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Der Untergang der sächsischen Barockresidenz Dresden, 13. Februar 1945

Heute jährt sich zum 73. Mal die Einäscherung der deutschen Stadt Dresden durch alliierte Bomberverbände. Ich habe mir darüber immer wieder den einen oder anderen – zuweilen verbotenen – Gedanken gemacht. Beispielsweise Dresden im Feuersturm oder Kurt Vonnegut und The Firebombing of Dresden oder So it goes: Hiroshima & Dresden 1945 Übrigens betitelte die damalige Britische Wochenschau ihren Bericht großspurig mit Dresden bombed to Atoms. Der süffisant menschenverachtende Ton des Kommentators ist natürlich der Propaganda geschuldet.

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343 Stufen den Wiener Stephansdom hinauf und wieder hinunter

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Manchmal verschlägt es mich am Morgen zum Wiener Stephansplatz. Dann bleibt nichts anderes übrig als im Schanigarten einer Wiener Kaffeehauskette einen Verlängerten zu schlürfen und dazu eine Topfengolatsche zu verputzen. Wenn man Glück hat, ergattert man ein Plätzchen mit Sicht auf den Steffl. Herz, was willst du mehr? Gegen 10 Uhr wird es dann freilich ein wenig unangenehm, weil Touristenschwärme summen und zirpen. Aber bis dahin hat man wohl schon in sein Tagebuch gekritzelt und ist bereit, für neue Abenteuer. Und weil ich noch nie den Südturm bestiegen habe, dachte ich mir, dass es nun an der Zeit sei. Gesagt, getan.

Für €4,50 darf man nicht nur 343 Stufen hinauf- und hinuntersteigen, sondern erhält als Bonus einen beachtlichen Drehwurm. Als ich gerade die ersten Stufen nehmen wollte, kam mir ein asiatisches Touristenpärchen entgegen – beiden waren ziemlich gezeichnet vom Abstieg. Die junge Frau schien mir in einer besseren Verfassung zu sein als der junge Mann, der scheinbar dem Hergott dankte, wieder zu ebener Erd gehen zu können. Ja, die enge Wendeltreppe ist kein Zuckerschlecken, da büßt man schon ordentlich Kalorien ein. Der „Gegenverkehr“ gestaltete sich aber nicht so schlimm wie anfänglich befürchtet – der eine drückt sich an die Mauer, der andere schiebt sich vorbei. Easy.

Das Glocken- und das Turmzimmer sind schon die Anstrengung wert. Mit dem Aufzug kann ja heutzutage jeder fahren. Aber 343 Stufen zu erklimmen, das hat schon durchaus etwas Gottergebenes. Vergessen wir nicht, dass bereits vor über einem halben Jahrtausend hier Menschen auf- und abgelaufen sind. Später sollte hier die Pummerin (türkische Kanonen!) bis 1945 ihren Platz finden – kaum zu glauben, wie man diese 20 Tonnen schwere Glocke damals durch halb Wien bewegen und in rund 60 Meter Höhe befestigen konnte. In den Nachtstunden hat der Turmwächter im Turmzimmer nach einem möglichen Feuer Ausschau gehalten und gegebenenfalls Alarm geschlagen. Ja, Feuer war seit jeher die größte Gefahr in einer von Wehranlagen eingegrenzten und dicht an dicht gebauten mittelalterlichen Stadt. The Great Fire of London, im Jahr 1666, zeigt, wie schnell ganze Häuserzeilen in Schutt und Asche übergehen können – im Tagebuch von Samuel Pepys ist dieses Großfeuer in aller emotionaler Deutlichkeit beschrieben.

Ja, manchmal braucht es ein Feuer. Ein inneres, versteht sich. Dieses innere Feuer – ist es göttlicher Natur? – wird am Ende all die bösen und dunklen Gedanken verbrennen, die einen plagen. Gerade in einer Zeit, in der man an einer Weggabelung steht, braucht es 343 Stufen und einen Drehwurm, um zu verstehen, worum es im Leben wirklich geht. Bedenken wir, dass der Stephansdom, in all seiner Größe, in all seiner Detailverliebtheit, vor über 500 Jahren Stein für Stein gebaut wurde. Unglaublich, dünkt es einen. Und doch hat der Mensch dieses unglaubliche Werk vollbracht. Daran soll man ermessen, wozu der Mensch – so er gemeinsam mit Gleichgesinnten an der Zukunft schmiedet – fähig ist. Ja, das sollte wir niemals vergessen.

Gedanken zu Peter Roseggers Roman ›Weltgift‹

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Jürgen Schutz vom Septime Verlag reichte mir das neu aufgelegte Rosegger-Buch Weltgift (1903) mit den Worten: »Das könnte dich interessieren, ist sozialkritisch.« Nun gut, dachte ich mir, wenn er es mir ans Herz legt, der mutige Verleger, dann schau ich mir das an. Gesagt, gelesen.

Ich habe mich jetzt nicht extra schlau über Autor Rosegger, dem Waldbauernbub goes Schriftsteller (1843-1918), gemacht, weiß nur, dass es da einen dunklen Fleck in seiner Vita gibt, dem ich gerne nachspüren möchte. Aber wie so oft, braucht jedes Forschen seine rechte Zeit und die ist wohl noch nicht gekommen. Nichtsdestotrotz könnte Weltgift ein erster Schritt in diese Richtung sein, gewissermaßen der Anstoß.

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Als die Wiener Stadtmauer den Angriffen standhielt, anno 1683

Morgenland und Abendland in trauter Zweisamkeit, 1683.

Heute, vor genau 332 Jahren war es, als die kaiserlich-polnischen Entsatztruppen das türkische Belagerungsheer vor den Toren Wiens in die Flucht schlugen. Die Stadt war, wenn man so will, befreit. Und die Stadtmauer – teuer in der Entstehung, teuer in der Erhaltung – rettete das Abendland vor dem Morgenland.

Stadtmauern, Burgmauern, Grenzwälle waren lange Zeit en vogue. Weltweit. In China schuf man über viele Generationen ein imposantes Mauerwerk: Die Chinesische Mauer, mit einer Länge von über 21.000 km, sollte die Reiterhorden aus dem Norden in die Schranken weisen. Nicht unähnlich dem Hadrianswall der Römer, die sich ebenfalls vor „nordischen Barbaren“ auf der britischen Insel schützen wollten. Wohin man auch schaut, die Vergangenheit zeigt uns ein Bild der Abschottung: Hier sind wir, dort sind die anderen.

Die Frage, die sich hier stellt, ist, ob diese von oben verordnete Trennlinie mit Einverständnis der gewöhnlichen Untertanen geschah. Oder waren es immer nur die Fürsten und Könige und Kaiser, die sich gegen all die fremden Mächte „aus dem Norden“ wehrten?

In Bezug auf die Stadt und ihre Mauern, so wissen wir, dass gerade diese schützende Funktion den Ausschlag für die Gründung gab. Die Menschen der damaligen Zeit suchten Schutz. Freiheit. Geborgenheit. Nicht nur vor fremden Völkern, sondern auch vor ihren Fürsten, die kein Bisschen von ihrer Macht abgeben wollten. Mit anderen Worten: der Bürger zog Stadtmauern hoch, nicht weil er Angst vor den fremden Völkern hatte, sondern vielmehr, weil das Mauerwerk ihm die Möglichkeit gab, in seiner Entscheidung frei von Einfluss zu sein. Sehen Sie, die Fürsten hatten keinerlei Skrupel, wenn es darum ging, die Untertanen zu besteuern oder zum Kriegsdienst heranzuziehen. Gelinde gesagt war es eine hierarchische Erpressung, die da ablief. Weil jeder so viel Recht hatte, wie er Macht respektive Gewalt hatte, wusste bereits Spinoza. Kein Wunder also, dass sich der gewitzte Untertan eine „Burg“ baute um so seine Verhandlungsposition beträchtlich zu verbessern. Den Bauern und Knechten blieb dagegen nur der Griff zum Dreschflegel, um der Obrigkeit anzuzeigen, dass es reichte. Während also der Bürger mit seinem Fürsten verhandeln konnte, blieb der Bauernschaft nur der blutige Aufstand. Sie sehen also, dass so eine Mauer Blutvergießen vermeiden konnte.

Ich plädiere übrigens seit geraumer Weile dafür, die Stadtmauern wieder hochzuziehen. Nicht, weil ich an Abgrenzung und Abschottung denke, sondern vielmehr an Freiheit. Ohne Mauer sind wir all den Fürsten ausgeliefert, die mit uns tun und lassen können, was sie für richtig halten. Am Ende sollte es immer die Gemeinschaft sein, die entscheidet. Vergessen wir das nicht.

Der humanistische Weg am Ufer des Donaukanals oder Die Hoffnung stirbt zuletzt

Laende_Sommer-2015
Ach, das waren noch Zeiten, die gegenwärtigen Tage.

Falls Sie einmal an einen tiefen Punkt gelangen, der Ihnen unbewusst bewusst anzeigt, dass es mit der Menschheit kein gutes Ende nehmen wird, dann empfehle ich einen kleinen Spaziergang, um diese seelische Malaise – wenigstens für kurze Zeit – zu vergessen. Also, es ist ganz einfach: Nehmen Sie einen wohlig warmen Freitag Vormittag (zwischen 9 und 10 Uhr), fahren Sie mit der U-Bahn U4 bis zur Station Rossauer Lände, steigen Sie aus und gehen von dort, am Donaukanalufer entlang, bis zur Friedensbrücke. Sie werden in eine gänzlich andere Welt eintauchen, eine Welt, die keine Autos kennt (zugegeben, man hört das Motor-Brausen), sondern nur Menschen, auf zwei Beinen oder zwei Rädern. Dieses kurze Wegstück zeigt, dass die Menschheit noch nicht verloren ist. Man stelle sich vor: eine Stadt, die nach solch humanen Grundsätzen geordnet und geführt wird, wo der Mensch noch Mensch sein darf. Im Schritt-Tempo.

»Das Auto ist wie ein Virus, das sich im Gehirn festsetzt und Verhaltenskodex, Wertesystem und Wahrnehmung total umkehrt.«
Prof. Hermann Knoflacher im Interview
Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der Technischen Universität Wien

Die Tragödie des 20. Jahrhunderts, wenn man so will, war die Auto-Politik. Sie hat es geschafft, was Kriege und Krankheiten nicht zuwege brachten: die Zerstörung einer homogenen Gesellschaft. Das Auto-Selbstverständnis frisst sich wie ein Krebsgeschwür durch jede gemeinschaftliche Struktur. Wer sich mit einer Insel von zwei Tonnen Blech umgibt, ist der realen Welt enthoben. Diese Insel hat ihr eigenes Klima, ihre eigene Melodie – und niemand, der sich ohne Erlaubnis des Lenkers auf ihr niederlassen darf. Nicht das Auto per se ist eine Geißel der Gesellschaft, vielmehr der Mainstream, der den „freien Verkehr“ befördert und bestärkt und jede Kritik daran in den Wind schlägt. Dabei wird man an die Manipulationsversuche Mephistophels erinnert, der Faust erklärt:

Wenn ich sechs Hengste zahlen kann,
Sind ihre Kräfte nicht die meine?
Ich renne zu und bin ein rechter Mann,
Als hätt ich vierundzwanzig Beine.

Ja, die Motorisierung der Gesellschaft ist zu einer Frankenstein-Monstrosität mutiert, die nicht mehr zum Aufhalten ist. Da jeder sein Scherflein zur Monstrosität beiträgt, gibt es keine Einsicht, kein Entkommen. Der neueste Trick der elitären Verzauberungsshow ist die Begegnungszone: ein Straßenstück, welches das „gleichberechtigte Miteinander unterschiedlicher VerkehrsteilnehmerInnen“ ermöglichen soll. Gut möglich, dass in fernen Tagen der Oberste Gerichtshof den „Verkehrsteilnehmer“ Auto zu einer „juristischen Person“ erheben wird. Sie lachen? Ist es nicht genauso lachhaft, dass ein internationaler Konzern eine „juristische Person“ darstellt? Wird ein Unternehmen nicht wie ein Auto „geführt“ und „gelenkt“? Vielleicht wird es dann nur noch „Auto-Manager“ geben. Absurd, sagen Sie? Glauben Sie mir, mit dem richtig gesetzten Marketing-Spin können Sie der gutgläubigen Herde alles verkaufen.