Schlagwort-Archive: vergangenheit

Eine Empfehlung: Defamation von Yoav Shamir

Defamation – Trailer from Yoav Shamir Films on Vimeo.

Falls Sie einmal 90 Minuten Zeit haben, dann sehen Sie sich den Dokumentarfilm Defamation an. Wahrlich, der Film ist ein Juwel und Yoav Shamir ein mit allen Wässerchen gewaschener Beobachter, der sich nicht scheut, zwei Seiten einer Medaille zu zeigen. Es gibt übrigens auch eine deutsche Fassung unter dem Titel Die Verleumdung und wenn Sie nicht gänzlich der Internet-Recherche abhold sind, können Sie im Web eine Reihe von längeren und kürzeren Film-Ausschnitten finden.

Im Besonderen war ich von Norman Finkelstein beeindruckt. Seine Tirade ist nicht von schlechten Eltern und jedem deutschsprachigen Bürger rutscht das Herz in die Hose, wenn er sieht und hört, was Finkelstein tut und sagt. Der Mann hat gehörig Chuzpe und man ist fast geneigt, ihn mit Diderot zu vergleichen, der seinerzeit mit dem katholischen Establishment aneckte und für seine ketzerischen Schriften im Jahr 1743 ins Gefängnis geworfen wurde.

Erwähnenswert auch das Gespräch mit Uri Avnery, der alte Mann, der noch immer alle Sinne beisammen hat und ein stetiger Kämpfer gegen politischen Extremismus ist. Gäbe es mehr Menschen von seiner Sorte, dieser Planet wäre mit Sicherheit gesünder. Ich hoffe, der gute Uri bleibt uns noch lange erhalten.

Falls Sie noch einen Schritt weiter gehen wollen, dann kann ich Ihnen den Dokumentarfilm The Gatekeepers wärmstens ans Herz legen (imdb). Die eingedeutschte Version wurde übrigens in ARTE gezeigt – leider hat man bei der Titelwahl arg daneben gegriffen: Töte zuerst! – Der israelische Geheimdienst Schin Bet. Ich frage mich, ganz heimlich, ob dieser marktschreierische und damit unseriöse Titel mit Absicht gewählt wurde, um von der politisch-gesellschaftlichen Thematik abzulenken. Denn die Gedanken, die diese Gatekeepers vor laufender Kamera wälzen, haben enorme Sprengkraft.

Wie dem auch sei, so lange sich die Parteien im Nahen Osten feindlich gegenüberstehen, so lange wird es mir nicht erlaubt sein, die Vergangenheit, die so viel Leid brachte, in allen nur erdenklichen Ausprägungen zu ergründen. Vor Jahren wäre es mir gar nicht erst in den Sinn gekommen, historische Wühlarbeiten zu unternehmen. Wozu auch? Aber je mehr Staubschichten ich von diesem schier unfassbaren Gestern entfernte, manchmal kam mir der Zufall zu Hilfe, umso ungläubiger und einsamer fühlte ich mich. Langsam reifte in mir die Befürchtung, dass ich – gedanklich – in einem Mittelalter gefangen gehalten werde, einer Epoche, als man an den einen Gott zu glauben und an Rom seine Abgaben zu entrichten hatte. Wer zweifelte, der zweifelte im Stillen, aus Angst, die Inquisition könnte einem auf die Schliche kommen. O tempora, o mores.

Wie ein Buch gemacht wird – anno 1906

buchwien_stand2111
‚Books are in the class of luxuries; most books at least‘

Durch Zufall auf ein Sachbuch gestoßen, das sich anno 1906 mit dem (amerikanischen) Verlagsgeschäft en detail befasst und der Frage nachgeht, wie ein Buch entsteht bzw. gemacht wird. Das E-Book ist auf Gutenberg zu finden: THE BUILDING OF A BOOK: A Series of Practical Articles Written by Experts in the Various Departments of Book Making and Distributing. 

Beeindruckend, wenn man sich vor Augen führt, dass sich in den hundert Jahren zwar so gut wie alles im (technischen) Herstellungsprozess geändert hat, das Verlagsgeschäft aber nahezu unverändert blieb. Noch immer werden Kataloge (Herbst/Frühling) gedruckt und versandt, noch immer reisen Vertreter im Land herum und preisen die neuen Bücher an, noch immer verkaufen sich allseits bekannte Autoren besser als neue, noch immer soll das (komplizierte) Urheberrechtsgesetz vor Piraterie schützen, noch immer verkaufen Buchhändler jene Bücherberge, die sie auf Lager und zu einer Pyramide gestapelt haben, noch immer betragen die Rabatte – je nach Menge – zwischen 30 und 50 Prozent und noch immer weiß niemand, was einen Bestseller ausmacht und wie viel Werbung dafür überhaupt notwendig ist. Hier ausgesuchte wohlfeile Quotations, die den Nagel auf den Kopf treffen:

A publisher once made the statement, in the presence of a number of men interested in the book-publishing business, that, by advertising, he could sell twenty thousand copies of any book, no matter how bad it was. The silence of the others indicated assent to the doctrine. But one inquiring mind broke in with the question,

„But can you make a profit on it?“

„Ah! That is another question,“ answered the publisher.

*

There is another reason for this extra quantity. Two hundred and fifty copies of [das angepriesene, neue Buch] „Last Year’s Nests,“ piled in a pyramid, is a gentle reminder to the bookseller’s customers that it is a mighty important book. Such an argument is often more potent than the disagreeing opinions of critics.

*

Two arguments and two only comprise the salesman’s stock in trade; if he can say that „Last Year’s Nests“ is by the well-known author whose name is a household word and whose previous book sold so many thousand copies, he has the bookseller on the mourner’s bench; if he can (and he frequently does) add the clinching argument that his firm will advertise the book heavily, he can leave the bookseller with that thrill of triumph we all feel when we bend another’s will to our own.

*

The argument of advertising carries with it a certain persuasiveness that the customer cannot resist. Not always does a liberal use of printer’s ink land a book among the six best sellers; but it does it so often that the rule is proved by the exception.

*

Listed in the publisher’s catalogue at $ 1.50 [über $ 25/2013], the ordinary discount to a dealer ordering two or three copies is thirty-three and one-third per cent, or $1.00 net, the bookseller paying transportation charges. Competition, however, has increased this discount to forty per cent, so that we shall assume that in small quantities the book can be had at $ 0.90 net. In larger quantities extra discounts are given; some publishers give forty and five per cent on fifty copies and forty and ten per cent on one hundred copies; others increase the quantities to one hundred and two hundred and fifty copies respectively for the extra discounts.