richard k. breuer

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Dunkirk oder Die rätselhafte Banalität des Christopher Nolan

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Wer löst das Rätsel?

Ehrlich gesagt, ich war ziemlich verärgert. Was wollte uns Regiewunderknabe Christopher Nolan mit seinem neuesten Streich Dunkirk mitteilen? Die Erzählstruktur, die drei oder vier subjektive Ebenen wie Puzzlesteine miteinander verschränkt, wirkt natürlich modern und anders – wurde aber mit Sicherheit schon besser umgesetzt. Die Bilder sind stimmig und photogen, die musikalische Untermalung in der ersten Hälfte passend, in der zweiten verfällt sie in eine pathetische Klangmalerei. Zu guter Letzt lässt Nolan auch noch einen der geretteten Soldaten Churchills Rede We shall fight on the Beaches zitieren. Ja, wir Briten, wir werden uns niemals ergeben und werden überall kämpfen, wir werden unsere Insel verteidigen, was es auch immer kosten mag und so weiter und so fort. Hätte solch eine Rede die andere Seite ins Mikrofon gesprochen, man würde heutzutage ins Gefängnis gehen, würde man sie hoffnungsvoll zitieren. Aber die Geschichte, wie wir wissen, wird immer nur von den Siegern geschrieben und wenn Napoléon Recht hatte, dann ist Geschichte die Lüge, auf die man sich geeinigt hat.

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Anatomie eines merkwürdigen Anschlags auf einem Weihnachtsmarkt in Berlin, 2016

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update: User WoodyBox macht sich in seinen Blog-Beiträgen komplexe Gedanken über allerlei Details zum (vermeintlichen) Anschlag. Ein wenig habe ich ja die Befürchtung, dass diese berufenen Forensiker gar nicht mehr in der Lage sind, den Wald vor lauter Bäumen zu sehen, trotzdem sind die Analysen und Gedankengänge empfehlenswert.

update: Empfehlenswertes Video eines besorgten Berliner Bürgers, der einen Rundgang am Weihnachtsmarkt macht, Tage nach dem vermeintlichen Terroranschlag mit einem Lkw. Er weist dabei auf allerlei Merkwürdigkeiten hin.

Der gewöhnliche Medienkonsument ist recht leicht an der Nase herumzuführen. Er hat keine Vorstellung, nicht die kleinste, wie oft er angelogen wird, von den Medien, von den Behörden, von den Politikern und von all den bezahlten Schaustellern auf der Straße oder im virtuellen Netz. Jeder, der sich mit der näheren Vergangenheit beschäftigt hat, ist sich im Klaren, dass nichts ist wie es uns in der Schule gelehrt wurde. Es ist nicht leicht, dem gewöhnlichen Bürger zu erklären, dass da draußen Leute am Werke sind, deren einzige Aufgabe es ist, die Geschichte eines Ereignisses in Echtzeit zu verändern. Der (vermeintliche) Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin macht da keine Ausnahme. Sieht man sich die Sache an, ohne dabei seinen Verstand einzuschalten, kann man mit der offiziellen Lesart der Medien, dem Sprachrohr der Behörden, ganz gut leben. Aber wehe, man schaltet sein Hirn ein und beginnt, in den Details zu stochern. Ehe man sich versieht, glaubt man sich im Film, im falschen Film.

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Olympische Spiele 1936 im Rückblick und die historische Einseitigkeit im Kurier

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Gestern stolperte ich über den Kurier-Artikel der Printausgabe: 16 Tage heile Sportwelt: Olympische Spiele 1936 – Während die Nazis der Welt Toleranz vorspielen, bereiten sie im Hintergrund den Krieg vor.

Die Autorin versucht erst gar nicht, objektiv an historische Tatsachen heranzugehen, vielmehr übt sie sich in peinlicher Schuldzuweisungsmalerei. Natürlich ist es einem Kurier oder einem anderen deutschsprachigen Medium nicht erlaubt, die Zeit zwischen 1914 und 1945 akkurat darzustellen. Ist es die große Angst, das rechte Lager zu befeuern? Was auch immer die Gründe dafür sind, Tatsachen schafft man aber nicht aus der Welt, in dem man sie ignoriert. Sagte bereits Aldous Huxley.

Da ich mich aber nicht in gefährliche Untiefen begeben möchte – die Sittenwächter schlagen unbarmherzig zu -, greife ich einen zentralen Punkt des Artikels auf, nämlich die Behauptung, die „Nazis“ hätten bereits im August 1936 im Hintergrund den Krieg vorbereitet. Gibt es dafür Beweise? Die würde ich gerne hören.

Jemand, der sich mit der Historie objektiv auseinandersetzen möchte, könnte beispielsweise beim US-Historiker John Moser und seinem Buch The Blitzkrieg Myth (Harper Collins, 2003) nachlesen, dass beispielsweise in der Zeit zwischen 1935 und 1940 die Franzosen mehr Panzer als die Deutschen produzierten. Auf der selben Seite 51 lesen wir, dass die Produktionszahlen die Behauptung, Deutschland bereite sich auf eine revolutionäre Kriegführung vor, widerlegen: „Whatever German generals later claimed, no matter how brilliant  their theories of warfare, German production statistics give the lie to the claim that the German army was preparing for some revolutionary kind of warfare or had developed the weaponry to suit their ideas.“ Auch wenn Sie es nicht glauben möchten, aber es ist eine Tatsache, dass die deutschen Panzer in den ersten Kriegsjahren den gegnerischen in jeder Hinsicht unterlegen waren. Nur für den Fall, dass Sie noch immer von der technischen Überlegenheit der Deutschen Armee phantasieren.

Wie dem auch sei, bleiben wir bei der Olympiade 1936 in Berlin und hören uns an, was der große Jesse Owens zwei Monate später, darüber zu sagen hatte:

»While at the Olympic Games, I had the opportunity to meet the King of England. I had the opportunity to wave at Hitler, and I had the opportunity to talk with the King of Sweden, and some of the greatest men in Europe. Some people say Hitler snubbed me. But I tell you, Hitler did not snub me. I am not knocking the President. Remember. I am not a politician, but remember that the President did not send me a message of congratulations because people said, he was too busy. […] Now, I will talk about athletics. The Olympic Games were the greatest thing in my life and in the lives of other athletes that went over there. As to the races, my first one was the greatest, the 100-meter. Berlin is a wonderful city. The stands at the Olympics were crowded. There were 125.000 people. They had flags of the country of every person entered in the contests. The track was of a red texture with green around it. And the starters were there on the scene, men in white caps who stood ready with the guns in their hands.« [Artikel]

Mit anderen Worten, Jesse Owens fühlte sich nicht vom Deutschen Reichskanzler, sondern von seinem eigenen (demokratisch gewählten) Präsidenten brüskiert, der es nicht der Mühe wert fand, dem überragenden Athleten seiner Zeit ein Glückwunschtelegramm zu schicken. Es sollten 18 Jahre vergehen, bis die gesetzliche Rassentrennung in den USA per Gerichtsentscheid im Jahr 1954 aufgehoben wird.

Der Kurier-Artikel, der sich als geschichtliche Darstellung der Olympiade 1936 versteht, ist in seiner Einseitigkeit und Doppelbödigkeit ein Paradebeispiel für die Politisierung der Historie. Auf fiese Weise wird die schöne Oberfläche einer Objektivität inszeniert, während im Hintergrund die orwellsche Gedankenpolizei vorbereitet wird. Ja, die ungehemmte Neigung zum Monetären, zum Schönheits- und Gewaltkult bricht in unserer westlichen Gesellschaft durch.

Übrigens, der Boykott der olympischen Spiele von Moskau im Jahr 1980 war ebenfalls eine große Propagandatat, zwar nicht mehr von Josef Goebbles, sondern von Zbigniew Brzezinski, dem nationalen Sicherheitsberater Jimmy Carters. Darüber spricht natürlich kein linientreuer Historiker. Besser, man setzt die Scheuklappen auf und blickt starr auf 1936, weil ignorance is strength.

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Text of Jesse Owen’s Adress, Afro-American, October 10, 1936

 

 

Akte X – Episode 3.20: Alles, was Sie über die Wirklichkeit wissen müssen

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Gleich vorweg muss ich ein Geständnis machen: Die Serie Akte X hat mich seinerzeit nicht die Bohne interessiert. Deshalb habe ich auch keine einzige Folge zur Gänze gesehen. Bis gestern. Der Hype um die Neuinszenierung vulgo „Aufwärmerei“ hat mich natürlich auch erreicht – soll es doch (aber nicht nur) um tatsächliche, also reale Verschwörungen gehen, sei es beispielsweise die Vertuschung der Hintergründe von 9/11, sei es die amerikanische Entwicklung von einer demokratischen Republik zu einem totalitär-orwellschen Polizei- und Überwachungsstaat. Nichts Neues für den skeptischen Bürger, natürlich. Aber gut möglich, dass der eine oder andere FOX-TV-Zuseher nachdenklich die Stirn runzelt und für kurze Zeit unangenehm berührt am Sofa wetzt. Sollte das tatsächlich der Fall sein, dann hätte die neue Akte-X-Serie bereits viel geleistet. Mehr als so manche ernstzunehmende Dokumentation.

Im Zuge meiner virtuellen Erkundungsreise rund um das Akte-X-Universum bin ich auf die (angeblich) beste aller Episoden gestoßen. Es ist die 20. Episode in der 3. Staffel:
Jose Chung’s ‚From Outer Space

Eine Kurzzusammenfassung möchte ich hier gar nicht erst geben, weil es zu viel verraten würde. Nur so viel, dass ein ehrwürdiger Schriftsteller ein Buch über alien abductions, also die Entführung von gewöhnlichen Menschen durch Außerirdische, schreiben möchte. Auf die Idee ist er freilich nicht selbst gekommen, vielmehr war es sein Verlag (und der entsprechende Vorschuss), der ihn für dieses Thema gewinnen konnte. Der Schriftsteller interviewt Dana Scully und andere Involvierte einer kürzlich erfolgten Entführung und versucht sich so ein Bild der tatsächlichen Geschehnisse zu machen. Beeindruckend bei alledem ist nicht nur, dass es sich bei dieser amüsanten Episode um eine Parodie der eigenen Serie handelt, sondern dass die Montage der vielen vergangenen und gegenwärtigen Ereignisse perfekt ineinandergreifen.

Jeder angehende Drehbuchautor sollte diese Episode gesehen haben – um zu begreifen, wie ein komplexes Puzzlestück ausgebreitet und Stück für Stück zusammengesetzt wird, ohne zu viel vorwegzunehmen, ohne den Zuseher zu überfordern oder ihn bei der Hand zu nehmen.

Aber auch wenn es sich um eine Parodie auf die Serie selbst bzw. auf das Genre handelt, so werden dann doch auch wieder faktische Tatsachen eingeworfen, beispielsweise das seinerzeitige geheime (und illegale) CIA-Programm Mk ULTRA, in der gewöhnliche Menschen einer Gehirnwäsche bzw. -programmierung (Mind Programming) unterzogen wurden. Es fehlt auch nicht an sonst selten gehörten Fragen, etwa, ob der Buchverlag, der zum military-industrial-entertainment-Komplex gehört, nicht mit Kalkül absurde Geschichtchen von/über UFO-Freaks publiziert, um ernstzunehmende Wahrheitssucher lächerlich zu machen. Oder die Frage, ob der Beamtenapparat – sei dieser FBI oder Justizbehörde – an  Aufdeckungen im militärischen Umfeld überhaupt interessiert ist.

Aber wirklich witzig ist der Umstand, dass kein geringerer als Ex-Navy Seal, Wrestler und spätere Gouverneur von Minnesota Jesse Ventura in dieser Folge einen der beiden Black Men verkörpert, deren Job darin besteht, Zeugen einzuschüchtern oder auf die richtigen Gedankensprünge zu bringen. Ja, jener Ventura, der 2009 seine eigene (durchaus empfehlenswerte) TV-Serie erhielt: Conspiracy Theory.

Jesse Ventura and his team of investigators dig deep into the behind-the-scenes government doings. What he reveals will shock you and awe you, but still, you’re left to make up your own mind about what you do or do not believe.