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‚Finis Germania‘, ‚Vergesst Auschwitz!‘ und ‚Der Treppenwitz der Geschichte‘

Broder-Sieferle

Conclusio für den eiligen Leser: Rolf Peter Sieferles Buch Finis Germania ist eine Empfehlung. Mit Einschränkung. Henryk M. Broders Vergesst Ausschwitz! eine Zumutung. Ohne Wenn und Aber.

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Alles beginnt damit, dass ein Spiegel-Redakteur das posthum erschienene Büchlein des deutschen Historikers Rolf Peter Sieferle mit dem recht pessimistischen Titel Finis Germania der breiten Leserschaft empfiehlt. Das wiederum stößt einigen anderen Kollegen der journalistischen Zunft säuerlich auf, weshalb das Buch wieder von der Empfehlungsliste verschwindet. Dieses Verschwinden lassen – ein Zaubertrick unserer Zeit  – erweckte aber in manchem Medienkonsument den Eindruck der blanken Zensur, weshalb diese „Auslese“ damit begründet wird, dass das Buch rechtsradikal, antisemitisch und geschichtsrevisionistisch sowie eine völkische Angstfantasie sei.

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So it goes: Hiroshima & Dresden 1945

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Die letzten Tage jährte sich der Atombombenabwurf auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki. So it goes, wird später der US-Schriftsteller Kurt Vonnegut in seinem Roman Slaughterhouse Five seinen stoischen Protagonisten in den Mund legen. Was soll man da tun? Es ist, wie es ist, im Krieg. Vonnegut erlebte die Feuerhölle in Dresden, anno 1945, als deutscher Kriegsgefangener mit. Das Erlebnis dürfte ihn ordentlich mitgenommen haben. Am besten, man höre aus seinem Munde, was er zu den damaligen Geschehnissen zu sagen hatte, beispielsweise im Gespräch mit Catch-22 Autor Joseph Heller: link.

Ist Ihnen schon aufgefallen, dass demokratisch gewählte Politiker, bedachte Generäle und vertrauensselige Friedensnobelpreisträger das Leben vieler Menschen retten wollen, in dem sie auf viele Menschen Bomben und Granaten regnen lassen? Begonnen hat ja alles mit einem gewissen Winston Churchill und seinem Luftwaffen-Chef Arthur „Bomber“ Harris, die kurzerhand von militärisch-wirtschaftlichen Zielen auf zivile umschwenkten. Es ist nun mal leichter, eine ganze Stadt von der Luft zu treffen als einen Rüstungsbetrieb. Wer den ersten Stein bzw. die erste Bombe auf Zivilisten warf und wie sich von da an die Sache entwickelte, wird selten im Detail besprochen. Man möchte keine schlafenden Hunde wecken und die Schuldigen sind längst gefunden, sozusagen.

Über die dramatischen Auswirkungen einer Flächenbombardierung, auch darüber gehen Historiker und Politologen gerne hinweg. So it goes. Weil nach 1945 die angloamerikanische Propaganda darauf abzielte, den Weltkrieg zu einem „good war“ zu machen, mussten die negativ-kontroversen Themen unter den Teppich gekehrt werden. Es darf einen also nicht wundern, wenn sogar noch heute, am Beginn des 21. Jahrhunderts, ganze Städte in die Steinzeit gebombt werden dürfen. By the way, Richard Nixon und Friedensnobelpreisträger Henry Kissinger ließen während des Vietnamkrieges in aller Heimlichkeit Kambodscha bombardieren. Rund vier Jahre dauerte diese (un)heimliche Bombardierung, die am Ende das Land destabilisierte und mit ein Grund war, dass die Khmer Rouge an die Macht gelangten. Die fürchterlichen Auswirkungen sind bekannt, nicht?

Übrigens, haben Sie sich schon mal die Fotos angesehen, die das zerstörte Hiroshima und Nagasaki zeigen. Verblüffenderweise findet man so gut wie keine Unterschiede zum Zerstörungsgrad anderer japanischer Städte, beispielsweise Tokyo. Vergessen wir nicht, dass zu jener Zeit der allergrößte Teil der japanischen Häuser aus Holz bestanden haben. Die wenigen Steinbauten haben die Feuer-Bombardierungen genauso wie die Nuklearexplosionen zur Gänze oder als Ruine überstanden. Hätte man also Hiroshima und Nagasaki mit herkömmlichen Brandbomben bestrichen, das Resultat würde nicht anders ausgesehen haben. Ein Schelm, wer Skeptisches dabei denkt. So it goes.

Ein bisschen Krieg, ein bisschen Sonne, für unsere Wirtschaft, unter der wir stöhnen

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Es geht ganz einfach, wirklich!

Weil im Moment in manchen Köpfen die Sicherungen durchbrennen, möchte ich zeigen, wie einfach es ist, die Leutchen dazu zu bringen, sich die Schädel einzuschlagen. Deshalb, seien Sie kritisch/skeptisch, wenn Sie bemerken, dass die Zeitungen oder TV-Nachrichten Sie dazu bringen möchten, ein politisches Lager zu hassen oder zu fürchten. Bedenken Sie, dass in (Vor-)Kriegszeiten in allen Staaten eine offizielle Propaganda-Stelle (in George Orwells 1984 heißt diese sinnigerweise Wahrheitsministerium) für den „richtigen“ Ton und die „notwendigen“ Schlagzeilen in den Medien sorgt. Die Wahrheit, wie man bekanntlich weiß, ist im Kriegsfall das erste Opfer. Aber glauben Sie ja nicht, dass nach Ende der Kampfhandlung der Sieger die Historie geraderückt, ganz im Gegenteil. Der Sieger, auch das ist eine Binsenweisheit, schreibt die Geschichte in seinem Sinne.

Die belgische Historikerin Anne Morelli hat die Prinzipien der Kriegs-Propaganda auf 10 springende Punkte gebracht – ich habe mir erlaubt, die eine oder andere Anmerkung dazu zu machen:

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1. Wir wollen den Krieg nicht
Vgl. die pazifistischen Wahl-Slogans von den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson (1913-1921), Franklin D. Roosevelt (1933-1945) und Barack Obama (2008-2016).

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2. Das gegnerische Lager trägt die alleinige Verantwortung
Vgl. Pearl Harbour und die zuvor von Washington durch Sanktionen in die Ecke gedrängte Japanische Regierung – „Der Gegner gab den ersten Schuss ab!“

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3. Der Führer des Gegners hat dämonische Züge
„Die Achse des Bösen/The Axis of Evil“

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4. Wir kämpfen für eine gute Sache
„The good war!“

The myth of the good war: [meine Übersetzung] „Die Glorifizierung des Zweiten Weltkriegs hatte auch praktische und unheilvolle Konsequenzen. Es verführte uns zu einer leichteren Akzeptanz von „liberalen Interventionen“, begründet in der Annahme, dass nur wir im Westen so rechtschaffen und qualifiziert seien, um die Unterscheidung zwischen dem politisch Richtigen und dem politischen Falschen zu treffen – und die Überzeugung, dass unsere verinnerlichte Rechtschaffenheit alle Mittel heiligt, welche Zwecke auch angewendet werden und so ziehen wir [guten Gewissens] eine Feuerschneise von Dresden über Bagdad bis nach Tripolis. Worse than that, the glorification of the second world war has had practical and baleful consequences. It has led us to an easier acceptance of “liberal interventionism”, founded on the assumption that we in the west are alone virtuous and qualified to distinguish political right from wrong – and the conviction that our self-evidently virtuous ends must justify whatever means we employ, lighting up a bomber flare path from Dresden to Baghdad to Tripoli.“

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5. Der Gegner kämpft mit unerlaubten Waffen
Präsident George Bush Oktober 2002: „Das irakische Regime besitzt und produziert chemische und biologische Waffen. Es versuch, an Nuklearwaffen heranzukommen. The Iraqi Regimet possesses and produces chemical and biological weapons. It is seeking nuclear weapons.“

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6. Der Gegner begeht mit Absicht Grausamkeiten, bei uns handelt es sich um Versehen
Vergleiche die Bombardierung eines Spitals von Ärzte ohne Grenzen der US-Luftwaffe in Kunduz und den Vorwurf Washingtons, dass russische Streitkräfte Spitäler bombardiert hätten, ohne jedoch faktische Beweise vorzulegen. Die westliche Presse übernahm die Vorwürfe ungeprüft.

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7. Unsere Verluste sind gering, die des Gegners enorm
Präsident George Bush Sr. Jänner 1991: „I’m hopeful that this fighting will not go on for long and that casualties will be held to an absolute minimum.“

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8. angesehene Persönlichkeiten, Wissenschaftler, Künstler und Intellektuelle unterstützen unsere Sache
Hollywood Goes to War: Patriotism, Movies and the Second World War from Ninotchka to Mrs Miniver: „Hollywood ging mit Enthusiasmus in den Krieg […] und versuchte die Kriegsanstrengungen zu zu verstärken. Hollywood went to war with gusto […] was trying to boost the war effort.“

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9. Unsere Mission ist heilig
Präsident George Bush Mai 2003: „In this battle, we have fought for the cause of liberty and for the peace of the world.“

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10. Wer unsere Berichterstattung in Zweifel zieht, steht auf der Seite des Gegners.
Präsident George Bush November 2001: „You’re either with us or against us in the fight against terror.“

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Ich würde noch einen weiteren Punkt anführen:
11. Nur der Gegner betreibt Propaganda, während wir unsere Bürger aufrichtig informieren.
Somit ist es unmöglich, für einen aufrichtigen Politiker, der Weltöffentlichkeit jemals Fakten und Beweise vorzulegen, ohne vom Presseapparat diskreditiert und der Propaganda beschuldigt zu werden. Vgl. Staatsstreich in Guatemala 1954 – angezettelt und ausgeführt mit Unterstützung der CIA: In den USA werden zu jener Zeit Artikel in den Zeitungen publiziert, die davon sprechen, dass (Präsident von Guatemala) Arbenz tausende politische Gegner inhaftiert hätte (was freilich nicht stimmte). Vor der UN-Versammlung in New York fordert der Außenminister von Guatemala einen neutralen Ausschuss, der die vorgebrachten Anschuldigungen der USA prüfen soll. Aber die USA und ihre Verbündeten tun diese Anschuldigungen als Propaganda ab und blockieren durch ihre Stimmen im Sicherheitsrat die Bildung eines Ausschusses und damit eine offizielle Prüfung der politischen Lage in Guatemala. Die Folge war der Sturz der demokratisch gewählten Regierung. Guatemala versank für 30 Jahre in einen Bürgerkrieg, der rund 200.000 Zivilisten das Leben kosten sollte. Die Opfer waren in der Mehrzahl Ureinwohner (Mayas) des Landes. Kommt uns das jetzt nicht alles irgendwie bekannt vor?

Lernen’S ein bisserl Geschichte, Frau Vorsitzende

Als Bürger muss ich fragen: Was ist wahr? Was ist unwahr?
Harold Pinter
Nobel Lecture: Art, Truth & Politics [7.12.2005]

Man kann die Interpretation der Historie natürlich immer in eine beliebige Richtung biegen, aber bedenklich wird es dann, wenn eine Aussage, wie sie die Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion Katrin Göring-Eckardt in einem Interview tätigte, von der Interviewerin widerspruchslos hingenommen wird:

Dresden, das ist vor allem die Frauenkirche, die ist wieder aufgebaut worden, nachdem die Nazis sie zerstört haben.

Ich würde vorschlagen, Frau Göring-Eckhardt besucht das Dresdner Panometer, wo sie die Zerstörung, pardon Ausradierung, der Stadt in einer imposanten Rundumsicht bestaunen kann – die Bomber trugen übrigens keine Abzeichen der deutschen Luftwaffe. Weiters würde ich empfehlen, dem Augenzeugenbericht des amerikanischen Autors Kurt Vonnegut zu lauschen, der damals ein Kriegsgefangener der deutschen Wehrmacht war und gerade in einem unter der Erde gelegenen Kühlraum arbeitete, als „seine“ Airforce Elbflorenz in ein Flammenmeer verwandelte, es sprichwörtlich in Schutt und Asche legte. Unter anderem sagte er:

Als ich schließlich rauskam, aus dem Krieg und wir nach Hause verfrachtet wurden, kam ich mit meinem Kriegskumpel in Gespräch – er wurde später Staatsanwalt. Was hast du gelernt, im Krieg, fragte ich ihn. Und er sagte: „Meiner Regierung nicht zu trauen“. Weil, wir hatten bis zu dem Zeitpunkt geglaubt, oder man hat uns glauben gemacht, dass wir keine Zivilisten bombardieren würden. […] Und dann sah ich, dass die Briten und die Vereinigten Staaten Flächenbomardierungen von Städten durchführten. Das war damals nicht bekannt, dass wir das taten, dass es eine Vorgabe war, Zivilisten zu töten, zu töten, zu töten, weil wir sonst den Krieg nicht gewinnen würden.

Kurt Vonnegut & Joseph Heller War Experience:
Battle of the Bulge, Bombing Raids, VE Day (1995)
meine Übersetzung

Noch bedenklicher ist freilich der Umstand, dass einem bereits die bloße Erwähnung der alliierten Bombardierung von deutschen Städten, sei es Hamburg, Dresden oder Berlin, in Teufels politisch korrekte Küche bringen kann. Weil man dadurch – so wird einem mit erhobenen Zeigefinger vorgehalten – die Verbrechen der Nazis relativieren bzw. verharmlosen würde. Aber Fakten verschwinden nicht, nur weil man sie ignoriert, wusste Aldous Huxley. Und zu guter Letzt sei mir noch erlaubt, das Geschichtsforscherehepaar und Pulitzerpreisträger Will und Ariel Durant zu erwähnen – nur für den Fall, dass Sie der Meinung sind, wir wüssten bereits alles über die Vergangenheit:

[…] do we really know what the past was, what actually happend, or is history ‚a fable‘ not quite ‚agreed upon‘? Our knowledge of any past event is always incomplete, probably inaccurate, beclouded by ambivalent evidence and biased historians, and perhaps distorted by our own patriotic or religious partisanship. […] Most history is guessing, and the rest is prejudice.
The Lessons of History
H. Wolff, New York [E-Book]

8. Mai 1945 – Das besiegte Deutschland

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Der größte Teil der Geschichtsforschung ist ein Ratespiel, der Rest eine vorgefasste Meinung.

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Am 8. Mai 1945 kapitulierte die deutsche Wehrmacht in »bedingungsloser Übergabe«. Schon vorher hatte sich ihr Oberster Befehlshaber, das deutsche Staatsoberhaupt, selber den Tod gegeben. Im August legten die Vertreter der Großmächte, der russische Ministerpräsident Stalin, der britische Premierminister Attlee und der amerikanische Präsident Truman, in Potsdam die Einzelheiten der Ausführung des Abkommens von Jalta fest. Deutschland sollte entwaffnet bleiben. Als Grenze der Austreibung wurde die Oder-Neißer-Linie festgelegt. Doch wurde vereinbart, daß Endgültige über die polnische Westgrenze erst ein Friedensvertrag festlegen könne. Schon vorher waren in den östlichen Gebieten, im Sudetenland, in Prag und auf dem Balkan Tausende und aber Tausende Deutscher ermordet worden. Auf den Straßen und in den Häusern spielten sich furchtbare Greuel ab, die selbst die nationalsozialistischen Grausamkeiten übertrafen. Hunderttausende wurden dann durch Hunger ermordet, wieder Hunderttausende, eine niemals genau festgestellte Zahl, wurden in den nächsten Monaten bei der Austreibung die Opfer von Hunger, Krankheit und Kälte.

entnommen:
Paul Sethe, Schicksalsstunden der Weltgeschichte, Gustav Lübbe Verlag, 1977, S. 369f.