindlig und zeigten die Amerikaner (wie die Ungarn), dass sie auch bereit waren, mit wehenden Fahnen ins offene belgische Offensivmesser zu laufen. Was den nichteuropäischen Teams bisher gefehlt hat, war diese besondere Abgebrühtheit. Aus Erfahrung gut, kommt einem da in den werbeverseuchten Sinn.

Die diesjährige Europameisterschaft hat jedenfalls gezeigt, dass Einzelleistung vor Mannschaftsleistung ging. Ohne Payet hätte Frankreich die Gruppenphase wohl nicht als Sieger beendet und ohne Griezmann wäre es zu keinem Finalspiel gekommen. Im Übrigen bin ich noch immer der Meinung, dass die französische (genauso wie die englische und spanische) Nationalmannschaft kein funktionierendes Team ist. Beim amtierenden Weltmeister Deutschland liefen viele Spieler ihrer Form hinterher bzw. waren mental ausgebrannt. Gleiches gilt für den letzten Europameister Spanien.

Die beste Mannschaftsleistung gab es meiner Meinung nach von Kroatien und Italien. Hätten die Kroaten im Achtelfinale gegen Portugal nicht mit angezogener Handbremse gespielt, vielleicht würden sie nun den Pokal in Zagreb ausstellen. Und hätten die Italiener statt Zaza nur ein wenig Glück gehabt, würde ganz Italien ihren Fußballpensionisten zujubeln können. Gewiss, es ist müßig, jetzt über vergebene Elfmeter (Österreich!) oder unglückliche Stangenschüsse (Österreich!) zu sinnieren. Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht mehr zu ändern ist, wusste bereits Peter Alexander 1962 zu singen.

Diese Europameisterschaft wird man wohl alsbald vergessen. Erwähnenswerte Spiele gab es wenige. Am besten gefiel mir noch das letzte und entscheidende Gruppenspiel zwischen Albanien und Rumänien. Auf dem Papier hätte es eine müde Partie werden müssen – aber auf dem Rasen war einiges los und das Spiel ließ jedes Fußballherz höher schlagen. Sehenswert natürlich auch die übermotivierten Italiener, die den Spaniern die Grenzen ihres Ballherumgeschiebes aufzeigten. Trainer Löw dürfte so beeindruckt gewesen sein, dass er sich eine spezielle Taktik für Buffon & Co überlegte – dadurch machte er die Italiener (defensiv) stärker und die Deutschen (offensiv) schwächer. Der Schuss hätte demnach leicht nach hinten gehen können. Kurz, Löw hatte keine Eier in der Hose – auch wenn er es hin und wieder nachprüfte. Das Elfmeterschießen entwickelte sich freundlicherweise zum absoluten Thriller. Mon Dieu, was haben wir gelacht.

EM 2016: Spieltag 16 – Achtelfinale

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Spieltag 16 der Europameisterschaft in Frankreich 2016
Achtelfinale

ITALIEN : SPANIEN 2:0
ENGLAND : ISLAND 1:2

Hola! Das war mal ein Spieltag ganz nach meinem Geschmack. Faszinierend, dass die beiden Favoriten in den zwei Achtelfinalspielen – Spanien und England – auf eine ähnliche blamable Art und Weise in die Niederlage trabten. Beide Mannschaften wirkten müde, träge, unkonzentriert – im Vergleich dazu zeigten ihre Gegner einen unbändigen Kampfeswillen, der wiederum enorme Kräfte frei werden ließ. Ja, diese Spannkraft ist es, die über Sieg und Niederlage eines Spiels, vielleicht sogar des Turniers, entscheidet. Spielstarke Mannschaften, die nicht in der Lage sind, sich gegen einen motivierten und auf den Punkt angespannten Gegner aufzubäumen und dagegenzuhalten, brechen auseinander. Für die Experten im britischen TV – Ian Wright, Lee Dixon und Peter Crouch – war das Spiel der englischen Mannschaft beschämend, blamabel, einfach nur peinlich (›embarassing‹) und die Spieler selbst einfach nur starr vor Angst (›petrified‹). Immer wieder mokierten sie sich über (den nun zurückgetretenen) Trainer Roy Hodgson, der noch in den letzten Freundschaftsspielen vor der Endrunde der Europameisterschaft mit neuen Systemen und Taktikvorgaben die Spieler verunsicherte. Peter Crouch meinte, dass die englischen Spieler – professionelle Fußballer der teuersten Liga – mit dem Druck nicht hätten umgehen können. Auf BBC stellte Alan Shearer fest, dass Trainer Hodgson – freundlich formuliert – keinen Plan hatte, die Liste seiner Fehler lang seien und es hoffnungslos (mit ihm) wäre.

Wahrlich, die Engländer enttäuschten auf ganzer Linie. Die Isländer hingegen, sie blühten förmlich auf, ja, sie dominierten das Spiel. Der Ausgleich – nur wenige Minuten nach dem Führungstreffer der Engländer – war eine Kopie jenes Treffers, den die Österreicher im letzten Gruppenspiel hinnehmen mussten: Weiter Einwurf in den Strafraum, Kopfballverlängerung und ein Isländer, der den Ball über die Linie drückte. Das zweite und entscheidende Tor war eine wunderbar gespielte one-touche-Kombination am Strafraum mit gefühlvollem Abschluss. Joe Hart und seine Vorderleute sahen bei diesem Gegentreffer äußerst schlecht aus. Der vermeintliche Underdog spielt nun im Viertelfinale gegen Frankreich. Schätze, die Franzosen werden sich warm anziehen müssen.

Für die Engländer beginnt nun ein weiteres Mal die Suche nach einem Trainer, der in der Lage ist, aus einem ungeschliffenen Diamanten ein siegreiches Kunstwerk zu machen. Hodgson formte jedenfalls in den letzten Jahren kein Team, keine Mannschaft – er stellte vielmehr die hochkarätigsten Spieler auf den Platz, zwängte Wayne Rooney in eine neue Position und hoffte, dass deren Qualität allein ausreichen würde, um zu bestehen. Die überragende Bilanz in der EM-Qualifikation (alle Spiele gewonnen!) täuschte Mann und Maus – und so marschierten 23 Einzelspieler mit von Stolz geschwellter Brust ins Turnier und schließlich ins fußballerische Verderben. Gegen die eingeschworene, hoch motivierte und mit einem gameplan ausgestattete Mannschaft aus dem hohen Norden setzte es für die Engländern eine fürchterliche Schlappe, deren Nachwirkung sicherlich noch Jahre später zu spüren sein wird. Kurz, das Waterloo Färöer der Three Lions.

Die Spanier sind in einer ähnlich unangenehmen Lage wie die Engländer. Sie haben ausgezeichnete Spieler, die ihre Brötchen in den besten Ligen verdienen und trotzdem verpuffte dieser spielerische Vorteil in den letzten beiden Fußballturnieren. Die goldene Generation rund um Puyol, Xavi, Iniesta, Alonso, Torres und Villa hat in der Vergangenheit alle Titel geholt, die sie nur holen konnte. Aber die Zeit bleibt nicht stehen und die goldene Generation verblasst langsam vor unser aller Augen. Es wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als einen Kahlschlag zu machen und von vorne zu beginnen. Halbherzige Lösungen – wir Österreicher wissen es am besten – wirken zwar kurzfristig, aber auf lange Sicht gesehen führen sie geradewegs ins Desaster.

Das gestrige Spiel der italienischen Mannschaft hat wiederum gezeigt, was ein ambitionierter und mutiger Trainer aus Spielern jeden Alters herausholen kann. Was die Azzurri in den letzten Begegnungen zeigten, war herzerfrischender Fußball. Es ist eine Freude, diesen Spielern beim Rackern und Kämpfen, beim Schießen und Stochern, beim Laufen und Stoppen, beim Jubeln und Jauchzen zuzuschauen. Gestern überraschten sie alle Welt mit einem druckvollen Angriffsspiel. Die Spanier – zu behäbig und viel zu vorsichtig – wussten sich über das ganze Spiel nicht zu helfen und erst in der letzten Viertelstunde – als die Kondition und Konzentration der Italiener nachließen – kamen sie zu ernsthaften Torchancen. Ein verdienter Sieg der Italiener. Die vorgegebene Taktik dürfte wohl auch gegen Deutschland zur Anwendung kommen – zielt sie darauf ab, das Ballbesitzspiel bereits in der gegnerischen Hälfte mittels Pressing zu stören und bei Ballgewinn mit schnell vorgetragenen Vorstößen die Unordnung in der Hintermannschaft kaltblütig auszunützen. Deutschland, wie wir gesehen haben, spielt immer dann am besten, wenn die Spielmacher und Taktgeber das Mittelfeld beherrschen, die Verteidiger hoch stehen und so ein Kombinationsspiel vor dem gegnerischen Strafraum aufziehen können. Auf den Punkt gebracht: Deutschland spielt spanischer als die Spanier. Trainer Löw wird sich also etwas einfallen lassen müssen, gegen diese erstarkten Italiener, die Blut geleckt haben und damit auf mentaler Ebene den Deutschen überlegen sind. Wenn die Mannschaft einen Gegner im Turnier zu fürchten hat, dann ist es Italien – vielleicht auch das neue Santos-Portugal. Alle anderen sollten sie locker in die Tasche stecken.

Meiner Seel, das wird ein Spiel!