richard k. breuer

Schriftsteller & Verleger

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Psst! Ich will dir nur etwas verkaufen.

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Können Sie Rotkäppchen sehen?

Sie werden es wohl schon bemerkt haben, dass sich das Web immer mehr von einer Präsentations- zu einer Verkaufsplattform verwandelt hat. Als ich 2006 mein erstes Buch in einer Privatauflage veröffentlichte und eine Party schmiss, war Social Media kein Thema. Es reichte, E-Mails zu verschicken, um die Leute neugierig zu machen. Ja, damals klickten die Damen und Herren tatsächlich noch in eine Nachricht, überflogen den Inhalt und bildeten sich eine Meinung. Heute ist das nicht mehr möglich. Die digitale Quelle sprudelt reichlich und lässt einen beinahe in der Informations-, Newsletter-, Spam- und Werbeflut ertrinken. Wir dürfen bei alledem nicht vergessen, dass unser Gehirn jede Nachricht abarbeiten muss. Dummerweise verbraucht Gehirnleistung dermaßen viel Strom, dass unser „Betriebssystem“ bemüht ist, Tätigkeiten ins Unbewusste auszulagern oder gleich gänzlich abzustellen. Deshalb klicken wir viele E-Mails und Postings ungelesen weg. Der Betreff reicht aus, um zu verstehen, dass hier wieder jemand unsere Zeit oder unser Geld oder beides möchte. Die wirklich persönlichen Nachrichten, sie werden seltener und seltener.

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Frankfurter Buchmesse 2012 oder Big Publishing is a Schweinerei

Man beachte die Pyramide auf dem Messeturm.

Die Buchmesse in Frankfurt ist also für dieses Jahr wieder Geschichte. Für mich war bereits Freitagabend Schluss. Gottlob. In den drei Messetagen (nur für Fachbesucher) habe ich mir nämlich die Hacken abgelaufen. Mit hängender Zunge bin ich von Halle 8.0 zu Halle 3.0 und wieder zurück. Ich hätte es nicht tun müssen. Natürlich nicht.

Eigentlich hatte ich ja so gar keine rechte Motivation zur Buchmesse zu fahren. Aber die Tickets waren gebucht, die Ankündigungen gemacht, also gab es für mich kein Zurück mehr. Somit musste ich meine intensive Arbeit an Con$piracy zur Seite legen und mich auf den Weg machen. In Frankfurt, auf der Buchmesse, angekommen, wurde ich wieder mit diesem Gefühl konfrontiert, das ich um jeden Preis verhindern wollte. Es ist eine Ohnmacht gegenüber der schieren Publikationsmacht der großen und größten Verlage. Man merkt, das hier viel, sehr viel Geld im Spiel ist. Die Deals, die hinter verschlossenen Türen ausgehandelt werden, können nur erahnt werden. Vordergründig darf jeder mitmachen, ist jeder eingeladen, aber werden schließlich die Zahlen offengelegt, dann dürfen nur noch die »Erwachsenen« aufbleiben, die anderen werden nach Hause und ins Bett geschickt. Manch einer soll am Daumen nuckeln und sich eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen lassen. Darin geht es zumeist um einen Kleinverleger, der einen veritablen Bestseller landet und dadurch zu einem großen Player aufsteigt. Dumm, dass den Kleinen nicht gesagt wird, dass es sich hier um ein Märchen handelt. Andererseits, vielleicht lernt man(n) ja auch mal tatsächlich Goldmarie kennen und steigt in Frau Holles Bett. Oder umgekehrt.

Gut möglich, dass die Wirklichkeit noch viel schlimmer ist. Man stelle sich vor, es gäbe unter den restlichen kleinen und mittleren Verlagen eine Rang- und Hackordnung. Dort, wo es staatliche Förderungen für Verlage gibt (man munkelt, es sei hier, bei uns in Österreich, das glücklich ist und heiratet), muss dieses gegen Eindringlinge und Neulinge verteidigt werden. Das ist eine ganz natürliche Reaktion. Kein hungriges Schwein, pardon, macht für ein anderes freiwillig Platz. Und da haben wir auch schon den Salat und das Dilemma. Weil Subventionen per se eine gute Sache sind, können doch unterstützte Verlage und Zeitungen dem marktwirtschaftlichen Druck besser stand halten. Auf der anderen Seite können Subventionen den Markt gravierend beeinflussen, weil die Produkte, wir nennen sie Bücher oder Zeitungen, gegeneinander konkurrieren. Zwar hört man immer gerne, dass sich Qualität durchsetzt, aber das mag vielleicht auch so ein tolles Märchen sein *nuckel*. Schlussendlich sind es Marketing, PR und Werbung, die Käufer anlocken (Edward Bernays, anyone? link) – und nicht selten spielt auch der Preis eines Produktes eine Rolle. Deshalb müsste sich eigentlich ein aufgeklärtes Bürgertum die Frage stellen, wie mit staatlichen Förderungen (das Geld der Bürger) generell umgegangen werden soll. Wie verteilt man den Kuchen? Durch eine »unabhängige Jury«, die letztendlich bei genauerer Nachforschung so unabhängig nicht sein kann? Durch das »Gießkannenprinzip«, also frei nach dem Motto: Jeder bekommt halt ein bisserl was? Aber ob das am Ende reicht? Da könnte nämlich jeder kommen.

Dass es tatsächlich immer wieder Diskussionen rund um die Kuchenverteilung gibt, dürfte einen Bürger des ehemaligen habsburgischen Kaiserreiches natürlich stolz machen, weil damit bewiesen ist, dass die Monarchie abgedankt und die aufgeklärte Demokratie Einzug gehalten hat. Äh, ja, die Sache hat freilich einen Haken. Diskutiert wird freilich nur über die Höhe der Subventionen, alles andere wird als gegeben abgehakt. Wie gesagt, kein hungriges Schwein, pardon, lässt sich … Der Grund, dass nicht über die Verteilungsgerechtigkeit disputiert wird, hängt freilich damit zusammen, dass die leer ausgehenden Schweine, pardon, kein Geld und damit auch keine Lobby haben. Hätten sie nämlich Geld, hätten sie eine Lobby und würden damit auch subventioniert werden. Das ist eigentlich eine recht verquere Logik, aber sie ist leider überall auf dieser Welt gültig. Global gesehen sieht es nämlich so aus, dass der (unter der Hand) subventionierte US-Mais, der nach Mexiko (dank GATT ohne Zoll-Auflagen) importiert werden kann, die regionalen mexikanischen Kleinbauern der Reihe nach aus dem marktwirtschaftlichen Rennen wirft. Schlussendlich machen die Bauern bankrott, müssen ihre Felder (an US-Konzerne) zwangsversteigern und in Großstädte ziehen, wo sie in den Slums wohnen und um ein paar Cents am Fließband einer Fabrik stehen (die wiederum einem US-Konzern gehört). So läuft das Spielchen. Im Kleinen wie im Großen. Ist das gerecht? Vermutlich nicht, aber das größte oder hinterhältigste Schwein, pardon, bekommt immer noch den größten Brocken ab. So ist das.

Ja, Frankfurt erinnert mich an diese Schweinerei. Unfreiwillig, natürlich. Manchmal, wenn ich mich auf dem Förderband treiben ließ, da fragte ich mich still und leise, woran es wohl liegen mag, dass ich armes Schwein hungrig zu Bett gehen muss.

Tragödie und Hoffnung und Piraterie, anno 1966

Die letzten Tage intensivst am Spielemagazin 2/2012 gearbeitet und heute zum Druck befördert (zack!). Nebenbei mal einen Folder für das von mir designte Jugendbuch 5VERSCHOLLEN entworfen und zur Durchsicht abgeschickt (bumm!). All das und noch ein paar weitere Verpflichtungen stören die Überarbeitung an Con$piracy. Trotzdem konnte ich es nicht lassen, wieder einmal mein neugieriges Näschen in allerlei Publikationen und Rezensionen zu stecken. Ein Hinweis führt zu einem anderen, der wiederum zu einem anderen führt und so weiter und so fort. Am Ende will man sich ein Buch näher ansehen, das zu seiner Zeit sehr kontroversiell gewesen sein muss. Wie dem auch sei, mit Ausnahme einer Hand voll Zitate findet sich so gut wie nichts im Web. Das Buch ist nirgends zu bekommen. Ich denke, es ist das erste Buch, das in keinen der amazon-Läden – sei es in Germanien, Britannien oder Amerikannien – aufzutreiben ist. Das ZVAB zeigt zwar drei Treffer, aber die führen ins Leere. Tja. Fast scheint es, dass diese nebulöse Unauffindbarkeit für mich einen magischen Reiz verströmt. Vermutlich ist es die Phantasie, die mir vorgaukelt, dass eine geheime Gesellschaft alles tat, um dieses Buch vom Markt zu bekommen. Gewiss, es kann auch ganz anders, ganz simpel, ganz gewöhnlich, sein, also nur marktwirtschaftliche Gründe haben (weil: der Markt und die Mehrheit irrt bekanntlich nie!)

Heute das Buch eines Historiker ersten Ranges aufgetan. Caroll Quigley publizierte bereits 1966 in seinem Buch Tragedy and Hope: A History of the World in Our Time über allerlei korrupte Machenschaften. Mit wissenschaftlich-historischer Akribie erklärt er die Welt im Lichte der Vergangenheit. Sein Buch ist interessanterweise im Internet-Archiv zu finden und kann dort in aller Ruhe durchgeblättert werden. Auch wenn ich mir vorerst nur ein paar Kapiteln zu Gemüte führen konnte, es sieht sehr danach aus, als hätte Quigley bereits zu seiner Zeit die gegenwärtige Entwicklung vorweggenommen. Bemerkenswert. Auch wenn er – in Bezug zum Beispiel auf Deutschland – hin und wieder in einen Mainstream-Historismus verfällt, der stetige Hinweis auf die weltweit agierende Hochfinanz-Priesterschaft ist es sicherlich nicht. Quigley dürfte sogar einen Schritt weitergegangen sein, in dem er die Verantwortung für vergangene Weltkriege und Wirtschaftskrisen zum größten Teil in dieser Finanz-Clique sieht. Antony C. Sutton, ebenfalls ein Historiker des alten Schlages, der sich nicht korrumpieren ließ, stellte mit seinen (selber publizierten) Büchern die historischen Überlieferungen der nahen Vergangenheit vollends in Frage.

In einem – akustisch leider nur sehr schwer verständlichem – Interview erzählt Quigley, dass er mit seinem Verlagshaus MacMillan schwer zu kämpfen hatte. Wobei er betonte, dass der Verlag zwischenzeitlich mehrmals den Eigentümer gewechselt hatte und diese nur noch den profitableren Büchern den Vorrang gaben. Dass ihn der Verlag mehrmals im Unklaren ließ, in Bezug auf eine Neuauflage, ärgerte ihn maßlos. [»They lied, lied, lied, lied to me!«] Der Vertrag, den Quigley mit MacMillan seinerzeit unterschrieb hätte ihm die Rechte auf die Druckplatten gegeben, falls der Verlag keine weitere Neuauflage in absehbarer Zeit geplant hätte. Und dann, erzählt Quigley, erhielt er ein Schreiben von MacMillan, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass die Druckplatten vernichtet wurden. Ja, so funktioniert das System eines Establishments. Erstaunlicherweise wurde das Buch in den frühen 197oern »raubkopiert«. Piraterie ist also keine Erfindung der Internet-Community. Eigentlich geht diese literarisch-verlegerische Räuberei ins 18. Jahrhundert zurück, als Autoren noch kämpfen mussten, um von Verlagen an den Verkaufserlösen beteiligt zu werden. Ja, damals gedachte ein Verlag die Autoren in Bezug auf Auflagenhöhe und Verkaufszahlen weitestgehend im Unklaren zu lassen und mit Almosen abzuspeisen. Goethe machte diesbezüglich ja seine lieben Erfahrungen. Heute hingegen trommeln sich die großen Verlage an die Brust und verkünden lauthals, dass sie die Hüter von Demokratie und der Garant von Meinungsfreiheit sind. Der Leser möchte es mir an dieser Stelle nachsehen, wenn ich kurz in mein Fäustchen lache.

Ach, nur ein 10-seitiger Folder

Folder von Richard K. Breuer

10-seitiger Folder von Richard K. Breuer  [klicken zum Vergrößern]

Vorgestern den 10-seitigen Verlagsfolder an die Druckerei geschickt. In Summe dürfte das kreative Machwerk rund 24 Stunden an Arbeitszeit in Anspruch genommen haben, wobei ich natürlich auf bereits fertige Layout-Module zurückgreifen konnte. Vor rund drei Jahren fabrizierte ich meinen ersten Folder [6-seitig] und schätzte mich glücklich, vier Bücher anpreisen und zwei vorankündigen zu dürfen. Mein damaliger optimistische Enthusiasmus ließ mich  MADELEINE und PENLY »voraussichtlich Anfang 2010« erträumen. Die Realität sieht freilich anders aus. MADELEINE wird nun im Herbst erscheinen, PENLY irgendwann im Jahre 2013. Interessanterweise dürfte mir mein Unbewusstes einen Streich gespielt haben. Am neuen Folder ist »2014« vermerkt.

Gar nicht einfach ist es, herauszufinden, wie diese 10 Seiten gefalzt, also zusammengelegt werden. Schließlich will man ja dem Interessierten die Bücher in der richtigen Aufklapp-Reihenfolge  vorstellen. Das Rennen machte SCHWARZKOPF, das nach dem Aufklappen [leider auf der – schwächeren – linken Seite] genauso zu bewundern ist, wie ERIK. Dummerweise wurde gestern der Umschlag zu ERIK wieder geändert und jetzt ist das abgebildete Cover im Folder nicht mehr aktuell. Naja. So ist das, wenn man auf vielen Hochzeiten tanzt. Rumtata.

Der Folder wird also mit nach Frankfurt reisen, zur diesjährigen Buchmesse. Es ist schon so eine Sache mit dem eigenen Gewerbe. Einerseits ist man stolz auf das Geleistete, andererseits weiß man auch um die eigene Betriebsblindheit. Wie oft jubelt das Ego über einen Satz, ein Kapitel, einen Titel, einen Umschlag – um wenige Stunden, Tage, Wochen, Monate später festzustellen, dass nichts Besonderes mehr an diesen zu erkennen oder zu verspüren ist. Das bringt einen dann wieder auf den Boden der Realität zurück. Hilfreich ist natürlich auch ein kritisches fremdes Auge, das über ein neues Machwerk blickt. Das schützt vor bösen Bruchlandungen. Zack.

Alles, was Sie über das Thema E-Book wissen müssen – Fakten und Träume

Ja, rechter Hand, das ist der eReaderBevor ich Sie mit reichlich Fakten zum Thema »E-Book« füttere, muss ich ein wenig abschweifen. Aber keine Sorge, am Ende werde ich wieder an diese Stelle zurückkommen und den Bogen schließen. Es beginnt mit einem jungen Studenten aus deutschen Landen, der von einem Buchhändler nach Leipzig mitgenommen und dort in die Verlagswelt eingeführt wird. Der junge Student versteigt sich in eine hübsch ehrgeizige Schriftsteller-Illusion, als er vielen Verlegern vorgestellt wird. Sein erstes, recht schmales Büchlein erscheint noch ohne seinem Namen auf dem Deckblatt. Jahre später, gereift und strebsam, möchte er mit einem Lustspiel die Welt der schöngeistigen Literatur im Sturm erobern. Aber jene zwei Verleger, denen er sich anvertraute, lehnen es ab, den Text zu veröffentlichen. Was für eine Zurückweisung für den jungen Studenten, der sich bereits als erfolgreicher Schriftsteller wähnt. Von dieser Demütigung wird er sich Zeit seines Lebens nicht mehr gänzlich erholen und sie wird dafür sorgen, dass er fortan ein »tiefreichendes Mißtrauen gegen diese Buchkrämer« hat. Der ambitionierte Schreiberling ist gerade einmal 24 Jahre jung und beschließt kurzerhand seine nächste Schrift bei einem heimischen Drucker selber zu publizieren. Nicht lange und es erscheint sein Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand. Ein Schauspiel. Da er aber gar so viele Bücher in seiner Stube liegen hat, die zu Geld gemacht werden müssen, schreibt er an Freunde: »Hört, wenn ihr mir wolltet Exemplare vom Götz verkaufen, ihr tätet mir einen Gefallen« Nennen wir das Ganze einfach Selbstverlag und Marketing, anno 1773. [die Zitate sind dem Buch Geschichte des deutschen Buchhandels von Reinhard Wittmann – 1991 C.H. Beck, München]

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