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WM2014: Resümee der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien – Teil 1

WM2014_Gedankliches_1Die Weltmeisterschaft 2014 ist endgültige Geschichte. Wie bereits bei den letzten großen Fußballturnieren – EM 2008, WM 2010 und EM 2012 – versuche ich mich auch diesmal an ein Resümee. Einfach ist es freilich nicht, muss man doch so viele Eindrücke und Überlegungen auf den springenden Punkt bringen. Gesehen, die Fußballspiele, habe ich sie alle. Im Gedächtnis hängen geblieben sind natürlich immer nur Ausschnitte.

Gleich vorweg: Viele Tore in einem Fußballturnier machen es nicht automatisch zu einem guten oder gar „dem besten“. Es gibt Nullnummern, die begeistern, knappe Siege mit nur einem Tor, die dramatischer nicht sein können. Deutschlands Gruppenspiel gegen Portugal (4:0) hat mich nicht sonderlich mitgerissen, während Deutschlands Achtelfinalspiel gegen Algerien (0:0) mich förmlich vom Hocker haute. Und das ist es, um was es mir vor allem geht: Dramatik. Ein Fußballspiel kann uns etwas über Sieg und Niederlage am Rasen und im Leben erzählen, wie man gegen das Schicksal und die Aussichtslosigkeit ankämpft, wie man seinen Mann steht und seine Würde behält oder verliert. Das Spiel, wenn man so will, wird zum Spiegelbild des Lebens. Kein Wunder also, dass sportliche Wettkämpfe die zivilisierte Menschheit seit jeher in den Bann gezogen haben und weiterhin ziehen werden. Fein, fein. Da bei Großereignissen viel Ehr, aber noch mehr Geld im Spiel ist, liegt es auf der Hand, dass Korruption und Manipulation nie gänzlich ausgeschlossen werden können, aber das ist eine andere Geschichte, die ich hier nicht erzählen möchte.

Die deutsche Mannschaft unter Trainer Joachim Löw ist Fußballweltmeister 2014. Ist Deutschland verdient Weltmeister geworden? Ja, ich denke schon. Die Gründe für den Erfolg sind gar nicht so sehr in den WM-Spielen selbst zu finden, als  vielmehr in der nun Früchte tragenden Nachwuchsarbeit, die um 2000 generalstabsmäßig in Deutschland implementiert wurde. Wenn man weiß, welche Meister die Deutschen beim Organisieren sind, könnte den anderen großen Fußballverbänden bald schwarz-rot-gold vor Augen werden. Ein Blick auf die Talente, die dieses System nun beinahe monatlich anspült, ist beachtlich und die deutschen Vereine, die bei den Fans groß angeschrieben sind, zeigen eins ums andere, wie man schlagkräftige Teams aus jungen talentierten Spielern macht. Bestes Beispiel dafür ist sicherlich der BVB Dortmund, der in der Saison 2010/11 überraschend mit jungen und unbekannten Spielern den Meistertitel holte. Neben der Nachwuchsarbeit ist es wohl der europäische Spitzenverein Bayern München, der maßgeblich am Erfolg der Nationalmannschaft beteiligt ist, sind doch sieben Bayern-Spieler im Kader der Nationalelf: Neuer, Boateng, Lahm, Schweinsteiger, Kroos, Götze, Müller. Podolski und Klose sind Ex-Bayern-Spieler. Es ist deshalb kein Wunder, dass die deutsche Nationalelf während der WM so gut harmonierte und etwaige Tiefschläge gut wegsteckte. Weiters konnten sich die Bayern-Spiele seit April auf die Weltmeisterschaft vorbereiten, da bereits zu diesem frühen Zeitpunkt der Verein als Meister feststand. Im Gegensatz dazu mussten die Spieler von Barcelona und Real Madrid bis zur letzten Minute in Meisterschaft bzw. Championsleague an ihre Grenzen gehen. Das mag auch der Grund sein, warum ein Lionel Messi, Christiano Ronaldo oder die spanische Mittelfeldachse mit Xavi, Alonso, Iniesta müde und ausgelaugt wirkten, während die Bayern-Spieler, wie Robben, Müller oder Lahm, unglaubliche Laufleistungen an den Tag und auf den Rasen legten.

Ob Deutschland wegen oder trotz Joachim Löw den Weltmeistertitel holen konnte, ist für mich nicht eindeutig zu beantworten. Fakt ist, dass er vor allem dann goldrichtig die Formation umstellte, wenn er durch äußere Ereignisse dazu gezwungen wurde. Für mich steht außer Frage, dass es die Bayern-Spieler waren, die maßgeblichen Anteil am Erfolg hatten. Real Madrid Spieler Özil (müde) und der Schalker Höwedes (überfordert), die beide auf der linken Seite eingesetzt wurden, fanden nie wirklich ins Spiel – vielleicht ließ man sie auch nicht mitspielen. In jeder Sandkiste gibt es bekanntlich eine Hackordnung – und es ist der Trainer, der dies einigermaßen auszugleichen hat („Toni, jetzt gib doch dem Mesut auch mal das Schauferl!“). Ob Löw dafür die Autorität besitzt, wage ich zu bezweifeln. Eher sieht es für mich aus, dass er von den Ereignissen mitgerissen wird und er nur vorgibt, was sich längst abgezeichnet hat. Andererseits, der Erfolg gibt jedem Trainer recht und es werden die nächsten Herausforderungen zeigen, ob er diesen gewachsen ist.

Argentinien Anfänglich hat mich die argentinische Elf verärgert, weil sie unansehnliche Spiele ablieferte und es vorrangig Lionel Messi war, der durch Einzelaktionen die Entscheidung in den jeweiligen Gruppenspielen und im Achtelfinale herbeiführte. Aber das Halbfinale gegen die Niederlande und das Finale besänftigten mich dann doch wieder, weil man merkte, dass sie sich steigerten und – vor allem im Defensivbereich – Herz zeigten. Auch darf man nicht vergessen, dass alle Gegner Beton anrührten und versuchten, Messi aus dem Spiel zu nehmen. So gesehen war das Finale wohl das einzige Spiel der argentinischen Nationalmannschaft mit einem offensiv eingestellten Gegner. Es hätte nicht viel gefehlt und Argentinien wäre Weltmeister geworden – aber Higuain, Messi und Palacio ließen jeweils einen Sitzer aus. Und hätte der Schiedsrichter Neuers Sprungattacke gegen Higuain nicht mit Ausschluss und Elfmeter ahnden müssen? Darüber herrscht in Fachkreisen, wie so oft, Uneinigkeit – je nach dem, ob man Argentinien oder Deutschland als Weltmeister haben wollte. Man fragt sich auch, wie Argentinien gespielt hätte, wären die Offensivkräfte – und vor allem Messi – fit und in Form gewesen. Ich weiß, eine müßige Frage. Wie dem auch sei, man muss dem Team für die Leistung Respekt zollen.

Niederlande Als die Niederländer vor vier Jahren, im WM-Finale gegen Spanien, das Fußballspiel zu einem Kampfsport erhoben, war ich ziemlich säuerlich auf die Oranjes zu sprechen. Aber es war nicht nur das Finalspiel, sondern vor allem die Art und Weise, wie sich die niederländische Elf in das Endspiel förmlich schummelte. Bei dieser WM, Gott sei’s gedankt, versuchte sie wieder Fußball zu spielen – auch wenn mir die Taktik von van Gaal nicht sonderlich gefiel: Beton anrühren, warten und hoffen, dass Robben (oder van Persie oder Sneijder) ein Tor macht. Holländischer Offensivfußball war gestern, Effizienz und Risikolosigkeit ist heute. Robben gehört unbestritten zu den herausragendsten Spielern des Turniers. Würde er auch noch die Schwalbentänze und dieses theatralische Gehabe nach einem Foul sein lassen, er würde zu den Größten zählen. Die holländische Nationalelf wird sich bald mit der Frage auseinandersetzen müssen, wie es in Zukunft nach Robben, van Persie und Sneijder weitergehen wird. Der Nachwuchs wird im Land freilich gehegt und gepflegt – aber der Pool, aus dem gefischt werden kann, ist nun mal nicht groß – und wie hoch sind die Chancen einen neuen Cruyff, Bergkamp, van Basten, Kluivert, Robben oder van Persie zu finden? Eben.

Brasilien Ach du Schande. Die Mannschaft von Trainer Scolari ist eines der größten Mysterien dieser Weltmeisterschaft. Die Demütigung vor eigenem Publikum, das erste Mal gegen Deutschland (7:1), das zweite Mal gegen die Niederlande (3:0), ist nicht zu begreifen. Zuvor schaltete die Elf mit Chile und Kolumbien zwei der spielstärksten Mannschaften aus, rangen in der Gruppenphase Kroatien (zugegeben, nur mit Schiedsrichterhilfe) nieder und hätte gegen Mexiko beinahe gewonnen. Jenes Mexiko, welches im Achtelfinale  der Niederlande größte Schwierigkeiten bereitete. Ist das Implodieren der Seleção im Halbfinale und im kleinen Finale nur mit dem Ausfall von Neymar zu erklären? War Neymar dieser eine wichtige Schlussstein, der – unter Spannung und Last – eine Konstruktion zusammenhält? Ließen sich Chile und Kolumbien zu sehr vom Rundherum blenden? Waren sie zu eingeschüchtert, um ihr Spiel zu spielen? Gewiss, im Viertelfinale legten die Brasilianer eine härtere Gangart ein und versuchten auf diese Weise das Kombinationsspiel der Kolumbianer zu zerstören. Aber reicht das alleine aus, um zu gewinnen, bei einer Weltmeisterschaft? Die Zertrümmerung der Brasilianer durch die deutsche Elf hat diese Weltmeisterschaft ad absurdum geführt. Es scheint, als könnte eine, pardon, Wirtshausmannschaft mit einem Superstar wie Neymar bis ins Halbfinale einer Weltmeisterschaft vordringen. Wie kann das sein? Vielleicht ist die Antwort einfach jene, dass Fußball zu aller erst im Kopf entschieden wird. So lange die Spieler der Seleção an ihre „Unverwundbarkeit“ glaubten, konnten sie die anderen täuschen und Spiele für sich entscheiden. Aber als sich dieser Glaube mit dem Ausfall von Neymar und dem zweiten schnellen Gegentreffer der Deutschen in Luft auflöste, gab es nichts mehr, was sie retten hätte können. Kurz und gut, Trainer Scolari hatte versagt. Er hätte den (richtigen) Spielern nicht nur den Glauben vermitteln sollen, sondern auch ein geeignetes Spielkonzept. Wie es beispielsweise Fred oder Jô in die Formation schafften, bleibt ein Rätsel. Genauso die Weigerung von Scolari, die beiden brasilianische Spieler des spanischen Meisters Athletico Madrid einzuladen (Miranda, Filipe). Jetzt, mit neuem Trainer, braucht es einen radikalen Neuanfang. Wir dürfen gespannt sein, wie sich in naher Zukunft die neue Seleção präsentieren wird.

Fortsetzung folgt …

 

Was wäre wenn?

Mit ein wenig Phantasie könnte man sich eine Weltmeisterschaft vor Augen führen, die wirklich und wahrhaftig sensationell gewesen wäre. Natürlich ist diese Auswahl rein subjektiv und jeder ist eingeladen, seine eigene Traum-WM in Gedanken zu skizzieren:

Schweiz : Ecuador (2:1) Beim Stand von 1:1 verstolpert Ecuador nicht die große Konterchance, sondern nutzt diese eiskalt aus. Resultat: Ecuador, nicht die Schweiz, steigt ins Achtelfinale auf.

Griechenland : Elfenbeinküste (2:1) In der letzten Minute, beim Stand von 1:1, getraut sich der Schiedsrichter keinen Elfmeter für Griechenland zu geben. Resultat: Elfenbeinküste, nicht Griechenland, steigt ins Achtelfinale auf.

Achtelfinale Brasilien : Chile (1:1  3:2 n. E.) Der Schuss des chilenen Pinillas in der 120. Minute geht nicht an die Latte, sondern ins Tor! Resultat: Chile, nicht Brasilien, steigt ins Viertelfinale auf.

Achtelfinale Niederlande : Mexiko (2:1) Der Schiedsrichter pfeift nicht Elfmeter für die Niederlande, sondern lässt weiterspielen. Resultat: Verlängerung mit einem unwahrscheinlichen, aber möglichen Sieg Mexikos und dem damit verbundenen Aufstieg ins Viertelfinale.

Achtelfinale Deutschland : Algerien (2:1 n. V.) Der algerische Stürmer Slimani lässt in der 9. Minute Torhüter Neuer durch einen angetäuschten Schuss ins Leere fahren. Resultat: Führungstreffer für Algerien, ein für längere Zeit verunsicherter Neuer und der Aufstieg Algeriens ins Viertelfinale. Man stelle sich vor, eine euphorisches Algerien trifft auf Rivale Frankreich. Dieses französische Derby würde die Grande Nation in einen Ausnahmezustand versetzen. Großes Kino!

Achtelfinale Belgien : USA (2:1 n. V.) Der amerikanische Stürmer Wondolowski schießt nicht der letzten Minute der regulären Spielzeit alleinstehend den Ball übers, sondern ins Tor. Resultat: Die USA, nicht Belgien, steigen ins Viertelfinale auf.

Finale Deutschland : Argentinien (1:0 n. V.) Torhüter Neuer wird nach der Sprungattacke gegen Higuain ausgeschlossen und Messi verwandelt den für das Foul ausgesprochenen Elfmeter in der abgeklärt kaltschnäuzigen Manier Zidanes. Resultat: Argentinien wird Weltmeister, Neuer der Buhmann der deutschen Nation und Messi der Liebling der Massen.

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WM2014: Tag#25 Finale Deutschland : Argentinien

Weltmeister der Fußball WM 2014: Deutschland

Deutschland : Argentinien 1:0 n. V.

Na, das letzte Spiel dieser WM hatte es wahrlich in sich. Spannend bis zum Abwinken respektive Abpfiff. Man muss beiden Mannschaften zu ihrer Einstellung gratulieren. Deutschland, gleich vorweg, hat die überzeugendste Mannschaftsleistung aller Turnierteilnehmer geboten und ist deshalb für mich ein verdienter Weltmeister. Aber es hätte auch anders kommen können, im gestrigen Finalspiel. Ein fürchterlicher Rückpass von Kroos wird zu einer Maßflanke für Higuain, der plötzlich alleine vor Torhüter Neuer auftaucht. Nach 21 Minuten hätte Argentinien in Führung gehen müssen – aber Higuain, der seiner Form seit dem ersten Spiel hinterherläuft, trifft nicht mal das Tor. Als er dann doch ins Tor traf, stand er im Abseits. Sein Ersatzmann Palacio machte es in der Verlängerung auch nicht besser, als er eine gute Einschussmöglichkeit kläglich vergab. Und Messi? Auch er hatte den Führungstreffer am Fuß und man kann davon ausgehen, dass er das Tor gemacht hätte, wäre er in Form gewesen. Einzig Lavezzi überzeugte mich mit starken Antritten und forschem Pressing – warum ihn Trainer Sabella nach der Halbzeit gegen den rekonvaleszenten Agüero ersetzte, bleibt eines der Rätsel dieses Finalspiels und kostete vielleicht sogar dem argentinischen Team den Weltmeistertitel. Für mich steht fest, dass ein Lavezzi viel mehr Unruhe und damit Unsicherheit in die deutsche Hintermannschaft gebracht hätte. Wie dem auch sei, an diesem Tag, man muss es sagen, scheiterte Argentinien an ihren formschwachen Offensivkräften. Der Ausfall des in den Vorrunden so gut aufspielenden Di Maria schmerzt deshalb doppelt und dreifach.

Das deutsche Team hätte übrigens ein weiteres Mal mit ihrer Geheimwaffe – Standardsituationen – den Weg zum Sieg ebnen können, aber Höwedes traf nach einem Eckball nur die Stange. Apropos. Höwedes hatte Glück, dass der italienische Schiedsrichter Rizzoli sein derb-brutales Grätschfoul nur mit gelb ahndete. Über rot hätte sich keiner beschweren dürfen. Ja, und dann, in der 57. Minute wurde einem wieder bewusst, wie nah spielerisches Genie und brutaler Wahnsinn bei Torhüter Neuer zusammenfallen: um einen durchbrechenden Higuain vom Ball zu trennen, springt er mit angezogenem Knie seitlich gegen den Mann und streift dabei mit seinem Knie den Kopf von Higuain. Meine Güte. Diese Aktion erinnerte frappant an die WM 1982, als der deutsche Teamtorhüter Harald ‚Toni‘ Schumachers mit einer ungestümen Sprungattacke den Franzosen Battiston von den Beinen holte. Battiston, der dabei zwei Zähne verlor, musste bewusstlos vom Feld getragen werden. Dass der Schiedsrichter aber auf ein Stürmerfoul von Higuain entschied, ist völlig unverständlich – schließlich war er es, der den Ball führte und Neuer, der ihn förmlich angesprungen ist. Da sich das Ganze im Strafraum ereignete, wäre eine rote Karte für Neuer und ein Elfmeter für Argentinien nicht falsch gewesen. Kurz und gut: die Deutschen hatten gestern das Glück an ihrer Seite – oder war es schlicht und einfach das Glück des (spielerisch) Tüchtigen?

Ja, tüchtig war es, das deutsche Team, das von der ersten Minute an frech und mutig drauf los spielte, obwohl Löw den beim Aufwärmen verletzten Khedira vorgeben und durch den noch jungen und unerfahrenen Kramer ersetzen musste. Interessant, dass Löw bereits nach einer halben Stunde gezwungen war, den offensiveren Schürrle für Kramer zu bringen, da dieser nach einem Zusammenstoß sichtlich benommen war. Wurde somit Löw ein weiteres Mal – nach Mustafi – zu seinem goldenen Händchen gezwungen? Einen Begleitservice für Messi, der nur selten in Erscheinung trat, gab es nicht. Das Spiel avancierte zu einem fröhlichen Hin und Her – die größeren Spielanteile hatten natürlich die Deutschen, die versuchten, im Mittelfeld die Kontrolle zu übernehmen und ihr Offensivspiel vor dem gegnerischen Strafraum zu zünden. Trainer Löw perfektionierte für die deutsche Nationalmannschaft die Taktik Bayerns unter Gardiola, der ein vertikales Tiki-Taka forciert und bei Ballverlust ein geordnetes Pressing in der gegnerischen Hälfte verlangt. Die Verteidigungslinie steht deshalb sehr hoch und verlangt äußerste Konzentration von allen Beteiligten. Wie man im Spiel gegen Algerien gesehen hat, läuft man bei dieser Taktik Gefahr, mit Bällen, die hinter die Verteidiger gespielt werden, ins offene Messer zu laufen. Vor Nachahmung wird deshalb gewarnt (ich kann mich an ein Spiel der österreichischen Nationalmannschaft erinnern, viele Jahre muss es jetzt her sein, wo eine hohe Verteidigungslinie versucht wurde und grässlich endete). Am besten funktioniert diese offensive Ausrichtung natürlich dann, wenn der Gegner „aufmachen“, also offensiver werden muss. Die sich dadurch ergebenden Räume können spiel- und laufstarke sowie intelligente und disziplinierte Spieler tödlich ausnutzen – gut zu sehen beim Gruppenspiel der Deutschen gegen Portugal (4:0) und beim Halbfinalspiel der Deutschen gegen Brasilien (7:1).

Der Siegestreffer im gestrigen Finale fiel schließlich in der 113. Minute! Flanke von Schürrle auf Götze, der den Ball mit der Brust annimmt und aus spitzem Winkel mit seinem schwachen linken Fuß ins lange Eck einschießt. Respekt. Eigentlich hatte ich Götze ja schon als formschwach abgestempelt, aber wie man sieht, darf man keinen Spieler der deutschen Nationalmannschaft gänzlich abschreiben (mit Ausnahme vielleicht von Özil – andererseits reichte seine in diesem Turnier wohl nur durchschnittliche Leistung allemal). Thomas Müller, die personifizierte Torgefahr, fand gestern kaum Chancen vor – zu gut war das argentinische Bollwerk rund um Mascherano eingestellt. Wenn man die Leistung des deutschen Teams veranschaulichen möchte, dann reicht ein Blick auf Schweinsteiger, der 122 Minuten lang rackerte und rackerte und rackerte. Fast schien es, als würde er den Ausfall von Khedira alleine Wett machen und für zwei spielen wollen. Beeindruckende kämpferische, aber auch spielerische Leistung! Applaus. Vorhang.

WM2014: Tag #24 Kleines Finale Brasilien : Niederlande

Brasilien : Niederlande 0:3

Schlapperlot. Ist es wirklich denkbar, dass ein einziger Spieler den Unterschied ausmacht? Einen eklatanten Unterschied? In den letzten beiden Spielen der brasilianischen Nationalmannschaft fehlte Neymar. Ergebnis: zwei Niederlagen mit einem Gesamtscore von 10:1. Das gibt einem dann doch zu denken. Erinnern wir uns zurück: Gegen die mexikanische Mannschaft erreichte die Seleção in der Gruppenphase zwar nur ein torloses Remis, hatte aber mehr vom Spiel und hätte durchaus gewinnen können. Die Niederlande wiederum, die im Achtelfinale gegen Mexiko ran mussten, wäre beinahe gescheitert. Wie ist es also zu verstehen, dass das gestrige Spiel zwischen Brasilien und Niederlande so einseitig ausfiel? Waren es die psychischen Auswirkungen der 7:1-Schlappe, die das brasilianische Team hemmten? Oder war es am Ende tatsächlich die Absenz von Neymar, ihrem gehypten Superstar, der zum Team-Maskottchen erkoren wurde?

Kommen wir zum Spiel um den dritten Platz. Die Niederlande agierten befreiter, offensiver – vor allem, weil es die nötigen Räume dafür gab – die Brasilianer boten sie ihrem Gegner förmlich an. Es dauerte ganze zwei Minuten, bis Robben in eine Lücke der Verteidigung stoßen und aufs Tor sprinten konnte; Thiago Silva war es, der den enteilenden Robben mit einem leichten Zupfer am Trikot zu Fall bringt – außerhalb des Strafraums, aber Robben fiel in den Strafraum. Der algerische Schiedsrichter war mit dieser Situation überfordert: er entschied auf Elfmeter und zeigte Silva den gelben Karton. Hätte es nicht der rote sein müssen? War es nicht das Schulbeispiel eines Torraubs? Vielleicht versuchte der Schiedsrichter mit zwei Fehlentscheidungen eine richtige Entscheidung treffen: statt eines Freistoßes an der Strafraumgrenze und dem Ausschluss von Silva besser einen Elfmeter pfeifen und eine gelbe Karte geben. Wie dürfen nicht vergessen, dass es sich hier „nur“ um das kleine Finale, einer lästigen Pflicht für beide Mannschaften handelte. Mit dem Führungstreffer im Rücken, spielte es sich für die Niederländer natürlich noch leichter, während die Brasilianer erneut zwischen Verzweiflung und Selbstaufgabe pendelten. Einzig Oscar fand nach einer Weile ein wenig Selbstvertrauen, versuchte es mit Dribblings, mit der einen oder anderen Idee, aber es blieb im Ganzen nur Stückwerk. Die brasilianische Mannschaft war auch an diesem Tag völlig von der Rolle. David Luiz, man möchte es nicht glauben, stolperte sich von einem Fehler zum anderen, ja, legte dann sogar das zweite Tor für die Niederländer mustergültig auf. Unfassbar! Dass in der zweiten Hälfte die Brasilianer mit Härteeinlagen ins Spiel zurückfinden wollten, war an Erbärmlichkeit nicht mehr zu überbieten.

Die Schiedsrichterleistung war, leider, ebenfalls erbärmlich. So hätte in diesem Spiel Brasilien der eine oder andere Elfmeter zugesprochen werden müssen. Stattdessen ahndete der Schiedsrichter eine Schwalbe bzw. ließ nach einem Handspiel im Strafraum weiterspielen. Andererseits hätten zu diesem Zeitpunkt wohl nur noch 9 Brasilianer auf dem Feld stehen dürfen. Tja. Vielleicht hat sich ja am Ende alles wieder ausgeglichen, wer weiß, wer weiß. Die brasilianische Nationalmannschaft, so viel steht jedenfalls fest, ist ein Scherbenhaufen. Trainer Scolari hat auf die falschen Pferde gesetzt, hat hoch gepokert und ist tief gefallen. Trainer van Gaal hat vorgezeigt, wie man aus einer durchschnittlichen Mannschaft, mit einem Superstar in Bestform, das Maximum herausholt – vorausgesetzt, es verlässt einen nicht das Glück und die Schwalben.

Der klare Sieg der Niederländer über die Brasilianer zeigt, dass der Kantersieg der Deutschen so gut wie keine Aussagekraft besitzt. Weil, wäre es bei dem gestrigen Spiel um den Einzug ins Finale gegangen, hätten die Holländer mit Sicherheit diese desolate brasilianische Mannschaft aus dem Stadion geschossen. Dabei dürfte diese brasilianische Mannschaft noch die stärkere gewesen sein – war doch Thiago Silva wieder in der Mannschaft und wechselte Scolari die formschwachen Spieler aus. Bedenken wir weiters, dass Robben im Spiel gegen Argentinien ein einziges Mal in den Strafraum sprinten konnte – das war gegen Ende der regulären Spielzeit. Im Vergleich dazu brauchte es gestern nur zwei Minuten. Daran kann man schon erkennen, mit welchem Defensiv-Wasser die Argentinier gewaschen sind.

Jetzt warten wir mal aufs Finale …

WM2014: Tag#22 Halbfinale Deutschland : Brasilien 7:1

Deutschland : Brasilien  7:1

[Meine gebloggten Gedanken vor dem Spiel:] Ja, die (deutsche) Mannschaft wird in einen Hexenkessel geworfen – und es wird sich zeigen, ob die Spieler im Druckkochtopf des Mineiraos zusammenschmelzen oder auseinanderbrechen. Ich gehe davon aus – als Schriftsteller sei es mir erlaubt, die Plattitüde zu trällern -, dass nach dem Spiel nichts mehr so sein wird, wie es war.

 

Ich tue mir schwer, Worte für zu finden, für das, was gestern in Mineiraos passierte. Es war, man muss es an dieser Stelle sagen, kein Fußballspiel. Es war die Demütigung nicht nur einer gegnerischen Mannschaft, sondern einer ganzen Nation. Gewiss, die Mannschaft hat gezeigt, dass mit ihr nicht zu spaßen und schon gar nicht zu verhandeln ist. Ein Motor, der, einmal angeworfen, seinen Dienst verrichtet. Aber das ist nichts Neues unter der deutschen Sonne. Wir wissen, zu welchen Höchstleistungen die deutsche Nation fähig ist. Im Sportlichen wie im Weltlichen. Wie konnte es aber geschehen, dass nach Abpfiff des Spieles die Fußballweltmeisterschaft nur noch als Farce zu begreifen ist? Ist das gestrige Ereignis als spielerisches Pendant zur Vergabe der übernächsten WM an Katar zu verstehen? Man wir das Gefühl nicht los – Torlinientechnologie hin oder her – dass etwas faul im Staate FIFA ist. Und weil ich weiß, was ich weiß, würde es mich nicht wundern.

Zurück zum Spiel, pardon, zur Demütigung. Eigentlich begann alles wie gehabt. Die deutsche Mannschaft, von der überwältigenden Atmosphäre im Stadion ein klein wenig verunsichert, steht in den ersten Minuten kompakt und sicher, während die Brasilianer, von Euphorie getragen, das Spiel in die Hälfte ihres Gegners bringen wollen. Scheinbar hat man weder Spielern noch Trainer Scolari gesagt, dass ihr Gegner die deutsche Nationalmannschaft ist – und gegen diese gibt es keine halbe Sachen, da gibt es nur ein entweder-oder. In der 11. Minute – Eckball/Standardsitutation – wird Müller im Strafraum sträflich allein gelassen (in der Wiederholung sieht man, dass sein Bewacher Luiz von Klose (fair) behindert wird) und er schiebt den Ball zum Führungstreffer trocken ein. Tja. Da dachte man noch nicht, dass die Sache entgleisen würde. Wie viele Spiele bei dieser WM wurden noch umgedreht, also nach einem Verlusttreffer doch noch gewonnen? Es waren ja noch mehr als 80 Minuten zu spielen. Zeit genug, um den Deutschen ein Ding reinzuhauen, nicht? Aber dann, ja, dann kamen jene rund sechs oder sieben Minuten, die die Fußballwelt noch nicht gesehen hat. In dieser kurzen Zeitspanne schossen die Deutschen vier, ja, vier Tore! Besser: die Brasilianer luden die Deutschen ein, ihnen die Tore zu machen. Kann man nicht glauben. Muss man aber. Pausenstand war demnach 5 : 0. Wir sprechen hier von einem Halbfinalspiel. Yep.

Hätte man beispielsweise die färöische Fußballnationalmannschaft  auf den Platz gestellt, sie hätte es wohl auch nicht besser oder schlechter als die gestrige Scolari-Truppe gemacht. Das ist die Crux bei der ganzen Sache. Wenn eine der vier weltbesten Fußballteams von einer Nationalmannschaft, die den 170. Weltrang einnimmt, ersetzt werden könnte, welche Berechtigung hat dann noch so ein Turnier? Schlimme und fürchterliche Niederlagen, gewiss, gab es schon immer. Dazu müssen wir gar nicht so weit in die Vergangenheit reisen, es reicht an dieser Stelle nur auf die Gruppenspiele zwischen Niederlande und Spanien (5:1) oder Frankreich : Schweiz (5:2) oder Deutschland : Portugal (4:0) hinzuweisen. Entsetzliche Niederlagen. Ja. Aber diese Spiele sind als Standortbestimmung zu verstehen. Die spanische Tiki-Taka-Fußballphilosophie wurde (endlich) zu Grabe getragen, der französischen Nationalmannschaft wurde (endlich) Leben eingehaucht und den Portugiesen ließ man wissen, dass Fußball immer noch ein Teamsport ist. Diese Spiele verblüfften, überraschten, aber sie schockierten niemanden. Doch nach der Standortbestimmung, nach der Gruppenphase, bleiben für gewöhnlich jene Mannschaften im Rennen, die das Prinzip Fußball verstanden haben. Natürlich sind manche Mannschaften spielerisch besser oder disziplinierter als andere. Das ist nun mal so. Oftmals wechseln sich in den KO-Runden Glück mit Unvermögen und Unvermögen mit Glück ab. Und hin und wieder erwischt die eine Mannschaft einen schlechten, die andere einen guten Tag. Shit happens, ja, aber nicht mit 7 Gegentreffern. Nicht mit 4 Gegentoren in 6 Minuten. Unter keinen Umständen.

Also, zurück zum Start. Das gestrige Spiel war eine Farce. Die deutsche Nationalmannschaft, es tut mir Leid sagen zu müssen, hat genauso ihren Anteil an der Entehrung des WM-Turniers wie die brasilianische Mannschaft. Vielleicht sogar einen größeren. Man erinnere sich an die hitzige Konfrontation zwischen Kapitän Luiz und Thomas „ich-will-Torschützenkönig-werden“ Müller, der mit großem Einsatz dem Brasilianer den Ball abzujagen versuchte. Luiz versuchte Müller klar zu machen, dass sie bereits sechs Tore geschossen hätten und wozu er sich dermaßen hineinsteigere. Müller dürfte es nicht verstanden haben oder wollte es nicht verstehen. Es ist, als würde man in einem Faustkampf auf einen bereits am Boden liegenden Gegner hintreten. Gewiss, es gibt kein Gesetz, keine Regel, dass man es nicht tun dürfe. Aber welches Zeichen sendet das Spiel in die Welt aus? Wie werden unsere Kinder dieses gestrige Ereignis verarbeiten? „Keine Gnade! Immer feste druf!“

Man muss nur das Interview von David Luiz, kurz nach dem Spiel, gehört und gesehen haben, um zu begreifen, was es heißt, auf das Schlimmste gedemüdigt worden zu sein. Herzzerreißend. Wirklich. Wer hier nicht den brasilianischen Abwehrchef trösten und herzen würde wollen, versteht vielleicht viel von Fußball, aber nichts von einem sportlichen Wettkampf. Man hat dem Gegner  Gesicht, Anstand und Würde zu lassen, so es sich um einen fairen sportlichen Wettkampf handelt – das ist meine Meinung. Ist das vielleicht nicht mehr so? Hat der machiavellische Geist – der Zweck heiligt die Mittel – nun endgültig den Siegeszug im Sport und im Fußball angetreten? Ist es das liebe Geld (besser: die Schuldenlast der Vereine!), das den Fußball Stück für Stück in den Abgrund reißt? Ist das Gewinnen so sehr in den Vordergrund gerückt, dass man das Zwischenmenschliche, das Gemeinschaftliche, das Menschliche völlig außer Acht lässt? Oder lebe ich in einer Phantasiewelt und verkläre die Vergangenheit?

Zurück zum Start. Deutschland zieht ins Finale ein. Brasilien wird um den dritten Platz spielen (müssen). Der Finalgegner wird heute zwischen den Niederlanden und Argentinien ermittelt. Beide Mannschaften haben gezeigt, dass sie die defensive Ordnung einigermaßen aufrechterhalten können. Ob das reicht, gegen die entfesselten und von der Leine gelassenen Deutschen, ist fraglich. Die Brasilianer haben nur für kurze Zeit Ordnung und fußballerischen Verstand verloren und wurden dafür schlimm bestraft. Als Finalgegner der Löw-Truppe würde ich mir wohl die Niederlande wünschen (wer hätte gedacht, dass ich das mal schreiben werde?). Warum? Weil die Deutschen wohl mehr Respekt vor Robben & Co als vor Messi & Co haben dürften. Weil die Niederländer in der Lage sind, den Raum eng zu machen, sie verschieben gut, strahlen offensiv eine stete Gefahr aus, haben den amtierenden Weltmeister regelrecht vorgeführt und schließlich gezeigt, dass sie mental und konditionell äußerst stark sind. Und Erzrivalen sind sie obendrein. Was nicht heißen soll, dass Robben und seine Mannen das Ticket fürs Finale schon fix gebucht haben. Da reicht bereits ein einziger Messi-Geniestreich aus, um die Niederländer aus ihren Träumen zu reißen. Weil gegen den angerührten argentinischen Beton ist nur schwer durchzukommen. Man darf gespannt sein.

WM2014: Gedanken zum Halbfinalspiel zwischen Deutschland und Brasilien

Deutschland : Brasilien  So! Was ist nun mein Tipp für dieses Halbfinalspiel? Die Seleção kann jeden Gegner bei dieser WM schlagen. Deutschland kann jeden Gegner in jeder WM schlagen (Italien mag eine Ausnahme der Regel sein, aber das ist eine andere Geschichte). Im Großen und Ganzen sehe ich die Vorteile bei Deutschland, falls sie es schaffen, den Anfangsdruck der Brasilianer abzufedern (so es ihn überhaupt gibt). Entweder erleben wir eine Neuauflage von Algerien/Ghana : Deutschland – oder (Fußball-Gott bewahre) von Frankreich/Portugal : Deutschland. Aber egal, wer am Ende gewinnt, ich will ein spannendes und emotional hitzig geführtes Spiel – der Sieger soll mit hängender Zunge vom Platz gehen müssen. Und wehe, jemand vermasselt mir das!

 

***

Die Deutschen haben mit Sicherheit das schwerste Los im Halbfinale erwischt, müssen sie doch gegen Hausherrn Brasilien ran. Somit bestreiten sie im besten Falle zwei Auswärtsspiele. Sollte der Finalgegner Argentinien heißen, könnte die Stimmung der Fans freilich zu Gunsten Deutschlands umschlagen – welcher Brasilianer würde dem Erzrivalen allen Ernstes die Daumen drücken? Noch dazu in einem Endspiel? Nope. Es sei denn, die Mannschaft (wie es im Englischen manchmal heißt) würde Brasilien so unwürdig aus dem Rennen kicken, dass der Hass noch Tage später nicht vergessen ist. Freunde, davon können wir ausgehen, werden sich die Deutschen mit dem Finaleinzug in jedem Fall keine machen, egal wie der Sieg über Brasilien auch ausfallen mag. Durch die nationale Fanatiker-Brille gesehen, gibt es im Fußballwettkampf keinen gerechten Sieg. Da reicht bereits ein Fehltritt, eine einzige Fehlentscheidung, eine unbedeutende Schwalbe (die freilich noch keinen Sieg machen muss), eine arrogante Geste, ein glückliches Stolpertor in letzter Minute, usw., kurz: ein gefühlter Betrug um die Gemüter der Fans auf Siedetemperatur zu bringen. Ja, die Löw-Mannen und damit ganz Deutschland werden in den (womöglich) letzten beiden Spielen zeigen müssen, dass sie nicht nur am Papier das Zeug haben, den Pokal nach Hause respektive nach München zu holen. BILD.de bringt es klipp und klar auf den Boulevard-Punkt: Jungs, jetzt packt euch das Ding!​

Was gibt es über die brasilianische Nationalmannschaft zu sagen? Neutrale Beobachter fanden die Spielweise der Scolari-Neymar-Elf nicht sonderlich überzeugend. Doch dürfen wir nicht vergessen, dass sie gegen eine Reihe von äußerst spielstarken Teams antreten musste: Mexiko und Kroatien in der Gruppenphase, dann Chile und Kolumbien in der KO-Phase. Deutschland, auf der anderen Seite, hatte es mit einem zahnlosen Portugal, einer auf Sparflamme agierenden USA und einem trostlosen Frankreich zu tun. Nur Ghana und Algerien – beide Teams waren körperlicher äußerst robust, taktisch gut eingestellt und bereit, an die Grenze zu gehen – zeigten die Verwundbarkeit des deutschen Teams schonungslos auf. Falls Scolari diese beiden Spiele studiert (und ich gehe davon aus, dass er es tut), dann muss er zum Schluss kommen, dass es nur einen Weg gibt, die Deutschen zu schlagen: Pressing bis die Stollen glühen und von Anfang an dem Gegner anzeigen, dass jeder Ballverlust weh tun kann! Sollte Brasilien gemächlich beginnen, sozusagen abwarten, dann ist das Spiel m. E. bereits verloren. Weil die Deutschen, wenn sie einmal die Kontrolle im Spiel übernommen haben, diese nicht mehr hergeben – nur mit größtem Einsatz wäre sie ihnen wieder zu entreißen. Die deutschen Spieler gewinnen mit jeder Minute mehr Sicherheit, mehr Selbstvertrauen, einfach mehr von allem. Jeder Gegner, der das zulässt, hat bereits verloren. Das soll aber nicht heißen, dass jeder Gegner, der es unterbinden kann, deshalb von vornherein als Sieger feststeht. Mitnichten! Aber er bereitet wenigstens das Feld für eine ausgeglichene Partie vor.

Sieht man sich die Foulstatistik der WM an, dann haben die Brasilianer die meisten Fouls begangen – aber auch die meisten erlitten (96 : 95). Die Deutschen sind äußerst fair und anständig zu Werke gegangen (57 : 74) – von allen Viertelfinalteilnehmern haben sie die wenigstens gelben Karten erhalten (4) – im Gegensatz zu Brasilien (10). Diese Statistik zeigt, dass die Brasilianer mit bedingungslosem Einsatz spielen – sie haben am meisten zu verlieren und am meisten zu gewinnen. Das ist Fluch und Segen für jeden Gegner. Zum einen lassen sich die Brasilianer leichter zu Dummheiten hinreißen, zum anderen werden sie sich niemals geschlagen geben und alles tun, was notwendig ist, um zu siegen. Somit ist ein ähnlich körperbetontes und emotional erhitztes Spiel wie gegen Ghana und Algerien zu erwarten. Keine erfreulich Aussichten für Löw. Noch mehr, wenn man sich die fanatischen Massen im Stadium und auf den Straßen vor Augen führt. Ja, die Mannschaft wird in einen Hexenkessel geworfen – und es wird sich zeigen, ob die Spieler im Druckkochtopf des Mineiraos zusammenschmelzen oder auseinanderbrechen. Ich gehe davon aus – als Schriftsteller sei es mir erlaubt, die Plattitüde zu trällern -, dass nach dem Spiel nichts mehr so sein wird, wie es war.

Okay, vielleicht wird es auch nur ein langweiliges Spiel. Weil die Brasilianer alles Pulver bereits in den vorangegangenen Begegnungen verschossen haben (erinnern wir uns an die WM 2002, als Hausherr Südkorea im Halbfinale gegen Deutschland eher mau spielte, zuvor aber beeindruckende Leistungen abrufen konnte!) und die Deutschen, nach einem schnellen Führungstreffer, Tempo und Emotion aus dem Spiel nehmen und es bis zum Ende klar dominieren werden. Sozusagen eine Wiederholung des Viertelfinalspieles gegen Frankreich (Hatte man da nicht auch im Vorfeld von einem WM-Schlager gesprochen?). Ich will es nicht hoffen, aber die Vorzeichen deuten dann doch wieder darauf hin. Mit dem Ausfall von Neymar fehlt der Kopf und – vor allem – die Torgefährlichkeit der Mannschaft. Mittelstürmer Fred (ist sein Schnauzer eine Hommage an die goldenen 1970er?) wirkt so unbeholfen, dass man ihm seinen brasilianischen Pass sofort einziehen möchte und Hulk ist, auf den Nenner gebracht, der brasilianische Özil: much ado about (almost) nothing. So dürfte in der post-Neymar-Zeit die größte Torgefährlichkeit von den beiden Innenverteidigern ausgehen, die im letzten Spiel getroffen haben. Paradox, nicht? Dumm nur, dass der eine gesperrt ist. Für manchen (selbsternannten) Fußball-Experten ist der Ausfall von Neymar hingegen kein Drama, sondern vielmehr ein Lustspiel: Weil die Spieler nun endlich aus dem Schatten Neymars treten und ihr echtes Potenzial abrufen dürfen. Man wird sehen, was an dieser Überlegung dran ist. Für blödsinnig halte ich sie jedenfalls (vor dem Spiel) nicht.

Wem werden ich die Daumen drücken? Dem Underdog! Faîtes vos jeux! 😉

 

 

 

 

WM2014: Tag #19 Achtelfinale

Ausblick Viertelfinale Argentinien : Belgien Belgien hat gestern gegen die USA gezeigt, welch Potenzial in der Mannschaft schlummert und – falls die Spieler die Räume bekommen – jedes Team an die Wand spielen können. Die Argentinier haben gestern – und in ihren Gruppenspielen – gezeigt, dass sie geduldig sein können – irgendwann fällt schon ein Messi- oder Di Maria-Tor vom Himmel. Man kann deshalb davon ausgehen, dass es die Argentinier gegen Belgien langsam angehen werden. Da die Belgier als recht unerfahrene Turnier-Mannschaft mit Ehrfurcht im Viertelfinale stehen und vor großen Namen Respekt haben, werden sie es ebenfalls langsam angehen. Schlagabtausch ist keiner zu erwarten – es sei denn, der Ball zappelt dann und wann im Netz. Was ich mir wünsche: ein frühes Tor für Belgien. Und dann schauen wir mal, was Argentinien kann. Ich gehe davon aus, dass es nicht viel ist. Aber wer weiß, wer weiß.

 

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Argentinien : Schweiz 1:0 n.V.

Beauty comes first victory is secondary what mattes is joy Socrates
„Beauty comes first victory is secondary what mattes is joy“ Socrates

Definitiv das Schwächste aller Achtelfinalspiele. Kein Zunder. Keine Emotion. Stehfußball. Weil die Eidgenossen nicht wollten. Weil die Argentinier nicht (zulegen) konnten. Ergo: eine Nullnummer nach 90 Minuten. Auch, weil Messi bereits im Ansatz aus dem Spiel genommen wurde. Viel gibt es nicht zu sagen. Ein Kick zum Vergessen. Würden alle Spiele so daherkommen, man wechselte zum Golf. Okay, nach 118 Minuten wurde es dann tatsächlich spannend. Als Messi in Richtung Strafraum durchstartete, aber diesmal nicht selbst draufhielt, sondern mustergültig für Di Maria aufspielte, der das Tor macht. In den restlichen drei Minuten war dann plötzlich Feuer am Dach respektive Rasen. Und wer hätte gedacht, dass die Schweizer tatsächlich noch eine Ausgleichschance auf Kopf und Bein haben würden und nur Torstange und Unvermögen das Wunder verhinderten? Respekt. Trotzdem, dieser defensive Schlafwagenfußball der Eidgenossen gehörte bestraft. Nicht auszudenken, sie wären über ein Elfmeterschießen ins Viertelfinale gekommen. Das wären dann wohl griechische Verhältnisse bei einer Weltmeisterschaft – und so etwas, bitteschön, braucht niemand.

Ich frage mich ja, wie der bewährte Trainer der Schweizer, Othmar Hitzfeld, mit solch einer Defensivtaktik die Argentinier schlagen wollte. Sie wäre vielleicht für eine Weile in Ordnung – um den Anfangsdruck des Favoriten abzufangen, um ins Spiel zu finden und den Gegner auszuloten. Aber 90 Minuten? 120 Minuten? Und mit welcher Taktik hätten dann die Schweizer im Viertelfinale gespielt? Grottig! Manchmal zerstört kalte Ergebnisorientiertheit jeden Sport, jede Kunst. Wenn der Zweck die Mittel heiligt, wenn machiavellische Tendenzen Einzug im Fußball bzw. Sport halten, was sagt das über unsere Gesellschaft aus? Der brasilianische Fußballer Sócrates, ein Meister seines Faches, der in den 1970ern für die Seleção das Balltreten zur Kunst erhob, sagte: „Beauty comes first. Victory is secondary. What matters is Joy.“ Davon kann gegenwärtig, im überbezahlten Fußball keine Rede mehr sein. Entsetzlich, nicht?

Vielleicht hat das gestrige Spiel der Algerier gegen Deutschland vielen Menschen da draußen gezeigt, dass man sich als Underdog nicht nur ängstlich verstecken muss, sondern dass man auch mal die Initiative ergreifen und – vor allem – dagegen halten kann. Die Argentinier überzeugten in keines der drei Gruppenspiele, ja sie schrammten sogar an einer peinlichen Niederlage gegen Iran (!) vorbei. Bosnien und Nigeria, sie zeigten, dass man Argentinien mit gewöhnlichen Mitteln schlagen hätte können – und für Ausnahmefußballer Messi kann sowieso keine Medizin gefunden werden, egal wie defensiv  oder manndeckend man auch da zur Sache ginge. Mit anderen Worten: Hitzfeld hätte sich an den Algeriern oder Chilenen oder Mexikanern ein Beispiel nehmen und seinen Spielern das Fußballspielen erlauben sollen.

Also, was gibt es noch über die argentinische Mannschaft zu sagen? Herzlich wenig. Die Leistung in allen vier Spielen war mäßig, ihre Defensive wackelte zuweilen ordentlich und einzig Messi mit Di Maria strahlen vor dem gegnerischen Tor eine große Gefahr aus. Der Rest der Mannschaft scheint sich mit einer Statisten- bzw. Wasserträgerrolle zu begnügen. Bis dato hat es funktioniert, aber schön anzuschauen war es beileibe nicht. Was die Argentinier im Moment auf den Platz darbieten ist Stückwerk. Messi und Di Maria spielen in einer Mannschaft, die so durchschnittlich ist wie eine Mannschaft nur durchschnittlich sein kann. Auch ist kein Feuer in den Spielern zu erkennen – mit Ausnahme des kleinen Mascherano vielleicht. Mir fehlt dieser Wille, diese Leidenschaft, dieses geschlossene Aufbäumen. Nada. Argentinien ist für mich eine der trostlosesten Viertelfinalisten. Ich wünschte, es wäre anders. Tja.

 

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Belgien : USA 2:1 n.V.

Hach, das war dann doch noch ein gelungener Fußballabend und eine Entschädigung für den zuvor lauen argentinisch-schweizerischen Sommerkick im winterlichen Brasilien. Die Belgier, endlich zeigten sie, was in der Mannschaft an Qualität steckt, drückten die US-Boys förmlich gegen ihr Tor. Angriff um Angriff rollte auf den 35-jährigen Tormann Tim Howard zu, doch an diesem Abend war er sprichwörtlich der Fels in der belgischen Offensiv-Brandung. Unglaublich, was der Mann abzuwehren im Stande war. Muss man gesehen haben. Statistisch gesehen, dürfte er mehr Bälle abgewehrt haben als noch jeder andere Torhüter in einem Achtelfinale, ever. Neben dem überragenden Tim Howard war es vor allem die belgische Abschlussschwäche, die Schuld daran hatte, dass es nach 90 Minuten noch immer 0:0 stand. Wären die Belgier vor dem Tor kaltblütiger und abgeklärter gewesen, sie hätten in Führung gehen müssen. Aber so ist das nun mal im Fußball, da wird einem nichts geschenkt. Also ging es in die Verlängerung. Minuten nach dem zweiten Anpfiff nutzten die Belgier einen Fehler in der Hintermannschaft der USA und schlossen den Konter sehenswert ab – Tim Howard, man muss es anmerken, hätte auch diesen Ball beinahe noch abgewehrt. Die Klinsmann-Truppe schaltete auf volle Offensive – was blieb übrig – und so kam, wie es oft kommt: die Belgier machten 15 Minuten vor dem Ende das zweite Tor. Das hätte es eigentlich gewesen sein müssen. Aber nicht so für die US-Boys. Sie wollten es noch mal wissen. Zwei Minuten später der Anschlusstreffer – ein toller Volley vom eingewechselten Green ließ Courtois keine Chance. Huh. Plötzlich waren die Amerikaner oben auf. Während den Belgiern die Luft ausging, unkonzentriert wurden und mit Mann und Maus versuchten, den Vorsprung zu verteidigen, rollten die Angriffe der US-Boys und das Stadion – wahrlich, wahrlich – kochte. Was wäre geschehen, hätten Dempsey oder Jones ihre Chancen noch genutzt? Dabei hätte es gar nicht erst in die Verlängerung gehen müssen, hätte der eingewechselte Wondolowski in der allerletzten Minute der regulären Spielzeit den Matchball nicht so leichtsinnig vergeben? Es hätte nicht viel gefehlt und es wäre ein amerikanisches Sommermärchen geworden.

Ein Spiel der Extraklasse, mit einer Dramatik, die man sich nur wünschen kann. Ist Belgien nach diesem Spiel aus dem Schatten seiner geheimen Favoritenrolle zu einem würdigen Favoriten aufgestiegen? Nope. Man muss sich nur an die drei Gruppenspiele der Belgier erinnern, um zu sehen, dass sie Probleme gegen defensiv-disziplinierte Mannschaften haben. Falls es die Argentinier nicht schaffen sollten, den Belgiern den nötigen Raum zu verwehren, die Niederländer – dann im Halbfinale – werden es. Leider. Auch ist die belgische Abschlussschwäche eine Erwähnung wert. Das hat nichts mit der spielerischen Qualität zu tun, sondern ist eine mentale Sache. Vielleicht geht ihnen noch der Knopf auf – falls nicht, dann wird es umso schwieriger, weil die nächsten Spiele mit Sicherheit nicht so viele Torchancen hergeben werden.

Das US-Team hat sich wacker geschlagen. Auch wenn sie die unterlegenere Mannschaft war, ihre Spielweise hat mir gefallen. Weil ihr System einen lockeren Defensiv-Verbund vorsieht, der ein schnelles Umschalten (Verteidigung – Angriff) ermöglicht. Deshalb, so meine ich, taten sich die Belgier zum ersten Mal leichter, ihre Qualitäten auszuspielen – weil die Amerikaner ihnen diese Möglichkeiten einräumten. Man muss es Klinsmann zu gute halten, dass er sicherlich einen offenen Schlagabtausch im Sinne hatte – keine defensiv-destruktive Betonmauer (siehe Schweiz). Dass die Belgier aber gleich von Beginn an ordentlich Druck machen würden und wie eine Dampfwalze unbeirrbar den Weg zum Tor suchten, konnte er wohl nicht vorhersehen. Wie dem auch sei, ich hätte auch kein Problem gehabt, die USA im Viertelfinale zu sehen – auch wenn ihre spielerischen Qualitäten im Vergleich zu jenen der Belgier ein wenig nachhinken, ihre mentale Einstellung, ihre Fitness, ihre Laufbereitschaft (Sprints über das halbe Feld nach 100 Minuten!) und ihr kollektives Zusammenwirken (siehe ihren Freistroßtrick), das ist Weltklasse.

WM2014: Tag #18 – Achtelfinale

Ausblick Viertelfinale Frankreich : Deutschland Huh. Noch jetzt spüre ich die Gänsehaut, die das letzte Spiel des gestrigen Abends auslöste. Algerien war ein würdiger, äußerst fairer Gegner und verlangte Deutschland alles ab. Wie sehr die Löw-Truppe dieses kräfteraubende Spiel – inklusive Verlängerung – in den Beinen spüren wird, am Freitag gegen Frankreich, wird sich zeigen. Die Franzosen, auf der anderen Seite, spielten ihren Sieg gegen Nigeria im Schongang nach Hause. Während die Deutschen körperlich angezählt sein dürften, bereits Ausfälle zu verzeichnen haben, scheinen sie mental am Höhepunkt angelangt zu sein. Und wenn wir eines wissen, dann ist es, dass das deutsche Team immer dann die beste Leistung abruft, wenn es mit dem Rücken zur Wand steht. Landser-Tugenden, wenn mir dieser Einwurf gestattet ist. Dass mancher der deutschen Spieler auch für humoristische Einlagen gut ist, möchte ich nicht unerwähnt lassen: Müllers gestriger Stolper-Freistoßtrick, Götzes peinliches Kopf-Oberschenkel-Tor und seine Torjubelpose sowie Neuers Volley-Handauswurf gegen Ghana. Weil es ja immer heißt, die Piefkes hätten keinen Schmäh. Jetzt bleibt nur noch die Frage offen, inwiefern sich Löw und seine Mannen von klingenden französischen Namen blenden und beeinflussen lassen und inwiefern im Hinterkopf der französische Kantersieg gegen die Schweiz herumspukt. Ich denke, das Halbfinale ist für die Deutschen in greifbarer Nähe – einzig ihre Angst vor der eigenen Courage könnte ihnen im Weg stehen. Freilich, eine Ausnahme mag es geben: Wenn alles, wirklich alles, für die Franzosen läuft, dann heißt es für die Deutschen: „Sag zum Abschied leise Servus“.

 

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Frankreich : Nigeria 2:0

Die Franzosen liefen erneut mit Giroud und Benzema auf und man merkte, dass diese Paarung eigentlich nicht funktionieren kann – trotz des Kantersiegs über die Schweiz. Weil die Franzosen nicht mit zwei Mittelstürmern spielen, sondern nur mit einem. Das heißt, Giroud und Benzema wechseln sich an den Seiten ab. Ist das vernünftig? Wozu einen Stoßstürmer wie Giroud am Flügel verheizen? Außerdem schien Giroud müde und unkonzentriert – an den Seiten, wo es auch Defensiv- und Laufarbeit zu verrichten gibt, ist das natürlich ein no go! Wen wundert es da, dass die Nigerianer besser ins Spiel kamen, defensiv gut standen und den Franzosen wenig Torgelegenheiten anboten, gleichzeitig aber munter nach vorne spielten. Es wirkte in der ersten Halbzeit recht gefällig, was die Afrikaner da boten. Auf der anderen Seite waren die Franzosen nicht wiederzuerkennen, da ging wenig zusammen. Zumeist waren es Abspielfehler oder schlechte Ballannahmen, die kein flüssiges Spiel zustande kommen ließen. Erst nach rund einer Stunde, als Griezmann (endlich) den müden Giroud ersetzte, wurde es das Spiel der Franzosen. Weil Griezmann ein flinker Flügelspieler ist – er beackerte die linke Seite, während der kleine, wieselflinke und technisch starke Valbuena – einer der auffälligsten Franzosen – die rechte Seite rauf und runter lief. Ja, so macht das französische Flügelspiel Sinn – weil die zentralen Spieler wie Benzema oder Pogba oder Cabaye stärker zur Geltung kommen. Für mich steht fest, dass es nur ein entweder oder gibt, in der Frage Benzema oder Giroud. Es sei denn, Deschamps lässt einen Sechser auf der Bank und versucht sich im klassischen 4:4:2. Interessanterweise findet man diese einst so beliebte Taktik nur noch selten – weil Mittelfeldkontrolle gegenwärtig über Offensivmöglichkeiten gestellt wird. Schade, schade, aber der Erfolg gibt einem Trainer nun mal recht.

Ist Frankreich nun ein Kandidat fürs Halbfinale? Das heißt, wären sie in der Lage, das deutsche Team zu schlagen? Hm. Primär hätten sie das Potenzial dazu – und wie sie gegen die Schweiz gezeigt haben, wenn es läuft, zerlegen sie vermutlich jede Mannschaft. Aber wenn es nicht läuft – wie beispielsweise die erste Hälfte gegen Nigeria gezeigt hat – dann wirken sie wie eine – pardon – Schülerligamannschaft, die ohne Ordnung Ball und Gegner hinterherläuft. Routinier Evra, der linke Außenverteidiger, hat m. E. wenig nach vorne gebracht und hinten keine Sicherheit ausgestrahlt. Obwohl ich ihn mag, befürchte ich, dass er mit solch einer Leistung eher eine Belastung für das französische Team darstellt. Andererseits, vielleicht mag er sich im nächsten Spiel steigern. Da die deutschen Außenverteidiger ja keine gelernten Flügelspieler sind*, sollte von ihnen wenig Offensivgefahr ausgehen – das könnte Evra helfen. Andererseits, ich weiß natürlich nicht, wie sehr er für den Zusammenhalt der Mannschaft von Bedeutung ist – oder inwiefern er seine Kollegen motivieren kann. Ich hoffe, Deschamps setzt hier nicht, äh, aufs falsche Pferd.

Gegen Deutschland muss Griezmann von Beginn an spielen, das steht für mich fest. Giroud und Benzema aufzustellen, das wäre äußerst riskant und wie wir wissen, macht die Löw-Truppe keine Gefangenen und nutzt Schwächen eiskalt aus. Zack.

* nach der Verletzung von Innenverteidiger Mustafi  – nein, kein Algerier 😉 – und dem erkrankten Hummels bleibt Löw nichts anderes übrig, als Lahm wieder auf seine angestammte rechte Außenverteidigerposition zu stellen. So merkwürdig es klingt, aber diese Ausfälle könnten dem Spiel der Deutschen gut tun – so lange sie den Defensivbereich im Mittelfeld mit Khedira und Schweinsteiger besetzen können.

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Deutschland : Algerien 2:1 n.V.

Ach, du Scheiße. Das war vielleicht ein Spiel! Die algerische Mannschaft wurde von ihrem bosnischen Trainer Vahid Halilhodzic perfekt eingestellt und man muss es einfach gesehen haben, wie die Mannschaft diszipliniert ihr flexibles System gespielt hat. Während der ersten Halbzeit waren die Deutschen abgemeldet, der Raum zu eng, der Gegner zu nah am Mann stehend, die Verteidigung körperbetont (aber sehr wenige Fouls, keine Härteinlagen!), die Technik vom Allerfeinsten und ein Kämpferherz, wie man es im überbezahlten Fußball kaum noch sieht. Hach, so stellt man sich einen „Underdog“ vor. So würde man sich beispielsweise eine österreichische Mannschaft wünschen. In der zweiten Halbzeit – man merkte es – wurden die Deutschen stärker, ließen bereits die Kräfte und die Konzentration der algerische Spieler nach – nur ihr Torhüter Mbohli war bis zum Schluss sensationell. Die algerischen Konter waren – im Ansatz – brandgefährlich. Hätte Tormann Neuer nicht Libero gespielt und vier- oder fünf Mal in letzter Sekunde vor einem heranstürmenden Algerier gerettet, das Spiel wäre wohl anders ausgegangen. Ehrlich gesagt, von Neuer bin ich prinzipiell nicht sonderlich angetan, auch wenn er sicherlich zu den besten Torhütern zählt (andererseits, hat er auf Klubebene, bei den übermächtigen Bayern, wirklich so viel zu tun?). Aber seine Slapstick-Aussetzer, die selten, aber doch vorkommen, passen nicht zu einem Klassekeeper. Fehler zu machen, freilich, ist okay – schließlich sind auch Fußballer (angeblich) nur Menschen. Aber wie ein Fehler begangen wird, ist nicht unwesentlich. Hätte ihn der algerische Stürmer Slimani in der 9. Minute verladen und das Tor gemacht, Neuers Ausflug hätte viele den Kopf schütteln und das Spiel einen ganz anderen Verlauf nehmen lassen. Zwischen Genie und Wahnsinn, gerade im Fußball, liegt ein schmaler Grat.

Wie dem auch sei, die Algerier hielten das 0:0 bis zum Abpfiff der regulären Spielzeit. Ich denke, mehr war an diesem Tag für die nordafrikanische Truppe nicht möglich. Dafür kenne ich die deutschen Fußballertugenden nur zu gut. Auch waren die Algerier sichtlich am Ende mit ihren Kräften, während die Deutschen noch Luft in den Lungen hatten. So kam, wie es kommen musste: der eingewechselte Schürrle machte wenige Minuten nach Beginn der Verlängerung ein „Hacken“-Tor. Ein wenig Glück war dabei, meinte er später im Interview lakonisch. Trotzdem steckten die Algerier nicht auf, noch einmal mobilisierten sie alle Kräfte. Schlussendlich fielen in den letzten beiden Minuten noch zwei Tore. Zuvor knallte Özil im Stile einer Trainingseinheit (bis auf zwei Algerier konnte und wollte niemand mehr verteidigen) den Ball ins Netz und im Anschluss daran brachten es die Algerier zuwege, den Anschlusstreffer zu erzielen. Schlapperlot. Das war ein Spiel, Scheiße noch mal, ich sagte es schon.

Wirklich erstaunlich und beineidenswert, was Trainer Halilhodzic mit einer französischen B-Nationalelf erreichen konnte. Sollten die Franzosen im Viertelfinale gegen Deutschland sang- und klanglos untergehen, dann würde ich Deschamps feuern und Halihodzic engagieren. In kurzer Zeit würden die Franzosen mit Sicherheit alle Gegner in Grund und Boden spielen. Das Problem der Algerier war das letzte Quäntchen Abschlussqualität, besser: dieser besondere Torinstinkt und – vor allem – diese allerletzte Konsequenz, das Tor zu machen. Zum Strafraum sprinten, gegnerische Verteidiger ausspielen, technische Gustostückerln abliefern, alles gut und schön, aber am Ende zählen nur die geschossenen Tore. Die Deutschen wissen das und agieren bzw. reagieren entsprechend. Vergleicht man die Spieler Algeriens mit jenen Deutschlands, dann fällt einem dieser Unterschied recht schnell auf. So spürte man bei jeder Angriffssequenz der Löw-Truppe, dass es torgefährlich werden würde – alleine die Schüsse, die die Deutschen abfeuerten, waren nicht von schlechten Eltern. War jedoch Algerien im Angriff, so versandete dieser meist an der Seite oder wurde im Zentrum abgefangen, man hatte das Gefühl, dass der letzte Pass einfach nicht ankommen wollte (es brauchte dafür schließlich 121 Minuten). Aber Hut ab vor diesen schnell vorgetragenen Vorstößen der Algerier – hätte Neuer nicht das Spiel der WM abgeliefert, es hätte ein bitterer Abend für Löw werden können. Das sollte man als neutraler Zuschauer nicht vergessen. Und vergessen werde ich das Spiel mit Sicherheit nicht so schnell. Verbeugung vor der algerischen Mannschaft und ihrem Trainer Halilhodzic.