richard k. breuer

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EM 2016: Finale – POR : FRA

EM-2016-Finale

Gedanken zum Finale der Europameisterschaft in Frankreich 2016

PORTUGAL : FRANKREICH 1:0 n. V.

Kurios. Nach 13 Minuten humpelte Ronaldo nach einer ungestümen Attacke von Payet den Rasen hinauf und hinunter. Der Geist war willig, aber das geschundene Fleisch schwach – eine viertel Stunde später ließ sich der wohl beste portugiesische Spieler mit Tränen in den Augen vom Feld tragen. Armer Ronaldo, dachten die einen. Guter Payet, die anderen. Ja, Christiano polarisiert die Fans – damals wie heute.

Das Finalspiel selbst war, wie zu erwarten, eine laue, öde Partie. Die Portugiesen wollten nicht, die Franzosen trauten sich nicht. Die Nervosität der Spieler – hüben wie drüben – war ihnen im Gesicht abzulesen. Viel stand auf dem Spiel. Natürlich. Das haben Finalspiele so an sich, hier geht es um das große Ganze. Der zweite Platz ist genauso gut wie der letzte. Nur der Sieg zählt. Wir wissen es. Die Spieler dito. Deshalb beginnt und endet der Kampf im Kopf der Spieler. Wer mental die Oberhand behält, trägt gewöhnlich den Pokal nach Hause – kein Wunder also, dass es an diesem Sonntag in die Verlängerung ging und alles nach einem Elfmeterschießen aussah. Doch zehn Minuten vor dem Ende der Verlängerung nimmt sich der eingewechselte Eder ein Herz und zieht zwanzig Meter vor dem Tor ab. Der scharfe Schuss passte genau in die Ecke. Torhüter Lloris – und damit auch seine Mannschaft – war geschlagen. Dabei hätte Gignac – der für den farblosen Giroud kam – in der Nachspielzeit der regulären Spielzeit die Entscheidung herbeispitzeln können – aber die Stange hielt die Portugiesen – wie bereits gegen Kroatien – auch diesmal im Spiel.

Wie gesagt, über das Spiel selbst muss man nicht viele Worte verlieren. Es war kein Fußballspiel, vielmehr ein nervöses Abtasten. Dabei hätten die Franzosen nach ihrem überraschenden Sieg gegen den amtierenden Weltmeister Deutschland und mit dem Heimvorteil im Rücken allen Grund gehabt, mit Verve und élan vitale das Tor zu suchen. Statt dessen versagten Nerven und Beine der sonst so überragenden Spieler des Turniers: Payet, Pogba, Giroud, Griezman.

Man stelle sich vor, die Equipe Tricolore hätte gewonnen und würde in einem Atemzug mit den beiden außergewöhnlichen Siegermannschaften der EM 1984 und der EM 1998 genannt werden. Mon Dieu! Das hätte die besondere Aura der goldenen Generation von Platini & Co sowie Zidane & Co verpuffen lassen. Die Medien und Fans hätten Vergleiche mit der glorreichen Vergangenheit gezogen. Non! Seien wir demnach froh, dass es soweit nicht gekommen ist. Es mag schlimm genug sein, dass eine durchschnittliche portugiesische Mannschaft jenen Pokal nach Hause mitnehmen durfte, der eigentlich der goldenen Generation der EM 2004 gebührt hätte. Figo, Deco, Rui Costa, Maniche, Nuno Gomes, Boswinga usw., sie waren famose Fußballer und hatten das gewisse Etwas. Gerade dieses gewisse Etwas ist dem europäischen Fußball in den letzten Jahren abhanden gekommen. Vielleicht wird die Weltmeisterschaft 2018 das Ende der europäischen Vorherrschaft am grünen Rasen einläuten. Bereits bei der WM 2014 in Brasilien ließen die Newcomer Kolumbien, Chile und Costa Rica aufhorchen, wurde Dauerbrenner Mexiko nur durch ein umstrittenes Robben-Foul aus dem Achtelfinale gekickt, spielte die französische B-Elf der Algerier den späteren Weltmeister schwindlig und zeigten die Amerikaner (wie die Ungarn), dass sie auch bereit waren, mit wehenden Fahnen ins offene belgische Offensivmesser zu laufen. Was den nichteuropäischen Teams bisher gefehlt hat, war diese besondere Abgebrühtheit. Aus Erfahrung gut, kommt einem da in den werbeverseuchten Sinn.

Die diesjährige Europameisterschaft hat jedenfalls gezeigt, dass Einzelleistung vor Mannschaftsleistung ging. Ohne Payet hätte Frankreich die Gruppenphase wohl nicht als Sieger beendet und ohne Griezmann wäre es zu keinem Finalspiel gekommen. Im Übrigen bin ich noch immer der Meinung, dass die französische (genauso wie die englische und spanische) Nationalmannschaft kein funktionierendes Team ist. Beim amtierenden Weltmeister Deutschland liefen viele Spieler ihrer Form hinterher bzw. waren mental ausgebrannt. Gleiches gilt für den letzten Europameister Spanien.

Die beste Mannschaftsleistung gab es meiner Meinung nach von Kroatien und Italien. Hätten die Kroaten im Achtelfinale gegen Portugal nicht mit angezogener Handbremse gespielt, vielleicht würden sie nun den Pokal in Zagreb ausstellen. Und hätten die Italiener statt Zaza nur ein wenig Glück gehabt, würde ganz Italien ihren Fußballpensionisten zujubeln können. Gewiss, es ist müßig, jetzt über vergebene Elfmeter (Österreich!) oder unglückliche Stangenschüsse (Österreich!) zu sinnieren. Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht mehr zu ändern ist, wusste bereits Peter Alexander 1962 zu singen.

Diese Europameisterschaft wird man wohl alsbald vergessen. Erwähnenswerte Spiele gab es wenige. Am besten gefiel mir noch das letzte und entscheidende Gruppenspiel zwischen Albanien und Rumänien. Auf dem Papier hätte es eine müde Partie werden müssen – aber auf dem Rasen war einiges los und das Spiel ließ jedes Fußballherz höher schlagen. Sehenswert natürlich auch die übermotivierten Italiener, die den Spaniern die Grenzen ihres Ballherumgeschiebes aufzeigten. Trainer Löw dürfte so beeindruckt gewesen sein, dass er sich eine spezielle Taktik für Buffon & Co überlegte – dadurch machte er die Italiener (defensiv) stärker und die Deutschen (offensiv) schwächer. Der Schuss hätte demnach leicht nach hinten gehen können. Kurz, Löw hatte keine Eier in der Hose – auch wenn er es hin und wieder nachprüfte. Das Elfmeterschießen entwickelte sich freundlicherweise zum absoluten Thriller. Mon Dieu, was haben wir gelacht.

EM 2016: Spieltag 16 – Achtelfinale

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Spieltag 16 der Europameisterschaft in Frankreich 2016
Achtelfinale

ITALIEN : SPANIEN 2:0
ENGLAND : ISLAND 1:2

Hola! Das war mal ein Spieltag ganz nach meinem Geschmack. Faszinierend, dass die beiden Favoriten in den zwei Achtelfinalspielen – Spanien und England – auf eine ähnliche blamable Art und Weise in die Niederlage trabten. Beide Mannschaften wirkten müde, träge, unkonzentriert – im Vergleich dazu zeigten ihre Gegner einen unbändigen Kampfeswillen, der wiederum enorme Kräfte frei werden ließ. Ja, diese Spannkraft ist es, die über Sieg und Niederlage eines Spiels, vielleicht sogar des Turniers, entscheidet. Spielstarke Mannschaften, die nicht in der Lage sind, sich gegen einen motivierten und auf den Punkt angespannten Gegner aufzubäumen und dagegenzuhalten, brechen auseinander. Für die Experten im britischen TV – Ian Wright, Lee Dixon und Peter Crouch – war das Spiel der englischen Mannschaft beschämend, blamabel, einfach nur peinlich (›embarassing‹) und die Spieler selbst einfach nur starr vor Angst (›petrified‹). Immer wieder mokierten sie sich über (den nun zurückgetretenen) Trainer Roy Hodgson, der noch in den letzten Freundschaftsspielen vor der Endrunde der Europameisterschaft mit neuen Systemen und Taktikvorgaben die Spieler verunsicherte. Peter Crouch meinte, dass die englischen Spieler – professionelle Fußballer der teuersten Liga – mit dem Druck nicht hätten umgehen können. Auf BBC stellte Alan Shearer fest, dass Trainer Hodgson – freundlich formuliert – keinen Plan hatte, die Liste seiner Fehler lang seien und es hoffnungslos (mit ihm) wäre.

Wahrlich, die Engländer enttäuschten auf ganzer Linie. Die Isländer hingegen, sie blühten förmlich auf, ja, sie dominierten das Spiel. Der Ausgleich – nur wenige Minuten nach dem Führungstreffer der Engländer – war eine Kopie jenes Treffers, den die Österreicher im letzten Gruppenspiel hinnehmen mussten: Weiter Einwurf in den Strafraum, Kopfballverlängerung und ein Isländer, der den Ball über die Linie drückte. Das zweite und entscheidende Tor war eine wunderbar gespielte one-touche-Kombination am Strafraum mit gefühlvollem Abschluss. Joe Hart und seine Vorderleute sahen bei diesem Gegentreffer äußerst schlecht aus. Der vermeintliche Underdog spielt nun im Viertelfinale gegen Frankreich. Schätze, die Franzosen werden sich warm anziehen müssen.

Für die Engländer beginnt nun ein weiteres Mal die Suche nach einem Trainer, der in der Lage ist, aus einem ungeschliffenen Diamanten ein siegreiches Kunstwerk zu machen. Hodgson formte jedenfalls in den letzten Jahren kein Team, keine Mannschaft – er stellte vielmehr die hochkarätigsten Spieler auf den Platz, zwängte Wayne Rooney in eine neue Position und hoffte, dass deren Qualität allein ausreichen würde, um zu bestehen. Die überragende Bilanz in der EM-Qualifikation (alle Spiele gewonnen!) täuschte Mann und Maus – und so marschierten 23 Einzelspieler mit von Stolz geschwellter Brust ins Turnier und schließlich ins fußballerische Verderben. Gegen die eingeschworene, hoch motivierte und mit einem gameplan ausgestattete Mannschaft aus dem hohen Norden setzte es für die Engländern eine fürchterliche Schlappe, deren Nachwirkung sicherlich noch Jahre später zu spüren sein wird. Kurz, das Waterloo Färöer der Three Lions.

Die Spanier sind in einer ähnlich unangenehmen Lage wie die Engländer. Sie haben ausgezeichnete Spieler, die ihre Brötchen in den besten Ligen verdienen und trotzdem verpuffte dieser spielerische Vorteil in den letzten beiden Fußballturnieren. Die goldene Generation rund um Puyol, Xavi, Iniesta, Alonso, Torres und Villa hat in der Vergangenheit alle Titel geholt, die sie nur holen konnte. Aber die Zeit bleibt nicht stehen und die goldene Generation verblasst langsam vor unser aller Augen. Es wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als einen Kahlschlag zu machen und von vorne zu beginnen. Halbherzige Lösungen – wir Österreicher wissen es am besten – wirken zwar kurzfristig, aber auf lange Sicht gesehen führen sie geradewegs ins Desaster.

Das gestrige Spiel der italienischen Mannschaft hat wiederum gezeigt, was ein ambitionierter und mutiger Trainer aus Spielern jeden Alters herausholen kann. Was die Azzurri in den letzten Begegnungen zeigten, war herzerfrischender Fußball. Es ist eine Freude, diesen Spielern beim Rackern und Kämpfen, beim Schießen und Stochern, beim Laufen und Stoppen, beim Jubeln und Jauchzen zuzuschauen. Gestern überraschten sie alle Welt mit einem druckvollen Angriffsspiel. Die Spanier – zu behäbig und viel zu vorsichtig – wussten sich über das ganze Spiel nicht zu helfen und erst in der letzten Viertelstunde – als die Kondition und Konzentration der Italiener nachließen – kamen sie zu ernsthaften Torchancen. Ein verdienter Sieg der Italiener. Die vorgegebene Taktik dürfte wohl auch gegen Deutschland zur Anwendung kommen – zielt sie darauf ab, das Ballbesitzspiel bereits in der gegnerischen Hälfte mittels Pressing zu stören und bei Ballgewinn mit schnell vorgetragenen Vorstößen die Unordnung in der Hintermannschaft kaltblütig auszunützen. Deutschland, wie wir gesehen haben, spielt immer dann am besten, wenn die Spielmacher und Taktgeber das Mittelfeld beherrschen, die Verteidiger hoch stehen und so ein Kombinationsspiel vor dem gegnerischen Strafraum aufziehen können. Auf den Punkt gebracht: Deutschland spielt spanischer als die Spanier. Trainer Löw wird sich also etwas einfallen lassen müssen, gegen diese erstarkten Italiener, die Blut geleckt haben und damit auf mentaler Ebene den Deutschen überlegen sind. Wenn die Mannschaft einen Gegner im Turnier zu fürchten hat, dann ist es Italien – vielleicht auch das neue Santos-Portugal. Alle anderen sollten sie locker in die Tasche stecken.

Meiner Seel, das wird ein Spiel!

EM 2016: Spieltag 12 – Entscheidung Gruppe C und D

EM-2016-Spieltag12

Spieltag 12 der Europameisterschaft in Frankreich 2016
Entscheidung Gruppe C und D

NORDIRLAND : DEUTSCHLAND 0:1
UKRAINE : POLEN 0:1

Die Fakten sprechen eine klare Sprache. Ballbesitz für Deutschland 70 : 30. Schüsse in Richtung gegnerisches Tor 28 : 2 – davon gingen 20 aufs Tor. Zwei Stangenschüsse von Pechvogel Müller und eine Reihe an ungenutzten, vernebelten, verstolperten Torchancen. Auch bei diesem Spiel sieht man wieder, wie schwer es ist, den Ball über die Torlinie zu bringen. Im Besonderen, wenn das Quäntchen Glück fehlt. Die Nordiren waren freilich weit davon entfernt, auch nur annähernd eine Gefahr für Manuel Neuer darzustellen. Obwohl es in den ersten Minuten nach dem Anpfiff so aussah, als hätte Trainer Michael O’Neill das Match gegen Polen eingehend studiert und versucht, mit Pressing die Deutschen in ihrer eigenen Hälfte in Verlegenheit zu bringen. Doch der Eindruck täuschte. Die Nordiren praktizierten, was sie am besten konnten: den Laden dicht machen und den Bus im Strafraum parken. Und die Deutschen praktizierten, was sie am besten konnten: Kurzpassspiel rund um den gegnerischen Strafraum, so lange, bis sich eine Gelegenheit zum gefährlichen Pass in die Tiefe oder zu einer Hereingabe von der Seite anbietet. Da Joachim Löw diesmal mit Mario Gomez auf einen Stoßstürmer setzte und mit dem offensiven Außenverteidiger Kimmich die Richtung vorgab, war das Spiel der deutschen Mannschaft geradliniger und torgefährlicher ausgerichtet – in der ersten Halbzeit brannte es im nordirischen Strafraum lichterloh. Nach einer halben Stunde nahm sich Müller ein Herz, marschierte mit dem Ball in den Strafraum und legte für Gomez auf, der staubtrocken das Tor machte. Der Führungstreffer ließ die Deutschen natürlich noch gelöster zu Werke gehen – vielleicht zu gelöst, sieht man sich an, welche Chancen sie leichtfertig vergeben haben. Aber am Ende hat es für den Gruppensieg gereicht – vor allem deshalb, weil Polen es verabsäumte, gegen die bereits ausgeschiedenen Ukrainer höher zu gewinnen.

Wie so oft bei großen Turnieren, stellt sich auch hier die Frage, welche Aussagekraft die Gruppenspiele haben. Hat der amtierende Weltmeister das Zeug, auch gegen große Mannschaften zu bestehen? Polen – kein überragendes, aber gut eingespieltes Team – zeigte den Deutschen bereits die Grenzen ihres Offensivspiels auf. Die Ukraine – das wohl schwächste Team in der Gruppe – brachte die deutsche Hintermannschaft das eine und andere Mal in eine peinliche Verlegenheit. Ich denke, dass die deutsche (genauso wie die spanische) Defensive vor allem von der gegnerischen Ängstlichkeit zehrt, den Deutschen (bzw. Spaniern) zu viel Raum in ihrem Angriffsspiel zu gewähren. Deshalb sind die gegnerischen Angriffsbemühungen nicht Fisch, nicht Fleisch – und zumeist eine leichte Beute für Boateng und Hummels. Somit bewahrheitet sich die geflügelte Phrase, dass der (vermeintliche) Angriff die beste Verteidigung ist. Könnte es nun den Fall geben, dass auch die deutsche Mannschaft in ihren Offensivbemühungen verhaltener agiert? Definitiv. Im Spiel gegen Polen konnte man gut bemerken, dass die deutschen Spieler einen gehörigen Respekt vor Lewandowski hatten und deshalb ihr besonderes Augenmerk auf ihn richteten. Ja, Fußballspiele entscheiden sich bei den besten Teams vor allem im Kopf. Im Viertelfinale, wenn die Deutschen gegen Italien oder Spanien antreten, wird man sehen, welche Mannschaft die mental stärkere ist.

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KROATIEN : SPANIEN 2:1
TSCHECHIEN : TÜRKEI 0:2

Schlapperlot. Die Kroaten haben tatsächlich die Spanier am falschen Fuß erwischt. Wie so oft, wenn die spielbestimmende Mannschaft meint, sie hätte alles im Griff und würde den Gegner kontrollieren, bricht wie aus heiterem Himmel das Ungemach herein. Die selbstbewussten Spanier – zwei ungefährdete Siege ließen die Brust schwellen – zogen wieder ihr Ballgeschiebe in der gegnerischen Hälfte auf. Es erinnerte an die Tiki-Taka-Trainingseinheiten vergangener Tage. Gottlob sind die Zeiten vorbei. Weil sich hundert Mal den Ball von rechts nach links und von links nach rechts zuzuscheiberln und dabei den Gegner ins Leere laufen  zu lassen nun mal nichts mit einem Fußballspiel zu tun hat. Gewiss, die Experten sehen das anders und schnalzen mit der Zunge. Aber da es mir in erster Linie um spannende und ausgewogene Begegnungen geht, ist Tiki-Taka Gift für meine empfindliche Seele. Deshalb freut es mich natürlich, dass am Ende die Kroaten doch noch das Siegestor schossen – der Antritt von Ivan Perišić Minuten vor Schluss beweist, dass Kondition und Laufbereitschaft spielentscheidende Faktoren sein können. Dabei hätten die Spanier – mit dem Führungstreffer im Rücken – bereits lange vorher alles klar machen können, waren aber zu lässig, vielleicht sogar zu hochnäsig, mit ihren Chancen umgegangen – ein vergebener Elfmeter – mäßig geschossen von Kapitän Sergio Ramos – unterstreicht es. Auf der anderen Seite nutzte die kroatische Mannschaft die wenigen Chancen, die sie vorfand. Die Spieler von Trainer Ante Cacic stemmten sich bissig und aggressiv gegen den Ballbesitz der Spanier und zeigten, dass sie sich nicht mit dem Unentschieden abfinden wollten. Gewiss, für die einen ist es effizienter, für die anderen einfach nur ungerechter Fußball. Aber so ist das. Mit der Niederlage treffen nun die Spanier im Achtelfinale ausgerechnet auf Italien, während die Kroaten den Dritten der Gruppe F empfangen werden – gehen wir mal davon aus, dass es Österreich sein wird, nicht wahr? Die Niederlage der Spanier im letzten Gruppenspiel tut demnach doppelt weh – wer möchte schon gegen eine italienische Mannschaft spielen, die Blut geleckt hat?

Die Türken – wie bereits bei der EM 2008 – überraschen auch diesmal wieder den unbedarften Zuschauer. Mit einem klaren Sieg haben sie sich aus dem (Medien)Sumpf ziehen und die Chance auf einen Achtelfinalplatz aufrecht erhalten können. Wer hätte das gedacht – nach den zwei äußerst schwachen Vorstellungen in der Vorrunde? Die Tschechen wiederum haben gänzlich enttäuscht. Die Zeiten, als sie jede Mannschaft ärgern und schlagen konnten, sind längst passé. Wie die Schweden, wie die Russen, sind die Tschechen in die Jahre gekommen und spielen einen antiquierten Fußball. Für die Zukunft braucht es wohl einen totalen Umbau – so das Spielermaterial vorhanden ist. Das Dilemma ist ja, dass all die Ligen der kleinen Länder kaum noch Anreize für junge Menschen bieten und der wenige Nachwuchs mit gutem Geld gehegt und gepflegt werden muss. Keine leichte Aufgabe. Auf der anderen Seite braucht es nicht viele Fußballer, um eine Mannschaft zu formen und zur Europameisterschaft zu bringen. Siehe Island, das beinahe um die Hälfte weniger Einwohner hat als Luxemburg (320.000 : 540.000).

 

EM 2016: Spieltag 8

EM-2016-Spieltag8

Spieltag 8 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

ITALIEN : SCHWEDEN 1:0

Das ist sie also, die italienische efficienza – aus zwei Torchancen machten sie am Ende ein Tor und fixierten damit bereits – wie Frankreich und Spanien – den Aufstieg in das Achtelfinale. Dabei war die Azzurri im Spielaufbau weit weg von einer Normalform. Pässe in die Spitze – kurz oder lang – fanden keine Abnehmer; Abwehr- und Mittelfeldspieler übten sich über 90 Minuten lang in Fehlpässen – sogar Abwehrchef Chiellini – sonst ein Ruhepol in der Mannschaft – schenkte den Ball viele Male her. Auf der anderen Seite stand aber keine Mannschaft, die diese Fehler hätte ausnutzen können. Schweden war zu harmlos. Zwar ging die größte Gefahr von Ibrahimovic aus, aber über weite Strecken wurde er von der italienischen Abwehr entschärft und aus dem Spiel genommen. Deshalb ließ er sich oft zurückfallen und versuchte sich als Regisseur, als hängende Spitze, als Ballverteiler, aber damit fehlte wiederum der torgefährlichste Spieler im Strafraum – ein schwedisches Dilemma. Die Italiener wiederum kamen kaum ins Offensivspiel – vielleicht wollten sie es auch nicht erzwingen, konnten sie mit einem Unentschieden ganz gut leben. Aber dann, wie aus dem Nichts, setzte 8 Minuten vor Schluss Parolo einen Kopfball an die Latte. Eigentlich dachte man, das italienische Pulver wäre damit verschossen. No! Knapp vor Schluss nahm sich der gebürtige Brasilianer Eder ein Herz, ignorierte die halbe schwedische Mannschaft links und rechts, schob den Ball mit Effet in die lange Ecke und ließ ganz Italien jubeln.

Mir gefällt die italienische Mannschaft. Die jungen genauso wie die alten Spieler haben das Fußballerherz am rechten Fleck. Aber den Stiefel, den sie oftmals zusammenspielen, der geht auf keine Kuhhaut. Und trotzdem sind sie bereits nach zwei Spielen im Achtelfinale. Ist es am Ende die Europameisterschaft der abgebrühten Defensivmannschaften? Man wird sehen.

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TSCHECHIEN : KROATIEN 2:2

Ein Spiel, das vermutlich in die Geschichte der Europameisterschaftsspiele eingehen wird. Weil eine Viertelstunde vor dem Ende und beim Stand von 2:1 für die Kroaten, deren Fans Böller und Leuchtraketen auf das Spielfeld abfeuerten. Spielunterbrechung! Die kroatischen Spieler standen kopfschüttelnd und verständnislos vor dem Sektor ihrer randalierenden Fans und versuchten mit Gesten die Lage in den Griff zu bekommen. Ein Abbruch lag in der Luft. Zum Glück beruhigte sich die aufgeheizte Stimmung, konnte das Spiel fortgesetzt werden – aber zu welchem Preis! Die Tschechen – eigentlich chancenlos – schafften dann doch noch den überraschenden Ausgleich durch einen Elfmeter – Vida lenkte im Strafraum den Ball mit der Hand ab. Ein Unentschieden, das für die Tschechen nicht glücklicher hätte sein können. Weil sie über 75 Minuten lang nicht ins Offensivspiel kamen, keine einzige Torchance kreieren konnten. Im Gegensatz dazu wirbelten die Kroaten – angetrieben von Modric, Rakitic und Srna – und spielten die Tschechen im wahrsten Sinne des Wortes schwindlig. Dass die Führung der Kroaten nicht höher ausfiel, ist vermutlich ihrer Lässigkeit geschuldet. Bester Beweis dafür ist die frühe Auswechslung von Spielmacher Modric in der 62. Minute. Aber man möchte hier dem Trainer nicht die Schuld geben – niemand, nicht einmal der treuherzigste Tscheche, hätte auch nur eine böhmische Krone auf einen Anschlusstreffer gesetzt. Das 3:0 lag in der Luft, war zum Greifen nahe. Gut möglich, dass deshalb die kroatischen Spieler innerlich bereits den Aufstieg bejubelten und den Gegner nicht mehr auf der Rechnung hatten. So dürfte der Anschlusstreffer – ein perfekter Kopfball vom eingewechselten Skoda – die Kroaten völlig am falschen Fuß erwischt haben. Für die Tschechen war es ein Weckruf, aber ob dieser gereicht hätte? Ich gehe davon aus, dass die Kroaten die Führung über die Zeit gespielt und den Sieg nicht mehr aus der Hand gegeben hätten. Die Qualität dafür hatten sie allemal. Aber die Spielunterbrechung und der Anblick des Wahnsinns, den kroatische Fan-Chaoten auslösten, zeigte Wirkung. Man möchte nicht wissen, was in den Köpfen der kroatischen Spieler vor sich ging. Man stelle sich vor: Jene Menschen, die dich anfeuern, die dich um jeden Preis siegen sehen wollen, stoßen dir das Messer in den Rücken. Ob sich die Kroaten von diesem fußballerischen Dolchstoß erholen werden, bleibt abzuwarten. Im letzten Spiel geht es gegen bereits für das Achtelfinale qualifizierte Spanier, die vermutlich zeigen wollen, was in ihnen steckt, wenn man sie von der Leine lässt. Für die Europameisterschaft wäre es natürlich ein herber Verlust, sollten die Kroaten den Aufstieg verpassen, haben sie doch gezeigt, wie man Ball und Gegner mit Offensivfußball laufen lässt.

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SPANIEN : TÜRKEI 0:3

Hola. Da sind sie also wieder, die selbstbewussten Spanier, die drauf und dran sind, den dritten Europameistertitel in Folge nach Hause zu bringen. Aber haben die bisherigen zwei Spiele wirklich gezeigt, was die Mannschaft von Del Bosque kann? Im ersten Spiel ging es gegen defensivst ausgerichtete Tschechen, die nur in den Schlussminuten gefährlich vor das spanische Tor kamen, ansonsten mit Mann und Maus verteidigten. Das gestrige Match wiederum zeigte, was geschieht, wenn man einer der spielstärksten Mannschaften Raum und Platz gewährt, während man selber nicht in der Lage ist, mit aggressivem Pressing und offensiven Aktionen Gegendruck zu erzeugen. Die Türken waren zwar anfänglich gewillt, nach vorne zu spielen, aber sie wollten ihre Defensive nicht entblößen. Löblich. Aber dieses halbherzige Spiel – nicht Fisch, nicht Fleisch – bereitete der spanischen Verteidigung kein Kopfzerbrechen. Folglich konnten die Spanier ihr Kombinationsspiel aufziehen und zeigen, wie man’s richtig macht. Es hätte gestern Abend knüppeldick für die Türken kommen können, aber ich schätze, die Spanier schalteten nach dem dritten Tor gedanklich einen Gang zurück und ließen ihren Gegner am Leben.

Wahrlich, die Truppe von Fatih Terim zeigte in den beiden Spielen äußerst wenig. Überhaupt wirkten die Spieler müde und ausgelaugt. Es fehlte der Biss. Kein Vergleich zu jener Mannschaft, die bei der EM 2008 bis zur letzten Minute kämpfte, kein Spiel aufgab und deshalb die unglaublichsten Partien noch gewinnen konnte. Alles in allem gehören die Türken zu den schwächsten Teams dieser Europameisterschaft. Habe ich bereits erwähnt, dass der/die türkische Auswärtsdress Augenkrampf verursacht? Schmerz lass nach.

EM 2016: Spieltag 4

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Spieltag 4 der Europameisterschaft in Frankreich 2016

SPANIEN : TSCHECHIEN 1:0

Bis zur 87. Minute war es für beide Mannschaften nur eine Trainingseinheit. Die Tschechen hatten die Vorgabe, den Laden dicht zu machen und die Spanier, den Sack zuzumachen. Fußballspiel war es demnach keines. Dass die Tschechen durchaus gefährlich werden konnten, zeigten sie vielleicht zwei oder drei Mal in den 90 Minuten. Somit dürften sie das Angriffsspiel sehr wohl beherrschen. Die Spanier wiederum praktizierten das allseits bekannte Ballgeschiebe spielstarker Favoriten vor dem gegnerischen Strafraum und suchten die Lücke in den Verteidigungslinien. Das Ganze erinnerte frappant an das Spiel der Deutschen gegen die Ukraine, die ebenfalls tief gestaffelt alle Angriffsbemühungen zu vereiteln suchte. Dass ausgerechnet Innenverteidiger Piqué das entscheidende Tor für Spanien knapp vor Schluss erzielte, ist bezeichnend – schließlich hatte er die längste Zeit nichts zu tun. Zwei recht gute Chancen der Tschechen – einmal rettete Fàbregas auf der Linie in extremis, das andere Mal stand Goalie de Gea goldrichtig – möchte ich natürlich nicht unter den Teppich kehren. Es hätte demnach auch anders kommen können. Das wäre dann zwar ungerecht gewesen, aber, hey, so ist Fußball: Wer die Tore nicht schießt, der …

In der nächsten Begegnung treffen die Spanier auf die Türkei. Wir dürfen uns auf eine weitere Trainingseinheit freuen. Schützenfest nicht ausgeschlossen. Im Gegensatz dazu wird das Spiel Kroatien gegen Tschechien ein heißer Tanz. Rieche ich hier bereits einen offenen Schlagabtausch?

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IRLAND : SCHWEDEN 1:1

Also, die erste Halbzeit vergessen wir jetzt mal besser. Da gab es nicht viel Fußball zu sehen. Gut, die Iren versuchten es wenigstens und knallten den Ball mit Gefühl sogar an die Latte. Aber sonst war es eine verhaltene, nervöse, zerfahrene Kickerei. Gottlob schlenzte Wes Hoolahan Minuten nach Wiederbeginn den Ball wunderschön in die lange Ecke. Das Tor weckte endlich die schwedischen Geister und von da an liefen Ball und Beine. Die schwedischen Angriffsversuche wurde schließlich belohnt. Mittendrin und irgendwie auch nur dabei: Superstar Ibrahimovic. Sein Querpass köpfte Ciaran Clark ins eigene Tor. Ausgleich. Nun war es ein offener Schlagabtausch im Kleinformat – beide Mannschaften wollten den Siegestreffer erzielen, beide Mannschaften rackerten und kämpften bis zum Abpiff. Freilich, spielerisch konnten sowohl die Schweden als auch die Iren nicht sonderlich überzeugen. Die Stärke, vor allem der Iren, liegt nun mal darin, aus einer gesicherten Abwehr die Entscheidung herbeizuführen. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Iren mit Deutschland und Polen in der Gruppe D der EM-Qualifikation waren. Nicht nur, dass sie der Löw-Truppe eine Niederlage beibringen konnten, erhielten sie auch die wenigsten Tore in dieser Gruppe. Italien und Belgien, die nächsten Gegner, werden alles aufbieten müssen, um das irische Catanaccio zu knacken. Die Schweden wiederum hatten den Kampfgeist am rechten Fleck und ließen sich durch den Führungstreffer nicht aus der Verfassung bringen. Sie präsentierten sich als eine robuste und kompakte, aber zuweilen ideenlose Mannschaft, frei nach dem Motto: Ibra wird’s schon richten.

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BELGIEN : ITALIEN 0:2

Hola. Das war mal ein Spiel nach meinem Geschmack. Die beiden Mannschaften schenkten sich nichts. Belgien – seit der WM 2014 der geheimste aller geheimen Favoriten – machte gegen Italien von Beginn an Druck. Mit technisch versierten Spielern wie Hazard, De Bruyne oder Witsel konnten sie das eine oder andere Mal die gegnerische Fünferkette in Verlegenheit bringen. Es war schon imposant, was die routinierte (und bereits angegraute) Hintermannschaft des italienischen Teams leistete. Goalie Buffon, mit 38 Lenzen, möchte wohl noch den Altersrekord von Torhüterlegende Dino Zoff brechen, der sich ja noch mit 40 gegen die Angriffe stemmte (freilich konnte er sich damals auf die weltbeste Betonabwehr verlassen). Gianluigi Buffon dirigierte seine Vorderleute, feuerte sie an und konnte auch noch die eine oder andere brenzlige Situation meistern. Respekt.

Die beiden Formationen der Italiener überraschten mich dann doch: ein 5-3-2 im Defensiv-, ein 2-5-3 im Offensivspiel. Noch mehr überraschte mich aber, dass die Italiener schnörkellos und überfallsartig nach vorne spielten. So probierten sie es sowohl mit schnellem Kurzpassspiel als auch mit langen Bällen, um die belgische Abwehr auszuhebeln und hin und wieder blitzte eine unglaubliche Spielkombination auf. Leider verschenkten sie beim Vorwärtsspiel immer wieder leichtfertig die Bälle und leiteten so gefährliche Gegenstöße der Belgier ein. Wäre Lukaku abgebrühter gewesen, hätte er die größte Chance im Spiel verwertet. Das Konterspiel, das diese Chance erst ermöglichte, gehört jedenfalls in jedes Schulbuch für angehende Fußballprofis: mustergültig in Szene gesetzt, über drei Stationen gehend und im Vollsprint ausgeführt. Herrlich zum Anschauen. Apropos. Den Führungstreffer der Italiener konnte man sich auch auf der Zunge zergehen lassen: Weite Flanke von Bonucci in den Strafraum, über die Köpfe der belgischen Abwehr, der kleine Giaccherini nimmt den Ball mit links an und schlenzt ihn mit dem rechten Fuß ins lange Eck. Bravo!

Wer sich nun dachte, dass die Italiener nach dem Führungstreffer mit Mann und Maus verteidigen und Beton anrühren würden, der irrte. Kamen sie in Besitz des Balles, versuchten sie erst gar nicht, das Spiel durch langweilige Querpässe zu beruhigen, sondern sie schalteten fulminant in die Offensive. Wie bereits erwähnt, immer wieder schlichen sich dabei dumme Abspielfehler oder Ballverluste ein – drei Mal musste deshalb die mit einer gelben Karte geahndete Notbremse gezogen werden, um einen gefährlichen Gegenstoß zu verhindern. Das kann auch mal ins Auge gehen.

Die nächsten beiden Begegnungen werden zeigen, wie sich die Squadra Azzurra gegen defensiv ausgerichtete Mannschaften schlägt. Tore schießen können sie jedenfalls. Der Sieg hat mit Sicherheit den Spielern und den Fans das verlorene Selbstbewusstsein zurückgegeben und ich gehe davon aus, dass ein italienischer Frühling vor der Tür steht und das Pensionsantrittsalter für Torhüter und Verteidiger erhöht wird.

Und Belgien? Die Niederlage zeigte einmal mehr, dass spielerische Überlegenheit keinen Pokal nach Hause bringt. Andererseits, wären die Belgier im Strafraum konsequenter, abgebrühter gewesen, hätten sie einen Stürmer mit Killerinstinkt in ihren Reihen gehabt, die Sache wäre vielleicht ganz anders verlaufen. Dass die belgische Mannschaft das Potenzial hat, jeden Gegner zu schlagen, hat man bereits vor der EM gewusst, und dass sie die nächsten beiden Spiele – Irland und Schweden – für sich entscheiden werden, steht außer Frage. Aber reicht es, um weiterhin als Geheimfavorit zu gelten?